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Bayerns Rektoren sind überlastet

Sonntag, 03 Februar 2008

Studie stellt große Mängel an den Grund- und Hauptschulen fest

Forscher: Schulleiter haben zu wenig Zeit für ihre Führungsaufgabe und müssen zu viel Unterricht halten

 

Von Birgit Taffertshofer

München – Die Schulleiter der Grund-und Hauptschulen fühlen sich vom Staat im Stich gelassen. Nach einer Studie der Universität Bamberg, die diesen Montag in Nürnberg vorgestellt wird, sind mehr als 95 Prozent der befragten Rektoren mit der staatlichen Unterstützung unzufrieden. Bei den Schulleitern „zeigen sich in großem Ausmaß dramatische Überlastungserscheinungen und Frustration”, resümieren die Wissenschaftler.

Die Volksschulrektoren stehen laut dem Forschungsbericht vor einer „inneren Zerreißprobe”. Einerseits sollten sie als Führungskraft eine steigende Aufgabenflut bewältigen, andererseits müssten sie als Lehrkraft viele Unterrichtsstunden halten. Im Vergleich zu anderen untersuchten Bundesländern stelle Bayern die „geringsten zeitlichen Ressourcen” für die Leitungstätigkeit bereit. Zudem bekämen Volksschulleiter weniger Hilfe von Verwaltungspersonal. „Das sind schlechte Voraussetzungen für die notwendige Entwicklung der Schulen", warnt Pädagogik-Professor Heinz Rosenbusch – vor allem im Hinblick auf die geplante Hauptschulreform. Rosenbusch leitete die Untersuchung an der Bamberger Forschungsstelle für Schulentwicklung und Schulmanagement. Befragt wurden mehr als hundert Rektoren an Volks- und Realschulen. Während Realschulleiter mit ihren vergleichsweise guten Arbeitsbedingungen zurechtkämen, heißt es in der Studie, beklagten ihre Kollegen an Volksschulen viele Probleme. Unter anderem berichteten sie von einer „bürokratischen Vermüllung” und „unausgereiften Behördenerlassen”.
Seit Jahren jagt an Bayerns Grund-und Hauptschulen eine schulpolitische Neuerung die nächste. Die Schulleiter bauten M-Züge zur Mittleren Reife auf, setzten neue Lehrpläne um und richteten Praxisklassen ein. Sie schufen Sprachlernklassen und verbesserten die Integration von Migranten. Gleichzeitig hat sich die Rolle des Schulleiters stark gewandelt, was ein aktueller Bericht des Kultusministeriums bestätigt. Professionelle Manager und Personalentwickler sollen sie heute sein. Ihre Aufgaben hätten „quantitativ wie qualitativ zugenommen”, heißt es in dem elfseitigen Papier. In besonderer Weise gelte das für Rektoren der Volksschulen.
„Die Einsicht ist da, aber die notwendigen Konsequenzen fehlen seit Jahren”, rügt Brigitte Hofmann-Koch, Vorsitzende des Schulleiterverbands, der die Studie in Auftrag gab. Der Haushaltsentwurf 2007/08 verspricht wenig Besserung: Das Kultusministerium will nur einem Teil der. Volksschulleiter eine zusätzliche Anrechnungsstunde gewähren. „Ein Tropfen auf den heißen Stein”, sagt Hofmann-Koch. Das stehe im Widerspruch zur von der CSU propagierten Aufwertung der Hauptschule. Wenn man den Schulen helfen wolle, müsse man auch das nötige Geld in die Hand nehmen. Eine Anrechnungsstunde für alle Volksschulleiter koste den Staat gerade mal 60 Lehrerstellen.
Welches Zeitbudget eine Schulleitung erhält, richtet sich in Bayern nach der Schulgröße. In einer Volksschule mit 301 bis 360 Schülern sind es 15 Unterrichtsstunden, die der Schulleitung erlassen werden. Das knappe Zeitkontingent müssen sich Rektor und Konrektor teilen. Unterstützt werden sie bei 14 Schulklassen von einem Verwaltungsangestellten mit einer Drittelstelle. Zum Vergleich: An einem Gymnasium der gleichen Größe arbeiten laut Rosenbusch zwei Vollzeitkräfte. Diese unterschiedliche Behandlung sei inhaltlich nicht zu begründen, kritisiert er. Denn Lehrer, Schüler und Eltern bräuchten an Volksschulen viel Unterstützung. Die Rektoren hätten heute mehr Beratungsfunktionen wahrzunehmen und seien als Verbindungsglied zu Arbeitsamt, Jugendamt, Polizei oder Gerichten gefordert. Neuerdings werde von ihnen auch noch verlangt, dienstliche Beurteilungen ihrer Lehrer zu verfassen.
„Alles Aufgaben, die wir gerne übernehmen”, betont Hofmann-Koch, aber nicht ohne einen entsprechenden Erlass von Unterrichtsstunden. Viele dieser Tätigkeiten ließen sich nicht wie die Verwaltung auf den Nachmittag verschieben. Dass Volksschulleiter die Arbeit von kostengünstigerem Verwaltungspersonal übernehmen, bezeichnete kürzlich auch CSU-Bildungsexperte Eduard Nöth als „verrückt”. Die Opposition im Landtag fordert, es den Schulen künftig selbst zu überlassen, wie lange ihr Chef unterrichten soll. In Südtirol, Frankreich und den USA ist das längst Praxis.
SZ vom 4. Dezember 2006, Nr. 279, Seite 49