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BSV-Rat im Kultusministerium gefragt

Dienstag, 28 Juli 2009

(poc) Beim Besuch im Kultusministerium Anfang Mai diskutierten Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle und zwei seiner Mitarbeiter mit BSV-Vertretern über die neue „Mittelschule“ und über aktuelle Probleme der betroffenen Schulleitungen.

 

Wie bekannt, möchte Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle die Hauptschule in Bayern ab dem Schuljahr 2010/11 zur „Mittelschule“ weiterentwickeln. Zur Diskussion dieses und anderer Themen wurden BSV-Vertreter Anfang Mai ins Kultusministerium eingeladen. Sein Konzept hatte Dr. Spaenle am 30. Juni 2009 im bayerischen Kabinett vorgestellt . Es ist das erklärte Ziel des Kultusministers, künftig die Hauptschulen flächendeckend einzeln oder in Schulverbünden zu so genannten Mittelschulen weiter zu entwickeln. Diese würden den Schülern eine bestimmte Reihe von pädagogischen Elementen in ihrem Bildungsangebot garantieren.

„Mittelschule" darf sich eine Hauptschule nur dann nennen, wenn sie ihren Schülern folgendes breit gefächerte Bildungsangebot macht:

  • die drei berufsorientierten Zweige Technik, Wirtschaft und Soziales,
  • ein Ganztagsangebot,
  • eine ausgestaltete Kooperation mit einer Berufsschule, der regionalen Wirtschaft und der Arbeitsagentur, 
  • einen mittleren Bildungsabschluss auf dem Niveau von Wirtschafts- und Realschulen
  • die zusätzliche modulare/individuelle Förderung der Schüler im Klassenverband unter Beibehaltung des Klassenlehrerprinzips
  • sowie Angebote der Sozialen Arbeit bzw. von Förderlehrern.

Stichpunktartig zusammengefasst sieht das Modell folgendermaßen aus:

mittelschule.jpg Um dieses Konzept an die genannten Ziele heranzuführen, sollen eine Reihe von Maßnahmen ergriffen werden. Dies sind beispielsweise:

  • Die Mittlere-Reife-Züge führen zu einem mittleren Abschluss in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch auf dem Niveau der Wirtschafts- und Realschule; daneben wird auf die Berufsorientierung verstärkt Wert gelegt.
  • Die Weiterentwicklung der bisherigen Mittlere-Reife-Züge
    (D. h. die Umgestaltung der Lehrpläne und Stundentafeln: mindestens 4 Wochenstunden in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch. Aber: Keine Erhöhung der Gesamtzahl der Wochenstunden!)
  • Die Weiterentwicklung des Hauptschulabschlusses
    (Der Hauptschulabschluss ist weiterhin Grundlage der Ausbildungsreife
    Neue Prüfungsformate führen zu hoher Akzeptanz des Qualifizierenden Hauptschulabschlusses.)
  • Ein Praxisklassenabschluss soll ab Schuljahr 2010/2011 möglich werden; der Hauptschulabschluss soll von theorieentlastetem Zuschnitt sein.
  • Wahrung des Klassenlehrerprinzips (d. h. der Klassenlehrer als Bezugsperson im Lern- und Erziehungsprozess)
  • Weiterer Ausbau offener und gebundener Ganztagsschulen
  • Sicherung der Selbst- und Sozialkompetenz (d. h. die Stärkung der Persönlichkeitsbildung der Schüler durch Patenschaften von ehrenamtlichen Personen aus Wirtschaft und kulturellen Leben. Die Unterstützung der Lehrkräfte bei der Stärkung der sozialen Kompetenz durch Handlungskonzept zum „Sozialen Lernen“.)
  • Ab Schuljahr 2009/2010 Senkung der Klassenhöchststärke auf 25 Schüler bei Klassen mit mehr als 50 % Migrantenanteil
  • Angebot bedarfsgerechter Sprachförderung
  • Förderprogramm „Jugendsozialarbeit an Schulen“ soll weiter ausgebaut werden
  • Begabungsgerechte Förderung/Sicherung der Kernkompetenzen
  • Im Schuljahr 2009/2010 freiwillige (ab 2010/11 stufenweise verbindliche) Einführung der
    modularen Förderung in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch in den
    Jahrgangsstufen 5 und 6 innerhalb des Klassenverbandes an jedem Mittelschulstandort.
  • Förderstunde in Jahrgangstunde 5 ist eingeführt, in Jahrgangstufe 6 zum Schuljahr
    2010/11 geplant
  • Angebot weiterer Fördermaßnahmen in Deutsch, Mathematik und Englisch für schwächere Schüler in den Jahrgangsstufen 7 und 8 durch zusätzliche Differenzierungsstunden.
  • Einrichtung eigener Klassen (Mittlere-Reife-Klassen, Praxisklassen) in den
  • Jahrgangsstufen 9 und 10.

