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Verwaiste Rektorate? In Bayern droht Schulleiter-Mangel

Beitrag des Bayerischen Rundfunks

Inklusion, Integration, Ganztagsbetreuung – die Aufgaben werden immer mehr. Viele Schulleiter fühlen sich alleingelassen. Die Folge: Immer weniger wollen diesen Job machen.
Von: Sebastian Grosser

 



Stand: 06.01.2017

QUELLE:

Hörfunk:
http://www.br.de/radio/bayern2/bayern/bayernchronik/schulleitermangel-in-bayern-100.html
Online:
http://www.br.de/nachrichten/bayern-schulleiter-jobs-100.html

Dienstpläne schreiben, Lehrer beurteilen, Elterngespräche organisieren und führen, neue Richtlinien des Kultusministeriums in den Lehrplan einbauen, die Rechtslage kennen, Projekte anstoßen, das Schulprofil erweitern. Das ist die Arbeit von Stefan Würdinger. Er ist Schulleiter an der Grundschule Schwabelweis in Regensburg: 5 Klassen, 90 Schüler. Doch nicht nur das: Er unterrichtet zudem 23 Stunden in der Woche.

"Dann habe ich, wie die letzten Jahre auch, die Doppelfunktion Klassenleitung, dass man jetzt erst einmal mit der Klasse arbeitet. Bei den Erstklässlern natürlich besonders darauf bedacht ist, dass die hier ankommen, dass sie die Abläufe kennen."

Schulleiter Stefan Würdinger

Verantwortlich für alle Schüler

Als Schulleiter trägt er aber nicht nur Verantwortung für seine Klasse, sondern für alle Schüler.

"Wir haben neue Kinder aus verschiedenen Ländern, wo wir gerne bereit sind zu helfen. Wir haben die Inklusion jetzt an unserer Schule nicht zu sehr wie an anderen Schulen. Aber es gibt Schulen, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, besonders die nachbeteiligten Kinder zu unterstützen. Wir haben Ganztagesangebote."

Schulleiter Stefan Würdinger

Dazu kommt noch das Kollegium und der ganz normale Schulbetrieb. Allerdings muss Würdinger – als Rektor einer kleinen Schule – mit weitaus weniger Personal auskommen als Kollegen an größeren Schulen. Auch wenn das Rektorat und das Klassenzimmer durch eine Tür miteinander verbunden sind. Ganz auf den Unterricht konzentrieren ist unter diesen Bedingungen nicht einfach.
"Ich habe eine Sekretärin, eine Viertelkraft, an drei Tagen von 7:30 Uhr bis 11 Uhr. Und an den Tagen, wo die nicht da ist, also an zwei Tagen ist es natürlich dann doppelt schwierig, wenn neue Eltern kommen, wenn ich Telefonate um 8 Uhr annehmen muss, dass jemand krank ist, wo ich eigentlich ja schon in meiner Klasse sein sollte. Und das ist das Hauptproblem, dass zu wenig Zeit für die Erfüllung der ganz wichtigen Aufgaben ist."

Schulleiter Stefan Würdinger


Zu viele Aufgaben bei zu wenig Zeit

Damit ist Stefan Würdinger nicht alleine. Zu viele Aufgaben bei zu wenig Zeit, damit kämpft auch Cäcilia Mischko. Sie ist Schulleiterin an einer deutlich größeren Grundschule im Regensburger Süden und stellvertretende Präsidentin des Bayerischen Schulleiterverbands. Wenn sie durch ihre Schule geht, hat sie für jeden ein Lächeln – egal ob für Schüler, Lehrer oder Eltern. Allerdings muss sie eingestehen: Zeit für tiefergehende Gespräche ist oft nicht da. Dabei sind Schulleiter eine wichtige Bezugsperson; besonders für die Lehrer, falls es Probleme gibt.

