Verbändeanhörung zum Übertrittsverfahren

Kaum war das Übertrittsverfahren 2010 abgeschlossen, lud Kultusminister Dr. Spaenle zu einem Gespräch über die Erfahrungen ein. Neben den Verbandsvertretern des Schulleiter- und Schulräteverbands sowie der Eltern- und Lehrerverbände waren auch einzelne Schulleiter, Lehrkräfte und Beratungslehrer zugeladen und wurden um ihre Meinungen befragt. Zudem hörten bei diesem hochrangigen Gespräch auch fast alle Leiter der anderen Abteilungen im Ministerium zu. Thema 1: Verstärkte Elternberatung

Tenor: Von fast allen wurden die bereits in der 3. Jahrgangsstufe einsetzenden Übertrittsinformationen als hilfreich empfunden. Die Resonanz bei den Eltern wurde aber mehr verhalten geschildert: Kurz nach dem Zwischenzeugnis des 3. Jahrgangs kommen diese Informationen den meisten zu früh. In Folge wird zudem der Informationsabend am Anfang des 4. Jahrgangs deshalb deutlich weniger wahrgenommen.
In Schulen mit bisheriger guter Beratung sowohl in der 3. und 4. Jahrgangsstufe wurden schon früher die Eltern durch intensive Beratung durch die Lehrkräfte in den Elternabenden und in den Elternsprechstunden auf künftige Schullaufbahnen ihrer Kinder hingewiesen. Insofern wurde die Beratung nur durch den Eltern-Informationsabend in der 3. Jahrgangsstufe ergänzt.

 

Fazit: Die schon bisher durchgehende Elternberatung durch hochaktive Lehrkräfte wurde und wird sehr gut honoriert und wird durch die Änderungen im Übertrittsverfahren nur weiter bestätigt bzw. in allen Grundschulen gleichartig angegangen. Diese Erhöhung der Vergleichbarkeit und damit die gleichartige Vorbereitung der 4.Kl.Schüler wurden von allen Gesprächsteilnehmern als positiv empfunden.

 

Thema 2: Erhöhung der Transparenz
Am Anfang des Schuljahrs 2009/10 war in vielen Kollegien große Irritation spürbar: Mindestens 22 Proben in den drei Hauptfächern, Einhaltung von probefreien Zeiten, Ankündigung von Proben eine Woche vorher – wie würde das wohl klappen? Nach einem Jahr Erfahrung mit den neuen Vorgaben zeigt sich nun in großen Grundschulen mit schon bisher vielen Absprachen: „Im Vergleich zum Vorjahr hat sich für uns eigentlich nichts verändert: Die Anzahl der Proben und die sog. probefreie Zeit hatten wir letztes Schuljahr mit Blick auf unsere Schüler eigentlich genauso organisiert.“
Lediglich die Ankündigung der Proben eine Woche vorher führte zu kleinen Veränderungen: Ehrgeizige Eltern, deren Kinder die nötigen Noten für einen Übertritt nicht sicher hatten, trainierten mit ihren Sprösslingen in dieser Woche deutlich mehr. Dies läuft dem bisherigen Lerngedanken der Grundschule zuwider, der das anhaltende, gleichmäßige Lernen der Schüler auch in der Schule schon immer fördern wollte. Nach Prof. Dr. Spitzer, der sich seit Jahren erfolgreich mit neuesten Erkenntnissen aus der Neuropädagogik für verändertes und anhaltendes Lernen ausspricht, fördert das kurzfristig forcierte Lernen „für die Probe“ das bulimische Lernen. Dies ist zwar in Gymnasien und Realschulen zwar gang und gäbe, widerspricht aber dem nachhaltigen Lernen zutiefst. In eher bildungsfernen Familien änderte sich am Lernverhalten und damit an den Lernerfolgen in Proben aber leider gar nichts. Dagegen trainieren bildungsinteressierte Eltern deutlich häufiger mit den Kindern, das „training for the test“ nimmt zu, die stets aktualisierte Kenntnis vom Notenstand führt zu mehr Elterndruck: „Wir brauchen eine 2!“

 

Fazit bei vielen Teilnehmern:  Die Vergleichbarkeit von Grundschulen stieg durch die Vorgaben. Für die Eltern wird daher auch transparenter die Bewertung ihrer Kinder, da die Probenanzahl, die vorherige Ankündigung und damit die gleichmögliche Vorbereitung ihrer Kinder gestiegen sind. Einig waren sich alle über die Verbesserung der Chancen. Gleich bleiben aber weiterhin die unterschiedlichen Vorbereitungen der Eltern mit ihren Kindern auf die angekündigten Proben. Und zudem stiegen die Fehlzeiten von Kindern an Probe-Tagen seit der Änderung deutlich.

