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Bildung durch/statt Selektion ?

Sonntag, 03 Februar 2008

 

Die Glossen sind keine Meinungsäußerungen des BSV. Sie enthalten Gedanken und Anregungen eines Mitglieds, manches ist auch unterhaltsam ironisch gemeint.

Eine Glosse von Till E. Spiegel

 

Bildung durch/statt Selektion ?

Noch immer sieht die übergroße Mehrheit der deutschen Bevölkerung Bildung so, wie sie diese selbst in ihrer Schuljugend erlebt, ja erlitten hat. Bildung ist das, was nach dem während der ganzen Schulzeit andauernden Rennen nach Punkten, Noten, Scheinen am Schluss in Form eines A-4-Zeugnisses stehen bleibt. Die Sieger sind jene mit Abitur, die Looser die ohne und leider zunehmend auch die mit Hauptschulabschluss.

Während andere Länder nach tiefgreifenden Reformen mittlerweile den ganzen munteren Kinderjahrgang bis zur 8. Klasse ohne Noten zu weltweit anerkannten Höchstleistungen führen, unterwerfen wir unser höchstes Gut einem gnadenlosen Auslesemechanismus, der in unsere human geprägte Zeit passt wie die Faust aufs Auge. Selig ist, was hart macht, aber Krupp-Stahl in der Menschenführung ist längst nicht mehr gefragt!

Während unsere Nachbarn rundherum Schüler individuell fördern und es sich eine Menge Personal kosten lassen, sie bei bedenklichen Lücken und Lernproblemen mit behutsamen Nachdruck doch noch zum Erfolg zu bringen, verschwenden wir das Geld für 282.000 Wiederholer in Deutschland pro Jahr, was 16.000 Vollzeitlehrkräfte kostet. Weil Bayern gerne „Spitze“ ist, sind wir auch hier mit 52.000 Sitzenbleibern ganz vorne dabei.

Ja, hier wird noch auf Qualität geachtet! Hier kriegt nicht jeder Hinz und Kunz „sein“ Abitur nachgeworfen. In Bayern bleibt das höchstbegehrte Schulzeugnis nur einer Auslese von 32,2 % der Schüler vorbehalten, in Nordrhein-Westfalen sind es schon 51,8 %, in Hamburg und Hessen jeweils 45 %. Und dabei weiß heute jedermann, dass Bayern im innerdeutschen Ländervergleich diese Konkurrenten bei PISA und IGLU weit abgehängt hat. Also kann es einfach nicht mit rechten Dingen zugehen und 71 % Studienanfänger eine Schülerjahrgangs im PISA-Musterländle Finnland sind einfach nur ein Ärgernis!

„Mangelhaft, setzen! Abiturienten fehlt es an den grundlegenden Fähigkeiten für ein erfolgreiches Studium!“ titelte die Süddeutsche Zeitung am 29.04.05 nach der Veröffentlichung einer umfassenden Kompetenzstudie bei den Gewinnern mit dem „Vollreifezeugnis“ im gigantischen deutschen Bildungswettlauf. Was eine Abiturientenquote wert ist, davon weiß jeder bayerische zentralabiturgeprüfte Erstsemester ein Lied zu singen, wenn links und rechts von ihm die Kommilitonen aus Hochquoten-Gymnasien mit selbstgestricktem Provinzabitur (vorwiegend beheimatet in rot-grünen Bundesländern)  mit fragenden Blicken um Anschluss und Durchblick ringen, wenn der „Proff“ mit seinen Ausführungen „in die Vollen“ geht!

Aber darum geht es gar nicht, noch viel interessanter ist das andere Ende bei der Bildungsparade. Da ehrt Bayern immerhin noch 40 % seines Jahrgangs mit einem Hauptschulabschluss, den es an sechs der sechzehn Länder gar nicht mehr gibt, weil ihn dort niemand mehr haben möchte. Bildungsföderalismus als konsequente Fortsetzung jahrhundertlanger deutscher Kleinstaaterei – wer vermag da was zu ändern?
Wenn schon nicht die ganze, dann wenigstens die „Mittlere Reife“, bloß kein Restschulimage - kein Wunder, dass Eltern und Schüler mit zunehmender Panik aus dieser von „allen guten Geistern“ verlassenen Schulart Reißaus nehmen.

