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Till E. Spiegel: Lehrer - Vereinigt Euch!

Dienstag, 28 Juli 2009

 

Textfeld:  Die Glossen sind keine Meinungsäußerungen des BSV. Sie enthalten Gedanken und Anregungen eines Mitglieds, manches ist auch unterhaltsam ironisch gemeint.

Lehrer aller Schulen und Länder vereinigt euch!

Die Freien Wähler im bayerischen Landtag ließen zuletzt mit einer wegweisenden Forderung für die Bildungslandschaft aufhorchen:

Ein Lehrer für alle!


Sie machen sich für einen Einheitslehrer stark, der nicht nur auf eine Schulart festgelegt ist, sondern alle Schularten von der ersten bis zur zehnten Klasse unterrichten kann. Die Pädagogen sollen, egal ob sie an Gymnasien, Real- oder Hauptschulen lehren, nach Meinung der Freien Wähler auch einheitlich bezahlt werden.

In Zeiten, in denen sich zunehmend herum-spricht, dass Lehrer keine Fächer, sondern Kinder unterrichten, folgen die Bildungsrevoluzzer aus dem eher konservativ angesiedelten Lager der „Freien Wähler“ damit nur einem weltweiten Trend, der eine Konsequenz der internationalen wissenschaftlichen Schulforschung ist, die bislang in Deutschland systematisch und konsequent ignoriert wurde.

Was aber löst so eine Forderung nach Gleichmacherei in einem Bundesland aus, bei dem die Politiker aller Parteien sich seit Jahrzehnten auch gleichzeitig als Bildungsexperten wähnten, denn schließlich war man doch, je nach Alter, selbst zwischen acht und 14 Jahren brav zur Schule gegangen und hat diese noch bestens in Erinnerung?

Bei den einen, die sich in der naturgewachsenen Ungleichheit der Lehrerschaft permanent benachteiligt fühlen, bewirkt es vielleicht Träume, alsbald aus dem Aschenputteldasein der Volksschulidentität erlöst zu werden und neben der Lehrerschaft der weiterführenden Schulen gesellschaftlich und finanziell emanzipiert zu werden. Wäre da nicht die notorische Hoffnungslosigkeit und der manifeste Glaube daran, dass immer alles schlimmer wird und die Volksschullehrer viel zu viele seien, als das man ihnen das Gleiche geben könnte, das die anderen schon haben.

Oder doch? Werden sie jetzt nicht doch alle befördert, obwohl kaum einer daran glauben wollte? Wie sieht es mit der Einigkeit in dieser größten Lehrergruppe aus, die noch immer ihre dienstvorgesetzten und sie beurteilenden Schulleiter zu Personalräten wählt? Da konkurrieren gleich vier große und vermutlich noch weitere kleinere Standesverbände darum, für die Volksschullehrerschaft sprechen zu dürfen: Einigkeit macht stark und deshalb treten neben dem mitgliederstärksten BLLV auch die bundesweit stärkste Lehrergewerkschaft GEW und die katholische KEG auf die Bühne, um ihre je eigenen Verbandsspezifikationen zum Besten zu geben. Und zu allem Überdruß kristallisierte sich ausgerechnet in der Landeshauptstadt München, in der Politik und mediale Meinungsmache dominant betrieben wird, ein Münchner Lehrerinnen- und Lehrerverein heraus! Und dann kommt dann noch der BSV, der den Expertenstatus der Schulleiter der Grund-, Haupt-  Förder- und demnächst Mittelschulen in Anspruch nimmt. Die Politiker haben es da nicht gerade leicht – auf wen sollen sie hören? Plausibel klingt alles, was die Verbände so von sich geben, doch leider ist kein roter Faden sichtbar.

Oder sollte man sagen, die zersplitterte Pädagogenzunft macht es den Politikern leicht? Nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ lässt sich mit den meilenweit voneinander entfernten Lehrerschaften, aufgespalten in streng voneinander getrennten Schularten, so man es will, glänzend jonglieren, gegeneinander ausspielen, taktieren, locken und fallen lassen. Dabei sind ja nicht nur die Kinder sehr fein und sehr früh selektiert, von den Strukturen der Ausbildung angefangen bis hin zur Bezahlung und Führung sind die Lehrerschaften sehr unterschiedlich gehalten. Jedermann versteht die Berührungsängste der Philologen des Gymnasiums, die in breiten Scharen Studiendirektorenämter mit A 15 erwerben, ohne konkrete Personalführungsverantwortung zu erfüllen. Ihre mächtige und zuverlässige Elternlobby wäre wohl auch für die „in der Mitte“ der Lehrerstände stehenden Realschullehrer eine willkommene Unterstützung. Derzeit gibt es ja keine energischeren Verfechter der Dreigliedrigkeit als den Realschullehrerverband, der die Umarmungsversuche der Hauptschule mehr fürchtet als der Teufel das Weihwasser. Dabei weiß man nicht genau, ob es mehr die Schüler der Hauptschule sind, die ihnen Angst einjagen oder die Furcht, bei einer Fusion auf das Besoldungsniveau dezimiert und auf Lehrerstundendeputat der Volksschullehrer angehoben zu werden. 

