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Till E. Spiegel: Zu kurz gesprungen...

Dienstag, 26 Oktober 2010

 

Glosse von Till E. Spiegel

Zu kurz gesprungen – längeren Anlauf nehmen!

Verbundkoordinator mit großer Befugnis

Seit von den Regierungen ernannte Mittelschul-Verbundkoordinatoren in den Verbünden aus ehemaligen Hauptschulen die Klassen und das Lehrerstundenbudget verteilen, ist noch offenkundiger geworden, dass im bayerischen Volksschulbereich eine Dienstrechtsreform überfällig ist, die klare Führungsstrukturen schafft, bei der die Schulleitungen auch dienstrechtlich jene Position bekommen, die sie selbst faktisch oft (fast) schon haben und die Schulleiter anderer Schularten selbstverständlich wahrnehmen.

Schulleiter kann nicht Personalrat sein

Wenn es dabei nun oft zu der grotesken Situation kommt, dass dieser Verbundkoordinator gleichzeitig Personalrat der Lehrkräfte oder gar deren Personalratsvorsitzender im ganzen Landkreis ist, wird die Notwendigkeit einer zeitgemäßen Klarstellung noch deutlicher. Es ist nicht tröstlich, eher beschämend, wenn wir aufgrund solcher Widersprüche von den Vertretern anderer Schularten und der Wirtschaft ob unseres Demokratieverständnisses herzhaftes Lachen ernten.

Neues Amt mit wenig Zeit und Macht
Dabei ist es eher zum Heulen, wenn wir Jahr für Jahr angesichts unserer mehrfach benachteiligten Ausstattung als Schulleiter (höchste Unterrichtsverpflichtung, geringste Leitungszeit, die wenigsten Verwaltungsstunden, geringster Pool, geringste Besoldung aller Schularten) bei unseren Vorschlägen zur Verbesserung der Führungsarbeit an den Volksschulen auf den gleichen „Granit“ beißen, der da heißt: Ihr habt ja noch die zusätzliche Ebene des Schulamts und der Regierung, insgesamt ist das Volksschulsystem in der Leitung und Schulaufsicht mindestens so teuer wie das MB-System der Realschulen und Gymnasien. Verbundkoordinator erhalten für ihre Zusatzaufgabe oft nur eine einzige Anrechnungsstunde.

Wie geht es von oben her wohl weiter?

Mit den neuen Mittelschulverbünden werden Vollschulen unausweichlich getrennt in Grund- und Hauptschulen. Ehemalige "Vollschulleiter", eine "aussterbende Spezies", werden nun jeweils zum Leiter einer Grundschule und einer Hauptschule, und dazu vielleicht auch noch Verbundkoordinator in einem Mittelschulverbund. Als solche haben sie die meiste „Entscheidungsbefugnis" und größte Verantwortung, dürfen bzw. müssen sie doch über die Klassenbildung in allen Schulen des Verbunds und sogar über das gesamte Lehrerstundenbudget und damit auch über das Fächerangebot an allen einzelnen "Mittelschulen" im Verbund  entscheiden.

Koordinator als Himmelfahrtskommando?

Fragt man, in welcher dienstrechtlichen Funktion sie das tun werden, erfährt man, dass sie von der Regierung eingesetzt sind, Schulleiter nur der eigenen Schule sind, aber im Übrigen sich an der Schulleitung in den anderen Verbundschulen nichts ändert. Dies ist - gelinde ausgedrückt - eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, für die allen neuen Amtsinhabern viel Glück, ein gutes Händchen und angesichts der objektiv nicht zu leugnenden örtlichen Interessen und Egoismen auch aufrichtig eine gute Gesundheit zu wünschen ist. Möglichst wenig Ärger mit dem Schulverbundsausschuss, der Schulverbundsversammlung,  den verschiedenen Elternbeiräten, den Lehrerschaften und Schulleitern ist aufrichtig zu wünschen! Als Einspruchsinstanz bleibt das Schulamt vorgesehen, womit wieder jedes Rädchen im großen Getriebe seine angemessene Aufgabe hat. In der Eigenschaft als Leiter der Grundschule erhält er auch weiterhin ohne Budget seine "Zuteilung" für die Grundschule vom Schulamt, die er aber nun bitteschön nicht mit dem Lehrerstundenbudget seiner Mittelschule vermengen möchte. Setzt er Lehrer einer seiner Schulen an der jeweils anderen Schulart ein, so darf er sich um eine beamtenrechtlich einwandfreie Abordnung bemühen und darauf hoffen, dass das ganz komplizierte Paket auch beim Schulamt seine Zustimmung findet. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht!

