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Übertritt nach der 4. Klasse

Übertritt nach der 4. Klasse -
Freigabe des Elternwillens???

Von der Wirtschaft werden mehr Schul-Absolventen mit mittlerer Reife und Abitur gewünscht. Auch Bildungspolitiker mit Blick auf andere Staaten fordern eine Erhöhung der Absolventen-Quoten, doch um welchen Preis?

In Bayern galten für den Übertritt an Gymnasein oder Realschulen seit Jahrzehnten der Notendurchschnitt 2,3 aus den Fächern Deutsch, Mathematik und Heimat- und Sachunterricht. Die nachfolgende Empfehlung für eine Schulart hatte nur formalen Charakter, da es z. B. keine Gymnasiums-Empfehlung trotz 2,6-Durchschnitt geben konnte.

Durch die Ergebnisse der Landtagswahl bedingt scheinen im Bereich der Bildungspolitik die ehedem eisernen Prinzipien zu wanken. Soll in Bayern vielleicht doch der Elternwille zur Schulart-Entscheidung nach der 4. Jahrgangsstufe frei gegeben zu werden? Oder sollen „Gelenkklassen“ in der 5. Jahrgangsstufe zur sanften Nachkorrektur der 4.Klass-Entscheidung eingeführt werden? Oder soll zur Entlastung der Grundschullehrkräfte die früher obligate Aufnahmeprüfung wiedereingeführt werden?

Die Freigabe des Elternwillens – wie in anderen Bundesländern üblich – hätte für den Flächenstaat Bayern unabsehbare Folgen: selbst bei einer Einführung auf nur der ersten in Frage kommenden Jahrgangsstufe 5 würden vermutlich deutlich mehr Eltern die Chance wahrnehmen auf die „möglichst beste Schulform für mein Kind“. Da die Hauptschulen in Bayern nach wie vor unter einem Image-Problem und entsprechend niedriger Akzeptanz bei Eltern und Schülern leiden, würde in den Folgejahren die Hauptschule von unten her deutlich ausgedünnt. In den folgenden Jahren würde die bayerische Hauptschule von aktuell 34,7 Prozent (2006/07) in der 8. Jahrgangsstufe auf mögliche 10 Prozent schrumpfen wie derzeit in Bremen oder Hamburg.

Außer den personellen Konsequenzen für die Hauptschulen kämen auch auf die Schulaufwandsträger und den Lehrerbedarf an Realschulen und Gymnasien unabsehbare Folgen zu. Während Hauptschulen zunehmend entvölkert würden, würde der Raumbedarf der anderen Schularten dramatisch weiter steigen. Die verbeamteten Hauptschullehrer müssten mangels Hauptschülern zunehmend in Realschulen oder Gymnasien eingesetzt werden, um die Schülermassen irgendwie bewältigen zu können mangels eigenen Nachwuchses. Da bald auch Raumnot in Realschulen herrschen würde, müsste man manche Realschulklassen mit Hauptschullehrern vielleicht bald in die leerstehenden Hauptschulen auslagern – ein irrwitziges Szenario!  

Ein Treffen von Verbänden quer durch alle Schularten im Ministerium ergab fast durchweg denselben Tenor: Nahezu alle Lehrer-, Schulleiter- und Elternverbände halten am Übertrittskriterium Notendurchschnitt weiterhin fest. Alternativen zur Festlegung des Notendurchschnitts nur auf Grund des aktuellen Notenstands wurden dennoch geäußert:

Manche empfehlen die Rückkehr zu den früheren „Regional einheitlichen Probearbeiten“ zu zwei verschiedenen Zeitpunkten im 4. Schuljahr, andere plädieren für die Kombination aus den Noten im Zwischenbericht im Januar (neue VSO) und dem Notenstand kurz vor dem Übertrittszeugnis, wieder andere erhoffen sich Entlastung für die Grundschullehrkräfte durch die Wiedereinführung der verpflichtenden Aufnahmeprüfung durch die aufnehmenden Schulen.

Alle Änderungsvorschläge werden derzeit allerdings durch die aktuelle Entwicklung unterlaufen, die eine weithin spürbare, deutlich merkbare Steigerung der Übertrittszahlen nach der 4. Jahrgangsstufe in allen Grundschulen nach dem Willen und Druck der Eltern mit sich bringt. Außerdem steigen die Übertritte nach der 5. Jahrgangsstufe ebenso massiv an, da viele Eltern glauben, die relative Leistungssteigerung ihres Kindes im Klassenvergleich sei auf die „Spätentwicklung“ zurückzuführen.

Derzeit laufen noch die Koalitionsverhandlungen, unter anderem auch zu bildungspolitischen Bereichen. Es bleibt zu hoffen, dass die Kompetenz und Berufserfahrung der Vertreter in solchen Treffen und deren Ergebnisse noch einbezogen werden. Es wäre schade und wäre abträglich für das bayerische Bildungssystem, wenn Beschlüsse auf politischer Ebene gefasst werden, die den jahrzehntelangen Erfahrungen und Empfehlungen der Praktiker deutlich widersprechen. So bleibt abzuwarten, was bei den Verhandlungen an Verbesserungen herauskommt.
Der BSV wird weiterhin für Sie dranbleiben.            

 

Werner Sprick, Landesvorsitzender