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Fördern und Fordern? Wann kommt die Budgetierung bei den Schülern an?

Eine Glosse von Till E. Spiegel (10/2007)

 

Die Glossen sind keine Meinungsäußerungen des BSV. Sie enthalten Gedanken und Anregungen eines Mitglieds, manches ist auch unterhaltsam ironisch gemeint.

 

Textfeld:  Eine Glosse von Till E. Spiegel (10/2007)

Fördern und Fordern?
Wann kommt die Budgetierung bei den Schülern an?

Kann es sein, dass es nur eine Eintagsfliege war, als die Hauptschulen im letzten Schuljahr recht großzügig mit Lehrerstunden zur individuellen Förderung bedacht worden waren? So überraschend, wie dieser Segen über uns gekommen war, so überraschend verschwand er nun weitgehend wieder, obwohl es am Feedback der beteiligten Schulen nicht gelegen haben kann. Denn groß waren die Erfolge, einzelne Schüler in kleinen Gruppen dort abzuholen, wo sie standen und das war zum Beispiel in der 5. Klasse in Mathematik nicht selten bei einer Neueinführung des Zehnersystems, weil die Schüler es einfach noch nicht kapiert hatten! Die Ergebnisse machten Mut, oft verbesserten sich die Schüler um zwei Notenstufen und fanden Anschluss am Lernniveau der ganzen Klasse.

So hätte man vom Ansatz her entscheidend dazu beitragen können, dass deutlich weniger ausbildungsunfähige Jugendliche die Schule verlassen. Doch wie nachhaltig, um das beliebte Modewort nicht zu umgehen, sind denn diese Reformansätze? Wie es aussieht, wurden dieser „Segen“ auf ein Viertel des Vorjahrs zusammengestrichen! Natürlich fragen wir uns, warum diese Förderstunden, die von erfahrenen Lehrern und oftmals auch von Schulleitern erteilt wurden, trotz des positiven Echos wieder in der Versenkung verschwinden sollen. „Versenkung“ ist wohl nicht ganz der richtige Ausdruck, denn offenbar handelt es sich eher um eine „Ver-Schiebung“!
Wieder einmal ist für die Volksschulen nicht genug da, das Notwendige sicher zu stellen. Fördern scheint wieder als Luxus zu gelten, andere Dinge gehen vor. Die M-Klassen sollen die Hauptschule konkurrenzfähig halten zu anderen Schularten und nun führt man ja auch in Bayern großzügig Ganztagsklassen ein. Jede Schule, die eine solche Klasse hat, wird Ganztagsschule genannt, und davon möchte man plötzlich sehr viel haben. Trotz pädagogischen Expertenrats hat man noch vor wenigen Jahren davon in Bayern nur wenig wissen wollen, aber die Zeiten ändern sich!
Na gut, jeder kann aus Fehlern der Vergangenheit lernen, aber muss es sein, dass die Einrichtung von Ganztagesklassen auf Kosten der Stundenzuweisung an alle anderen Hauptschulen geleistet werden muss?
Was haben wir im Ort B, C, D, E und F davon, wenn der Ort A Ganztagsklassen bekommt und dazu mindestens 12 Stunden pro Klasse (früher 19!) mehr beansprucht, was sicher eher knapp bemessen ist? Genau das: weniger Lehrerstunden, weniger Unterricht, weniger Arbeitsgemeinschaften, weniger Förderung! Das erhöht nicht gerade den Zusammenhalt an einer Schulart, die sowieso um ihr Überleben kämpft. Konkurrenz belebt in diesem unfreiwilligem Verzicht nicht, es kann auch zerstören, besonders wenn die Einen auf Kosten der Anderen wachsen.
Warum das so ist, liegt an einem Novum, das es nur im Volksschulbereich so gibt. Alle anderen Schularten werden mit Lehrerstunden als dem wichtigsten Kostenfaktor innerhalb der materielle „Bildungsgrößen“ nach folgendem einfachen und gerechten Muster bedacht: je mehr Schüler, umso mehr Lehrerstunden, doppelt so viele Schüler, doppelt so viele Lehrerstunden. Das gilt für jedes Gymnasium, jede Berufsschule, Fachoberschule, Wirtschaftsschule und jede Realschule. Ein einheitlicher Schlüssel bei jeder Schulart für ganz Bayern kommt an jeder Schule und bei jedem Schüler an.

Nicht so bei den Volksschulen. Hier gilt die Budgetierung zwar noch für die Regierungsebene und auch für den Landkreis. Aber dann haben die Staatlichen Schulämter die unangenehme Aufgabe, die Stunden innerhalb der Volksschulen des Landkreises so zu verteilen, dass Schulen mit sehr kleinen Klassen ihre Pflichtstundentafel noch abdecken können, wozu an „großen“ Schulen Klassen mit größeren Schülerzahl gebildet und Lehrerstunden „weggenommen“ werden müssen. Mit den berühmten „Messzahlen“ kann sich jeder Schulleiter leicht ausrechnen, mit wie vielen Stunden er „dabei“ ist, mehr oder weniger zu bekommen als seiner Schule nach der kultusministeriellen Maßzahl zustünde. Diese hängt selbst natürlich entscheidend davon ab, wie viel Geld für die Anstellung von Lehrern vom bayerischen Staat bereitgestellt wird und zunehmend auch davon, ob überhaupt genügend ausgebildete Lehrer am Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.

