Schulfamilie ade ?

Eine Glosse von Till E. Spiegel (8/2007)

 

Die Glossen sind keine Meinungsäußerungen des BSV. Sie enthalten Gedanken und Anregungen eines Mitglieds, manches ist auch unterhaltsam ironisch gemeint.

 

Textfeld:  Eine Glosse von Till E. Spiegel (8/2007)

Schulfamilie ade ?

Es wäre einmal interessant zu erheben, wie viele „Schulfamilien-Samstage“ es an Bayerns staatlichen Schulen noch gibt, seit dem das Kultusministerium per Diensterlass den ach-so-selbständigen Schulen untersagt hat, mit allen Schülern, Lehrern, Eltern, Freunden, Partnern und Sponsoren der Schule einen ganz besonderen Samstag im Jahr anzusetzen, an dem alle Schüler und Kollegen mitmachen und dafür als Ausgleich dann einen anderen Schultag, idealerweise sogar einen Brückentag, frei bekommen. Auf eine Statistik mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an, die Abfrage würde sich schnell erledigen!

Was würde herauskommen? Schätzungsweise, dass nach zwei Jahren Gültigkeit der angeblich auf „Elternwillen“ durchgesetzten Regelung die meisten der früheren Schulfeste, Tage der offenen Tür, Projekttage wie Gesundheitstag, Sicherheitstag, Tag des Sports in Schule und Verein, Kulturtag, Stadtteilfeste, Schuljubiläen u.v.m. der Schulen in Bayern eingeschlafen sind?
Freuen wird`s jene Kollegen, denen solche Samstags-Pflichtveranstaltungen schon immer ein Dorn im Auge waren. Waren sie doch oft verbunden mit einem nicht unerheblichen Mehraufwand für das Vorbereiten besonderer Projekte und öffentlicher Darstellungen, zwangen sie zu lästigen Kontakten mit Schüler- und Elternschaft, die man am verdienten Wochenende eigentlich nicht sehen möchte und ließen private Wochenendpläne und Gewohnheiten zurückstehen. „Da halt ich lieber Unterricht“, wer kennt nicht diesen Standardsatz jener Kollegen, die gewöhnlich denselben wenig schülerorientiert herunterspulen?

In Zeiten hoher Ansprüche an selbständige innere Schulentwicklung mutet es fast steinzeitlich an, dass die Schulleiter den § 89 a der VSO* nicht in Absprache mit den Eltern und der Gemeinde so handhaben können, dass sie wenigstens einmal im Schuljahr einen gemeinsamen „Schulsamstag“ festlegen dürfen, an dem die ganze Schulfamilie zusammen arbeitet, lernt und feiert. Was an tausenden Schulen seit Jahrzehnten üblich und gängig war, für einen solchen besonderen Tag einen anderen Schultag „abzufeiern“, wurde ausdrücklich verboten. Mit der Abschaffung des beweglichen Ferientages muss dies absolut nichts zu tun haben, dem weinen wir Schulleiter auch kaum eine Träne nach!
Kein Wunder, dass den meisten Schulleitern die Lust vergangen ist, für einen unverbindlichen Schulsamstag einzuladen, an dem gerade jene fehlen würden, die sich auch sonst beim Arbeiten und Lernen recht zurückhalten. Neidisch blicken wir auf Privatschulen, die bis zu einer Woche Schul- und Ferientage tauschen dürfen, wenn es im Sinne der Schüler und Eltern ist.
Bei Schulfesten während der Woche hält sich die Beteiligung der Eltern und Partner verständlicherweise in engsten Grenzen, wenn Arbeitnehmer und Selbständige einen ganzen Urlaubstag oder Arbeitstag dafür opfern müssen! Und wer meint, den Lehrern sei nach der Arbeitszeiterhöhung für die bayerischen Beamten, nach Lohnpause, Urlaubsgeldstreichung und den vielen Zusatzbelastungen der letzten Jahre noch ein „freiwilliger“ Jubeltag zuzumuten, hat wahrscheinlich wenig Ahnung davon, wie heute verbeamtete Lehrerkollegien für zusätzliche Aufgaben und Vorhaben zu motivieren sind. Ein Glück, wenn er es nicht tun muss!
Weh tat in diesen Zusammenhang auch der ministerialrätliche Hinweis auf das übliche Abfeiern mit „Brückentagen“, so als ob gerade das nicht im Interesse der Kinder und Eltern läge und sich nur die Lehrer verlängerte Wochenenden schaffen würden, auf die ihnen andere Berufe zusätzlich neidisch sein dürfen. Noch schmerzhafter ist die Einsicht, dass nach der schwer nachvollziehbaren Argumentation „externe“ Gründe eines traditionellen ortsbezogenen Festes wohl für eine Unterrichtsverlegung auf Samstag ausreichen, aber z.B. wertvolle „Tage der offenen Tür“ und gemeinschaftsstiftende Schulfeste nicht den Rang erreichen, der eine Unterrichtsverlegung an einer staatlichen Schule rechtfertigt. Also wegen eines fremden Festes darf der Schultag verlegt werden, wenn es die Schule für ihre pädagogische und unterrichtliche Zielsetzung will und braucht, geht es nicht!
Die Neufassung des § 89 zum September 2006 hatte zu Recht Hoffnungen geweckt, dass nach den überraschenden Interventionen der Schulaufsicht gegen Schulsamstage mit Ausgleich dieses Thema eigentlich vom Tisch sei. Ein entsprechender Artikel in der SchulVerwaltung 11/2006 (siehe unten) gab dieser Annahme zusätzlich Nahrung und viele Schulaufsichtsbeamte atmeten in der Hoffnung auf, dass sie alsbald keine weiteren kleinlichen Verbote aussprechen müssten. Leider kam dann im Frühjahr 2007 ein erneuter Erlass aus dem KM, der die Möglichkeiten der Schulleitungen enorm einengte und der dazu führte, dass viele Schulen ihre wunderschönen Planungen im laufenden Schuljahr ad acta legen konnten oder sich mit dem freiwilligen Besuch ihrer Samstagsveranstaltungen begnügen mussten. Entsprechende Benachrichtigungen an die Eltern fielen schon auch mal peinlich aus, nachdem oft Monate vorher mit dem Elternbeirat Einigkeit geherrscht hatte.
Den Einwänden, Eltern bräuchten für reguläre Schultage die Sicherheit, dass die Schulen die Kinder auch zuverlässig betreuen, lässt sich zweifach begegnen. Erstens informieren die Schulleitungen schon Monate vorher die Eltern schriftlich und geben die Möglichkeit, sich darauf einzustellen. Zweitens kann jede Schule mit Sicherheit dafür sorgen, dass einzelne Kinder an „Abfeiertagen“ dennoch von einer Person in der Schule in der Kernunterrichtszeit beaufsichtigt bzw. betreut werden. Bislang war das nie nötig, aber dafür würden nicht nur engagierte Schulen bestimmt sorgen!

