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Die Grünen sind für Gemeinschaftsschulen in Bayern

Donnerstag, 28 April 2011

Bei einer Veranstaltung in der Reihe der bildungspolitischen Fachgespräche der Grünen-Landtagsfraktion war auch der BSV-Bezirksvorsitzende Helmut Schuster am 13.04.2011 ins Maximilianeum des Bayerischen Landtags vom schulpolitischen Sprecher Thomas Gehring geladen worden. Es gab vier sehr interessante Vorträge aus der Schulpraxis sowie Reflexionen über Fortschritte und Rückschläge bei der Entwicklung von Gemeinschaftsschulen aus anderen Bundesländern. Die Grünen sind sich ihrer großen Verantwortung offenbar bewusst, die mit dem steilen Anstieg des Wählerzuspruchs verbunden ist und so haben sie vier sehr gelungene und überzeugende Beispiele aus der deutschen Schulpraxis geladen, die ihre Konzepte, Realitäten und Rahmenbedingungen dem äußerst interessierten Publikum vorstellten. 

 

Aus Nordrhein-Westfalen waren Schulleiterin Sylke Reimann-Perez und Rainer Michaelis aus dem Bildungsministerium gekommen. Die sehr bildungsfreundliche Gemeinde Ascheberg (15.000 Einwohner) hat angesichts der - wegen des starken Schülerrückgangs - drohenden Schließung der Hauptschule und auch der Realschule bereits 2007/2008 einen klaren Auftrag zur Bildung einer Gemeinschaftsschule erteilt. In intensiver Kooperation sei nun mit den Lehrkräften und der Universität Dortmund ein tragfähiges und zeitgemäßes Konzept erarbeitet worden, das im letzten Jahr auf allen Ebene der Öffentlichkeit u.a. auch mit den Grundschuleltern diskutiert worden ist. Dabei sei der Fokus klar auf integratives und individuelles Lernen am Ort gelegt worden. Genutzt wurde dazu der § 25/3 des NRW-Schulgesetzes, mit dem Schulversuche möglich gemacht werden. Ziel ist es, dass die Grundschulklassen möglichst wie bisher weiter geführt werden und so haben sich nun tatsächlich dort 5 mal 23 Kinder für fünfte Klassen gefunden, von denen  25 % eine gymnasiale Empfehlung haben, 50 % eine Realschulempfehlung und 25 % eine Hauptschulempfehlung nach der obligatorischen Bewertung zum Ende der Grundschulzeit in der 4. Klasse.  Immerhin 28 Kinder bevorzugen die Gemeinschaftsschule vor Ort, obwohl sie eine Gymnasium-Eignung haben, 60 weitere Schüler allerdings gehen aus diesem Jahrgang an Gymnasien. Es wurden nur Kinder direkt aus der eigenen Gemeinde zugelassen, das Motto heißt: „Jedes Kind spielt eine Sonderrolle“. Wöchentlich gibt es 6 Stunden eigenverantwortlichen Unterricht und 2 Stunden Projektunterricht. 45-Minuten-Stune sind so gut wie nicht mehr da, es gibt 3 Ganztage und zwei Halbtage Unterricht pro Woche. Die Lehrer kooperieren dabei ganz eng und intensiv. Drei Profile sind angeboten: eine Klasse wählte „musisch“, eine „mint“ mit „technisch-naturwissenschaftlich“ und drei den sprachlichen Schwerpunkt. Die Lernausrichtung ist kompetenzorientiert, die Lehrer verstehen sich als Lernberater, es gibt herkömmliche Zeugnisse, aber auch auf Basis von Portfolios und Lernentwicklungsbeschreibungen. . Die ersten 6 – 7 Wochen dienen dem Methodentraining. Es soll bis zur 10. Klasse keine weitere äußere Differenzierung geben, danach besteht Anschluss an ein Gymnasium bzw. eine berufliche Oberschule. Es gab 19 Anträge, 14 wurden genehmigt. Schon jetzt liegen weiter 50 interessierte Anfragen vor für solche Gemeinschaftsschulen als Angebotsschulen. Bei den meisten ist die Not in Form der Angst vor einer Verödung des Ortes durch den Verlust der Schule die Triebfeder. Zugleich zeigt sich durch die Neugründung die Chance, längst fällige innere Schulreformen beim zeitgemäßen Lernen der Kinder anzupacken.


