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„Sparen oder/und Investieren?“

Sonntag, 03 Februar 2008

 

Die Glossen sind keine Meinungsäußerungen des BSV. Sie enthalten Gedanken und Anregungen eines Mitglieds, manches ist auch unterhaltsam ironisch gemeint.

  

Till E. Spiegel

 „Sparen oder/und Investieren?“
Wie bringen wir die Pferde zum Laufen?

Zwischen diesen scheinbaren Gegenpolen pendelt heute die meist weniger als mehr denkende politische Welt im täglich ärmer werdenden Deutschland hin und her. Und da man für das Letztere immer schwerer freudige Kreditgeber findet, weil die finanzstarken Geldgeber zunehmend lieber im Ausland und möglichst steuerfrei anlegen und ihnen das unternehmerische Risiko beim Schaffen von konkurrenzfähigeren Arbeitsplätzen im Ausland erträglicher erscheint, wird „Sparen“ und „Einsparen“ zunehmend zum vielgepriesenen Wunderheilmittel unserer Politiker für das schwer angeschlagene ehemalige Zugpferd der europäischen Einigung.

Dass dieser Gaul in den letzten zehn Jahren schon deutlich dürrer geworden ist und eigentlich längst in die 2. oder 3. Reihe zurückgeschirrt hätte werden müssen, war ihnen lange verborgen geblieben. Aber warum sich als EU-Haupt-Nettozahler mit den anderen um die Führungsposition streiten? Wer zahlt, schafft an und wer`s glaubt, wird selig!

Und wenn schon die Bürger alle sparen müssen, muss auch der Staat sparen. Pech für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst, denn die sind beides: Bürger und Staat! Also zusätzlich Urlaubsgeld ade, Weihnachtsgeld gekürzt, Anhebung der Dienstaltersstufen gestreckt, Beförderungssperren ausgedehnt: Stroh statt Hafer! Und dann noch länger arbeiten, nicht nur 40 h statt 38 h, nein, 42 h demnächst! Zumindest jene, die den Vorzug des fürsorglichen Beamtenverhältnisses genießen. Also noch 2 Stunden länger an die Arbeitsfront, wohl damit langausgebildete Junghengste- und -stuten erst gar nicht ins Geschirr kommen und noch länger auf staatliches Gnadenbrot angewiesen sein werden.

Und wenn überall gespart wird, muss auch bei der Bildung und den Lehrern gespart werden, denn die zehren allein schon auf Grund ihrer hohe Anzahl üppig an den schmal gewordenen Ländertrögen! Zwar werden in Deutschland im Vergleich zum OECD-Durchschnitt (ca. 30 Länder!) im Jahr 5 Milliarden € weniger ausgegeben, aber allein der Gerechtigkeitssinn sagt uns, dass es alle treffen muss, sonst wird es schwer mit der Durchsetzung! Wenn allein der West-Ost-Transfer mit 90 Milliarden Euro im Jahr mehr als doppelt so viel kostet als die gesamten Bildungsausgaben in Deutschland, wird deutlich, warum wir die nötigen Verbesserungen und inneren Reformen im Schulwesen nur mühsam voranbringen können.

Das mit dem bayerischen Mustersparen hatte man sich bei der G-8-Reform auch anders vorgestellt als mit den jährlich zusätzlich benötigten 90 Millionen €, die nun entsprechend dem Konnexitätsprinzip auch noch vom Länderhaushalt geschultert werden müssen. Was bleibt da noch für die anderen?

Nun sollen also auch die Volksschullehrer zu ihren bereits geleisteten 28 bzw. 29 Wochenunterrichtsstunden plus Sprechstunde noch eine Stunde „draufsatteln“, sonst wär`s ja ungerecht, wenn die Gymnasiallehrer gleichzeitig von 23 auf 24 und die Realschullehrer von 24 auf 25 Stunden gehievt werden!
Doch steht leider zu befürchten, dass die vollzeitbeschäftigten Grund- und Hauptschulpferde dann die ganze Woche über nicht mal mehr dazukommen, zwischendurch mal „Wasser“ zu saufen, vom Durchschnaufen in Pausen keine Spur. Und im übernächsten Schuljahr soll dann vielleicht noch ein zusätzlicher Nachmittag verordnet werden, was aber die Kollegen dann nicht belasten, sondern entlasten wird und worauf sie sich schon sehr freuen. Am Vormittag bleibt an Volksschulen ja nun wirklich keine Zeit für Kooperation mehr, schließlich müssen die Fohlen da 6 Stunden nacheinander lückenlos belehrt und gewissenhaft beaufsichtigt werden.

