|
Zu einem höchst interessanten, informativen und auch zukunftsweisenden
Gespräch empfing der Abgeordnete des Bayerischen Landtags, MdL Dr. Thomas
Beyer, SPD, Wirtschaftspolitischer Sprecher der Landtagsfraktion, die Bezirks-
und stv. Landesvorsitzende Hanne Liebel-Binder und den Landesgeschäftsführer
Siegfried Wohlmann im Beisein von Rektorin Carola Stöhr, stv. Bezirksvorsitzende
Mittelfranken im November 2011 in Lauf.
Eingangs erläuterte der auch in Bildungsfragen kompetente Abgeordnete umfassend
die heiß diskutierte Thematik „Gemeinschaftsschule“ als bessere Antwort für Bayern.
Sie sei ein neues Schulkonzept der SPD-Landtagsfraktion, das bedarfsgerechte
Antworten auf Fehlentwicklungen im bayerischen Schulsystem gibt. Sie verzichte
auf das Sortieren der Kinder nach der vierten Grundschulklasse in bestimmte
Schubladen. Damit wäre Schluss mit der Jagd nach Bruchteilnoten, um den Übertritt
an eine Realschule oder Gymnasium zu erreichen. Ohne Übertrittszeugnis und
unabhängig von einzelnen Noten wechseln die Kinder von der Grundschule in die
Gemeinschaftsschule, die die Jahrgangsstufen 5 – 10 (Sekundarstufe I) umfasst.
Durch die Gemeinschaftsschule blieben Bildungswege für Schülerinnen und Schüler
länger offen, was weniger Druck und erhöhte Chancen bedeuten würde.
Im Unterricht werden lt. Beyer die Inhalte aller Schularten von Haupt- bzw.
Mittelschule bis Gymnasium je nach Leistungsfähigkeit der Schüler angeboten.
Die individuelle Förderung stellt den jungen Menschen in den Mittelpunkt, ist
die zentrale Aussage der SPD. Die Jugendlichen könnten sich gezielt auf die
gängigen Abschlüsse wie Quali oder mittlere Reife (Abschluss) vorbereiten. Die
leistungsstarken Schüler würden direkt weiter in die gymnasiale Oberstufe gehen.
Statt Wiederholen einer Klasse setzt die Gemeinschaftsschule auf frühzeitige
individuelle Förderung. Lehrkräfte aller Schularten würden als Teams auf die neue
Pädagogik vorbereitet. Diese Art Schultypus könnte schon ab 200 Schülern gebildet
werden. Sie werde als gebundene Ganztagesschule geplant, um ausreichend Zeit
für die individuelle Förderung jeder Schülerin und jedes Schülers zu haben und eine
verlässliche Betreuung bei berufstätigen Eltern anzubieten.
Der Besuch einer Gemeinschaftsschule würde nach Überzeugung der SPD die
Bildungsgerechtigkeit in Bayern erhöhen. Die Schüler könnten unabhängig von ihrer
Herkunft und vom Geldbeutel der Eltern den ihren Fähigkeiten entsprechenden
Schulabschluss erreichen. Die Leistungsmessung orientiert sich am Lernfortschritt
des Einzelnen und umfasst sowohl den Lernprozess als auch die gesamte
Persönlichkeit. Damit würden Noten ihre beherrschende Stellung verlieren und einen
positiven Leistungsbegriff ermöglichen – was jedoch nicht dem Umfrageergebnis
des „Stern“ vom Juni 2011 entspricht, da nur 10% der Eltern keine Noten bzw. keine
Herrschaft der Noten wünschten, wie Wohlmann einwarf.
Dr. Beyer trat auch dem Vorwurf, dass die Gemeinschaftsschule als „Einheitsbrei“
tituliert wird, entgegen: Keine andere Schulart legt so großen Wert auf individuelle
Förderung wie die Gemeinschaftsschule. Diese Schulen messen dem Lernen in
heterogenen Gruppen eine große Bedeutung bei. Schwache lernen von Starken
und umgekehrt. Damit ist sichergestellt, dass Begabung und Potenzial eines jeden
Schülers berücksichtigt werden könne.
Ziel sei, die Gemeinschaftsschule in Bayern als Regelschule anzubieten. Dazu hat
die SPD-Landtagsfraktion einen entsprechenden Gesetzentwurf in den Bayerischen
Landtag eingebracht. Sie würde auf Antrag der Kommune und der Schulfamilie in
den Gebäuden einer bestehenden Schule eingerichtet.
Die BSV-Vertreter sahen gewisse Vorteile, aber das Konzept werfe auch Fragen auf,
die zeitnah geklärt werden müssten. Man sprach sich für Versuchsschulen aus, um
dann zu entscheiden, wie es in vielen anderen Bereichen schon lange Usus sei.
Ausführlich schilderten Liebel-Binder und Wohlmann die immer noch völlig
unzureichende Situation der Schulleitungen an Grund- und Mittelschulen.
Dazu zählt die nach wie vor die viel zu hohe Unterrichtszeit wie auch die
ungenügende Arbeitszeit der Verwaltungsangestellten bei wesentlich erhöhten
Verantwortungsbereichen im Verhältnis zu den 80-er und 90-er Jahren. Man
anerkannte das hohe Verständnis der SPD, ihre Gesprächsbereitschaft und die
getätigten Anträge zu Gunsten der Schulleiter, die jedoch mit Regierungsmehrheit
abgelehnt worden seien, was wiederum für die Mitglieder des Verbandes völlig
unverständlich war, insbesondere des Argumentes wegen, dass „kein Geld für
höhere Leitungszeit zur Verfügung stünde, denn dann bräuchte man ja mehr
Lehrer.“ Gleichzeitig wurden im September 2011 mehrere hundert junge, bestens
ausgebildete Lehrkräfte nicht eingestellt.
Beide Seiten versicherten, im Gespräch bleiben und aufeinander argumentativ
eingehen zu wollen. Wohlmann dankte Dr. Beyer für die ausführliche Darlegung
verschiedener Bereiche und bat ihn, seine Kolleginnen und Kollegen zu informieren. |