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Klasse leiten, Schule leiten? Statt Klasse lieber Schule klasse leiten!

Eine Glosse von Till E. Spiegel (9/2007)

 

Die Glossen sind keine Meinungsäußerungen des BSV. Sie enthalten Gedanken und Anregungen eines Mitglieds, manches ist auch unterhaltsam ironisch gemeint.

 

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Eine Glosse von Till E. Spiegel (9/2007)

Klasse leiten, Schule leiten?
Statt Klasse lieber Schule klasse leiten!

Schulleiter sind Lehrer und müssen es in den meisten Bundesländern im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern auch bleiben. Natürlich sind Schulleiter ganz besondere Lehrer, wenn sie nebenher zu einem als recht anstrengend und erfüllend anerkannten Beruf auch noch die Berufung zu einer höchst anspruchsvollen Führungstätigkeit wahrnehmen. Nach den jeweiligen Landesvorgaben unterrichten Sie dabei je nach Schulgröße und Schulart wöchentlich noch zwischen 2 und 24 Stunden Unterrichtstunden, was in etwa den Unterschied zwischen Tag und Nacht ausmacht. Während die Einen sich also quasi als Voll-Schulleiter definieren können, übersteigt das Stundendeputat der Anderen sogar die Höchststundenzahl normaler Lehrer in einer eher privilegierten Schulart.

Pech habe jene gehabt, die an den Volksschulen die ziemlich einzige Chance zur Beförderung wahrgenommen haben und sich an der Schulleitung beteiligen. Hier landen sie nicht nur Gehaltsstufen tiefer! Hat ein Gymnasialrektor mit 450 Schülern und A 16 locker mal 1100 € mehr im Monat als sein „gleichwertiger“ Volksschulkollege mit A 14, muss er dafür nicht 15 sondern nur 7 Stunden Unterricht halten, kann zwei Vollzeitsekretärinnen statt einer Halbtagssekretärin für sich arbeiten lassen, hat einen Konrektor, der nur 16 Stunden unterrichtet (bei A 15 + Z) statt einen, der 25 Stunden plus Klassenleitung hat (bei A 13!) und kann an seine Lehrerkollegen 21 Poolstunden für hilfreiche Tätigkeiten zur Schulführung verteilen statt nur 2 oder noch weniger, wie es an Grundschulen mit der gleichen Schülerzahl der Fall ist. Aschenputtel lässt grüßen!
Doch damit längst nicht Ende der Fahnenstange! Selbst an großen Volksschulen müssen heute z.B. in Bayern sogar die Rektoren eine eigene Klasse leiten! Was das an einer Schulart heißt, deren pädagogischer Erfolg und Habitus überwiegend vom Klassenleiterprinzip abhängt, können nur „Insider“ verstehen, die von schulischer Erziehung und Bildung reichlich Ahnung haben. Ahnungslos gibt sicher wieder einmal - und wie immer erfolglos - die Bildungspolitik, die so tut, als ob 1 x 1 doch zwei seien!
Einem Schulleiter eine Hauptschulklasse zuzumuten oder eine große Grundschulklasse, ist keine boshafte „Unterstellung“, sondern hundert-, ja tausendfache Realität in Bayern. Noch vor 10 Jahren hatte jede größere Grund- und Hauptschulen sogenannte „Lokls“, LehrerInnen ohne Klassenführung, die in verschiedenen Klassen nur ihren Fachunterricht erteilen mussten. Konrektoren gehörten meist dazu! Schulleiter mussten keine Klasse leiten, das war der Standard an allen mittleren und größeren Schulen. Diesen Luxus können wir uns heute wohl im innerdeutschen Bildungssiegerland nicht mehr leisten, Lokls wurden an Bayerns Volksschulen weitgehend abgeschafft und das hat mit Lehrermangel zu tun!

