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Bayern spitze?

Montag, 05 Januar 2009

 

Die Glossen sind keine Meinungsäußerungen des BSV. Sie enthalten Gedanken und Anregungen eines Mitglieds, manches ist auch unterhaltsam ironisch gemeint.

 

 

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Für Experten aus der Schulpraxis war es alles andere als eine Überraschung, viele hatten es sogar prognostiziert. Nachdem bei den jüngsten Pisa-Testergebnissen Sachsen bei den 15-Jährigen den sieggewohnten Bayern schon den ersten Rang ablaufen hatte, wurden wir Bayern nun auch bei den 10-jährigen Grundschülern von Thüringen „entthront“. Betont gelassen gab sich darüber die in 2008 arg gewatschte Regierungspartei, als hätte sie den Verlust der Spitzenposition in ihrem Wahlprogramm gehabt und stattdessen das Verbleiben in der bundesdeutschen Spitzengruppe als neues Ziel ins Auge gefasst. Ist das die neue Bescheidenheit, werden demnächst noch kleinere Brötchen gebacken?

Aber uns wurmt es! Es mag viele Gründe geben, warum gerade in Sachsen und Thüringen die Lernergebnisse deutlich besser wurden. Ein sehr entscheidender dürfte sein, dass diese Länder gerade in den Grundschulen mit einer deutlich besseren Lehrerpersonalausstattung arbeiten und sich diese auch was kosten lassen.

Beim Grundschulsieger Thüringen sitzen beispielsweise durchschnittlich 14,9 Schüler in einer Klasse, ein Wert, der im europäischen Vergleich allenfalls Durchschnitt ist. Bayern hat dagegen bei der grundlegenden Schulbildung mit durchschnittlich fast 23 Schülern sehr hohe Klassenstärken. Acht Kinder mehr in jeder Grundschulklasse, um wie viel besser müssten Bayerns Schüler, Lehrer und Eltern sein, um da mithalten zu können?

Bayern gibt jährlich im Länderfinanzausgleich 2,3 Milliarden € an andere Bundesländer, überwiegend im Osten und Norden. Die Ost-Bundesländer machen es schlau und leisten sich feine, kleine Klassen und fahren damit zunehmend gut. Nicht schwer vorauszusagen, dass der Trend so weiter gehen wird, wenn wir in Bayern nicht sehr schnell deutlich mehr investieren und auch mit Klassenstärken wie in Thüringens Grundschulen klotzen. Dabei besteht großer Nachholbedarf nach langem Kleckern: Bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt werden in Bayern 2,6 % der öffentlichen Gesamtausgaben für Bildung aufgewendet, in Deutschland sind es 3,1 %; der Durchschnitt der OECD kommt übrigens auf 3,8 %.

Noch klingt es uns „Schulleidern“ hohl in den Ohren, als wir auf die notwendige Senkung der Klassenstärken vor allem in den Grundschulen und auf die absolut unerlässliche Ausstattung der Volksschulleitungen mit Leitungszeit und Verwaltungsstunden für unsere Führungsarbeit gepocht haben. „Es ist kein Geld da“ klang es unisono von verantwortlicher Seite und wir haben uns damit getröstet, dass für uns kein Geld immer da war. Doch wie wir jetzt wissen, gab es Geld, doch das wurde nach Amerika, Island und sonstwohin gebracht, wo es weitsichtigen „Bänkern“ mehr Profit versprach, als wenn es profan in die Bildung der Schulkinder, der Zukunft des schönen Bayernlandes, gesteckt worden wäre. Auf mindestens 10 Milliarden € wurde zuletzt der mögliche Verlust der staatlichen Bayerischen Landesbank taxiert, kontrolliert von unseren Herren Politikern im Aufsichtsrat. Da blieben dann keine 40 Millionen € für 800 weitere Lehrer, die im Volks- und Förderschulbereich zum August 2008 in Bayern hätten angestellt werden können. Aber was verstehen wir schon von großen Finanzgeschäften?