Doch die Angst ist unbegründet, denn die meisten Hauptschulen, die demnächst und sehr schnell sich zur neuen Mittelschule weiterentwickeln werden, möchten weder mit der Realschule fusionieren und schon gar nicht dort angegliedert werden. Dazu ist das, was diese so häufig missachtete und denunzierte Schulform sich besonders auf dem Land in den letzten Jahrzehnten an Unterrichts- und Erziehungskultur erarbeitet hat, viel zu gut und einmalig, passend für ihre spezielle Schülerklientel, wie insbesondere die Abnehmer aus der Wirtschaft, aus Industrie und Handwerk, immer wieder öffentlich und glaubwürdig betont haben.

Allerdings, und das würde der Zersplitterung entgegenwirken, würde der Hauptschule resp. der neuen Mittelschule es reichen, die Schüler ein oder zwei Jahre später, solide in der Grundschule gebildet und gefördert, bekommen würde. Längeres gemeinsames Lernen in der Grundschule mit mehr individueller Förderung sowohl der „schwachen“ als auch der leistungsfähigsten Schüler wäre ein Segen für alle, auch für Realschulen, Gymnasien, Wirtschaftsschulen. Die fünfte Klasse an der Grundschule, dabei vermehrt die vom Kultusminister propagierte Möglichkeit des Absolvierens der ersten beiden Klassen in nur einem Jahr nützend, würde die einmalige Chance eröffnen, mit dem vorhandenen Lehrpersonal an allen weiterführenden Schulraten die Klassenstärke auf einen Schlag um 3 bis 5 Schüler zu senken und dem von der Bevölkerung viel beklagten Lehrermangel nachhaltig zu begegnen. 1000 bestausgebildete Grundschullehrer/innen stünden zur Verfügung und müssten nicht vor der Tür bleiben!

Wie oft haben wir schon von vielen gutwilligen Politikern gehört, die uns Experten aus der Praxis wirklich zuhören: Einigt ihr Lehrer euch doch, macht gemeinsame Vorschläge im Konsens und wir machen das, ganz bestimmt. Ihr Leid aber ist, dass sie nach jedem Besuch einer Veranstaltung oder Tagung eines der zersplitterten Lehrerverbände um keinen Deut klüger sind und  wenn sie dann doch handeln, kommt es zu teuren und unausgegorenen „Reformen“ wie R 6 und G 8, zur weiteren „Schubladisierung“ durch M-Klassen an Hauptschulen etc.

Es kann auf Dauer nicht der Weisheit letzter Schluss sein, dass sich ein Kind mit 11 Jahren zwischen Gymnasium, Realschule, Wirtschaftsschule, Mittelschule, und Hauptschule entscheiden muss und dabei das Gefühl vermittelt bekommt, es handle sich um die wichtigste Lebensentscheidung. Dem ist nicht so, aber leider sehen das viele Eltern anders.

Es müsste eine Schule möglich sein, in der man alle Kinder so fordern und fördern kann, wie es ihren Potentialen entspricht. Wenn Selektion zur Abwertung führt, ist sie im Wesentlichen kontraproduktiv. Die angeblichen Gewinne auf der Seite des „Weizens“ gleichen die Verluste beim „Spreu“ nicht aus. Bei der Bildung von jungen Menschen darf es keinen Abfall geben, sondern nur individuell optimierte Lernprozesse. Warum das mit unseren Kindern nicht möglich sein soll, was Finnland und zunehmend mehr andere Länder vormachen, ist nicht einzusehen. Ob es mit unseren Eltern und den Lehrerschaften gehen kann und wird, ist eine schwierigere Frage. Aber wo ein Wille, da ein Weg, frei nach Schiller: „Des Menschen Glück ist sein Wille.“

Alles, was in diese Richtung heute geht, bringt unser Bildungssystem weiter. Ob man das Pferd - wie es die Freien Wähler tun - von hinten aufzäumen kann und soll, in dem man zuerst bei der Lehrerbildung ansetzt, mag diskussionswürdig sein. Dennoch kann man nicht umhin, auch an den Schulen was zu ändern, und da haben sich die „Freien“ auch klar für die sechsjährige Grundschule ausgesprochen. Das muss nicht alles auf einmal sein, aber auf ewig kann es nicht verschoben werden, was als richtig erkannt ist.