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5. Klasse an die Grundschule!” und “Mir braucha mehrer Lehrer!”

Glosse von Till E. Spiegel

 

Die Glossen sind keine Meinungsäußerungen des BSV. Sie enthalten Gedanken und Anregungen eines Mitglieds, manches ist auch unterhaltsam ironisch gemeint.

  

Till E. Spiegel

“5. Klasse an die Grundschule!”
und “Mir braucha mehrer Lehrer!”

Die Unzufriedenheit in Bayerns Schulen nimmt zu. Hunderte Millionen € für zweifelhafte Strukturreformen wie R 6 und G 8 gefährden das dreigliedrige System mehr als sie es stützen konnten. Die Hauptschule hängt am Tropf, allen Beteuerungen ihres hohen Stellenwerts durch Politik und Wirtschaft zum Trotz wenden sich Eltern und Schüler zunehmend ab und hektische Wiederbelebungsversuche werden ihren Niedergang wohl eher beschleunigen als aufhalten, denn die Konzepte setzen nicht da an, woran es krankt.
Es krankt daran, dass die „Looser“ aus dem gigantischem Qualifizierungsrennen in den Grundschulen bar von entscheidenden Schlüsselqualifikationen nach der 4. Klasse in die Hauptschule stolpern und sich dort spätestens nach der 5. Klasse, wenn die neuen Spitzen 11-jähriger „Spätstarter“ zum Wiederholen eines Schuljahrs an die Real-Wunschschule gewechselt sind, in einem recht traurigen Rest von Kindern sitzen, die kaum sinnentnehmend altersgerechte Texte lesen geschweige denn selbst schreiben können, die weder Einmaleins beherrschen und schon gar nicht mit problemlösendem Lernen vertraut sind. Vertraut sind sie dagegen mit Problemen, und zwar mit denen vom eigenen Zuhause und mit jenen, die man kriegt, wenn man in den Augen vieler Erwachsener als Versager dasteht und in eine Schule geschickt wird, die nach dem Urteil der Öffentlichkeit für bildungsferne Schichten und Ausländerkinder reserviert ist.
Von wegen „praktische Intelligenz“, das Geschlecht ist ein Auslesefaktor geworden, an vielen Hauptschulen ist der Jungenanteil auf zwei Drittel gestiegen! Der „Nichts-wie-weg“-Mentalität der Schüler/-innen, die diese Schule besuchen müssen und die dort dennoch erfolgreich lernen, kommen die Angebote der Wirtschaftsschulen und die Konkurrenz der M-Klassen aus dem eigenen Hauptschullager gleich nach der 6. Klasse sehr entgegen. Die Lerndynamik in den verbleibenden Regelklassen sinkt spätestens ab der 7.Klasse auf ein sehr niedriges Niveau, wenn die Klasse von allen „guten Geistern“ verlassen ist und kein Schüler mehr in der Klasse hockt, von dem die anderen etwas lernen können.
Was jene nicht wissen, die vor 40 oder 50 Jahren in die Schule gegangen sind und die sich heute anmaßen, über Schulreformen zu entscheiden ohne auf unseren Expertenrat zu hören, ist die Tatsache, wie sich die Schule verändert hat, weil sich die Kinder mit der Gesellschaft verändert haben. Unterricht läuft eben nicht mehr so, dass sechs Stunden am Vormittag der Lehrer vorne steht und die Schüler brav in den Reihen sitzen und die Ohren spitzen! Soziale Lernformen sind gefragt, Kooperation im Team, eigenständiges und selbstverantwortliches Lernen bereiten auf ein Leben in unserer hoch komplizierten, globalisierten Welt vor. Da sind Klassenstärken mit 30 und mehr Kindern ein schierer Wahn, ein unüberbrückbares Hindernis für einen guten, individualisierten Unterricht. Unter solchen Klassenstärken leiden vor allem Realschulen und Gymnasien, aber auch tausende bayerischer Grundschulklassen haben noch annährend 30 Kinder in die oft engen Klassenzimmer gepfercht, weil Sparen jahrelang wichtiger war als in Bildung zu investieren und knappes Geld in den Ausbau eines Holzwegs gesteckt wurde. Aber gerade in den ersten 2 bis 3 Schuljahren wäre es ungeheuer wertvoll, wenn sich die Lehrkräfte genügend Zeit vor allem für die „schwachen“ Schüler nehmen könnten, denn genau die bleiben mangels häuslicher Förderung häufig auf der Strecke und steuern von Anfang an gefährlich dem Millionenheer funktionaler Analphabeten in Deutschland zu.
Die Hauptschule hätte keinerlei Probleme, so wie früher und so wie sie es jetzt zum Glück und mit viel Einsatz oft noch sehr erfolgreich in ländlichen Gebieten tut, die Schüler auf das Berufsleben in Handwerk, Industrie, Dienstleistungsgewerbe und Handel vorzubereiten, wenn die Schüler aus der Grundschule die wesentlichen Kompetenzen mitbringen würden. Sie brauchen keine Berufsorientierung schon in der 5. und Praktika in der 6.Klasse, Allgemeinbildung und Entwicklung der Sprache und des Denkens sowie Können in praktischen Fächern sind da viel wichtiger.