"Da möchte ich natürlich als Schulleiter meinen Kollegen sagen können: Ich bin für euch da. Was ich machen kann, tue ich für euch. Dazu brauche ich natürlich auch entsprechendes Equipment, wenn es auch in Form von Zeit ist. Ich muss mit den Kollegen reden. Sie müssen wissen: Da ist noch jemand, der weiß um meine Probleme, der steht auch hinter mir."

Schulleiterin Cäcilia Mischko


Diese Aufgabe übernimmt sie gerne. Wie viele andere Schulleiter. Manche opfern ihre Freizeit für den Zusammenhalt an der Schule, für das Schulleben. Freiwillig. Bis zur Erschöpfung.

"Diese Belastung, mit der umzugehen, das ist oft nicht einfach. Ich kann mich nicht in mein Kämmerchen einsperren. Wenn ich einmal so weit bin, dann wird es schwierig. Ich kenne Kollegen, die möchten gar nicht mehr darüber reden. Und das ist dann schon ein Schritt, da geht es dann an die Substanz der Gesundheit, sag ich einmal. Und da müsste man eigentlich hellhörig werden, von oben her."

Schulleiterin Cäcilia Mischko

Gründe sind für Kultusministerium nachrangig

Unter vier Augen sagen viele Schulleiter, dass sie wegen der steigenden Belastung mit dem Gedanken an eine vorzeitige Pensionierung spielen. Für den obersten Dienstherrn, das Kultusministerium, sind die Gründe nachrangig.

"Warum Schulleiter in den Ruhestand gehen, wird uns nicht mitgeteilt. Und wenn jemand möglicherweise krank ist, wie weit man Burnout auch immer als Krankheit gedeutet oder nicht gedeutet wird, haben wir natürlich keine Information. Der Regelfall: Der Schulleiter geht altersbedingt entsprechend in den Ruhestand."

Ludwig Unger, Pressesprecher des Kultusministeriums

Auch ohne vorzeitige Pensionierungen wären das in den nächsten fünf bis zehn Jahren etwa 1.800 Rektoren und Konrektoren, die in den Ruhestand gehen. Fast die Hälfte der derzeit gut 4.000 Führungskräfte an bayerischen Grund- und Mittelschulen.

BLLV spricht von "Alarmsignal"

Ein Alarmsignal, findet Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, vor allem wenn gleichzeitig die Attraktivität für den Job sinkt.

"Wenn sich keiner bewirbt für die Schulleitung, was machen wir dann? Muss man dann Leute hinüberreden? Uns müsste doch allen daran gelegen sein, den Eltern, der Schulverwaltung, letztlich auch den Kindern, der ganzen Schulfamilie, dass die Leitung jemand ist, der Lust darauf hat und professionell ist. Also können wir nicht sehenden Auges darauf warten, bis die Hälfte pensioniert ist und wir niemanden da haben."

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes

Schon jetzt haben manche Schulen keinen oder nur einen kommissarischen Schulleiter. Kurz nach Schuljahresbeginn waren das etwa 60 Schulen, und das, obwohl manche schon mehrfach ausgeschrieben worden waren.

Ob sich genügend Schulleiter finden, ist die Frage. Denn auch neue Schulleiter müssen mit den knappen Ressourcen auskommen, um die Aufgaben zu meistern. Den finanziellen Ausgleich für die Mehrarbeit, die Zulage, empfinden viele nicht annähernd als ausreichend. Auch Schulleiter Stefan Würdinger fordert: Mehr Zeit, mehr Anerkennung. Und obwohl ihm sein Job immer noch Spaß macht, blickt er skeptisch in die Zukunft.

"Was ich aber jedem oder jeder sagen würde: Überleg es dir gut. Denn die Ressourcen sind gering vorhanden, weil von oben – sage ich mal – die nicht zur Verfügung gestellt werden. Und es kann eine sehr positive befriedigende Aufgabe sein. Aber man muss sich schon bewusst sein, auf was man sich einlässt."

Schulleiter Stefan Würdinger