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Schulleiter-Kompetenz und Graffiti!

Dienstag, 31 Mai 2011

 

Glosse von Till E. Spiegel

Schulleiter-Kompetenz und Graffiti!

 

"Gestern Nacht ist eine Wand deiner Schule besprüht worden. Die Schulleitung möchte das Bild am liebsten entfernen lassen. Einige Kinder schlagen aber vor, erst einmal die Meinungen der Schülerinnen und Schüler zu sammeln. Die Schulleitung ist einverstanden."

 

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ine typische Aufgabe für ein Kolloquium nach einem Schulleiter-Ausbildungs-lehrgang. Der Schulleiter-Anwärter hat zwanzig Minuten Zeit, um vor schulaufsichtlich gebildeten Prüfern alle rechtlichen, schulrechtlichen, pädagogischen, schulpädagogischen und evt. auch psychologischen und gesellschaftspolitischen Aspekte des Themas zu erläutern, das Verhalten des Schulleiters in diesem Falle zu bewerten und alternativ ein korrektes Handeln begründet darzulegen.


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ntsprechend einer Leistungs-Normalver-teilung, wie sie sich insbesondere bei dienstlichen Beurteilungen als feste Vorgabe bewährt hat, werden die Darlegungen unterschiedlicher Aspiranten wohl mit "ausgezeichnet", "gut" "entspricht den Anforderungen" und "noch bestanden" bewertet. "Nicht bestanden" hätte natürlich jener Kandidat, der das Verhalten des Schulleiters im Fall oben befürworten würde. Ist jedem Leser und Kenner der schulischen Erziehungssituation und der Aufgaben der Schule hier in unserem Bayernlande sonnenklar.


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(= herausragende Qualität)
wäre also:
1. Schulleiter verständigt die Polizei und überzeugt sich, dass sofort Ermittlungen eingeleitet werden und Spuren gesichert werden.
2. Per Durchsagen und Rundfragen sucht er nach möglichen Zeugen und Informanten und schließt eigene Schüler nicht von vorneherein als Täter aus.
3. Er geht jedem Hinweis selbst und sofort nach und nutzt seine unmittelbaren und weitreichenden Recherchemöglichkeiten.
4. Er verständigt den Sachaufwandsträger über die Sachbeschädigung, sein Krisenteam, die Schulaufsicht, den Elternbeirat und beruft eine Klassensprecherversammlung ein und lässt bei Presseberichterstattung die Suche nach Zeugen aufrufen.
5. Er lässt den Schaden begutachten, schätzen und sieht sich nach Firmen um, die die Beschmierung rückstandslos entfernen können und klärt die vorläufige Kostenübernahme bis zur Feststellung der Täterschaft.  
6. Ist der Täter nach drei Tagen noch nicht ermittelt, kümmert er sich darum, dass eine Belohnung ausgesetzt wird.
7. Nach der Ermittlung der vermutlichen Täters spricht er sich mit dem Bürgermeister über eine Strafanzeige gegenüber dem Beschuldigten ab, stellt sicher, dass der Täter sämtliche Kosten bezahlt und ggf. nimmt er bei minderjährigen Tätern die Eltern in die Pflicht und überzeugt sich, ob diese ihrem Erziehungsauftrag noch gerecht werden können oder ob das Jugendamt oder eine Erziehungshilfe eingeschaltet werden muss.


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n der Prüfungspraxis wagt es ein Teilnehmer, die ihm vorgegebene Aufgabenstellung als völlig unrealistisch und unsachgemäß zu kritisieren und abzulehnen. Ein verantwortlicher Schulleiter könne niemals so handeln, das versteht jedes Kind, und das müsse man Fachleuten der Schuladministration wohl nicht lang und breit erklären. Wie reagiert die Kommission?


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ber jetzt kommt die Crux! Er wird nicht ausgeschlossen, denn die ganze Geschichte ist erfunden, erstunken und erlogen.


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n Wirklichkeit ist die oben kursiv gedruckte Aufgabe wortwörtlich abgeschrieben vom Aufgabenblatt des diesjährigen VERA-Deutsch-Tests als die von allen Schülern in Bayerns 3. Klassen zu bearbeitende Schreibaufgabe mit der Überschrift "Graffiti". Sie lautete:
Schreibe einen Brief an die Schulleitung
Sage darin deine Meinung und schreibe mehrere Gründe für deine Meinung auf.


W



ie so eine  Aufgabe in unseren VERA-Test kommt, das fragen nicht nur wir Schulleiter uns, wir fragen das auch beim KM. Es soll sich niemand wundern, wenn auch bei uns die Schulen bald so verschmiert aussehen, wie dies in vielen anderen Bundesländern leider oft üblich ist. Animiert man die 9-Jährigen richtig und lässt sie ihre guten Gründe für ein nächtliches Graffiti mit guten Noten bzw. Punkten bewerten, so schaffen sie diese Sachbeschädigungen längst vor ihrem 14. Lebensjahr, wenn sie dann strafmündig geworden sein werden.


U



nd der Schulleiter ist einverstanden! Vielleicht setzt er auch eine Belohnung für das schönste Überraschungsgraffiti des Jahres aus!