Die Schulleiterin Andrea Rahm der Klinik-Schule am 1200 m hoch gelegenen Oberjoch berichtete mit Begeisterung vom integrativen Konzept dieser völlig besonderen Schule, die 2010 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet worden war. An dieser Schule ist tagtäglich mitzuerleben, wie Heterogenität und Hochleistung zusammen gehen. Nicht nur dass dort Lehrer aller Schularten, die sich vorher diametral gegenüber standen, mittlerweile gewinnbringend und voneinander lernend im Team zusammenarbeiten, noch viel mehr sei der fächerübergreifende, jahrgangs - und schulartübergreifende Ansatz bei der Strukturierung der vielfältigsten Lernarrangements zum absoluten Erfolgskonzept geworden. Eine positive "Feedbackkultur" habe die Schule aus dem "Roststiftmilieu" herausgeführt und die "Zensurenunkultur" der vergleichenden Be- und Abwertung beendet. Besucher lägen zu 90 Prozent falsch, wenn sie die dort nur zeitweise beheimateten Schüler einer Schulart zuordnen wollen. Es sei nicht mehr feststellbar: Das ist ein Gymnasiast, dies ein Realschüler, jener ein Hauptschüler! Wer dies kaum glauben kann, aber erleben will, ist jederzeit zum Besuch (über 1000 Besucher haben das schon getan!) eingeladen, allerdings ist mit einer längeren Warteliste zu rechnen.


Die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden ist wohl einer der bekanntesten und erfolgreichsten in Deutschland und sie hat sich schon längst vom Gymnasium zur Gemeinschaftsschule verwandelt. Mit Ingrid Kaiser war eine ehemalige pädagogische Leiterin der Schule geladen, die es ausgezeichnet verstand, die Begeisterung für das gemeinsamen Lernen in völlig heterogen zusammengesetzten Jahrgängen auf die Zuhörer zu übertragen. Sie verzichtete auf die inhaltlichen Darstellung des individualisierten Lernens, da dies durchaus mit dem der anderen vorgestellten Gemeinschaftsschulen ähnlich sei. Sie legte den Schwerpunkte darauf was sich für die Lehrer geändert hat und welche ungeheure Entlastung und zugleich Qualitätsverbesserung sie dadurch erfahren haben. Die integrierte Gemeinschaftsschule begegnet den ca. 100 Schülerinne und Schüler eines Jahrgangs mit einem Team von ca. 8 bis 10 Lehrkräften mit unterschiedlicher Lehrerausbildung. Jeder Jahrgang erhält sein eigenes "Revier" mit Klassen-, Fach-, Gruppen- und Lebensräumen. Dieses sich durch verschiedenen Stärken ergänzende Lehrerteam unterrichtet, begleitet und betreut in einer einzigartigen verlässlichen Beziehungskultur den Jahrgang fünf Jahre lang bis zur 10. Jahrgangsstufe. An einem Nachmittag pro Woche von 14.00 bis 17.00 Uhr sind die Jahrgangstufen-Lehrerteams ohne Schüler unter sich und hier passiert alles Wesentliche. Möglichst knapp und effektiv werden organisatorische Sachen abgehandelt, im Vordergrund steht die Pädagogik und die Lernplanung für die verschiedenen Lernbereiche und die Lernprozesse für einzelne Gruppen und Kinder. Alle Aufgaben und Probleme werden "miteinander geschultert" und so hat sich eine völlig neue Lernkulturr durchgesetzt. Die Gemeinschaftsschule hat für 100 Plätze regelmäßig über 400 Anmeldungen und sie achtet darauf, dass ein repräsentativer Querschnitt an Begabungen von Kindern mit starkem Förderbedarf bis hin zu Hochbegabten  aufgenommen wird und auch die soziale Herkunft dem Bevölkerungsdurchschnitt entspricht. Seit Jahren schneiden die 15-Jährigen bei den PISA-Tests immer deutlich besser als die umliegenden Gymnasien ab, was angesichts der Tatsache, dass diese nur Schüler mit gymnasialer Begabung aufnehmen, allen zu denken geben müsste, die bisher für frühe Selektion eingetreten sind.  Kein Wunder, dass mittlerweile 6 weitere Schulen in Wiesbaden integrative Konzepte umsetzen wollen bzw. dies schon tun. Eine Schule, die individuelles Lernen in den Mittelpunkt stellt und mit der naturgegebenen Heterogenität der Schüler intelligent und kreativ umgeht, ist für das lebensbedeutsame Lernen deutlich besser geeignet als alte Konzepte der "Bestenauslese" mit ausgeprägtem Hang zum theorielastigen "Bulimielernen", also schnell viel hineinstopfen, wieder auskotzen und dann weiter zum nächsten unverdauten Happen! Für Kaiser ist wesentlich, dass die Lehrer sich nicht in einem Halbtagsjob sehen, aus dem sei um 13.00 Uhr schnell nachhause fliehen müssen. Ideal wäre die Lehrerpräsenz an ihrem Arbeitsplatz "Schule" bis 17. 00 Uhr und danach dann Feierabend wie die meisten anderen Berufe.


