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„Einem geschenkten Gaul...." oder "Trojanisches Pferd"

Glosse von Till E. Spiegel Juli 2007

Die Glossen sind keine Meinungsäußerungen des BSV. Sie enthalten Gedanken und Anregungen eines Mitglieds, manches ist auch unterhaltsam ironisch gemeint. Textfeld:

 

Glosse von Till E. Spiegel
Juli 2007

 

„Einem geschenkten Gaul...."

oder „Trojanisches Pferd“

 

Auch auf die Gefahr hin, dass außer „Hauptschul-Insidern“ bei diesem Thema kaum jemand durchblickt, muss hier einmal der Blick auf enorme Veränderungen geworfen werden, die ein Geschenk an Bayerns Hauptschulen ausgelöst hat, das scheinbar als „Brosamen“ bei der flächendeckenden Einführung der sechsstufigen Realschule für die arg gebeutelte Hauptschule abgefallen ist und das ihr auf die Beine helfen sollte.
Wie auch immer es gemeint war, als „Trostpflästerchen“ wurde die „M-Züge“ von vielen treuherzig angenommen und von manchen gar als Riesenchance gesehen, der Abwanderung der Hauptschulklientel an die sechsstufige Realschule Paroli bieten zu können. Dabei haben kritische Geister, die sich eigenes Denken bewahrt haben, diesen Abklatsch aus dem baden-württembergischen Musterländle von vorne herein als von oben aufgesetzt und gefährlich unpassend analysiert. Aber schließlich schaut man auch in Bayern einem geschenkten Gaul nicht ins Maul, man legt ihn ins Geschirr und ackert munter drauf los.
Natürlich hätte man ahnen können, dass die Einrichtung von M-Klassen ab der 7. Jahrgangsstufe als eine weitere, besonders perfide Selektion wirken könnte, bei der sich die Schulart „Hauptschule“ nun auch selber noch Konkurrenz machen würde.

 
 
 
Natürlich gab es auch vor acht Jahren bei der Einführung der M-Klassen in auserwählten Hauptschulen schon die eine oder andere Kassandra, die nicht nur den Niedergang der Regelschulklassen, sondern ebenso das gigantische Anwachsen des Übertritts nach der 5. Hauptschulklasse vorwiegend an die Realschulen prophezeit hatte. Sie prognostizierten tausende Schüler, die zwar nach der von der bayerischen Bildungspolitik gewünschten frühen Auslese im zarten Alter von zehn Jahren nach dem Probeunterricht als „nicht geeignet“ befunden worden waren, die aber nach einem Jahr Hauptschule doch noch die begehrten Textfeld:  Weihen für eine Schulbesuch mit höherem Ansehen erhalten sollten. Dort wiederholen sie erstmal mit guten Noten auf Kosten des Staates, dem sonst das Geld immer recht knapp ist, das 5. Schuljahr freiwillig. Fast jeder fünfte Realschüler ist heute so ein „Spätberufener“, der locker auf ein Lebensarbeitsjahr verzichtet und dann oftmals noch das eine oder andere Schülerjahr drauf sattelt, um danach wenigstens als „mittelreif“ zu gelten.
Heute wissen wir alle: Die Kassandras behielten Recht, sind aber keineswegs glücklich darüber, denn sie müssen mit den Folgen ausgezehrter Restklassen leben, die Jahr für Jahr von allen neu auflebenden „guten Geistern“ verlassen werden. Alle Jahrgangsstufen sind Übertrittsstufen geworden: 4. Klasse, 5. Klasse, 6. Klasse, M 7, M 8, M 9. Kaum kriegt ein Schüler gute Noten, verlässt er das scheinbar sinkende Schiff und selbst wenn er bleiben will, schicken ihn oft die Eltern dem „Familienimage“ zuliebe dennoch!

