Die Mär von der eierlegenden Wollmilchsau

Freitag, 04 Mai 2012

 

Die Glossen sind keine Meinungsäußerungen des BSV. Sie enthalten Gedanken und Anregungen eines Mitglieds, manches ist auch unterhaltsam ironisch gemeint.

Und es gibt sie doch. Nach den BSE-Fällen und der Schweinekrise kommt endlich wieder ein Lichtblick aus bayerischen Höfen. Hier wurde ein Prachtexemplar bayerischer Zuchtkunst entdeckt, das süddeutsche Sparmentalität, höchsten Ertrag bei nur geringem Input und sehr guter Anpassung im eigenen Stall mit leistungsanregendem Vorbild verbindet– die bayerische Schulleitung!

Ihr werden zu Recht wahrliche Höchstleistungen nachgesagt: Als Arbeitsfanatikerin sind ihr freie Abende und Wochenenden ein Greuel, weshalb sie neben ihrer unterrichtlichen Verpflichtung von durchschnittlich 18 Stunden, einen weiteren kleinen Aufgabenbereich – nämlich die Verantwortung für die Gesamtorganisation einer Schule - liebend gern übernimmt.
Die Motivation eines oft sehr heterogenen bzw. überalterten Kollegiums, das immer häufiger und immer schneller auf Wünsche und neue Vorgaben von oben oder außen eingestellt werden muss, erledigt sie en passant. Bei der intensiven Beschäftigung mit Schülern, die zusätzliche und gesteigerte Betreuung brauchen, hat sie Routine. Den Wünschen und der Kritik der Eltern – seien sie berechtigt oder unrealistisch – begegnet sie mit Freuden, die dazu nötigen Gespräche erledigt sie nebenbei. Zumal die netten Überraschungsbesuche der Schulaufsicht bei alldem ja eine große Hilfe sind.
Die fade Ferienzeit wird mit größeren Aktionen wie Stundenplan-Gestaltung, Projekt-Management, Schulhausrenovierungen o.ä. sinnvoll überbrückt.
Die bayerische Schulleitung fasziniert also durch ihr Geschick, in den wenigen Anrechnungsstunden ein komplexes soziales Gebilde gekonnt zu managen und sowohl die bürokratische Verwaltung samt der zügigen Umsetzung aller KMS, Regierungs- und Schulamtsschreiben als auch die Gestaltung des Schullebens und der Schulkultur gleichzeitig optimal zu koordinieren. Es kennzeichnet sie in herausragendem Maße, in etwa 80 Prozent ihrer Schulleitungszeit in unvorhergesehenen Gesprächen zu zufriedenstellenden Ergebnissen kommen zu können, ohne neben diesen gelingenden Ad-hoc-Entscheidungen ihr persönliches Ziel als innovativ treibende Kraft ihres Unternehmens Schule aus den Augen zu verlieren.
Ein breites Kommunikationsspektrum vom einfühlsamen Umgang mit scheuen Erstklässlern samt Müttern bis hin zum rigiden Reagieren auf rüpelhafte Rowdys zählt zur Grundausstattung bayerischer Schulleiter, das auch bei restriktiven Bürgermeistern, aufgebrachten Eltern, ausgebrannten Lehrern und hartnäckigen Vertretern nie versagt.
Etwaige Zeiten der Langeweile werden von der bayerischen Schulleitung freudig dazu genutzt, sich um die Vielzahl der gesellschaftlichen Wünsche zu kümmern, die der Schule als „Reparaturanstalt der Nation“ laufend neu angetragen werden: Ob Prävention gegen Gewalt, Sucht oder Rechtsradikalismus, ob mehr Engagement bei der Sport-, Sexual-, Verkehrs-Fremdsprachen- oder Gesundheitserziehung, ob vehemente Einführung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien oder Teilnahme an sämtlichen Wettbewerben – alles wird als reizvolle Herausforderungen an die arbeitssuchenden Lehrkräfte gern aufgegriffen und beispielhaft umgesetzt.
Als interessante Nebentätigkeit wird auch die Auseinandersetzung mit den ständig steigenden Anforderungen von Handwerk, Handel und Industrie aufgefasst, deren Kontrast zur scheinbar sinkenden Leistungsfähigkeit der Schulabgänger die engagierten Kollegen stets zu neuen Höchstleistungen treibt.
Daneben wirkt die Allseitsverantwortlichkeit der Schulleitung für geordneten Unterricht und Erziehung, den Zustand des Schulhauses, die Finanzen oder die innere Schulentwicklung als Selbstverständlichkeit fast schon als Unterforderung.