Wer sieht, wie die „Holsteiner“ an den Volks- und Förderschulen den oft steinigen, ja morastigen Boden beackern, den ihnen eine immer erziehungsärmere und bildungsferne Bevölkerung bereitet, muss sich ernsthaft Sorgen um deren gesundheitliche Entwicklung machen. Haben nicht zuletzt die Lehrergesundheitstage im Lande nicht deutlich aufgezeigt, dass die Belastungsgrenzen teilweise schon deutlich überschritten sind? Es besteht akut die Gefahr, dass bei solch schlechter Pflege und gleichzeitigem Antreiben mit der Peitsche noch viel mehr Ackergäule stehen bleiben oder gar zusammenbrechen werden!
Und leider fechten die Verantwortlichen in Regierung und Ministerien auch nicht die mehrfach wissenschaftlich erbrachten Ergebnisse der Arbeitszeituntersuchungen bei Lehrkräften an, welche 45 Wochenstunden bei Einrechnung der Ferien mit einem Urlaubsanspruch von 30 Tagen ergeben haben!  Also müsste es für die Volksschulen eigentlich heißen: 2 Unterrichtsstunden weniger, um erst einmal auf das angedrohte 42-Stunden-Soll herunterzukommen!
Statt die Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen, setzt man – bewusst oder unbewusst - weiter lieber auf die weit verbreiteten Vorurteile, dass Lehrer am Vormittag ein bisschen Dressur halten und am Nachmittag frei hätten, um dann in den 13 Ferienwochen mit ihren üppigen Akademikergehältern freien Ausritt in die ganze Welt zu genießen.

Wir Schulleiter wissen das allerdings anders, natürlich besser! Mit großer Freude haben wir daran mitgewirkt, dass Bewegung in die starren Schulen gekommen ist, dass innere Schulentwicklung vorankommt und immer mehr Kollegien ergreift und Anschluss an die zeitgemäße internationale Schulentwicklung gesucht wird. Mit großer Genugtuung haben wir zur Kenntnis genommen, dass unsere zentrale Rolle bei der Gestaltung der Schule nicht nur gesehen, sondern geradezu propagiert wird. Natürlich sind wir dazu gerne bereit, aber bitte nur mit der entsprechenden Ausstattung. Wer uns im Ackergeschirr mit vollbeladenen Erntewägen gegen Vollblut-Araber mit filigranen Streitwägen an den Start schickt, sollte lieber nicht auf uns setzen und wird bei den nächsten PISA-Rennen auf keine Wunder hoffen dürfen. Ein erfolgversprechendes Gestüt mit einigen hundert Pferdchen und einigen Dutzend Jockeys in Schwung zu bringen und zu halten, ist wahrlich mehr als ein Nebenjob und fordert ein professionell arbeitendes Führungsteam mit entsprechender Leitungszeit, Verwaltung und Mitteln.

Oder sollte doch noch die Erkenntnis reifen, dass wir in Deutschland auf unsere Jungpferde bauen müssen und wirklich keine anderes Kapital haben als die Bildung und Ausbildung unseres Nachwuchses? Dann wird`s Zeit, auf die Experten aller renommierten Gestüte zu hören, die unisono seit Jahrzehnten eine bessere Personalausstattung für kleine Klassen und Lerngruppen, selbständiges Lernen und rechtzeitige Förderung empfehlen. Wenn Finnlands Lehrerelite sich bei 17 bis 24 Wochenstunden jeweils mit durchschnittlich 15 Kindern als gut ausgelastet fühlen, sollten wir es den unseren ersparen, die doppelte Anzahl mit einer um ein Drittel höheren Pflichtstundenzahl zu trainieren. Hier läuft Kreisklasse ein Derby gegen die internationale Championsleague, das ist unfair!

Wir Deutschen und besonders hier in Bayern hören es noch immer allzu gerne: Wir wollen Spitze sein! Sparen ist ein für alle Zeiten allgemeingültiges und richtiges wirtschaftliches Prinzip; Investieren in die Bildung ist der Schritt, der unsere Zukunft sichert, damit unsere Pferde ins Laufen kommen und in zehn, fünfzehn Jahren mal wieder ein Rennen gewinnen werden!