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„Der Königsweg“ oder "Spreu und Weizen"

Eine Glosse von Till E. Spiegel (01/2008)

 

Die Glossen sind keine Meinungsäußerungen des BSV. Sie enthalten Gedanken und Anregungen eines Mitglieds, manches ist auch unterhaltsam ironisch gemeint.

 

Textfeld:  Eine Glosse von Till E. Spiegel (01/2008)

In Deutschlands selektiven Schulsystemen stellt sich permanent die Frage, wie der eigene hoffnungsvolle Nachwuchs möglichst glanzvoll den Gipfel erreicht, um von dort auf die weniger erfolgreichen Bildungskonkur-renten herabsehen zu können. Der Weg ist steinig und steil; stabile, starke, stur Studie-rende erreichen den Standard der deut-schen Bildungsseele: das gymnasiale Abitur! Strahlend steht der stolze Studiosus nah den Sternen auf der Spitze – und entdeckt entsetzt, dass andere schon vor ihm ange-kommen sind!
Was ist das? Die kenn ich doch! Die sind doch damals, auf halbem Wege mitten im Steilstück, rechts abgezweigt und hinter Felsvorsprüngen meinen Blicken ent-schwunden? Wie haben sie mir leid getan, es hat halt nicht gereicht! Nicht jeder kann Elite sein und die Spreu muss nun mal vom Weizen getrennt werden, wie es schon im-mer war und unser Altphilologe Dr. A.B. Scheider so schön schwadronierte. Und meistens waren sie auch selber schuld: zu leichtes Schuhwerk, Freizeit statt Nachhilfe, das rächt sich!
Aber wieso sind die jetzt schon im 2. Semester im Fachstudium an der FHS und ich komme eben erst glücklich, aber recht geschlaucht, hier an? Ist mir da was entgan-gen, eine „Ehrenrunde“ hätte ich doch bemerken müssen! Hab doch jede Spalte, jede Schlucht überwunden, hab manches Mal gewackelt, doch jeden Grat ausbalan-ciert und auf Anhieb den Thron erreicht mit den knapp 60 % jener Erlesenen meines Jahrgangs, die sich damals als Minderheit aller Zehnjährigen mit mir auf den langen, schweren Marsch gemacht haben. Nichts für Weicheier, hat man uns gesagt, schon gar nichts für Dummköpfe oder Faulpelze. Die bleiben da auf der Strecke. Und so schien es auch all die Jahre über. Ellbogen statt Händchenhalten – gesegnet ist was hart macht! Nur die Besten werden es schaffen –büffeln wie die Ochsen für den hellen Geist!
Es war schon tragisch, wie damals nach der 8. Klasse 3 Schüler und nach der 9. Klasse nochmals 4 „freiwillig“ an die Hauptschule in unserem eher ländlichen Kleinstadt wegscherten. Hauptschule = Restschule = Ausländerschule, und das nach 5 Jahren Gymnasium! Die hatten sogar das Klassen-ziel erreicht – und gingen dennoch ab! Das hat damals keiner von uns verstanden, die „auf Kurs“ geblieben sind.
Aber jetzt steigen die da vorne schon über den nächsten Pass, das gibt`s doch gar nicht! Und sie lächeln dabei auch noch und zeigen ihre Legitimation: Mittlere Reife-Zeugnis von der Hauptschule, fast alle mit 1-Komma-x, dann zwei Jahre Fachoberschule, gutes Fachabitur, anschließend gleich in die Fachhochschule, wo immerhin knapp 50 % mit gymnasialem Allgemeinabitur studieren. Und mit uns gleichzeitig kommen da noch ein paar „Abtrünnige“ an, die Realschule und die FOS 13 gemacht haben. Die können sich, wie wir, um 360 Grad drehen und in jede gewünschte Richtung weiter wandern. Obwohl sie sich abgeseilt haben damals, als sich die dritte Fremdsprache drohend in der überhängenden Wand aufgebaut hat.
Die „Abseiler“ haben damals allerhand Ballast abgeworfen, waren mit ihrem „Latein“ am Ende, gaben Französisch und hochtheoretische Kletterkunde in verwissen-schaftlichen Naturfächern auf. Es kann so viel nicht geschadet haben, denn immerhin sind es in Bayern heute 43 % aller Studie-renden, die kein gymnasiales Abitur haben. Ist das schon so weit: Wer Erfolg hat, ent-scheidet das Leben, nicht der Schulab-schluss? Was ist nun der Königsweg? Das Abitur oder die Abkürzung über die Haupt-schule?
Offenbar führen viele Wege nach Rom – nach wie vor oder sogar mehr denn je!