Und die Experten aus der Praxis behielten leider auch darin Recht, dass sie ein sinkendes Niveau beim mittleren Schulabschluss der Hauptschüler voraussagten! Jeder frühere F 10-Lehrer wird das mit Brief und Siegel unterschreiben! Als die Elite aus dem „Quali-Abschluss“ aus sieben, acht Hauptschulen sich in einer freiwilligen 10. Klasse zusammenfand, war das der Traum für jeden begeisterten Lehrer. Auch die Wirtschaft schwärmte von den Absolventen der „F 10“ und ihr Output ging weg wie warme Semmeln. Auch das hat sich verändert; oft dümpeln Schüler mit mäßigem Leistungsanspruch jahrelang in M-Klassen dahin und freuen sich schon, wenn sie kein „mangelhaft“ bekommen!
Und noch etwas war von weit blickenden Fachleuten schon vor Jahren prophezeit worden!
Zunehmend füllen sich vor allem M 10-Klassen, aber auch schon M 9- und M 8-Klassen mit Schülern, die am Gymnasium und Realschulen kein Land mehr sehen. Waren es wirklich nur böse Zungen, die prophezeit hatten, dass die M-Klassen als Auffangbecken für gescheiterte Schülerkarrieren dienen werden? Immerhin können so an manchen Orten ganze Klassen gefüllt werden, die dann recht rasch und sicher über die Fachoberschulen an die Fachhochschulen gelangen und dabei ihren Schülerkameraden am Gymnasium sogar noch ein Jahr abluchsen können. Auf das lästige Latein oder Französisch pfeift da mancher, der nach der M 10 im allseits beliebten Fachabitur der FOS das rettende Ufer erblickt. Erstaunlich, wie schnell da viele ihren gymnasialen Durchhänger überwinden und plötzlich wieder mit Fleiß und Eifer nach guten Schulnoten streben!
Aber dafür war wohl der M-Zug nicht gedacht, nicht wahr? Und merkwürdigerweise ist von dieser Tatsache des massenhaften Wechsels dieser „Oberschüler“ in der Öffentlichkeit auch so gut wie nie die Rede. Dabei könnte diese Tatsache doch den lädierten Hauptschulruf gut tun, wenn kriselnde Gymnasiasten das begehrte Abitur bzw. „gymnasiale Ehrenrunden“ verschmähen und sich an der Hauptschule das Weiterkommen sichern. Aber das passt nicht ins Bild, das viele abiturverhaftete Medienschreiber gerne zeichnen. Ein Bild, in dem immer öfter die Hauptschule gar keine Zukunft hat. Aber was kommt heraus, wenn jemand ein Bild von etwas zeichnet, von dem er keinen blassen Schimmer hat?
Natürlich nichts Gutes, und erst recht nichts Wahres und schon gar nichts Schönes! Dabei erfüllt aber die Hauptschule – und das jetzt ganz ohne Polemik - insbesondere auf dem Lande unter den gegebenen Bedingungen ihren Bildungsauftrag in Bayern wirklich gut. Da ist nicht wichtig, was irgendwelche Zeitungen schreiben, die sich junge Menschen nur als studierfähig vorstellen können und bei denen das vollwertige Menschsein erst mit der Reifeprüfung anfängt.
In Wirklichkeit zählt, was die Abnehmer der Hauptschule sagen und tun. Viele 9. Klassen haben heuer im Juli annähernd 100 % ihrer Schüler/innen in Berufsausbildung und weiterführende Schule gebracht. Welche Arroganz und welche Niedertracht, in den Medien ständig zu verbreiten, dass junge Leute mit dem Hauptschulabschluss überhaupt keine Chancen hätten? Würde man so etwas über das Abitur behaupten, würden alle entsetzt unseren Verstand anzweifeln. Aber wieso können zigtausende Ausbildungsverhältnisse unserer fleißigen und tüchtigen Hauptschüler ungestraft ignoriert, schlecht geredet bzw. geschrieben werden? Fehlen da manchem Schulkritiker ganz einfach das Mitgefühl und die Verantwortung für junge Menschen, die er nicht kennt? Die er aber als geschickte Handwerker und solide Arbeiter selbst bald dringend braucht?
Es soll an unserem Schulsystem nichts beschönigt werden und die Tatsache, dass es vielen Schulabgängern oft an elementaren Schlüsselqualifikationen und Kenntnissen mangelt, ist eine Riesenschande für eine Kulturnation mit mehr als hundertjähriger Schultradition! Aber daran ist nicht die Hauptschule schuld! Sie tut ihr Bestes und man soll ihr nur das geben, was die Experten, die in ihr seit vielen Jahren arbeiten, unisono verlangen.
Und da hat vor acht Jahren niemand, aber auch gar niemand, die M-Klassen gefordert! Stattdessen schlugen wir mehr individuelle Förderung vor, kleinere Klassen, Schulsozialarbeit u.v.m., was auch Geld kosten darf. Was hilft der mittlere Schulabschluss der Hauptschule, wenn man damit den „Hauptschul-Quali-Leuten“ die Lehrstellen wegnimmt? Ein guter qualifizierter Abschluss und an beruflicher Arbeit interessierte Schüler sind das, was nach wie vor die meisten Ausbildungsbetriebe von uns verlangen. Was darüber hinausgeht, leisten die bewährten Anschlussmöglichkeiten und die hohe Durchlässigkeit unseres leistungsorientierten Schulsystems in Bayern.
Hier wurde niemand abgehängt, aber genau das ist die Gefahr, in die Regelklassen kommen, wenn weiterhin jede gute Begabung die Klasse verlässt. Sind die Klassen einmal völlig ausgezehrt, kann selbst der beste Lehrer kaum mehr eine Gruppendynamik positiver Lernprozesse erzeugen und nützen. Problemlösendes Lernen, Transferaufgaben und produktive Teamarbeit bauen auf Einzelkompetenzen, die Schüler müssen voneinander lernen können. Unterschreitet man hier ein gewisses Grundniveau, macht sich geistige Öde und Anspruchslosigkeit breit. Manche Regelklassenlehrer können darauf ein armseliges Lied singen.
Erfolgreiche zukünftige Bildungssysteme zeichnen sich eben nicht durch höchstmögliche Selektion, sondern dadurch aus, dass sie die Heterogenität der Schüler intelligent nützen, damit diese mit- und voneinander lernen. Schüler wollen selbständig lernen, sie sollen für ihr Lernen die Verantwortung übernehmen. Dazu brauchen sie nicht nur den Lehrer, als Vorbild und Anregung kommen immer mehr die Schüler selbst in den Fokus. Gute Teamarbeit lebt von kompetenten Schülern. Die schwachen Lerner alle unter sich zu lassen, ist ein Misserfolgskonzept. Wer Selektion betreibt, aber das Ganze nicht im Blick hat, handelt verantwortungslos. Die Spreu vom Weizen zu trennen ist ein gutes Rezept für die Brotherstellung, aber bei Menschenkindern sollten wir Abfall lieber nicht billigend in Kauf nehmen. Unser Nachwuchs ist zu wertvoll, als dass wir ihn aussortieren könnten. Wird der Hauptschul-Regelklasse nicht schnellstens die Wertschätzung zuteil, die sie verdient, wird niemand sie retten können. Die das überhaupt noch wollen, werden leider täglich weniger!

