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Anfrage bringt Licht in die Entwicklung der Lehrerstellen in Bayern

Der Abgeordnete Günther Felbinger von den Freien Wählern hat mit seiner Anfrage vom 30.07.2014 die höchst unterschiedliche Entwicklung in den verschiedenen Schularten transparent gemacht (Bayerischer Landtag Drucksache 17/2968)

Bei seiner Anfrage nach der Verteilung der angeblich 8209 neuen Lehrerstellen in Bayern im Zeitraum seit 2008 für neue und zusätzliche Aufgaben stellte sich heraus, dass insgesamt 5818 Stellen neu geschaffen worden waren. Laut der Antwort des Kultusministeriums vom 29.08.2014 wurden weitere 3220 Lehrerstellen dem Schulbereich für neue und zusätzliche Aufgaben belassen, die rein rechnerisch aufgrund des Schülerrückgangs und von Veränderungen beim Arbeitszeitkonto nicht mehr benötigt worden wären und eigentlich hätten eingezogen werden können (demografische Rendite).

Es ist leicht nachzuvollziehen, dass das Finanzministerium die "demographische Rendite" ganz anders sieht als wir Experten aus der Schulpraxis und diese gerne einbehalten hätten. Wir vom BSV stellen aber in aller Deutlichkeit fest, dass über viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hinweg, uns der Erhalt der demographische Rendite von Politikern der Mehrheitsfraktion versprochen wurde, um endlich auch im Volksschulbereich jene Verbesserungen speziell für die Schulleitungen zu schaffen, über die andere Schularten längst verfügen.

Nun ist es höchst interessant, im Einzelnen auf die unterschiedlichen "Posten" zu schauen. Wir stellen fest:

1. Alle Schularten haben einen deutlichen Stellenzuwachs im Zeitraum von 2007 - 2014 erlebt, mit Ausnahme der Grund- und Mittelschulen. Hier wurden die Stellen von 40.089 im Jahre 2007 abgebaut auf 38.099 im Jahre 2014, was rund 5 % weniger Stellen bedeutet.

2. Die Stellen für Förderschulen stiegen im gleichen Zeitraum von 6273 auf 7314 an, was ein Plus von 15 % ausmacht.

3. Die beruflichen Schulen steigerten ihre Stellenzahl von 8237 im Jahre 2007 auf 9995 im Jahre 2014. Das ist ein Anstieg von 17,6 %.

4. Die staatlichen Realschulen konnten einen Stellenzuwachs von 7881 im Jahre 2007 auf 10.044 im Jahre 2014 verzeichnen. Das ist eine Steigerung um 21,5 %.

5. Die staatlichen Gymnasien schließlich steigerten ihre Stellenzahl von 17.783 im Jahre 2007 auf 19.886, das sind um 10,5 % mehr, obwohl 2012 der ganze 9. Schülerjahrgang weggefallen war.

Wir im Bereich der Grund- und Mittelschulen sind Herrn MdL Felbinger sehr dankbar, dass wir endlich über ein verlässliches und aussagekräftiges  Zahlenmaterial verfügen, das direkt vom Kultusministerium geliefert wurde. Es beweist, dass die demographische Rendite, wie sie uns versprochen war, ohne eine politische und mediale Lobby im Volksschulbereich nicht ausreichend zur Wirkung kommt. Wir hatten an den Grund- und Mittelschulen sicher einen stärkeren Schülerrückgang, gleichzeitig haben wir aber auch in unserem Schulbereich die meisten Ganztagsschulen und Ganztagsklassen, einen höheren Bedarf durch Inklusionsmaßnahmen und einen unverhältnismäßig hohen Anteil ausländischer Kinder und von Asylsuchenden. All das ist sehr personalintensiv und beansprucht sehr viele Lehrerstellen. Es ist eine Tatsache und kein Wunder, dass zum Beispiel im letzten Jahr die Klassenstärken an den Grundschulen in Bayern nicht mehr gesenkt werden konnten.