Durch nichts erhält die Hauptschule in Bayern heute eine höhere Aufwertung als durch die Tatsache, dass immer mehr Gymnasiasten – und auch Realschüler - nach der 7., 8. oder 9. Klasse in den M-Zug wechseln, dort erfolgreich lernen und damit den lebendigen Beweis antreten, dass die Hauptschule sehr wohl zu etwas führt und mehr ist als nur ein „billiges Schlupfloch“, mit dem die Propagandisten des klassischen Abiturs ausgetrickst werden. Zu dem nach wie vor starken Abgang bis zur 8. Klasse an die Realschule kommt ein neuer Trampelpfad hinzu. Erfolgloser hätten die aufwändigen, teuren R 6 und G 8-Schulreformen zum „Umlenken“ von Schülerströmen nicht sein können! Aber es ist nun mal so wie es ist.

Natürlich kann man das auch als einen Be-weis der „hohen Durchlässigkeit“ des bayerischen Bildungssystem sehen, das es so in Ländern wohl nicht mehr gibt, die die „Hauptschule“ abgeschrieben haben.
Natürlich sollten darüber auch mal die „Großen Medien“ reden und schreiben! Landauf, landab, aber besonders im Norden und in bayerischen Großstädten werden a-ber lieber Totengesänge angestimmt, schreiben Publizisten das Ende der Haupt-schule geradezu herbei.
Natürlich haben nach wie vor die sich als deutsches Bildungsbürgertum definierenden Meinungsführer meist nur am Gymnasium „einen Narren gefressen“, die Hauptschule dagegen kennen sie kaum. In solchen Köpfen lässt sich die Hauptschule relativ leicht abschaffen.
Natürlich haben die fünf neuen Bundesländer die Hauptschule erst gar nicht eingeführt, wenn nur 6 % der Eltern sie für ihre Kinder wollen und aus standespolitischer Sicht die Lehrerschaft einen „Schuss“ haben müsste, von der früheren „Gemeinschaftsschule“ auf die Hauptschule umzusteuern: Mehr Unterrichtsverpflichtung, weniger Gehalt, das ganze Fächerspektrum und dafür die „Auslese“ an schwierigen Schülern, nein danke!
Natürlich schafften Länder wie Saarland, Bremen und zuletzt Rheinland-Pfalz die Hauptschule ab, wenn nicht mal mehr 15 % der Schülerschaft sie besuchen. Wie kann man so eine Schule „Haupt-Schule“ nen-nen? Das ist Förderschule plus x, nicht mehr! Aber die Hauptschüler als solche werden dadurch „bei Leibe“ nicht abge-schafft.
Die Frage muss erlaubt sein, was dort mit denen geschieht, wenn sie mit den „Realschülern“ zusammen geführt werden. Hat nicht die bayerische Hauptschule mit der ihr eigenen Schülerklientel mit Abstand in Deutschland am besten abgeschnitten? Ist es nicht so, dass die 35 % bayerischen Hauptschüler bei PISA deutlich besser ab-geschnitten haben als die Regionalschüler aus Rheinland-Pfalz?
Ein Problem ist, dass das Schulbildungs-thema von bundesweit agierenden Medien in die Öffentlichkeit transportiert wird, die von der Sache oft wenig wissen und noch weniger verstehen. Langsam dämmert`s aber auch vielen Journalisten, dass das Problem der Hauptschule seit mehr als 30 Jahren das einer fehlenden Integrations-politik für Ausländer und nicht erfolgter Sprachkurse in der Unterrichtssprache „Deutsch“ ist. Die Hauptschule wurde vieler-orts zur Migrantenschule und hat sich per-manent übernommen.
Erst „Deutschlernen“ und dann in die Schule gehen, so machen es Länder, die für Kinder und Schulen wirklich Verantwortung tragen. Dreimal darf geraten werden, in welchen Ländern das so ist. Aber wir „Deutschland“ sind doch kein Einwanderungsland! Zwar wanderten in den 90-er Jahren pro Jahr oft bis zu 800.000 Menschen ein, aber wir waren niemals Einwanderungsland! Politisch nicht gewollt, theoretisch nicht vorhanden, was scheren wir uns um die Wirklichkeit? Kanada, Neuseeland und Australien nah-men jährlich maximal und handverlesen 50.000 Menschen auf und sorgten für um-fassende Eingliederung, allen voran Sprachkurse und individuelle Betreuung und Beratung. Und bei uns schaut man ungeniert zu, wie die Schulsysteme daran kaputt ge-hen – obwohl die Alarmglocken in den überlasteten Schulen permanent schrillten!
Vielerorts haben 40 % aller Schulkinder einen „Migrationshintergrund“, welch schleierhaftes Wort! An städtischen Haupt-schulen sind es oftmals mehr als 70 % Aus-länderanteil. „Ausländerschule“ ist also ein Ausdruck, der der Realität oft näher kommt wie „Hauptschule“. Berichte über Haupt-schulen, an denen Schüler infolge von Sprachproblem unmotiviert ihre Zeit vergeu-den und statt Lernprozesse mit dem Gesetz in Konflikt kommen und sich auf Strafpro-zesse einstellen müssen, prägen leider das veröffentlichte Bild der Hauptschule.
Und dabei wird dieses Bild der Wahrheit in keinster Weise gerecht und schon gar nicht in den ländlichen Regionen Bayerns. Hier arbeitet die Hauptschule nach wie vor sehr erfolgreich, an vielen Orten besteht bereits wieder für klassische handwerkliche und in-dustrielle Lehrstellen ein Bewerbermangel aus Hauptschulen, ein Mangel, der mit Si-cherheit zunehmen wird!
Hat sich schon mal jemand gefragt, ob die geringe Arbeitslosigkeit besonders bei der Jugend in Bayern nicht auch mit den PISA-Ergebnissen zusammenhängen könnte? Entscheidend ist heute die „Men-Power“. Wenn Sie eine Firma aufmachen würden, würden Sie nicht auch dahin gehen, wo Sie die fähigeren und leistungsbereiten Mitarbei-ter einstellen können?
Die Schülerschaft, die in Bayern die Haupt-schule besucht, ist um Klassen besser als die gleich begabten Schüler in den anderen Bundesländern. Es wäre also völliger Un-sinn, die Hauptschule hier und heute abzu-schaffen. Vielleicht spricht aber aus der ver-breiteten Neigung des deutschen Bildungs-bürgertums, dies dennoch zu tun, nur die Geringschätzung der beruflichen Bildung?

