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„Sparen oder/und investieren? (3)“ oder "Der Lack ist ab"

Sonntag, 03 Februar 2008

 

Die Glossen sind keine Meinungsäußerungen des BSV. Sie enthalten Gedanken und Anregungen eines Mitglieds, manches ist auch unterhaltsam ironisch gemeint.

Till E. Spiegel

Man muss es nicht gleich „Die bayerische Bildungslüge“ nennen wie in der SZ vom 21.12.04 geschehen. Es reicht auch schon, wenn man einen ungeschönten Blick auf die durch nackte Zahlen belegten realen Verhältnisse wirft. Viele werden ihren Augen kaum trauen, haben sie doch die stereotypen Beteuerungen noch in den Ohren klingen, wonach wir in Bayern im Vergleich der Bundesländer bei wichtigen Rahmenbedingungen schulischen Lernens die Nase weit vorne hätten.

Bayern liegt bei der ...auf...

Unterricht/Schüler

Klassenstärken

Grundschule

Platz 12 von 16

Platz 15 von 16

Hauptschule Jgst 5/6

Platz 4 von 9

Platz 6 von 9

Hauptschule Jgst 7/9

Platz 11 von 12

Platz 11 von 12

Förderschule

Platz 15 von 15

Platz 15 von 15

Realschule

Platz 7 von 12

Platz 12 von 12

Gymnasium

Platz 9 von 16

Platz 14 von 16

(aus SZ-Grafik, Beck, Quelle: Kultusministerium)

Vom Vergleich mit den Grundschulen in PISA-erfolgreichen Ländern soll hier lieber mal verschämt absehen werden, denn dort wird lernschwachen Schülern schon seit vielen Jahren mit Kleingruppenunterricht und individuellem Fördern geholfen und damit der Schulfrust der hoffnungstragenden Generation in Grenzen gehalten.

Ein politischer Schelm wird aus diesen Zahlen nun scharfsinnig kombinieren: Da Bayern trotz der größeren Klassen die besseren Bildungsergebnisse bringt, ist damit die Relevanz dieser Rahmenbedingungen erneut höchst fraglich! Sollte man vielleicht sogar den Praktikern in den Schulen entgegen halten: „Ihr habt euch geirrt, je mehr Schüler, umso besser der Lernerfolg! Masse macht Klasse!“?

Undank ist der Welten Lohn und für die bayerischen Lehrer rächt sich schmerzlich, dass sie trotz größerer Klassenstärken die Schüler zu besseren Leistungen führen konnten. Nun wurde ihnen im Beamten-Musterland im letzten Schuljahr noch eine zusätzliche Unterrichtsstunde aufgebrummt. Dabei hatten die Lehrer immer gemeint, dass sich das urbayerische starrsinnige Festhalten an Lerndisziplin, an Arbeitstugenden, an Fleiß und am Lehrervorbild gerade im Gegensatz zu manchem anderen Bundesland für sie persönlich lohnen könnte.
Aber Pustekuchen! Besonders schmerzlich wurde dies für Grund-, Haupt-, Förderschul- und Fachlehrer, da diese bis dahin auch schon die Spitzenstellung bei der Stundenverpflichtung in Deutschland hatten. Die Hauptschul-Ackergäule ziehen ihre wackeligen Furchen mittlerweile eher 48 Stunden pro Woche, die Ferien eingerechnet, von der 42-Stunden-Woche dürfen sie träumen! Und sie fragen sich wie alle anderen Lehrer, was nun mit den 2091 Stellen geschehen ist, die durch diese einseitige Arbeitszeiterhöhung geschaffen wurden, die man nur mit brav eingeschirrten Staatsdienern machen kann?

1445 Stellen musste das Kultusministerium an das Finanzministerium abgeben. Mehr Lehrerstunden – weniger Lehrer: die neue Logik in Zeiten, in denen das Spardiktat die oberste politische Priorität besitzt! Dabei mehr Unterricht, vor allem Intensivierungsstunden am Gymnasium, aber auch zusätzlicher Bedarf an der Hauptschule in 5/6 und den M-Klassen und an der stark wachsenden Realschule in Folge der R6-Einführung. Kein Wunder, dass nun die Bildungsqualität in ein „Lehrerloch“ mit über 800 Stellen zu fallen droht, ohne dass die seit vielen Jahren erhofften und oft versprochenen Verbesserungen beim Fördern und Fordern auch nur ansatzweise anvisiert werden könnten.