Wer führt eigentlich wie?
Wie sieht es also nun für einen „Einzelkämpfer-Lehrer“ aus, der auf die Frage „Wie möchten Sie denn gerne geführt werden?“ am liebsten antworten würde: „Am besten gar nicht!“:
Über sich einen Teamleiter, dann den Schulleiter (macht die DB-Arbeit, ist evt. sein Personalrat), dann den Verbundkoordinator (entscheidet Klassen, Unterricht), dann den Schulrat (entscheidet, unterschreibt DB), dann den leitenden Schulamtsdirektor (Lehrerzuweisung, hat Personalnebenakt), dann die Regierung (genehmigt DB, hat Personalakt). Und dann kommt natürlich auch noch das Kultusministerium als oberste Dienstbehörde. Schließlich taucht auch noch alle fünf Jahre ein externes Evaluationsteam auf. Wenn Sie das Führungskräften aus der Wirtschaft erzählen, gibt es ungläubiges Staunen und heftiges Kopfschütteln zu sehen. Das kann nicht gut funktionieren, meinen die!  Zum Glück müssen wir ja auch selten Konkurrenz und nie die Pleite befürchten!

Mehr Eigenverantwortung als eine von drei Säulen des bayerischen Kultusministeriums

Wenn es nun auch vom Ministerium heißt, der Schwerpunkt der Schulentwicklung geht hin zur eigenverantwortlichen Schulen (siehe Lehrer-Info vom Oktober 2010, in dem das Schulinnovationsgesetz dezidiert angekündigt und die sukzessive Einführung einer mittleren Führungsebene sowie ein von der Schule eigenverantwortlich einzusetzendes Anrechnungsbudget für die Führung der Schule versprochen wird), so sind wir die letzten, die sich dagegen verwahren wollten. Wir wissen genau, wie wir Schulen mit höherer Selbständigkeit und Eigenverantwortung zu qualitativ besseren Schulen machen können. Warum also haben wir im VS-Bereich als einzige Schulform noch immer nicht den dienstvorgesetzten Schulleiter als anerkannte Führungskraft?

Warum sind wir im Volksschulleiter keine vollwertigen Führungskräfte?

Richtig, genau, wegen den tausend und mehr Schulleitern kleiner Schulen mit oft weniger als 100 Schülern, die meisten davon Grundschulen! Von denen hören wir oft, dass z.B. bei der zentralen Führungsaufgabe der dienstlichen Beurteilung diese weder willens noch in der Lage seien, diese sach- und fachgerecht alleine durchzuführen. Im 19. und 20. Jahrhundert gab es nicht zuletzt wegen dieser Zwergschulen das System der Schulaufsicht durch regionale Schulräte. Aber wie wir wissen, ändern sich die Zeiten und mit den Zeiten sollten sich auch die Strukturen ändern, sonst ist das Schulsystem nicht mehr zeitgemäß.

Moderne Schullandschaft fordert klare Entscheidungsstrukturen

Mag sein, und jetzt kommen wir zu unserem „mea culpa“. Auch wir im BSV haben diese zentrale Problematik nicht offensiv angegangen, als angefragt wurde, ob wir als „große Schulleiter“ denn so kleine Schulen dienstrechtlich mitversorgen würden. Wir haben uns um dieses zentrale Problem herumgedrückt, das mindestens genauso groß ist wie der "Sperrblock" der Schulleiter, die noch immer und meist als Lehrerverbandsvertreter gleichzeitig Personalrat spielen wollen und sich nicht klar zu ihrer Führungsaufgabe bekennen.
Wir witterten erneut nicht honorierte Mehrarbeit ohne entsprechende Entlastung und zu unserer Entschuldigung sei erwähnt, dass dies in den letzten 20 Jahren bei allen neu übertragenen Aufgaben in der Regel der Fall war.
Aber es reicht eben nicht, bei einem ungelösten Problem nur den Kopf zu schütteln. Um nicht falsch verstanden zu werden: Wir sind nicht gegen kleine Schulen, aber gegen eine Blockade der längst überfälligen Selbständigkeit der Schulleitung der Volksschulen.  Gute Schulen werden von guten Schulleitern geführt und nur wenn diese stark und selbständig sein können, können sie auf Dauer den Herausforderungen gewachsen sein.