Weder Schulleiter noch Eltern vor Ort wollen sich bevormunden lassen. Sie möchten gerne ein Mindestmaß an freier Selbstgestaltung wahrnehmen. Wenn 100 % der Elternvertreter mit der Schulleitung vor Ort einen Schulsamstag beschließen und einen anderen Tag dafür ausgleichen wollen, warum sollten sie heute das nicht mehr tun dürfen?

Zentralismus und selbständige Schule - das beißt sich offensichtlich einmal mehr! Ein Ermessensspielraum ist im Sinne subsidiärer Mitgestaltung nicht nur wünschenswert! Der „Schulsamstag für die Schulfamilie“ ist ein Prüfstein, nicht entscheidend, aber wegweisend! Dass es im Zuge der Veränderung der Ferienordnung fürs nächste Schuljahr nun für alle staatlichen Schulen sogar einen verpflichtenden Schulsamstag geben wird, um eine ganze „Herbstferienwoche“ zu ermöglichen, wird von Eltern, Schülern und Lehrern gleichermaßen begrüßt und zeigt, dass es ginge – lokal genau so gut wie zentral!

 

Anhang

* : § 89 Die Schulordnungen sollen insbesondere regeln:

4. die Unterrichtszeit;
Der Schulleiter kann im Einvernehmen mit dem Elternbeirat aus besonderen Gründen bis zu einem Tag im Schuljahr für unterrichtsfrei erklären; der entfallene Unterricht ist zeitnah und im Einvernehmen mit dem Elternbeirat, dem Schulaufwandsträger sowie dem Aufgabenträger der Schülerbeförderung nachzuholen. “

Zu Art. 89 BayEUG (siehe SchulVerwaltung 11/2006 und Entwurf zum neuen BayEUG)

Mit der Befugnis des Schulleiters, im Einvernehmen mit dem Elternbeirat einen Tag
im Schuljahr für unterrichtsfrei zu erklären, verfügt der Schulleiter über eine
pädagogisch und organisatorisch flexibel einsetzbare Entscheidungskompetenz. Die
bei den bis zum Schuljahr 2004/2005 vorgesehenen beweglichen Ferientagen und
ihrer obligatorischen Nachholung aufgetretenen Akzeptanzprobleme im Hinblick auf
die Ferienplanung, die Organisation der Schülerbeförderung und des Schulbetriebs
selbst sollen dadurch vermieden werden, dass für den Nachholtag das
Einvernehmen mit dem Elternbeirat und den betroffenen Kommunen (als Träger des Schulaufwands sowie der Schülerbeförderung) herzustellen ist.