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SZ Mai 2006

Presseartikel Mai 2006 - Süddeutsche - ausgewählt und zusammengestellt von Helmut Schuster                                                                           

"Das Problem ist beileibe kein Einzelfall"

 


Wenn ein Drittklässler Telefondienst macht
Rektoren an Grund- und Hauptschulen klagen über zu wenig Zeit und Mitarbeiter für die Verwaltungsarbeit

 

Von Stefan Mayr

Augsburg — An einem ganz normalen Schultag rief Robert Blank (Name geändert) in der Grundschule seines Sohnes in einem Dorf in Nordschwaben an. Er wählte die Nummer des Sekretariats, doch am anderen Ende der Leitung meldete sich: sein neunjähriger Sohn Fabian. So verdutzt der Vater war, so routiniert gab sich der Drittklässler: „Ich muss öfters ans Telefon gehen, Papa”, sagte er, während sich seine Klassenkameraden amüsierten. Fabian übernahm während der Unterrichtszeit immer dann den Telefondienst seiner Schule, wenn seine Klassenleiterin, die gleichzeitig Rektorin ist, im Schulhaus unterwegs war. Immer, wenn sie irgendwo gebraucht wurde, musste sich die Klasse selbst beschäftigen. Immer, wenn die Teilzeit-Sekretärin schon zu Hause war, drückte sie dem Klassensprecher Fabian das schnurlose Schultelefon in die Hand.
Die Klassen regelmäßig ohne Aufsicht, Schüler als Aushilfssekretäre — sieht so im Jahr sechs nach Pisa der Unterricht an Bayerns Grundschulen aus? „Das ist vielleicht keine gängige Vorgehensweise, das Problem ist aber beileibe kein Einzelfall”, kommentiert Brigitte Hofmann-Koch, die als Vorsitzende des Bayerischen Schulleitungsverbandes (BSV) die Interessen der Volksschulrektoren vertritt, den Vorfall in Nordschwaben. Die Leiterin der Werner-von-Siemens-Grundschule in Augsburg-Hochzoll kennt die Arbeitsbedingungen der Rektoren an den bayerischen Volksschulen aus eigener Erfahrung. „Wenn ein Schulleiter. auch noch Klassenleiter sein muss, dann ist das die Quadratur des Kreises”, sagt sie, „da bleibt ein Bereich zwangsläufig auf der Strecke”.
Seit Jahren kämpft Hofmann-Koch dafür, dass Volksschul-Rektoren weniger Unterricht halten müssen und mehr Zeit für die Organisation des Schulbetriebs bekommen. Doch die Verwaltungsaufgaben werden für Hofmann-Koch und ihre Kollegen immer mehr statt weniger. So müssen Leiter von Volksschulen seit einem Jahr zusätzlich die dienstliche Beurteilung des Lehrer-Kollegiums leisten – ohne auch nur eine Unterrichtsstunde weniger geben zu müssen. Hofmann-Koch: „Mir ist noch keiner begegnet, der das nachvollziehen kann.”
Ein Rektor einer Volksschule mit 450 Schülern muss pro Woche 15 Stunden im Klassenzimmer stehen. Bei einem Direktor eines gleich großen Gymnasiums sind es nur sieben Stunden, also weniger als die Hälfte. Realschulleitern werden nur neun Stunden zugemutet. Die Klassenleitung bleibt den Leitern weiterführender Schulen grundsätzlich erspart, an den Volksschulen ist dies dagegen die Regel. Und trotz dieser höheren Belastung werden die Volksschul-Rektoren schlechter besoldet. Während die Schulleiterposten an Gymnasien (A 16) und Realschulen(A 15) heiß begehrt sind, muss die Stelle eines Volksschul-Rektors (A 14 oder A 13) mitunter dreimal ausgeschrieben werden, bis überhaupt eine Bewerbung eingeht. „Die Kollegen sagen, der Stress steht in keinem Verhältnis zur Bezahlung, das tue ich mir nicht an”, berichtet Brigitte Hofmann-Koch.
Obendrein sind die Sekretariate an den weiterführenden Schulen bis ums Vierfache besser besetzt als jene an den Volks- und den Förderschulen: Ein Gymnasium mit 450 Schülern hat zwei Vollzeit-Verwaltungsangestellte, eine Volksschule dagegen lediglich eine Halbtags-Kraft. Um diese Ungleichbehandlung zu beenden, hat der BSV eine Petition an den Bayerischen Landtag gerichtet. Nach Auskunft der Landtags-Pressestelle wird sich der „Ausschuss Offentlicher Dienst” frühestens im Juni mit der Eingabe beschäftigen.

Die Politiker wiegeln ab

Die Politiker im Maximilianeum kennen das Problem. Bei mehreren Gesprächen mit Abgeordneten — zuletzt beim Parlamentarischen Abend mit Mitgliedern des Bildungsausschusses der CSU-Fraktion — legte Brigitte Hofmann-Koch die Diskrepanz zwischen Volks- und Eliteschule dar. „Wir bekommen immer nur gesagt, wir hätten Recht, aber andererseits dürfe man den nächsten Generationen keine Schulden hinterlassen”, sagtsie. „Doch das kann ich nicht mehr hören. Die negativen Auswirkungen auf die Bildungs-Situation sind doch eine weit größere Schuld als die finanzielle.”
Schon vor zwei Jahren machte der BSV in einem Brandbrief an das Kultusministerium auf die Missstände aufmerksam. Darin heißt es: „Klassenleitung durch Schulleiter bedeutet einen offenkundigen Nachteil für das einzelne Kind, die Schule und die Gesellschaft von morgen.” Geändert hat sich freilich nichts. Der BSV ist das Warten nun leid und hat parallel zu der Petition ein wissenschaftliches Gutachten bei Pädagogik-Professor Heinz S. Rosenbusch, dem Leiter der Forschungsstelle für Schulentwicklung und Schulmanagement an der Universität Bamberg, in Auftrag gegeben. Als Hofmann-Koch am Tisch mit den Politikern dies ankündigte, waren ihre Gesprächspartner plötzlich hellwach: „Das hohe Interesse daran war unverkennbar”, so Hofmann-Koch.
Fabian Blank muss inzwischen keinen Telefondienst mehr schieben, seitdem sich sein Vater beschwert hat. Aber als sein Klassenkamerad Manuel unlängst einen Test nachschreiben musste, legte die Klassenleiterin das Arbeitsblatt dessen Tischnachbarn Maximilian vor. Sie hat ihre Schüler schlicht verwechselt. So etwas kann vorkommen bei einer Klassenleiterin, die gleichzeitig Rektorin ist. Auch kurz vor dem Zwischenzeugnis, also nach einem halben Schuljahr.

SZ Nr. 106, Seite 38 vom 9. Mai 2006