Kleine Schulen in großen Dienstverbünden erhalten

Wir wollen auf keinen Fall kleine Schulen schließen, im Gegenteil, wir sehen gerade aus pädagogischer Sicht die kleinen Schulen als Riesenchance und Gewinn für die Kinder und Eltern vor Ort. Aber wir sehen auch, zum Beispiel mit Blick auf die selbständigen Schulen und Schulverbünde in Südtirol, dass eine zeitgemäße qualitativ hochstehende Schulentwicklung größere „Führungseinheiten“ braucht, als es ein drei- oder vierköpfiges Kollegium zu bieten hat. In Südtirol haben sich im Grund- und Mittelschulbereich von unten her die Schulen zu Größen von ca. 400 bis 900 gebildet, nachdem 1999 das „Schulautonomiegesetz“ die Verantwortung nach unten an die Schulen gegeben hatte. Bald stellte sich heraus, dass diese „Schuleinheiten“ von sich aus zu freiwilligen „Schulverbünden“ strebten, die wesentliche Aufgaben für die Weiterentwicklung aller Schulen im gemeinsamen Auftrag zu leisten haben. In Südtirols "großen" autonomen Schulen lebt die Schule mit 5o Kindern oben auf dem Berg munter und gut geführt von der Direktion und dem Außenleiter weiter!

Bayern ist nicht Südtirol

Nun kann und soll man keine Reformen derart machen, dass man Lösungen aus einem Land dem anderen überstülpt, das ganz andere Voraussetzungen hat. Dennoch finden sich stabile Parallelen, die interessant sind, wenn gleiche Zielsetzungen, also die eigenverantwortliche Schule (versus der zentralistisch gesteuerten Schule!) ernsthaft verfolgt werden sollen. Dazu gehört zweifellos die Größe der Schule, die Anzahl der Schüler, die unter der kompetenten Leitung einer pädagogischen Führungskraft zusammen eine Schule bilden. Ohne eine feste Grenze festschreiben zu wollen, scheint uns auch unter weiten ländlichen Bedingungen eine Mindestzahl von ca. 300 bis 400 Schülern ein Gebilde zu sein, für das sich der Aufwand einer selbständigen Schulleitung ohne überholter obrigkeitsstaatlicher Bevormundung lohnt.

Schulleitung braucht breitere Basis und mehr Ressourcen

Je besser und wirksamer allerdings an den Schulen eine mittlere Führungsstruktur eingeführt werden kann mit Konrektoren, Außenstellenleitern, Teamleitern, Fachleitern, und weiteren Mitarbeitern in der Schulleitung, umso wirksamer und erfolgreicher wird die innere Schulentwicklung mit klarem Tenor auf individualisiertes Lernen und Fördern verlaufen. Die Dinge sollen eben nicht nur auf dem Papier stehen, sondern spürbar beim Kind ankommen, messbar und evaluiert, und dafür trägt niemand so gut Sorge wie die Lehrkräfte an der Basis, die Unterricht und Schulleben gestalten und vor Ort gegenüber den Menschen verantworten. Wie gut es Schulen tut, mit zusätzlichen Mitarbeitern die Schulleitung zu stärken und zu entlasten, stellt in Bayern  der Schulversuch Modus F (seit 2006 bis 2011) eindrucksvoll unter Beweis. Führungsspannen mit 6 bis 10 Lehrkräften im Team und gezielte Qualifikation zur Teamarbeit ermöglichen nachweisbar höhere Schulqualität.

Hohe Qualifikation ist Voraussetzung

Dazu gehört aber auch die professionelle Ausbildung und Ausstattung der Schulleiter selbst, die sowohl pädagogisch-psychologisch hohe Kompetenz haben müssen als auch das Geschäft des Schulmanagements verstehen müssen. Es ist klar, dass in einem Landkreis, in dem es heute 40 Volksschulen gibt, nicht auch 40 solche Führungskräfte wachsen können. Aber es braucht vielleicht sogar 150 von 1000 Lehrern im Landkreis, die ihre Ressourcen ganz gezielt in die Schulleitung der dann vielleicht 15 bis 20 eigenverantwortlichen Schuleinheiten einbringen können und aus diesem Kreis werden immer wieder auch die Führungskräfte hervor wachsen, die auch im Volksschulbereich Schulräte in der bisherigen Form als Dienstvorgesetzte der Lehrer überflüssig machen und Schulleitung in führbaren Schuleinheiten verantworten können.

