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„Sparen oder Investieren? ( Teil 2)“

Sonntag, 03 Februar 2008

 

Die Glossen sind keine Meinungsäußerungen des BSV. Sie enthalten Gedanken und Anregungen eines Mitglieds, manches ist auch unterhaltsam ironisch gemeint.

Till E. Spiegel

„Sparen oder Investieren? ( Teil 2)“

„Freiheit von Lernmitteln“
oder „Wie bringen wir den Ball ins Tor?“

Noch keine Woche alt war die erschreckende, von Experten allerdings erwartete Meldung von der Bildungsfront, dass Deutschland beim internationalen Bildungsvergleich weiter zurückgefallen ist, schon traute man seinen Ohren kaum auf die prompte Antwort der Regierungsfraktion aus der Klosterklausur in Banz.
Die Lernmittelfreiheit soll ernsthaften Überlegungen zufolge abgeschafft bzw. stark eingeschränkt werden, um ehrgeizigen Sparzielen bis zum Jahre 2006 hin genüge zu tun.
Nicht Mehrausgaben für die Bildung, nein, für Millionen Eltern und ihre Kinder stehen schmerzliche Kürzungen auf dem Plan in Deutschlands führendem Bildungsland!

Nach der Ohrfeige für die Lehrer mit umfangreichen Gehaltskürzungen und Erhöhungen der Arbeitszeit erhalten nun die Eltern den Lohn für Bayerns sattem Vorsprung.
Was Experten von der Basis als einen kleinen, aber wichtigen Baustein für Bildungsqualität des europaweit eher durchschnittlichen Bayern im Vergleich zu den meisten anderen  Bundesländer ansahen, nämlich die kostenlose Bereitstellung der Schulbücher (längst nicht aller Lern- und Arbeitsmittel!) für alle Schulkinder, soll nun auf dem Altar engstirniger Sparpolitik geopfert werden – natürlich ohne dies vorher mit den Betroffenen zu beraten.
Nun gut, dann müssen deren Bedenken und Fragen eben nach diesem unseligen Grundsatzbeschluss zur Kenntnis genommen werden, wobei sich niemand wundern muss, wenn die Opposition über eine solche Steilvorlage für ein erfolgreiches Volksbegehren jubelt.
Im Prinzip ist der Ball schon im Netz, er braucht nur noch ein kleine Verlängerung durch den Gegner. Politiker der SPD und der Grünen stehen frei vor dem Tor, das die angeschlagene  Kultusministerin wohl nur noch sehr dürftig hüten kann!

  • Lohnt es sich wirklich, für ein eher dürftiges Sparziel zwischen 7 und 15 Millionen € im Jahr einen Volksaufstand zu riskieren?
  • Hat man den Ärger und den Aufwand bedacht, dem sich die Schule und die Lehrkräfte zu jedem Schulbeginn unterziehen müssen? Wie viel Zeit geht verloren, bis alle Bücher angeschafft sind, besonders wenn neue Lehrkräfte an die Schule kommen?
  • Will man die pädagogische Freiheit der Lehrer abschaffen, die selbst entscheiden, welche Unterrichtsmittel sie einsetzen? Werden die Eltern nicht versuchen, den Einsatz von Schulbüchern durchzusetzen, die sie mit eigenem Geld angeschafft haben?
  • Was macht man mit Eltern, die sich weigern, die Bücher anzuschaffen? Wussten die Abgeordneten, dass in den (SPD-)Bundesländern ohne Lernmittelfreiheit in vielen Klassen viele Kinder sitzen, die das Schulbuch nicht haben? Wie sollen diese Schüler in der Schule und zuhause mitarbeiten? Welche Disziplinprobleme zieht das nach sich?
  • Was machen Eltern, die umziehen und an eine Schule kommen, die ganz andere Bücher eingeführt hat?
  • Was ist an einer Komponente „sozial“, die allen Familien mit drei Kindern die Bücher ersetzt, sowohl den Sozialhilfeempfängern als auch den Millionären?
  • Wer stellt diese „Bedürftigkeit“ fest, wer überprüft eine geplante erweiterte soziale Komponente? Ist allen klar, dass die Schulverwaltung die dafür notwendigen Daten nicht besitzt und für eine entsprechende Datenerhebung nicht nur die rechtlichen Grundlagen fehlen, sondern vor allem auch die dazu nötigen personellen Ressourcen? Ist allen klar, dass besonders die Schulverwaltungen im Volksschul-und Förderschulbereich jetzt schon von ständig mehr werdenden Aufgaben hoffnungslos überlastet sind?
  • Ist nicht bekannt, dass immer mehr Familien mit ein oder zwei Schulkindern unter die Armutsgrenze gefallen sind und sich wirklich nichts mehr leisten können, weil es bisher schon nicht mehr reicht? Sind wir in Bayern nicht schon jetzt Schlusslicht, was die Bildungschancen der unteren sozialen Gruppen anbetrifft?

Die Lernmittelfreiheit war und bleibt ein Garant guter Versorgung mit Unterrichtsbücher unabhängig von Herkunft und sozialem Status. Gibt man sie auf, kommt noch mehr Unruhe und Unstetigkeit in die Schule und ein weiterer Qualitätsverlust ist zu befürchten.
An guten Schulen werden auch heute schon Bücher respektvoll und pfleglich behandelt, bei Beschädigungen zahlen die Eltern.
Bei uns sammelt Frau Hohlmeier keine Punkte, wenn sie als Fachministerin die Lernmittelfreiheit nicht verteidigt sondern deren Preisgabe als gerechte Problemlösung verkaufen will. Alles sieht eher nach einem klassischen Eigentor in der politischen Hektik aus. Eine kurzfristige und unmaßgebliche Entschuldung des Staates auf Kosten der Bildung und der Familien sichert nicht unsere Zukunftschancen, sondern riskiert sie. Und war es wirklich klug, für 90 Millionen € Mehrkosten im Jahr das merkwürdige Sparmodell „G 8“ binnen eines Jahres durchzupeitschen, wenn dies aus dem KM-Haushalt finanziert werden muss?

Die bayerische Bildungspolitik wäre gut beraten, nicht die Negativbeispiele SPD-geführter Bundesländer zu kopieren, sondern sich allein am Durchschnitt der OECD-Staaten ein Exempel zu nehmen. Dort wurden nämlich in den letzten vier Jahren seit Beginn der PISA-Bildungsdiskussion die Ausgaben um 20 % erhöht, während es in Deutschland nicht einmal 7 % waren, was gerade mal den Inflationsausgleich darstellt. In Deutschland wurde zwar mit Abstand am meisten diskutiert, aber außer viel heißer Luft, ständigem Fiebermessen und eine Reihe zum Teil gegenläufiger Maßnahmen passierte nicht sehr viel. Eine gezielte Heilbehandlung aus einem Guss ist nicht in Sicht. Und eines ist noch immer gleich geblieben: Die Experten von des Basis haben nichts zu sagen, man fragt sie vor Entscheidungen nicht mal mehr!