Nun bedauern alle, dass wir in Deutschland vergleichsweise wenig Hochschul-abschlüsse haben, aber der Zugang wird zwangsweise knapp gehalten. Dabei ver-gessen wir, dass die Auslesemechanismen zu einem großen Teil auf immensen Mengen von auswendig gelernten und wenig an-wendbaren Wissen und Können beruhen. Nur sehr selten wird zitiert, was auch in den OECD-Berichten steht: In Deutschland ha-ben 84 % aller Erwachsenen einen Sekun-dar-II-Abschluss, trotz des hohen Auslän-deranteils! Im OECD-Schnitt sind das nur 67 %. Unser System der beruflichen Bildung ist weltweit führend, oft kopiert, aber unerreicht! Das passt nicht ins Bild, wird einfach selten geschrieben. In manch mühsam gebildeter Vorstellung beginnt der Mensch erst mit „seinem Abitur“, mit der „Vollreifeprüfung“. „Mittlere Reife“ ist da nur halbe Reife, Spra-che verrät oft die Denkart!
Was aber sind die tragenden Stützen der Gesellschaft, wo wird der „Wert“ produziert, der in alle sekundären Bereiche umverteilt werden kann? Wer sind die Zugpferde der Gesellschaft?
Unsere Lokomotiven sind erfolgreiche Wirtschaftsunternehmen, die hier in un-serem Lande Menschen „Arbeit und Brot“ geben. Nichts könnte verteilt und finanziert werden, auch nicht die uns so wertvolle Bil-dung, wenn nicht Wirtschaftsbereiche wie der deutsche Maschinenbau da wären, die entsprechende „Überschüsse“ erzielen wür-den, von denen die ganze Gesellschaft profi-tiert. Hehre Bildungsziele in Ehren, aber wir leben in erster Linie vom Brot und erst in zweiter Linie von Luft und Liebe!