Aber jetzt wird die Hauptschule durch eine Initiative gestärkt. Das ist bitter nötig, aber welche Medizin wirkt? Wenn die segensreichen individualisierenden Förderstunden, die erst im letzten Jahr in der Hauptschule hoffnungsvoll eingeführt worden sind, fürs nächste Schuljahr auf ein Viertel zusammengestrichen werden, wird bei uns massiv Zweifel geschürt, ob es die Verantwortlichen überhaupt Ernst meinen mit der Stärkung und der Rettung der Hauptschule. Wenn Ganztagsklassen auf Kosten der Zuteilung der Schulen ohne Ganztagsklassen gehen, ist dies ein Nullsummenspiel meist mit den gleichen Verlierern wie bei den M-Klassen.

Wir Hauptschulen lassen uns nicht den „Schwarzen Peter“ zuschieben. Nicht wir oder der Ansatz der berufsorientierten, praktischen Schulausbildung sind schlecht, sondern die Bildungspolitik, die uns im Stich gelassen hat. Es ist unbestritten, dass auf Grund gravierender Versäumnisse, z.B. bei der Integrationspolitik von Migrantenkindern, viele Hauptschulen in Städten mit ihren Problemen nicht fertig werden. Das darf erstens nicht auf unsere intakten Schulen auf dem Land übertragen werden und zweitens muss es endlich zu der höheren Personalzuführung und Ausstattung kommen, mit der die Hauptschulen die Probleme bewältigen können. Erst müssen Kinder die deutsche Sprache lernen, dann können sie im Unterricht mit gleichen Chancen lernen. Kann sein, dass dieses Ziel früher gar nicht so klar und selbstverständlich war?

Wenn in Finnland das erfolgreichste Schulsystem ohne Auslese und ohne Noten acht Jahre wunderbar erfolgreich funktioniert, warum sollen wir in Bayern dann auch noch die wenigen verbliebenen Hauptschüler in verschiedene Schulen aufteilen?

Das muss die Gesellschaft lernen: Selektion ist nicht gleich Bildung, sie produziert Looser und das können wir uns nicht leisten! Rudern wir auch mit der M-Selektion zurück, bevor der Strudel unsere Hauptschule samt Hauptschüler in den Abgrund zieht! Leistungsdifferenzierung in Niveaugruppen reichen dazu allemal. Das hatten wir früher und das war besser! Aus dem Holzweg kommt nur heraus, wer umdreht! Um das zu erkennen, muss man keineswegs ein rückwärts gerichteter Typ sein! Es reicht, wenn man die Scheuklappen fremder Vorgaben abnimmt und sachgerechte Entscheidungen verlangt!