Das hat die Hauptschule, kurz und gut, mitnichten verdient! Hat sie doch die passenden Lehrpläne, Erziehungs- und Unterrichtskonzepte für diese Schüler! Aber kein Hauptschullehrer muss wirklich nachtrauern, wenn das Unvermeidliche geschieht und er sich klarmacht, dass er als einziger Sekundarstufenlehrer im Prinzip nur die niedrigste Gehaltsstufe, die höchste Stundenbelastung, die schwierigste pädagogische Aufgabe und die Aussichtslosigkeit auf eine Beförderung zu verlieren hat. Und Kinder, die sich als Versager abgestempelt, abgewertet und verlassen fühlen und leider allerhand Verdrängungs- und Kompensationsenergie freisetzen!

Es hat sich herumgesprochen, dass unter dem weiß-blauen Himmel die soziale Selektion am nachhaltigsten funktioniert. Nirgendwo sonst erreichen noch weniger Kinder aus den unteren Bildungsschichten die begehrten Eintrittskarten für eine vermeintlich erfolgreiche Berufskarriere. Ein Umdenken ist leider nicht in Sicht und schon gar nicht in Bayern, wo in den letzten Jahren aus einem Wirrwarr hektischer Bemühungen im Bildungsbereich gleich mehrere Gegenreformationen gegenüber den weltweit anerkannten modernen Bildungsentwicklungen stattgefunden haben:

  1. Verstärkung der Selektion durch Herabsenken des Übergangs zur „Mittelschule“ auf die 4. Jahrgangsstufe; „R 6“
  2. Verstärkung des Leistungsdrucks am Gymnasium durch die Einführung der G 8 bei oft unverändert überholten Lehr- und Lernstil mit Notendruck und Erfolgsquoten um die 60 %
  3. Zusätzliche Selektion auch an der Hauptschule durch die Einführung von M-Zügen ab der 7.Jahrgangsstufe verbunden mit weiterer Auszehrung der Regelklassen.
  4. Benotung jetzt auch wieder in der 2.Jahrgangsstufe, während andere bis in den Sekundarstufenbereich das Notensystem abschaffen und auf individuelle Lernstandsdiagnose, Kompetenzbeschreibungen und Lerncoaching setzen.
  5. Zunehmende Übertritte an die Realschule nach der 5. Klasse Hauptschule mit Verlust mindestens eines Schuljahres bei gleichzeitiger Forcierung der Früheinschulung von Fünfjährigen für eine propagierte kürzere Schulzeit.

 

Was steckt hinter dieser einfallslos bornierten Selektionsmanie? Ist es die Vorstellung, dass Schüler nur lernen, wenn sie existentiell bedroht werden durch den Notenprügel, Durchfallen und Schulverweis? Werden Eliten nur dadurch möglich, dass man „die Spreu vom Weizen“ trennt, den Schrott ausmustert? Und warum sind wir dann bei den OECD-Vergleichen auch bei den Eliten nur unteres Mittelmaß?
Und wieso wundert man sich dann über so viel Schrott im Land, mehr als 10 % gänzlich ohne Schulabschluss auf der Stufe der funktionalen Analphabeten im Land der „Dichter und Denker“, der Wissenschaft und des Fortschritts? Zehntausende junge Menschen ohne wirkliche Berufsausbildung und Zehntausende in „Parkstellung“ an weiterführenden Schulen des ersten, zweiten und dritten Bildungswegs, leider mehr dösend als düsend!
Nur gut, dass vor 15, 20 Jahren der Kindersegen nicht größer war, wir hätten weder Arbeitsplätze noch qualifizierte Ausbildungsplätze für sie! Uns dünkt, eine unqualifizierte Jugend sichert nicht die Renten, sondern belastet als zusätzlicher Bittsteller die Sozialkassen des Staates, die unter einem steigenden Schuldenjoch ächzen. Aber weise Politiker aller Status-Quo-Parteien faseln unisono, unser Kernproblem sei die zu geringe Kinderzahl. Leider ist das schon eher die die Kinderarmut denn die Armut an Kindern!

Aber darum geht es auch nicht, es geht um bessere Qualifizierung, um eine andere, bessere Schule. Selektion ist nicht die Pädagogik von gestern, auch nicht die von vorgestern und nicht mal die von vorvorgestern, sondern leider die Realität heute in unserem Land!
Das Schlimmste: Insgesamt haben diese „Selektionsreformen“ unheimliche Geldsummen gekostet. Allein die G8-Reform in Bayern bedeutet zusätzlich mehr als 90 Millionen € Kosten für den KM-Haushalt pro Jahr. Das sind umgerechnet ca. 2000 Lehrerstellen! Der Unterricht an der Realschule und am Gymnasium ist wesentlich teurer (Kosten für einen Hauptschüler im Jahr: 3700 €, ein Gymnasiast kostet 4900 €; Grundschüler in Bayern: 3000 €, im OECD-Durchschnitt 4150 €). Kein Wunder, dass dabei für die Senkung der Klassen- und Gruppenstärken kaum mehr Geld blieb, obwohl 2004 die bayerischen Sparpolitiker ihren PISA-erfolgreichen Lehrern noch eine Nachsitzerstunde aufbrummten. Aber leider ist Undank ist der Welten Lohn!

