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Außenansicht: Stiefkinder der Schulpolitik

Samstag, 04 August 2012 Verfolgt man die Medien in ihrer Berichterstattung über die Schulpolitik, scheint sich alles um die lästig-leidige Frage G8 und G9 zu drehen. Die Probleme mit G8/G9 erschöpfen sich alle im Wesentlichen in dem Umstand, dass heutzutage viel mehr Schüler als früher dorthin gehen, die für das höchst anspruchsvolle Programm dort nicht oder nur sehr eingeschränkt geeignet sind. Da ändert ein Jahr mehr auch nicht viel, kostet aber viel, geschätzte 150 zusätzliche Lehrerstellen! Punkt. Schluss. Aus.

 

Doch gibt es tatsächlich auch noch Kinder, die nicht ans Gymnasium gehen und die an den anderen Schularten von den Medien nur sehr peripher wahrgenommen werden. Anton Huber als Vorsitzender des Realschullehrerverbands erinnert zurecht daran, dass auch außerhalb des Gymnasiums wertvollste und erfolgreiche Bildungsarbeit geleistet wird und die berufliche Bildung den gleichen Stellenwert haben sollte wie die Hochschulbildung. Weltweit glänzt Deutschland nicht mit besonders guter universitärer Bildung, die beste Hochschule ist gerade mal auf Rang 50. Aber um die berufliche Bildung beneidet uns derzeit die ganze Welt, besonders Länder wie Spanien , das zwar einen hohen Abiturientenschnitt hat, aber 53 % Jugendarbeitslosigkeit. Die beträgt in Ostbayern, wo Fanatiker der höheren Schulbildung den geringen Gymnasiastenanteil beklagen, gerade mal 1,4 % und tausende Lehrstellen sind noch unbesetzt. Wann kapieren die letzten Theoretiker, dass die OECD-Forderung nach einem immer höheren Abiturientenanteil ein Irrweg für Deutschland wäre, in dem das traditionelle Gymnasium mit seinem sehr anspruchsvollen Programm nur für den kleinen Teil der vielseitig sprachlich und mathematisch gut begabten Kinder funktionieren kann?

Aber es gibt in der Schulbildung neben Lieblingskinder auch Stiefkinder. Stiefkinder sind die Kinder an Förderschulen, über die wird selten geredet und die sollen jetzt auch inkludiert werden. Stiefkind ist - zumindest medial - auch mit neuem Namen die ehemalige Hauptschule, die sich jetzt als weiterführende Mittelschule mit dem früheren Namen der Realschule anpreist. Dort wird beste Arbeit geleistet, am Lande wechseln praktisch alle Abgänger in Ausbildungsverhältnisse der Industrie, des Handwerks und in den Dienstleitungsbereich oder an weiterführende Schulen. Aber leider wird das von bestimmten Medien, die in München den Ton angeben, kaum wahrgenommen. Und so ist es kein Wunder, dass die reflexartig auf Medien reagierende Politik von den Problemen dort und den gigantischen Mangelsituationen kaum Notiz nimmt. Es sind ja nicht unsere Kinder, die dort hingehen, nicht wahr?

Wer so nicht denkt, den interessiert und empört, dass an den Mittelschulen aufgrund eines falsch prognostizierten Schülerrückgangs durch das Ministerium jetzt die Zuteilung an Lehrerstunden von 1,81 Stunden pro Schüler auf 1,71 gesenkt werden soll, was einer Streichung von 6 % der Stunden entspricht und derzeitig eine kollapsartige Situation in der Planung hervorruft, weil die Schulverbünde sowieso mit ihrem Planungen am untersten Level bleiben mussten und nicht wissen, wie sie den Pflichtunterricht abdecken sollen.

Wer anders denkt, denkt auch an die Grundschulen und unsere Kleinsten, an denen zum größten Teil nur noch Pflichtunterricht gehalten werden kann und Stunden für Förderunterricht für die besonders benachteiligten Kinder sowie Arbeitsgemeinschaften für musische, künstlerische und sportliche Angebote so gut wie verschwunden sind. Dafür stellt man 1600 junge und bestens ausgebildete Grundschul- und Fachlehrkräfte in Bayern nicht ein, während Klassen bis zur Höchstgrenze von 29 Schüler  zusammengelegt werden, weil 21 Kinder in einer Grundschulklasse an einer großen Grundschule scheinbar nicht ausreichend viel sind. Geld wäre da, jeden Menge, aber nicht für die Stiefkinder! Gegenüber früheren Schätzungen hat Bayern heuer 2,2 Milliarden € mehr eingenommen.

Die Grundschulrektorin Andrea Schöffel in Schwaben hat nun Konsequenzen gezogen und dem Staat gekündigt, weil so Schul- und Qualitätsentwicklung nicht möglich sind. Sie wird die Ausnahme bleiben, aber es ist ein Fanal.

Wir freuen uns auf die nächste Sonntagsrede von Politikern über den hohen Wert der Schulbildung. Politiker, die jederzeit Milliarden € locker machen, wenn es nicht um die direkten Bildungs- und Zukunftsinteresen des Volks und seiner Kinder geht, sondern wenn mit unseren Steuergeldern der Euro, Griechenland, Banken, Berlin oder Afghanistan gerettet werden müssen. Unsere Kinder werden es Ihnen danken, nicht wahr? Natürlich ist das populistisch, aber populistisch heißt vom Wortsinn her "dem Volke nahe", an den Volksinteressen ausgerichtet und warum ist das bitte und um Himmels willen für Politiker das schlimmste Schimpfwort, das sie sich vorstellen können?