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Sparen und/oder investieren (4)

Sonntag, 03 Februar 2008

 

Die Glossen sind keine Meinungsäußerungen des BSV. Sie enthalten Gedanken und Anregungen eines Mitglieds, manches ist auch unterhaltsam ironisch gemeint.

Till E. Spiegel

Sparen und/oder investieren (4)

Das Märchen von der Klassengröße

Es war einmal ein Märchen. Es war bei allen Sparwütigen sehr beliebt. Von Finanzexperten aller Länder und auch in den Kultusministerien und Staatsregierungen wurde es gerne weiter erzählt. Hören durften es alle, auch die Menschen, die Kinder in den Schulen hatten oder selbst in den Schulen arbeiteten.
Demnach spielt die Anzahl der Schüler in einer Klasse keinen entscheidenden Einfluss auf das Lernen in der Klasse. Die Märchenonkel beriefen sich dabei auf Studien praxisferner Bildungstheoretiker wie Ingenkamp und Wilberg/Rost. Dabei stimmten die Minne- und Bänkelsänger wie in allen Zeiten stets das gleiche Lied an: „Wes Brot ich ess, des Lied` ich sing.“
Und so wundert es kaum jemand wirklich, dass andere und neuere Untersuchungen, z.B. von Studienleiter Prof. Fritz Haselbeck von der Universität Passau und eine große amerikanische Untersuchung genau zum gegenteiligen Ergebnis gekommen sind:

 „Die Größe von Grundschulklassen wirkt sich auf die Erfolgschancen von Schülern in der Oberstufe aus. ...Besonders deutlich waren die Studienergebnisse bei Kindern aus ärmeren Familien. Hatten diese mindestens vier Grundschuljahre in einer kleineren Gruppe mit höchstens 17 Schülern gelernt, verdoppelte sich ihre Chance auf einen erfolgreichen Abschluss. Kinder, die während der Grundschule in kleinen Klassen unterrichtet werden, erreichen später bessere Schulabschlüsse. Dies ergab eine groß angelegte Untersuchung von Wissenschaftlern der Universitiy at Buffalo im Bundesstaat New York. Die Forscher verfolgten in ihrer Studie den Werdegang von fast 5000 Schülern von der Vorschule bis zum Ende der High School. Nach dem Zufallsprinzip waren die Schüler am Anfang der Vorschule entweder einer kleinen Klasse (13 bis 17 Schüler) oder einer normal großen Klasse (22 bis 26 Schüler) zugeteilt worden. Das überraschende Ergebnis nach 13 Beobachtungsjahren: Von den Kindern, die im Grundschulalter vier Jahre lang in einer kleinen Klasse gelernt hatten, erreichten 15 % mehr einen High-School-Abschluss. Bei Schülern aus ärmeren Familien war der Effekt besonders groß: Bei ihnen stieg die Schulabschlussrate um 25 Prozent.“ (aus Spiegel 20/2005)...

Und dabei hätte man sich für diese Binsenweisheiten der Pädagogik das gute Geld für diese Untersuchungen locker sparen können und für wichtigere Dinge (z.B. Fördermaßnahmen) verwenden können. Jedem gesunden Menschenverstand leuchtet die Milchmädchenrechnung ein, dass ein Lehrer 17 Kinder besser beim Lernen unterstützen kann als 27, einfach weil er für jedes einzelne Kind in jeder einzelnen Stunde an jedem einzelnen Tag deutlich mehr Zeit hat. Dies kommt vor allem jenen zu Gute, die sich mit dem Lernen schwer tun, aus welchen Gründen auch immer. Aber wem liegen diese Kinder, oft von der Geburt in schwierige Familienverhältnisse sowieso benachteiligt, wirklich am Herzen?
Sicher den Grundschullehrern, die die alltägliche Benachteiligung dieser Kinder deutlich miterleben, wenn sie sich das Gefühl für soziale Gerechtigkeit bewahrt haben. Es ist die millionenfache Berufserfahrung dieser Grundschullehrkräfte, die Untersuchungen über den Zusammenhang von Klassengröße und Lernerfolg als überflüssig erscheinen lassen. Sie können es jedem schwarz auf weiß geben, auch den Kultus- und Finanzministern: ein X ist kein U und die Anzahl der Schüler in einer Klasse ist sehr wohl eine „relevante Größe“ für Unterrichtsqualität und Schulerfolg. Ein Gewichtheber, der 100 kg stemmt, kann nicht auch 170 kg wuchten, ohne zusammen zu brechen.