Wer hat realisiert, dass nun wieder einmal die Volksschulen zu „Sparschweinen“ des Landes verkommen? In 2005 sollen 762 Volksschullehrerstellen abgebaut werden mit einem ungefähren Gegenwert von 30 bis 35 Millionen €. Best ausgebildete Grundschullehrer/-innen mit Traum-Prüfungsnoten hoffen vergeblich auf eine Anstellung, während landesweit in vielen Grundschulen noch immer und wohl auch weiterhin jeweils 28 und 29 Kinder in vier ersten Klassen sitzen! Vielleicht wandern die Junglehrer ab auf Nimmerwiedersehen in andere Länder, die das Frischblut freudig begrüßen und die für dessen teure Ausbildung keinen Cent bezahlen müssen!

Die Gefühlslage der Kämpfer an der „Grundbildungsfront“ pendelt zwischen Neid und Wut, letzteres vor allem deswegen, weil man auch hierzulande die Problemlösung seit vielen Jahren kennt. Warum in Deutschland aber unser Expertenrat beständig und verantwortungslos in der Öffentlichkeit und in der Bildungspolitik ignoriert wird, weiß offenbar ganz allein der Wind.

Kann es ein Versehen oder Zufall sein, dass im Zusammenhang mit den knappen Mitteln für Lehrer weder den Medien noch den Politikern ein Licht aufgegangen ist angesichts der Tatsache, dass allein die zusätzlichen Kosten für die Einführung des G8 über 90 Millionen € im Jahr 2004 ausmachen?
Wenn schon das G8, dann aber bitte mit Sahne! Respekt der hervorragenden Lobbyarbeit des Gymnasiums und seiner Freunde! Von wem kam eigentlich die unselige Vorgabe mit der G8-Einführung innerhalb eines Jahres? Welch tolles Sparmodell, das 90 Millionen € zusätzlich verschlingt! Der Städtetag zog die rote Karte: Konnexitätsprinzip, wer anschafft, der zahlt! Doch leider gab`s für`s Kultusministerium keinen „Schlag“ obendrauf. Die Mehrkosten müssen aus dem bestehenden Haushalt geschultert werden und so kommt es, wie es kommen musste. Es trifft wieder mal die Kleinen und das sind in der bayerischen Bildungslandschaft die Volks- und Förderschulen.

Während europaweit die Mittel bei den Bildungsausgaben zunehmend in die Ausbildung der Schlüsselqualifikationen in der Grundstufe gebuttert werden, droht in Bayern wieder einmal eine überproportionale Ausgabenverschiebung hin zum Lieblingskind. Man braucht schon eine rosarote Brille, würde man die Voraussetzungen für eine erfolgreiche zeitgemäße innere Schulentwicklung an den Grund- und Hauptschulen derzeit als günstig einstufen.
Geiz ist geil, doch jetzt wird`s ernst. Welche wichtige, ja herausragende Rolle bei der Schulentwicklung vor Ort (und nur die gibt es wirklich!) die Volkschulleitungen zu spielen hätten, wissen heute alle, die einigermaßen wach mit Schule und Bildung zu tun haben. Sollte im nächsten Jahr tatsächlich der volle Dienstvorgesetztenstatus mit der Beurteilungsaufgabe an die Rektoren übergehen, so ist das ein richtiger Schritt, der aber nur dadurch in die Praxis umgesetzt werden kann, dass diese zumindest bei der dafür zur Verfügung stehenden Leitungszeit mit den Schulleitern anderer Schularten gleichgestellt werden. So gern wir es täten, wir können nicht zaubern, wir müssen es uns erarbeiten!

Für das „Dream-Team“ der Zukunft und eine neue Unterrichtskultur braucht das Volksschul-Aschenputtel aber viel mehr: Poolstunden für die Kooperation wie die anderen Schularten, mehr Verwaltungsstunden und eine gerechtere Bemessung der Unterrichtspflichtzeit. Von der Besoldung und den fehlenden Beförderungsmöglichkeiten wollen wir hier zunächst mal noch lieber schweigen!
All dies darf nicht ehrgeizigen Sparplänen zum Opfer fallen. Wenn Bayern allein für 2004 nun 2 Milliarden € im Länderfinanzausgleich an weniger bildungssparsame Länder zu blechen hat, erscheint uns das Knausern im Volksschulbereich mehr als widersinnig. Bis wir den OECD-Durchschnitt beim Anteil der Bildungsausgaben am Bruttosozialprodukt erreichen, ist es noch ein steiniger, steiler Weg. Die sich selbst helfenden Volksschul-Seilschaften dabei nicht zu dezimieren sollte eine Selbstverständlichkeit sein!