Bleiben wir also bei der Schulpolitik und hier wäre es sowieso viel besser, die relativ preiswerte Grundschule schon mittelfristig zumindest auf die 5. Jahrgangsstufe auszudehnen. Ein Grundschüler kostet im Schnitt 4100 € pro Jahr, ein Gymnasiast 6100 €. Es sind genug gut ausgebildete Grund-, Hauptschul-, Fach- und Förderlehrer dafür vorhanden, die Grundschule um ein Jahr zu erweitern. Die Realschulen und Gymnasien mit ihren übergroßen Klassen könnten auf einen Schlag ihre Klassenstärken um  4 bis 6 Schüler pro Klasse senken, wenn sie die Schüler erst in der 6. Klasse bekämen. Und auch die an der Berufspraxis orientierte Hauptschule könnte sehr, sehr gut damit leben, wenn die Schüler erst nach der 5. (oder noch besser nach der 6.) Klasse kommen, aber dafür über die wichtigen Grundkompetenzen des sinnerfassenden Lesens, des Texteverfassens und der Mathematik verfügen würden. Für elf- und zwölfjährige Schulkinder ist eine überwiegend vom gemeinschaftsstiftenden Klassenleiterprinzip geprägten Schule pädagogisch wesentlich angemessener.
Besonders dem neuen freidemokratischen Koalitionspartner, der mit seiner Wahlforderung einer 6-jährigen Grundschule viele Wähler und Sympathisanten aus den Elternkreisen auf seine Seite gelockt hatte, sei ins Stammbuch geschrieben, dass eine wie auch immer gestaltete „Gelenkklasse“ in der 5. Jahrgangsstufe das Problem „zu frühzeitiger Übertritt“ keineswegs lösen wird. Nach den bisher dazu veröffentlichten Vorstellungen steht zu befürchten, dass sich die Problemlage eher noch verschärfen wird und die Gefahr vergrößert wird, dass der Hauptschule noch mehr der Boden entzogen wird.

Die gute Nachricht 2008: Die zehnjährigen Grundschüler der 4. Klassen sind bei „Iglu“ international in der Spitze dabei, nicht nur in Thüringen, Bayern, Baden Württemberg und Sachsen, sondern mit gewissen Einschränkungen in ganz Deutschland. Die schlechte Nachricht: Wir lassen die Kinder im bisherigen System weiterhin absacken, bis sie als Fünfzehnjährige bei „Pisa“ wieder weit hinten liegen.

Da liegt die Lösung doch auf der Hand, man muss nur die Augen aufmachen! Wer in die 4. Klassen der Grundschulen ohne Scheuklappen auf Besuch geht, wird erleben und erkennen, dass die dort in vier Jahren gewachsene große Lernfreude, der enorme Lerneifer, die Methodenvielfalt und die gepflegte Lernatmosphäre nicht länger zugunsten einer antiquierten „früh-elitären“ Trenn-Mentalität aufgegeben werden dürfen. Wer Verantwortung trägt und alle - und nicht besonders seine eigenen - Kinder im Blick hat, wird einsehen, dass das Wohl der allgemeinen Schulbildung des ganzen Schülerjahrgangs mit einer längeren gemeinsamen Schulzeit untrennbar verbunden ist
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Die Grundschule als die erfolgreichste Schulform in Deutschland mit den modernsten Unterrichtsmethoden und der größten Schüler-und Elternzufriedenheit um ein Jahr zu verlängern wäre genau der Schritt, der Bayern und sein Schulsystem jetzt entscheidend weiter-bringen könnte, wieder an die Spitze! Nicht zuletzt die von allen internationalen Schulforschungen beständig kritisierte scharfe soziale Selektion könnte gemildert werden und Kindern aus bildungsfernen Schichten könnten bessere Chancen eröffnet werden. Der gnadenlose, lernfeindliche Notendruck könnte aus den ersten drei Jahrgangstufen entfernt werden – ein Traum für gestresste Kinder, Eltern und Lehrer. Verstehen Sie übrigens, dass die Finnen ohne Noten bis zur 8. Klassen so gut lernen? Wir schon: Sie sind nicht etwa trotzdem PISA-Sieger, sondern auch deswegen!
Dass man Kinder mit unterschiedlichster Intelligenz an der Grundschule nicht ausreichend fördern und fordern könnte, gehört ins Reich der Märchen. Gut ausgestattet und mit differenziertem Lernangebot in Leistungsfächern wie Englisch und Mathematik halten die Kinder dort auch mit vermeintlichen Elitebildungen mit, wie Finnland und andere Länder mit bis zu acht Jahren gemeinsamer Schulzeit tagtäglich vormachen. Dort werden auch in den Spitzengruppen bei den 15-Jährigen die besten Ergebnisse erzielt. Der Wille der ganz großen Elternmehrheit nach längerer gemeinsamer Schulzeit kann und darf in einer Demokratie auf Dauer nicht unberücksichtigt bleiben. Nach einer aktuellen Studie von Emnid sind nur 28 Prozent der Befragten in Deutschland dafür, die Schüler nach der 4. Klasse in verschiedene Schularten aufzuteilen. Pädagogen ohne Schubladendenken sind voll auf ihrer Seite. Wir haben keine „Spreu vom Weizen“ zu trennen, denn unter unseren Kindern gibt es keine Spreu. Jedes Kind hat seinen ganz individuellen Lernweg und darauf hat sich eine zeitgemäße Schule einzustellen. Die Mittel und das dafür exzellent ausgebildete Personal hat ihr die Gesellschaft zu geben, wenn sie eine gute Zukunft haben will.