Schulleitung als Direktion

Wer werden die Leiter der künftigen selbständigen Grund- bzw. Mittelschulen sein? Viele leiten heute schon mittelgroße und große Schulen mit Erfolg und können bei einem entsprechenden Ausbau der Rahmenbedingungen mit weitgehender Freistellung vom Unterricht auch einen Schulverbund dienstrechtlich verantwortlich führen. Viele Leiter von kleinen Schulen haben durchaus das Potential, sich zu Führungskräften größerer Schuleinheiten weiter zu entwickeln und auch aus dem Kreise der Seminarleiter und auch der Schulräte gibt es sicher Personen, die Schulleitung als vollwertige Direktion in einer eigenverantwortlichen Schule als reizvolle Herausforderung mit großen Gestaltungsmöglichkeiten ansehen.  

Regionale Schulamtsdirektion wird gebraucht

Durchaus sinnvoll kann es sein, wenn - wie im MB-System der anderen Schularten den Schulen - regional Schulamtsdirektoren z.B. als Vertreter der Regierungsebene zur Verfügung stehen für Beratung, Rechtsfragen, Zuteilung der Lehrkräfte usw.   Auch die systematische Lehrerfortbildung und Weiterentwicklung des Unterrichts lässt es sinnvoll erscheinen, unter Leitung von "Lernexperten" regional mit allen Beteiligten hochwertige und praxistaugliche Angebote, Konzepte und Projekte zu schmieden. Ob die vor einiger Zeit ins Gespräch gebrachte Idee der "Landesschulämter" der passende Ansatz ist, dies können die Ebenen der Regierung und der Schulämter sicher besser beurteilen.  Wichtig ist zu wissen, dass die Fortschritte bei der Schulqualitätsentwicklung z.B. in Südtirol und in Finnland gerade nach Abschaffung der vorgesetzten Dienstaufsicht und der Umfunktionierung zu einem Beratungs- und Unterstützungssystem offenkundig wurden. Nicht umsonst ist das Vertrauen beim "Loslassen" entscheidend, dass "die da unten" es in ihrer ganz speziellen Situation so gut wie möglich machen werden, wenn man sie lässt, ihnen dabei hilft und sie unterstützt, wo es geht.

Ohne Moos nichts los!

Eine Reform hin zur eigenverantwortlichen Schule darf nicht daran scheitern, dass sie kein Geld kosten darf. Dennoch ist zu bedenken und in die Kalkulation einzubeziehen, dass durch den Zusammenschluss vieler Schulen zu größeren „Diensteinheiten“ sehr viele Mittel frei werden. Es ist eben eine gigantische Ressourcenverschwendung, fünf kleine Schulen mit durchschnittlich je 80 bis 100 Schülern mit eigener Schulleitung und dem ganzen Wust an Verwaltungsarbeit zu betrauen, statt sie unter eine Führung mit Konrektoren bzw. als Außenstellenleiter zusammen in einer großen Grundschule mit 400 Schülern zeitgemäß als pädagogische und dienstrechtliche Einheit zu führen.

Die Reform braucht keine Verlierer
Auch hier haben viele Schulen, die schon heute ihre Außenstellen sehr effektiv und aufwandsarm mitführen, sehr positive Erfahrungen zu berichten. Den meisten Leitern kleiner Schulen kann so eine „Entlastungs-Reform“ nur recht sein, Titel und Amtszulagen würden weiter laufen können, neue und zur jeweiligen Schuleinheit passende Führungsstrukturen und Positionen sollten mit dem Schulleiter entwickelt werden.

Was andere können, können  wir auch!

Wir geben gerade nach den Erfahrungen beim Schulversuch Modus F, die wir mit und neben den Direktoren der anderen Schularten gemacht haben, ehrlich zu:
Wir beneiden die Leiter anderer Schularten, die wesentliche Entscheidungsbefugnisse in der Personalführung  und Amtsführung bei sich an der Schule haben.  Wir und auch unsere Kollegen der anderen Schularten haben festgestellt: An unterschiedlichen Kompetenzen im Sinne von „Können“ bei den Leitungen liegt es sicher nicht, eher an der leider oft falsch verstandenen Deutung des Begriffs "Kompetenz" als „Zuständigkeit“. Wir tragen die Verantwortung, sind kompetent und wollen auch zuständig sein! Wenn es an der Vielzahl der kleinen Schulen liegt, lasst es uns ändern, indem wir die kleinen Schulen sinnvoll führbaren eigenverantwortlichen Schulen anschließen! Das muss nicht von heute auf morgen und überall gleichzeitig geschehen. Aber nach und nach mit genügend langem Anlauf  – damit der große Sprung gelingt!