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Überforderte Chefs

Volksschul-Rektoren und die Bürde der Bürokratie

Bayerns Volksschulrektoren müssen ungleich mehr Unterricht halten als ihre Kollegen in anderen Staaten und Bundesländern, sind deshalb chronisch überlastet und können ihre Führungsaufgaben nicht erfüllen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Bamberg, die an den Schulen „geradezu bedrohliche” Zustände konstatiert. „Nahezu alle” befragten Rektoren „vermissen die notwendige staatliche Unterstützung und fühlen sich im Stich gelassen”. Die Schulleiter beklagen sogar eine „tägliche bürokratische Vermüllung” mit „redundanten und überflüssigen amtlichen Mitteilungen und Aufgaben”. Weil die Schulleiter zu sehr mit Unterricht und Verwaltung beansprucht würden, fehle ihnen die Zeit für Führungsarbeit, darunter leide die Qualität der Schulen erheblich.

 

„Wenn es dem Freistaat mit der Aufrechterhaltung des dreigliedrigen Schulsystems und der Wertschätzung der Grund- und Hauptschulen ernst ist, dann stehen die Arbeitsbedingungen der Rektoren dazu im Widerspruch”, schreibt Pädagogik-Professor Heinz Rosenbusch von der Forschungsstelle für Schulentwicklung und Schulmanagement der Uni Bamberg in der Studie. Er empfiehlt, den Rektoren mehr Zeit für das Management ihrer Schule einzuräumen und sie besser auf ihre Aufgaben vorzubereiten. „Sonst verliert Bayern den Anschluss an moderne Schulsysteme.”

Die Untersuchung entstand im Auftrag des Bayerischen Schulleitungs-Verbandes (BSV). Dessen Vorsitzende Brigitte Hofmann-Koch fordert: „Wir wollen nur genauso viel Leitungszeit wie die Realschulleiter.” Ein Volksschulrektor muss 15 Stunden pro Woche im Klassenzimmer stehen, die Kollegen von Realschule und Gymnasium nur neun beziehungsweise sieben Stunden. „Das ist eine völlig ungerechtfertigte Diskrepanz”, sagt Hans-Ulrich Pfaffmann, der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion. „Hier besteht seit langer Zeit akuter Handlungsbedarf, zumal die Belastung der Rektoren immer größer wird.” Diese Situation verschärfe laut Untersuchung die mangelhafte Unterstützung durch das Sekretariat; auch hier wird in Bayern ein „drastisches Ungleichgewicht” zu Lasten der Volksschulen festgestellt.
Der BSV hat deshalb in einer Petition an den Landtag beantragt, die Leitungszeiten der Volksschulrektoren sowie die Arbeitszeit der Verwaltungsangestellten an die Vorgaben in höheren Schulen anzupassen. Das Kultusministerium räumt in seiner Stellungnahme ein, die Zustände an den Volksschulen seien „verbesserungsbedürftig”, stellt aber lapidar fest: „Ob hierfür in künftigen Haushalten ein Finanzierungsspielraum besteht, bleibt abzuwarten.” Der Ausschuss für Fragen des öffentlichen Dienstes gab die Eingabe des BSV zur Würdigung an die Staatsregierung weiter. Doch Pfaffmann ist skeptisch, was die Erfolgsaussichten betrifft: „Ich sehe bei der Regierung leider keine große Bereitschaft, an diesem Missstand etwas zu ändern.”
Die CSU stellte ihren Parteitag am Wochenende unter das Motto ;,Beste Bildung, beste Chancen", dennoch befürchtet Brigitte Hofmann-Koch, dass die Grund-, Haupt- und Förderschulen wieder leer ausgehen: „Wir hören nun schon seit Jahren, dass wir eigentlich Recht haben, aber dass kein Geld zur Verfügung steht.” Nach einem langen vergeblichen Kampf hofft die Rektorin der Augsburger Werner-von-Siemens-Grundschule, dass die Bamberger Studie die Staatsregierung zum Umdenken bringt. Zumal die Untersuchung auch Wege aufzeigt, wie eine Reform ohne Mehrkosten möglich sei – durch „konsequente Verwaltungsvereinfachung”, „Reduzierung der zahlreichen Klassenwiederholungen” und besser qualifizierte Schulleiter.

Hinter dem Standard

Dass Rektoren andere Fähigkeiten und eine andere Ausbildung benötigen als ein Fach- oder Klassenlehrer, ist inzwischen internationaler Konsens. Nur in Bayern nicht. Während in vielen Staaten Schul-Management als eigenständiger Beruf mit spezifischen Ausbildungsprogrammen angesehen wird, bleiben im Freistaat laut Studie „die Qualifizierungs- und Rekrutierungsmaßnahmen weit hinter internationalen Standards zurück”.
Heinz Rosenbusch betont, dass in erfolgreichen Schulsystemen die Rektorenstellen im Hinblick auf Besoldung, Arbeitsbedingungen und Gestaltungsfreiräumen „möglichst attraktiv” sein sollten. Seine Studie belegt, dass in Bayern exakt das Gegenteil der Fall ist.

Stefan Mayr

Süddeutsche Zeitung Nr. 238, Seite 51 vom 16. Oktober 2006