Zeit für Helden, möchte man ausrufen, wenn man an die Schulleiter denkt, die Minuten nach dem Stundengong sich von ratsuchenden Kollegen, beschwerdeführenden Eltern und händeringender Sekretärin losreißen, um hektisch ins tobende Klassenzimmer zu stürmen und die eigene „Rasselbande“ - den Kollegen zum Vorbild - wieder zur Räson und zum Lernen zu bringen. Am Nachmittag 27 Aufsätze schwitzend und kopfschüttelnd zu korrigieren, ist allemal vergnüglicher, als sich die Haken um Sponsoren aufzureißen, mit denen man eine gehaltvolle interne Lehrerfortbildung für neue zeitgemäße Lernmethoden finanzieren könnte. Und welcher begeisterte Pädagoge kümmert sich nicht lieber um den kleinen, wichtigen Streit, den seine Kinder aus der Pause mitbringen, als an neuen Instrumenten für die interne Evaluation zu feilen? Sind Vertretungsstunden für erkrankte Kollegen nicht ergiebiger als Unterrichtsbesuche und Beratung bei Kollegen, die ohnehin die Klassenzimmertür lieber geschlossen als offen halten? Und wozu Mitarbeitergespräche, wenn man sich doch täglich in der Pause sehen und nach dem Lehrersport ein Schwätzchen am Stammtisch halten kann? Individuelle Förderpläne und Bildungsmonitoring, intensive Kontakte mit den Betrieben der Wirtschaft, engste Kooperation mit den Kindergärten und weiterführenden Schulen, kollegiale Fallberatung und tausend Sachen mehr, von Mittags- zu Ganztagsbetreuung, von Unterrichtsentwicklung bis gezielter Heranführung an den Beruf, von Prävention bis Werteerziehung mittels gängiger Rituale, von einem vielseitigen Schulleben bis zur Kooperation mit Verbänden und Vereinen, alles neumodischer Firlefanz, worauf unsere Schulen leicht verzichten können! Hauptsache der Schulleiter hält seinen Klassenunterricht und wir sparen teure Lehrer!
Und warum mit großem Aufwand und im Konsens von Lehrern, Schülern und Eltern ein Schulprogramm erstellen und die Lehrerschaft auf ein Schulprofil hin trimmen, wenn man lediglich sowieso nur auf eine spärliche Lehrerzuteilung warten muss, mit der sich weitgehend nur die landesweit einheitliche Pflichtstundentafel erfüllen lässt?

Wie regiert ein Gewichtheber, der 100 kg zu stemmen vermag, dem man aber 200 kg auflädt? Dieses Gefühl kennen jene Schulleiter nur zu gut, denen man zur Schulleitung auch noch eine Klassenleitung aufbürdet, wenn sie diese Aufgabe nicht gerade an einer „Zwergschule“ wahrnehmen, an der das noch gerechtfertigt erscheinen mag.
Natürlich schafft er das nicht, das schafft ihn und bringt seine wertvollsten Aufgaben in der Personalführung und Schulentwicklung weitgehend zum Erliegen. Das Tagesgeschäft der Verwaltung und Schulorganisation sowie das Unterrichten „fressen“ ihn auf, für die von der internationalen Schulforschung neu entdeckten und den der Wirtschaft sehr ähnlichen Leitungs- und Führungsaufgaben eines Qualitätsmanagements bleibt so gut wie nichts übrig.
Solche Wahrheiten können von noch so vielen Gutachten und wissenschaftliche Berichten (zuletzt Rosenbusch, Henzler) untermauert werden, das ficht die Verantwortlichen in Politik und Ministerien nicht an.
Die Arbeitszeiterhöhung bei den verbeamteten bayerischen Volksschullehrer hat diesen nicht nur eine weitere Unterrichtsstunde pro Woche mehr gebracht, sondern vor allem dafür gesorgt, dass nach dem Stellenabbau an den Volksschulen um weit mehr als 2000 Lehrer in den letzten Jahren nun die Rektoren und Konrektoren als Klassenleiter herhalten müssen, weil sonst Lehrkräfte zwei Klassen leiten müssten, was natürlich nicht geht. Aber Schulleitung und Klassenleitung soll schon gehen! Es ist klar, dass es nicht geht bzw. nur auf Kosten der Qualität und zwar in der Regel sowohl bei der Klasse als auch bei der Schule. Nicht zu Unrecht sind Eltern höchst selten begeistert, wenn der Rektor Klassenleiter ihres Kindes wird.
So ergibt sich tägliche, ja stündliche Wahlfreiheit: Vernachlässige ich die Klasse oder die Schule? Wen wundert`s, dass unter diesen Bedingungen viele Schulleiterstellen mehrmals ausgeschrieben werden müssen? Das Schönste kommt dann obendrauf: Kaum hat man die Arbeit als Schulleiter zwei ganze Jahre lang gemacht, schon kriegt er/sie auch die Gehaltserhöhung! Das glaubt einem „draußen“ leider kaum jemand! Wer in der Wirtschaft eine höherwertige Arbeit macht, kriegt dafür auch mehr Geld und zwar sofort, wenn er die Arbeit leistet. Alles andere würde als sittenwidrige Ausbeutung verstanden und wäre auch von der betrieblichen Zielsetzung her kontraproduktiv. Schließlich sollen die Leistungsfähigsten motiviert und nicht demotiviert werden.

Jammern dürfen wir Schulleiter auf keinen Fall, denn sonst müssen wir uns auch noch den Spott anhören. Wir jammern nicht, aber wir halten auch nicht mit der Wahrheit hinterm Berg! Wir haben manchmal den Eindruck, dass die allgemeinen Regeln der Qualitätsentwicklung und der Leistungsgerechtigkeit beim Staat nicht gelten sollen, schließlich kann man mit der Stellensperrung Steuergelder sparen und wer wird da nicht dafür sein? Wo bleibt eigentlich die oft zitierte Fürsorgepflicht unseres Vaters? Haben wir vielleicht gar keinen mehr, der sich um uns und damit um die Chance der Verbesserung der Schulqualität kümmert?