 

Thema 3: Übertritt nach den neuen Bestimmungen
Von vielen Gesprächsteilnehmern wurden die gelockerten Übertrittsbestimmungen kritisiert, die am Ende des Probe-Unterrichts die Freigabe des Elternwillens trotz der PU-Noten Deutsch 4 und Mathematik 4 vorgaben.
Eltern haben weder die nötige Objektivität, bei diesen relativ schlechten Noten ihr Kind besser an der Hauptschule zu lassen, noch die nötige Kompetenz, um die weiteren Bildungschancen richtig einzuschätzen. Wenn ein Kind  bei nur befriedigenden Leistungen in  der Grund- oder Hauptschule sowie einem nur ausreichenden Testergebnis im Probeunterricht den Start im Gymnasium oder in der Realschule wagt, in dem nur die Leistungsbesten versammelt sind, dann ist oftmals ein Scheitern vorprogrammiert. Die psychischen Schäden muss die Hauptschule oft genug in den oberen Jahrgangsstufen ausbügeln, wenn Eltern kleinlaut ihre gescheiterten Kinder wieder an die Hauptschule zurückmelden.
Eine Erleichterung für die 4.Kl.-Lehrkräfte ist deutlich zu spüren: Im Januar teilen sie den Eltern nur noch den Notenstand mit. Im April werden zwar ausführliche Übertrittszeugnisse für alle Schüler formuliert, in denen das Lern-, Arbeits- und Sozialverhalten sowie die Leistungsstände ausführlich dokumentiert werden. Aber im Jahreszeugnis können viele Texte übernommen werden, da sich innerhalb weniger Wochen nichts Wesentliches verändert haben kann.
Für die Schulleitung entstanden im Mai/Juni große Ungewissheiten bei der Klassenplanung für die 5. Klassen: Wie viele der 4.Kl.-Eltern nutzen das Übertrittszeugnis tatsächlich  zur Anmeldung? Nur die Rückmeldungen der Gymnasien und Realschulen gaben nach vielen Telefonaten Gewissheit über die verbleibenden Schüler, oft auch erst nach dem Probeunterricht der benachbarten Schulen. Zwar bestanden bayernweit nur 25 % der Schüler den Probeunterricht an Realschulen erfolgreich – von den Gymnasien war noch keine bayernweite Zahl verfügbar – aber die Ungewissheit für die Klassenplanung blieb für die Hauptschulen spürbar. Hier bedarf es noch eines neuen, automatisierten Rückmeldeverfahrens an die Haupt- bzw. Mittelschulen.
Für die Eltern brachte das neue Übertrittsverfahren Erleichterungen: Die Eltern von Schülern mit grenzwertigen Übertrittsnoten brauchten die Lehrkräfte nicht mehr wie früher persönlich um die Ausstellung eines Übertrittszeugnisses zu bitten. Zudem konnten sie bei den mäßigen Noten von 4+4 nach dem Probeunterricht selbst entscheiden, ob ihr Kind ins Gymnasium oder in die Realschule wechselt. In Folge sank der Schülerstand der 5.Klässler z. B. in Hauptschulen im  Landkreis München um 20 Prozent!
Neue Probleme: Künftig sieht das neue EUG vor, dass für schulwechselinteressierte Schüler in der 5. Jahrgangsstufe der Hauptschule die Noten in Deutsch-Mathematik-Englisch im Jahreszeugnis entscheiden. Ein erstes Problem liegt im Fach Englisch: Wie soll diese Jahresnote bei nur 300 Wörtern an neuem Pflichtwortschatz mitentscheiden können, ob der Schüler in Realschule oder Gymnasium mitkommen kann, wenn dort über 500 Wörter pro Jahrgang üblich sind? Als zweites Problem wurde genannt, dass bei allen Schulwechselinteressierten bei einer zu schlechten Durchschnittsnote die Konferenz über die Eignung entscheiden soll. Wie sieht dann die Klassenplanung für die Hauptschule rsp. die anderen Schulen aus, wenn erst im August die Konferenzentscheidungen gefallen sind?     

 

Gesamt-Resümee: Insgesamt verblieb in der Teilnehmerrunde ein sehr positiver Eindruck von der Gesprächsbereitschaft des Staatsministers. Das große Interesse an der Rückmeldung von der „pädagogischen Front“ war deutlich zu spüren und die Hoffnung bleibt bei allen Teilnehmern, dass die gegebenen Rückmeldungen recht bald in die nächste Runde des Übertrittsverfahrens einfließen werden.

 

Dipl.Päd. Werner Sprick
Landesvorsitzender des Bayerischen Schulleitungs-Verbands BSV