Von daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn aus den schwindenden Reihen der Hauptschullehrer immer mehr Altruisten in die Posten einer omnipotenten Schulleitung drängen. Sie würde ein Mehr an Besoldung nur abschrecken – schließlich erhält bereits ein Berufsanfänger im Gymnasium so viel wie der Schulleiter einer kleinen Volksschule.
Ein Mehr an Einfluss würde nur irritieren – denn wenn Eltern gegen missliebige Lehrkräfte argumentieren, wenn der Schulverband die finanziellen Mittel kürzt, wenn Lehrer Absprachen und Entscheidungen unterlaufen, dann wäre die Übertragung des Dienstvorgesetzten-Status (wie in Baden-Württemberg und Hessen) nur kontraproduktiv gegen die Möglichkeiten des derzeitigen Energie-Einsatzes, der durch bloßes gutes Zureden verbraucht werden darf.
Am schlimmsten würde die bayerische Schulleitung eine Ausweitung der Leitungszeit betreffen, da sie sich immer noch als „höhere Daseinsform“ eines aufgestiegenen Lehrers empfindet, der seinen Vollzeit-Unterricht wegen der paar zusätzlichen Aufgaben mit den lästigen Anrechnungsstunden leider etwas reduzieren muss. Dieses Verständnis ist historisch gewachsen und daher in bayerischen Schulleitern fest verankert, da Schule in der Vergangenheit weitgehend dirigistisch „von oben“ gelenkt wurde und Schulleiter daher „wenig Entscheidungsräume, relativ wenig Verantwortung und nur überschaubare Aufgaben“ zu erfüllen hatten. Und für das bisschen Verwaltungskram reichen die Ermäßigungsstunden seit Jahrzehnten. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Ein Blick in andere europäische Länder lässt schaudern: In Italien, Portugal und Luxemburg dürfen Schulleiter grundsätzlich keinen Unterricht erteilen, in Belgien und Frankreich dürfen sie in Sekundar- und großen Primarschulen ebenfalls keine Stunden erteilen! Auch in Irland, Island, Schweden, Großbritannien und den Niederlanden dürfen Schulleiter in großen Schulen keinen Unterricht mehr geben.
In Bayern lässt es sich für Arbeitsfanatiker dagegen noch leben: Bei einer exemplarischen Arbeitszeitbefragung von Schulleitern und deren Stellvertretern lockten diese mit einem Durchschnitt von 14 Überstunden pro Woche bereits viele Bewerber an, wobei die Aussicht auf bis zu 42 Stunden Mehrarbeit pro Woche vielen Workaholics angenehme Schauer den Rücken hinunter laufen ließ. Als kleiner Wermutstropfen müssen allerdings die 4 Wochen Urlaub angemerkt werden, die nach Angabe der Befragten leider dennoch verblieben.
Sicherheit für die vollständige Auslastung von potentiellen Allround-Talenten, wenn sie Interesse an einer bayerischen Schulleitung haben, geben dazu Untersuchungen von J. Baumert.
Demnach wurde bei Schulleitern ein „busy-person“-Syndrom entdeckt wegen der vielen ungeplanten Gespräche und kurzen Wortwechsel. Pro Woche registrierte der renommierte Schulforscher davon 2500 Einheiten.
Auch eine große Untersuchung in Nordrhein-Westfalen von Mummert + Partner lässt die Hoffnung auf ein Ausloten der eigenen Grenzen blühen, wenn sie feststellen, dass Lehrer ferien- und fortbildungsbereinigt etwa 80 Stunden pro Jahr mehr arbeiten als der sonstige Öffentliche Dienst, Schulleitungsmitglieder dagegen bis zu 371 Stunden länger als der „normale“ Vollzeitlehrer.
Das lässt arbeitsgierige bayerische Schulleitungen fast vor Neid erblassen und sie warten deshalb gespannt auf eine gleichartige Untersuchung bei uns (vielleicht durch das neu gegründete Verbraucherministerium!), die bestätigt, dass die wahre eierlegende Wollmilchsau nur eine bayerische sein kann und vornehmlich in den Büros oder Klassenzimmern von Schulleitern anzutreffen ist.

Werner Sprick
2003 im BSV-Heft „Die Schulleitung“ veröffentlicht, 2012 leider immer noch aktuell