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Deutscher Lernatlas - in Bayern nur Grund zum Feiern?

Sonntag, 04 Dezember 2011

Übertrittswahn gefährdet mehrgliedriges Schulsystem!

Während die einen den 1. Platz Bayerns beim "Deutschen Lernatlas 2011" der aktuellen Bildungsstudie von Bertelsmann frenetisch feiern und ihn überschwänglich auf die Überlegenheit des dreigliedrigen Schulsystems zurückführen wollen, warnen andere davor, dass der abrupte Rückgang des Übertritts (von 35 auf 30 Prozent innerhalb eines Jahres!) an die soeben erst erschaffene Mittelschule genau dieses in den nächsten Jahren des Schülerrückgangs akut gefährdet. 

 

Das Aufweichen der Übertrittsbestimmungen nach der 4. Klasse sowie die weiterhin möglichen zusätzlichen Übertritte mit Wiederholungschuljahren nach der 5. Klasse zehren an der Substanz, die unsere Mittelschule als eigene starke Säule für den Mittelschulabschluss braucht. Mit Sorge beobachten wir zugleich den immer stärkeren "Abstieg" von Schülern, der ja eigentlich mit der sehr teuren R 6 - Reform hätte vermieden werden sollen. Immer mehr Schüler treten an Schularten über, an denen sie nicht zum Ziel kommen können und diese "Durchlässigkeit nach unten" verursacht nicht nur hohe Kosten, sondern auch vielfältige psychische Beschädigungen und Lernbrüche. Wenn heute Schüler mit dem Auto in die Mittelschule fahren, um dort einen Schulabschluss zu machen, den sie anderswo nicht geschafft haben, ist dies genau das Ergebnis einer nicht schülerorientierten Selektion. Die Tatsache, dass unsere Grundschüler mit 10 Jahren beim IGLU -Test im OECD-Vergleich ganz weit vorne liegen, aber dann bei den 15-Jährigen bei PISA ziemlich weit nach hinten fallen, spricht sehr für die einzige Gemeinschaftsschule, die wir haben. Sie verursacht mit Abstand die geringsten Kosten aller Schularten und wird seit Jahren in Bayern sehr "stiefmütterlich" behandelt. Würde sie die Mittel dazu bekommen, könnte sie in kurzer Zeit für eine vollständige Vermittlung der Schlüsselkompetenzen, vor allem auch der Lesekompetenz, sorgen. Aber dann würden die Eltern wohl kaum mehr ein Kind an eine Mittelschule schicken, die entgegen aller gutgemeinter Unterstützung als die Schulart gesehen wird, an die jene gehen, die einen besseren Übertritt nicht geschafft haben. Solange unsere Gesellschaft und insbesondere die Medien dies so sehen, ist die Mittelschule akut gefährdet. Da ändert leider auch die Tatsache nichts, dass uns mittlerweile die Firmen die Schulabsolventen schon im November des Vorjahrs für Facharbeiterberufe förmlich aus der Schulbank reißen. Natürlich könnte man die Grundschule auch als "Einheitsschule" diffamieren, denn es geht dort ja fast der komplette Jahrgang hin. Auch beim politisch hehren Ziel "Inklusion" sind natürlich besonders die Pflichtschulen und allen voran die Grundschule gefordert. Es gibt viele Gründe, warum Bayern bei der sehr umfassenden Bertelsmann Studie erfreulich weit vorne liegt, und es gibt auch Stimmen, die sagen, dass dies trotz des mehrgliedrigen Schulsystems der Fall ist.

Helmut Schuster, Bezirksvorsitzender Oberpfalz