Beim Besuch der BSV-Vertreter erläuterte Minister Spaenle Ziele und Maßnahmen. Er begründete die neue Richtung als notwendige Reaktion der Politik auf die demographische Entwicklung und auf das veränderte Schullaufbahnwahlverhalten der Eltern.

Dabei müsse 

  • mehr auf die Persönlichkeit des einzelnen Kindes eingegangen werden,
  • die Binnendifferenzierung im unterricht verstärkt werden,
  • modular (individuell) in der Klassengemeinschaft gefördert werden,
  • die best möglichen Bildungs-Anschlussmöglichkeiten angeboten werden,
  • das Image der Hauptschule verbessert werden,
  • die Hauptschul-Standorte so weit wie möglich (allerdings ohne Standortgarantie) gesichert werden,
  • effizient auf die Situation des sozialen Herkunftsbereichs der Kinder reagiert werden,
  • das Niveau besonders in Deutsch, Mathematik und  Englisch angehoben werden,
  • weiter Ganztagesangebote geschaffen werden
  • M-Zweige in den Jahrgangsstufen 9 und 10 angeboten werden
  • ein mittlerer Schulabschluss möglich sein
  • und vor allem Schulverbünde zum Anbieten der Gesamtqualität beschlossen werden

Dazu, so der Minister, sollen so genannte Dialogforen vor Ort die Schule der Zukunft installiert werden. Diese bestehen aus Mitgliedern der Regierung bzw. der Schulämter, den Landräten, den Bürgermeistern, der Schulleitungen sowie der Elternvertreter. Bisher seien acht Pilotlandkreise dazu aufgerufen, deren Anzahl im Herbst erweitert werden soll.

Hier knüpften die BSV-Vertreter an und meinten, dass letztlich nur kleine Gesprächsrunden – meist bestehend aus Schulamt, Bürgermeister und Schulleitungen -  effizient zum Ziel führen würden.  Werner Sprick, der Vorsitzende, betonte die grundsätzliche Richtigkeit  und Notwendigkeit des Ansatzes.  Er, wie auch die anderen BSV-Vertreter,  lobten die Initiativen der Staatsregierung unter der neuen Ägide, deutete aber gleichzeitig auch auf die Schwachpunkte bzw. zu erwartenden Schwierigkeiten des Konzepts bzw. dessen Umsetzung. Zunächst wurde auf die unklaren Formulierungen bei den offiziellen Verlautbarungen verweisen, die für Irritationen und Skepsis sorgen würden. Das Bilden von Schulverbünden zu einer Mittelschule dürfe nicht starr an der Schülerzahl 300 festgemacht werden. Hier zeigte sich der Staatsminister offen und betonte, dass die Machbarkeit sowie der Sinn das Maß der Dinge sein müsse. So böten sich z. B. 10 Schülern einer Schule A zwei Möglichkeiten: Entweder wechseln diese 10 Schüler an eine größere Schule B oder die Schüler verbleiben bei Schule A und fahren jeweils, wenn nötig, zu Schule B. Ebenso versprach Spaenle (auf BSV-Nachfrage), dass für die Modularisierung entsprechende Unterrichtsstunden zur Verfügung gestellt würden. Dabei sollte die Modularisierung bei der Schule liegen und die Leitlinien des derzeitigen Schulsystems beibehalten werden sollte. 


Die BSV-Vertreter plädierten zudem für die Beibehaltung der Lehrerstellen, die durch die demographische Entwicklung wegfallen würden und darüber hinaus dafür, die Stelle des Leiters/der Leiterin der „Budgetschule“ (d. h. der führenden Schule des Verbundes) jeweils frei aus zu schreiben. Auch sprach man sich dafür aus, dass die Sachaufwandsträger der Schulen für die baulichen Voraussetzungen (wie z. B. Mensen, Nebenräume) sorgen müssten, die an den Schulen für die Umgestaltung zur Mittelschule notwendig würden. Vor allem wurde den Verantwortlich ans Herz gelegt, sich bei der Einführung die notwendige Zeit zu lassen („Eile mit Weile“!), um nicht die Fehler der Vergangenheit (z. B. bei der Einführung des G8 oder der neuen Grundschulzeugnisse) zu wiederholen.
Schließlich wies der BSV-Vorsitzende eindringlich darauf hin, dass – angesichts der gravierenden Umwälzungen und der bestehenden Aufgaben - die Erhöhung der Leitungszeit  für Schulleitungsmitglieder dringend notwendig sei und im nächsten Staatshaushalt untergebracht werden muss.