Warum solche Einsichten und Tatsachen in unserem Lande bisher kaum Folgen zeitigten, hat eine Ursache, für die wir Lehrer und wirklichen Experten der Bildung eine große Mitverantwortung tragen. Wir sind selber schuld, wir haben uns diesen Expertenstatus in der Öffentlichkeit und in der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung  mehr oder weniger wehrlos rauben lassen! Wir sehen mit obrigkeitsstaatlicher Beamtenmentalität zu, wie vieles wie gottgewollt den Bach hinuntergeht, während wir über den Zaun überall hoffnungsvoll blühende Pflänzchen erblicken. Aber leider sind das nicht unsere!

Und wir haben uns in die Schubladen der Mehrgliedrigkeit stecken lassen und sind kaum fähig, mit einer Stimme zu sprechen. Wenn alle Lehrergruppen Unterschiedliches und enge Standesdünkel pflegen, ist es den Ignoranten und Besserwissern in der Politik und den Medien ein Leichtes, uns auseinander zu dividieren. Während die Einen in ihrer wohl gepflegten Schatulle um ihre Privilegien fürchten und zu viel Nähe mit den „Underdogs“ der Bildung lieber scheuen, flüchten sich die benachteiligten Grund-, Förder- und Hauptschulen in hilfloser Resignation, obwohl sie doch drei Viertel der Schüler- und Elternschaft hinter sich haben könnten. Aber leider jammern sie lieber und das reißt im leidgeprüften Volk nach 20 Jahren gebetsmühlenartigen „Ruck-Aufrufen“ der karriereverpflichteten Politprofis niemand mehr vom Hocker.

Die Lösung liegt auf der Hand, mitten im Land, IGLU hat`s bewiesen, PISA zum Trotz!
Wir laden alle ein, unsere in der Regel herrlichen vierten Grundschulklassen zu besuchen, um mit allen Sinnen wahrzunehmen, wie gut Schule heute mit der Heterogenität von Schülern umgehen kann, nachdem diese vier lange Kinderjahre zu einem lebendigen, lernwilligen Gefüge zusammengewachsen sind, das zu zerreißen jedem wahrlich liebenden Pädagogenherz wie der helle Wahn erscheint. Die zehnjährigen Kinder lernen mit Freude von- und miteinander, eigenständiges Lernen und Teamarbeit wird großgeschrieben, die Starken helfen den Schwächeren, die Guten lernen von den Hervorragenden, soziales Lernen findet statt, Fairness und Hilfsbereitschaft wird gepflegt, elitärer Dünkel und Minderwertigkeitsgefühle sind dort schon Relikte einer heute fragwürdig gewordenen schulpolitischen Vergangenheit. Aber leider nicht für lange!

Wenn solches Lernen in ausreichend kleinen Klassen mit genügend ausgebildeten, begeisterten Lehrkräften stattfindet und der Selektionsdruck wegfällt, weil diese Gemeinschaft noch einige weitere gute Jahre zusammen bleiben darf, braucht uns um wirkliche zukunftsfähige erstklassige Bildung nicht bange zu sein, bei der Können vor Wissen rangiert und die Fähigkeit, sich jedes notwendig Wissen selbständig und schnell zu verschaffen, im Zentrum der Bemühungen steht. Wenn sich in unserer Zeit alle fünf Jahre das Wissen verdoppelt, kann es nicht - wie früher - vorrangige Aufgabe der Schule sein, in 10- bis 18-Jährige Details zu stopfen, die bei ihrem Berufseintritt schon wieder überholt sein werden. Grundlagenwissen, Zusammenhänge, Problemlösungsdenken und Wissenstransfer bei eigenen Projekten werden eine Schule brauchen, in der Lehrer aller Schularten sich auf dieses neue, selbständigere Lernen einstellen müssen. Je länger wir damit warten, umso weiter hinten werden unsere Positionen und Chancen sein. Leider!