Mit Gunther Neuhaus, dem Leiter der Paul-Guenther-Mittel- und Gemeinschaftsschule in Geithein/Sachsen war auch ein Vertreter eines "neuen" Bundeslands dabei, das bei Qualitätsvergleichen der Schulbildung oft schon vor Bayern rangiert. Auch diese Gemeinschaftsschule war aus der Not geboren, innerhalb weniger Jahre wäre nicht nur die bisherige Mittelschule (Hauptschule wurden in Sachsen 1990 erst gar nicht eingeführt, vorher gab es schon Gemeinschaftschulen und nicht alles in der "DDR" war schlecht!), auch das Gymnasium hätte wegen des starken Schülerrückgangs am Ort geschlossen werden müssen. Und so kam es, dass sogar der Leiter des Gymnasiums auf den Mittelschuldirektor zukam und nach einer gemeinsamen Lösung gesucht wurde, die nach der Grundschule weiterführende Schule am Ort zu behalten.  Für das Konzept und das Angebot gab es bei der Entwicklung auch eine sehr förderliche Kooperation mit der Universität Leipzig und so lief die Gemeinschaftschule 5 Jahre sehr erfolgreich. Allerdings gab es dann durch die neue CDU/FDP-Koalition das politische "Aus", Gemeinschaftsschulen sollen nicht also solche weitergeführt werden dürfen und mutierten - hoffentlich vorübergehend - zum Auslaufmodell. Der Erfolg ist auch daran zu sehen, dass z.B. aus den 12 in die 5.Jahrgangsstufe eingetretenen Schüler mit gymnasialer Empfehlung am Ende der 9. Klasse 23 geworden sind, die in die gymnasiale Oberstufe übertreten können.
Sowohl in Sachsen als auch in Nordrhein-Westfalen war es bei den Schulsprengeln der Gemeinschaftsschulen so, dass Eltern von Kindern der 4. Klassen noch die Wahlfreiheit hatten, ihr Kind an ein Gymnasium zu schicken und dabei große Widerstände vermieden wurden. 


Michael Gwosdz, der Sprecher für Schule, Berufs- und Weiterbildung der Hamburger Bürgerschaft, ein Abgeordneter der Grünen, machte denn auch diesen Punkt zu einem zentralen bei seiner Analyse, warum das Primarschule-Konzept mit einer 6-jährigen Gemeinschaftsschule in Hamburg beim Bürgerbegehren durchgefallen war. Zwar hätten alle Umfragen ergeben, dass die große Mehrheit für längeren gemeinsamen Unterricht sei, wenn aber die konkrete Entscheidung gerade zu treffen sei, ob das eigene Kind entsprechend den Noten in ein Gymnasium gehen dürfe oder in die Gemeinschaftsschule gehen müsse, waren viele Entscheidungsträger noch sehr verunsichert und entschieden sich für die "Ausleseschule" als das, was sie kennen. Dennoch sei es im Schatten der gescheiterten Schulreform möglich gewesen, die "Stadtteilschulen" mit integrierter Oberstufe bis hin zum Abitur für die Sekundarstufe einzuführen und dort werden fortschrittliche Unterrichtskonzepte verfolgt. Sehr erfreulich sei die Schwerpunktsätzen bei den Länderausgaben auf die Schulbildung. Man habe die Klassenstärken radikal gesenkt auf 19 Kinder in der Grundschule, wenn  ein hoher Migrantenanteil vorhanden ist. Dies ist bei ganz vielen Klassen der Fall, denn insgesamt ist im Stadtstaat Hamburg der Anteil der Migrantenkinder bei der Einschulung schon bei über 50 Prozent. Auch in der Sekundarschule haben man die Klassenstärken auf 25 bzw. 23 begrenzt, was sich enorm gut auswirke auf das Lernen in den Klassen. Überdies habe Hamburg über 4 Milliarden Euro für die Modernisierung der Schulbauten und Räumlichkeiten fest eingeplant.
Keine Frage, dass nach den Referentenvorträgen ein reger Gedankenaustausch stattfand, bei dem durchaus auch etwas von einer Aufbruchsstimmung zu verspüren war. Auch die Volks- und Förderschulleiter und der BSV sollte das Thema "Gemeinschaftschule" offen und neu diskutieren. Fast alle bayerische Parteien haben in ihren Programmen zur Schul-Weiterentwicklung längere gemeinsame Schulzeiten, individualisiertes Lernen und Eigenverantwortlichkeit der Schulen auch in Organisationsfragen auf ihrer Agenda für die Zukunft. Die Grünen in ihrem Aufwind bieten sich als durchaus ernst zu nehmende Bündnispartner in unserem schulpolitischen Handeln an.

Helmut Schuster,
Bezirksvorsitzender des BSV Oberpfalz