Lassen wir doch schon ab übernächstem Schuljahr die Kinder alle noch ein Jahr an der Grundschule! Schüler und Eltern werden es danken, der Druck auf die Acht- und Neunjährigen wird zurückgehen und die wunderbaren Lerngemeinschaften der 4. Jahrgangsstufe können noch ein weiteres Jahr beisammen bleiben und die schwachen Schüler mit Helfersystemen stützen und fördern. Es spricht nichts gegen differenziertes Lernen in Mathematik und Englisch, es würde ein Jahr gewonnen, in dem sich sonst schon die soziale Selektion mit schlimmen Folgen bemerkbar macht.
Die Realschulen und Gymnasien können mit Ihren Lehrern eine Jahrgangsstufe leicht verschmerzen, wenn man ihnen eröffnet, dass sie mit dem vorhandenen Personal schnell und wirksam die Klassenstärken der verbliebenen Stufen auf ein erträglicheres Niveau senken dürfen. Innerhalb den Grund- und Hauptschulen gibt es zum Glück noch genügend hoch qualifizierte Lehrer, die an beiden Schularten einsetzbar sind und so dürfte es kein großes Problem sein, die Grundschule zunächst mal um ein Jahr auszuweiten. Es ist die richtige Maßnahme, die auch dem weltweiten Trend und allen Empfehlungen der OECD-Bildungskommission und der gesamten Schulforschung entspricht.
Dieser kleine Schritt würde zwar eine Umkehr bedeuten, aber endlich würde die Richtung stimmen. Was aufs Sparen Versessene anbetrifft, ist denen gegenüber festzustellen, dass die vergleichsweise „billigen“ Grundschullehrkräfte (A 12 mit 29 Wochenstunden, statt z.B. A 14 mit 24 Wochenstunden am Gymnasium) die elfjährige Schülerklientel im Klassleiterprinzip sowohl pädagogisch als auch didaktisch und methodisch mindestens so gerecht wird, wie dies die oft sehr auf ihr Fach ausgerichteten teuren Lehrkräfte der weiterführenden Schulen tun. Auch auf die Gefahr hin, dass bei vielen jetzt die Scheuklappen runtergehen, wenn sie „Finnland“ lesen, kann doch niemand bestreiten, dass die Finnen einen Jahrgang bis zur 8.Klasse (noch dazu ohne Noten!) beieinander lassen und damit nicht nur bei der Stufe der Geringqualifizierten erheblich besser abschneiden, sondern auch bei den Hochqualifizierten vorne sind. Das passt natürlich Verfechtern der frühen Selektion nicht, aber sie können es nicht ändern! Und noch viele andere Länder, die bei den OECD-Vergleichen vor uns sind, gehen ähnliche Wege und investieren in integrierende Schulsysteme, bei denen die Schüler unter einem Dach auf ganz verschiedene und intelligente Weise gefordert und gefördert werden.
Also, planen wir schon für morgen die 5. Jahrgangsstufe an den Grundschulen. Entlasten wir die überfüllten Schulen und geben wir der Hauptschule eine neue Chance. Statten wir die Grundschule so aus, dass die Kinder dort die wesentlichen Schlüsselqualifikationen nachweisbar und sicher beherrschen. Dann finden wir auch in der Zukunft gute Lösungen, um Bayern an die Spitze im Bildungsvergleich heranzubringen. In Deutschland vorne zu stehen, ist heute kein großes Ruhmesblatt, ja nicht mal ein Ziel. Hier in falsch verstandener „Pisa-Sieger-Mentalität“ mehr zu sparen als die anderen Bundesländer ist in der klassischen Lehrersprache nur als „Dummheit“ zu bezeichnen.
Dabei sollten sich alle Verantwortlichen im Bildungswesen darin einig sein, dass es nicht reicht, nur jene Vorschläge umzusetzen, die nichts kosten oder gar Geld sparen. Nirgendwo wurde mehr über PISA geredet als in Deutschland, aber nirgendwo wurde zugleich weniger investiert. Während andere Länder in den letzten 8 Jahren ihre Bildungsausgaben oft zwischen 30 und bis zu 60 % erhöht hätten, waren dies in Deutschland gerade mal 8 %, nicht viel mehr als der Inflationsausgleich. Bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt werden in Bayern 2,6 % der öffentlichen Gesamtausgaben für Bildung aufgewendet, in Deutschland sind es 3,1 % und der Durchschnitt der OECD kommt auf 3,8 %. Spitzenländer geben annähernd 5 % des BIPs dafür aus. Hier besteht ein Nachholbedarf, den wir nur erreichen, wenn wir ihn als Verantwortliche in den Bildungseinrichtungen auch vehement einfordern. Bayern zahlte im letzten Jahr 2,3 Milliarden € in den Länderfinanzausgleich an andere Bundesländer, die sich oft relativ höhere Bildungsausgaben und kleinere Grundschulklassen leisten. Unser Land braucht neue junge, engagierte und hoch motivierte Lehrer, Frauen und Männer, nicht ein paar hundert, sondern viele tausend. Leisten wir sie uns, denn wir können es uns nicht länger leisten, Schüler nach zehn Schuljahren zu entlassen, die nicht ausbildungsfähig sind. Solche Menschen sichern keine Renten, sie verbrauche Sozialhilfe. Eine gute Schulbildung allein hilft, unsere Zukunftsprobleme zu lösen. Alle, die das erkannt haben, sollten sich zusammenschließen und die Politik dazu zwingen, das Richtige zu tun.