Nun ist das Ganze leider nicht so, dass mal die eine, mal die andere Schule ein Opfer leisten muss, sondern es sind seit Jahrzehnten - und wenn sich nichts ändert, bis in alle Ewigkeit - die gleichen Schulen, ihre Schüler, Eltern und Lehrer, die den Preis großer Klassenstärken dafür zahlen, dass andere sich in einer Schulidylle entfalten können, für die ihnen niemand neidisch ist, die man aber auch verständlicherweise gerne mal selber hätte. Hier von Solidarität zu reden, erzeugt einen üblen Beigeschmack. Solidarität kann keine Einbahnstraße auf ewige Zeiten sein.

Weil man überzeugt sein darf, dass der gegenwärtige Zustand auch ethisch nicht im Sinne der Schulen sein kann, die davon profitieren, sollte ein Vorschlag diskutiert werden, mit dem man die Misere so lösen könnte, dass diese kleine, leistungsfähigen Schulen nicht auf Kosten der anderen Schulen erhalten bleiben können und sich dennoch weiter entwickeln können.
Die Gemeinden jener Schulen kaufen einfach nach Feststellung der Planung im Mai die notwendigen und/oder gewünschten Lehrerstunden hinzu, die ihnen beim Vergleich mit der Messzahl fehlen. Die anderen Schulen erhalten ihr volles Stundendeputat und kommen damit selbständig aus, so wie die Schulen aller anderen Schularten. Das Kultusministerium stellt so viele Lehrer zusätzlich ein, wie an Bedarf angemeldet und „bestellt“ wird. Das Schulamt hilft bei der Umverteilung und Abrechung der Lehrerstunden mit den Gemeinden.
Natürlich muss man für diesen Vorschlag verwaltungsrechtliche und –technische Veränderungen vornehmen, aber wenn sich die Zeiten ändern und die selbständige Schule kommen soll, dürfte das nur ein „Klacks“ sein. Große Reformen sehen noch ganz anders aus, diese kleine würde schon mal erhebliche Verbesserungen für alle und die Schulen den Gemeinden deutlich näher bringen. Experten der Schulforschung raten: Schule soll von der Tendenz her zunehmend subsidiär auf der kommunalen Ebene mitgestaltet werden können. Ein möglicher „Zukauf“ von Lehrerstunden für alle Schulen wäre ein erster wichtiger Schritt dazu. Die Einen kaufen sich Stunden für den musischen Bereich, die andern für Sport, manche für Hochbegabte und wieder andere zum Fördern Lernschwacher oder zur Sprachförderung, je nachdem was die Kinder vor Ort brauchen. Das wissen die Schule am besten, darauf kann und soll man vertrauen.
Im Übrigen könnte man so die Schließung vieler Schulen verhindern, ja man hätte schon viele Schulschließungen in der jüngeren Vergangenheit verhindern können. Steht eine Gemeinde vor der Wahl, Lehrerstunden zuzukaufen oder die Schule zu schließen, wird sie mit größter Wahrscheinlichkeit die Schule am Ort erhalten, auch wenn ihr das jährlich 20 oder 30.000 € kosten könnte. In vielen Fällen wären nämlich die jährlichen Buskosten, die anfallen, um die Schüler zum Nachbarort zu fahren, an dem die dann die Kinder Schule gehen müssten, sogar noch höher.
Nun gibt es den Einwand, die Gemeinde seien ja nur Sachaufwandsträger! Das war schon immer so, das haben wir noch nie gemacht! Aber muss das so blieben? Und kommen die Gemeinden nicht heute auch schon für Personalkosten auf: Hausmeister, Reinigungskräfte, mancherorts Mittags- und Ganztagsbetreuung, Schulsozialarbeit usw.?

Beim Schlüsselproblem „Finanzierung“ wäre es sowieso angebracht, den Anteil der Gemeinden am „Steuerkuchen“ etwas zu vergrößern. Hier besteht auch aus anderen guten Gründen noch ein gewisser Nachholbedarf. Staats- und ordnungspolitisches Denken in der globalisierten Welt machen Subsidiarität zur zwingenden Notwendigkeit. Dies beginnt im Kleinen: Stundenbudgetierung auch bei den Volksschulen, ggf. mit Beteiligung der Gemeinden an den Personalkosten für die Lehrkräfte, dafür lohnt es sich, mit dem Bayerischen Gemeindetag mal ein Wörtchen zu plaudern. Auch dort gibt es viele Städte und Gemeinden, denen eine gerechte Zuteilung ein Herzensanliegen sein müsste. Schon alleine wegen den Kindern dort!