Kein Wunder, das die meist uneffektiven Strukturreformdebatten immer wieder neu entflammen. Manche faseln von gescheiter-ten Gesamtschulmodellen, als ob es irgendwo in Deutschland schon einmal „Ge-samtschulen“ gegeben hätte! Bei „Gesamt-schule“ gehörten von der Idee wohl die 40 % Gymnasiasten, die Bestenauslese, auch da-zu. Wie kommt man auf die Idee, eine Schu-le als Gesamtschule zu bezeichnen, in der gerade die begabtesten, fähigsten, wohl er-zogenen Kinder nicht dabei sind?

Zunehmend kommen Fachleuten und Eltern Zweifel, ob sich das deutsche Gymnasium über seine Aufgaben und den Ernst der Lage im Klaren ist. Eine Steigerung des Schüleranteils deutscher Gymnasiasten mit Latein und Griechisch um 12 % bzw. 13 % im Jahr 2006 löst zwar ein Triumphgeschrei der Altphilologen aus, die sich über das unerwartete Ergebnis ihrer erfolgreichen Image-Kampagne wohl selbst wunderten, dürfte aber nicht ganz im Einklang mit den „Zeichen der Zeit“ sein. Da beklagt die deutsche Wirtschaft - wachstumssüchtig wie sie nun mal ist - mit deutlich weniger Euphorie den mittelfristigen Mangel an 100.000 Ingenieuren. Allein 43.000 Informa-tiker wären nötig, aber das deutsche Schul- und Hochschulsystem produziert am Bedarf vorbei: Juristen, BWL-er und ganz oft viele junge Menschen, die gar nicht wissen, was sie studieren wollen oder könnten und zu 25 % sogar das Studium abbrechen. Jedenfalls viel zu selten Naturwissenschaft, denn die ist vielen zu fremd und schwer. 1000 Ingeni-eure sichern mindestens 15.000 – 20.000 Arbeitsplätze. Aber darf man bei Bildung wirklich in erster Linie an profane Arbeit denken?

Ob der Föderalismus beim Schulsystem im Nachkriegsdeutschland eine gute Idee war, ist zweifelhaft. Tatsache ist, dass er Realität ist und dass daraus auch Chancen erwachsen. Es sieht so aus, dass Bayern mit seiner Hauptschule bald einen Son-derweg geht. Bayern ist aber – das muss betont werden – bei PISA und IGLU spitze. Unbestritten ist aber auch, dass gerade durch die frühe Selektion nach der sehr un-glücklichen R 6 –Einführung die soziale Se-lektion in Bayern schädliche Folgen hat. Wir müssen heute die Hauptschule in Bayern nicht abschaffen. Sie muss durch die „Hauptschul-Initiative“ und vor allem durch das flächendeckende Überführen in Ganz-tagsschulen gestärkt werden. Die beste Schule ist jene, an der das einzelne Kind am meisten lernen kann. Natürlich könnte man das auch in einer Gemeinschaftsschule tun, aber die lässt noch länger auf sich warten. Das Letzte was uns hier hilft, sind ideologi-sche Diskussionen um Schulformen, aber genau in jene alten „Creoden“ geraten wir unweigerlich, wenn wir über Schulstrukturen reden. So lange sich das Gymnasium für etwas „Besseres“ hält und vom Bildungsbür-gertum und den Mächtigen gehalten wird, werden sich „zwangszugewiesene“ Schüler am anderen Ende und ihre Eltern „diskrimi-niert“ fühlen. Erst wenn eine allgemeine Wertschätzung der Hauptschule sich durch-setzt, kann diese Diskussion als beendet be-trachtet werden.

Ein Segen wäre es, heute oder morgen die erfolgreichste Schulart auszubauen: die Grundschule, die nicht nur bei IGLO glänzt! Ihr so schnell wie möglich die 5. Jahrgangsstufe zu geben mit umfassenden Förder- und Differenzierungsmöglichkeiten, mit Lernschienen, konkreten und abgesi-cherten Bildungsstandards bei den Schlüs-selqualifikationen würde allen Schularten helfen, die auf ihr aufbauen sollen. Dazu soll auch die Hauptschule gehören, die gut aus-gebaut durchaus ein eigenes Profil ausprä-gen kann, das für ein Drittel der Schüler und Eltern die beste Alternative darstellt. Uns – und nicht nur den Hauptschulen - würde es durchaus reichen, die Schüler ein Jahr spä-ter aus der Grundschule zu bekommen.

Geben wir dem gesamten Schülerjahrgang noch ein weiteres gemeinsames Jahr – die Vorteile überwiegen bei weitem!