Es lässt sich feststellen, dass es innerhalb des Haushaltes des Kultusministeriums für die einzelnen Schularten in den letzten Jahren und Jahrzehnten eine beständige Verschiebung hin zu weiterführenden Schulen gegeben hat und die Grundbildung im Bereich der Grundschulen vernachlässigt wurde. Dies wird auch aus den Zahlen des statistischen Bundesamtes (aus: Schulen auf einen Blick 2012) deutlich. Hier hatten wir im Bereich der Grundschulen in Bayern mit 22 Schülern mit die größten Klassen in Deutschland. Während für Grundschüler pro Jahr im Schnitt 4400 € ausgegeben wurden, waren es an Gymnasien zum Beispiel 5800 €. Auch bei der Lehrer-Schüler-Relation sind wir, nicht wie man aufgrund der hohen Steuereinnahmen in Bayern meinen könnte, im vorderen Drittel zu finden, sondern mit 16,8 Schüler und Schülerinnen pro Lehrerstelle fast am Ende. In Sachsen-Anhalt sind es zum Beispiel 11,9 Schüler, in Thüringen zwölf Schüler pro Lehrer, in Sachsen 14,0 und in Berlin 14,4, alles Länder, die enorm vom Länderfinanzausgleich mit Milliardenzahlungen aus Bayern profitieren.

Es muss nun endlich Schluss sein mit der Hinhaltetaktik gegenüber den Leitungen aus dem Grund-, Förder- und Mittelschulbereich. Es hat geheißen, wenn der Schülerrückgang kommt, können wir mit den Verbesserungen rechnen, die uns gerechterweise aus der historisch gewachsenen Benachteiligung des Volksschulbereichs insbesondere bei den Schulleitungen zustehen. Tatsache ist: Wir haben noch immer mit Anstand die wenigsten Anrechnungsstunden für unsere Leitungsaufgaben, die höchste Unterrichtspflichtzeit, die wenigsten Verwaltungsstunden, keinen (Grundschulen) oder fast keinen Stundenpool (Mittelschule) und keine Mittel für weitere Mitarbeiter in der Schulleitung, keine eigenen Anrechnungsstunden für Konrektoren, die geringste Besoldung aller Schularten ohne vollständige Anpassung an die neuen Beförderungsmöglichkeiten. Und vor allem: Noch immer wird uns der vollständige Dienstvorgesetztenstatus versagt, was uns zu quasi-entmündigte Chefs macht!

Wir haben bisher niemand persönlich für diese Benachteiligung verantwortlich gemacht, aber es liegt an den politisch Verantwortlichen, sie zu beenden. Geld war nie da, das hörten wir immer! Wir sehen an den Zahlen: Es war immer Geld da, nur für uns nicht! Eine demografische Rendite, die bei uns und bei unseren Schülern nicht ankommt, ist für uns wirkungs- und wertlos.

Wir maßen uns nicht an, die Stellenmehrung bei den anderen Schularten zu kritisieren. Aber wir kritisieren die Stellenkürzungen in unserem Bereich und das angesichts ausreichend vieler qualifizierter Bewerber/innen. Aus bayerischer Sicht ist es schade um alle, die in den letzten Jahren ausschieden oder in andere Bundesländer gewechselt sind, wo sie mit offenen Armen empfangen wurden.

Fazit: Von 2007 bis 2014 wurden trotz eines Zuwachses von insgesamt 5800 Stellen fast 2000 Lehrerstellen im VS-Bereich abgebaut. Sieht so unsere demografische Rendite aus? Allein 2014 waren es 631 Stellen (1,65 %) und 2013 sogar 840 Stellen (2,12 %) weniger. Dies ist im Zusammenhang mit der hohen Anzahl von Pensionierungen zu sehen. Die Nachfrage ergab, dass es 1474 Pensionierungen im Jahr 2012 und 1794 Pensionierungen im Jahr 2013 im Volksschulsektor gegeben hat.

Wir haben bei den Stellen im Volksschulbereich nun einen großen Nachholbedarf. Diese sollen den Schülern zugutekommen. Wenn dabei die zeitgemäße Ausstattung der Schulleitungen eine Priorität einnimmt, wird dies den Schülern am meisten nützen, denn nur gut geführte Schulen sind auf Dauer gute Schulen. Kleine Klassen und längere Unterrichtszeiten nützen nur, wenn darin besser unterrichtet und erzogen wird und genau darum kümmern sich kompetente Schulleiter, die für ihre Arbeit genug Zeit und eine hohe Qualifikation haben.

Helmut Schuster, BSV-Bezirksvorsitzender Oberpfalz

Anfrage und Antwort Günther Felbinger - Bayerischer Landtag