Was soll der Geiz? Steigern wir unsere Bildungsausgaben von 4,2 % des Bruttosozialprodukts auf 6,5 % und schaffen mit 100.000 neuen hochqualifizierten Lehrern jene Lerngruppen und Fördermöglichkeiten in der schulischen Grundbildung, die mit guter Bildung und Ausbildung allein die Zukunft unserer Gesellschaft sichern. Wir brauchen in Deutschland jetzt nicht unbedingt mehr Kinder, sondern besser ausgebildete, die fähig und bereit sind, im globalen Wettstreit mit einem hohen Leistungsniveau den gewünschten Wohlstand zu sichern. Wenn jetzt schon 650.000 Jugendliche in Deutschland ohne Arbeit sind und hunderttausende so schlecht ausgebildet sind, dass sie kaum Zukunftschancen haben, hilft es nichts, noch mehr Kindergeld/Erziehungsgeld/Elterngeld für noch mehr Nachwuchs zu fordern. Nicht Kinder sichern die Zukunft, sondern Kinder, die in Lohn und Arbeit sind und die in unsere Sozialsysteme zahlen. Es halten in Deutschland schon genug die Hand auf, nur noch 29 % der Bevölkerung zahlen in die Sozialversicherungen ein.

Bevor also die Arbeitslosigkeit auch bei der akademischen Jugend nach meist mehr als zwanzig individuellen Bildungsjahren weiter grassiert, sorgen wir lieber mit massiv forcierter Lehrerausbildung zum Aufbau einer neuen Lernkultur. Ein Lehrer-Schülerverhältnis von 1 : 10 statt 1 : 20 in den Grundschulen kann dafür sorgen, dass der „Output“ der Grundschule in hohem Maße über jene Schlüsselqualifikationen verfügt, die für einen erfolgreichen Lernweg in Schulen und Betrieben gebraucht werden. Jedes Kind muss das Lesen perfekt beherrschen und fähig sein, selbständig sich Wissen anzueignen. Moderner Unterricht ist eben nicht, „dass alle schlafen und einer spricht!“
Allein bei Frontalunterricht spielt die Schülerzahl in der Klasse eine eher unerhebliche Rolle, aber schon mal was von Gruppenarbeit, Teamfähigkeit, Schülerselbsttätigkeit, Referaten und Präsentation der eigenen Arbeits- und Lernergebnisse gehört?
„No child left behind“, „Kein Kind darf verloren gehen“, diese Prämisse aus Kanada und Skandinavien ist nicht nur in den nordischen Ländern ein hoher Anspruch und Erfolgsrezept. Die Lehrer der Zukunft müssen eine exzellente Ausbildung zu „Lerncoaches“ bekommen, bei denen unsere Schüler eigenverantwortlich viel und gerne lernen. Dass dies geht, beweisen viele Länder nach grundlegenden Bildungsreformen, für die hierzulande leider noch immer die Einsicht und der Wille zu fehlen scheinen.
Arbeitslose Junglehrer bei einer Klassendurchschnittsstärke von 23 Kindern und vielen Klassen mit über 28 Kindern in den Grundschulen Bayerns sind eine Schande und Dummheit zugleich. Lange können wir uns das Zaudern nicht mehr leisten. Wenn wir aus dem 15-jährigen Sparkurs nicht bald zu einem Investitionskurs mit der richtigen Weichenstellung kommen, ist der Zug für ein Deutschland im Wohlstand wohl bald endgültig abgefahren. Nicht Selektion und immer teurere Schulreformen sind gefragt, sondern ein Schulsystem aus einem Guss, bei dem wir schrittweise dahin kommen müssen, dass der ganze Jahrgang bis länger beieinander bleiben kann. Auch wenn es keiner mehr lesen mag, Finnland hat es vorgemacht. Und wer noch nicht verstanden hat, wie sie das sieben bzw. acht Jahre ganz ohne Noten und Selektionsterror schaffen, soll sich doch darüber einfach selbst ein bisschen genauer und vorurteilsfrei informieren.

Schön, dass nun auch wissenschaftliche Studien unsere uralten Forderungen nach kleineren Lerngruppen untermauern, die Frage ist nur, ob wir es schaffen, dass daraus auch in der Bildungs- und Finanzpolitik die nötigen Schlüsse gezogen werden. Uns bleibt nichts übrig, als dies in der Verantwortung für die Kinder, für die Zukunft unserer ganzen Gesellschaft, vehement zu fordern und endlich auch selbst daran zu glauben, dass wir Wesentliches durchsetzen können, wenn wir die Mehrheiten in unserer Gesellschaft für uns gewinnen. Nichts ist schlimmer als die Schere im eigenen Kopf mit der Aufschrift „Für uns ist zu wenig Geld da!“, denn kein Geld war für die Aschenputtel schon immer da. Denn auch dies ist ein Märchen und wird gerne von den Märchenonkels aller Ländern erzählt!