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Die dritte Säule bröckelt...

Donnerstag, 14 Juni 2012

 

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Wundert es jemand, wenn sich die ehemals stolze "Hauptschule", die einst weit über die Hälfte eines Schülerjahrgangs beschulte, im Stich gelassen fühlt? Trotz des neuen Namens "Mittelschule", der früher ja mal der jetzigen Realschule gehörte, und dem öffentlich bekundeten Festhalten der bayerischen Wirtschaft an unserer Schulart hat uns offenbar "der Zug der Zeit" überfahren und es wurden von der Politik Schleusen geöffnet, die uns das Wasser abgraben.

Ob die vor allem durch die Medien verbreitete Hybris der Bevorzugung "hoher" Schulabschlüsse - verbunden mit der Geringschätzung der dualen Berufsausbildung bis hin zur Diffamierung der Hauptschule als einer Schule mit "schlechten" Schülern und Ausbildungschancen - die Politik dazu getrieben hat, lässt sich zwar vermuten, aber nicht beweisen.

 

Ein klares Bekenntnis zur Dreigliedrigkeit jedenfalls sieht anders aus! Leider wurde hier in vielen Bundesländer schon "ganze Arbeit" geleistet und wir Bayern scheinen nun langsam, aber scheinbar unaufhaltsam nachzufolgen und das ist alles andere als lustig, weshalb hier der Humor sehr kurz kommen muss.

Solange die politische Mehrheit in Bayern das mehrgliedrige Schulsystem favorisiert und weiter entwickeln möchte, sind es Fragen des Übertritts, die über die Zukunft der verschiedenen Schulformen entscheiden. Die Grundschule unterrichtet unbestritten und sehr erfolgreich alle Kinder eines Jahrgangs vier Jahre lang gemeinsam. Sie wäre - mit zusätzlichen Ressourcen für stärkere Individualisierung und Differenzierung -  durchaus in der Lage, die Kinder noch ein Jahr länger zu unterrichten und jene Grundkompetenzen und Schlüsselqualifikationen nachhaltiger zu vermitteln, die alle Schüler der darauf folgenden Schularten als Basis für weitere Lernfortschritte gut brauchen könnten. Und sie ist mit 4400 € pro Schüler und Schuljahr die mit Abstand preiswerteste Schule. Hauptschüler kosten beispielsweise 6300 €, Gymnasiasten 5800 € pro Schülerjahr (Statistisches Bundesamt, Schulen auf einen Blick 2012).

Wichtig ist, dass es eine feste Übertrittsstufe gibt, bei der zuverlässig und mit bestmöglichen Instrumenten die Eignung der Schüler für die jeweilige Schulart festgestellt wird. Nur Kinder mit der Eignung sollten gehen dürfen, ein Elternwille stellt sich für die Experten der Schulbildung oft als problematisch und unvernünftig heraus, solange in der Gesellschaft das Gymnasium als die beste Schulart gesehen wird, die Realschule gute Akzeptanz hat, aber die Haupt- bzw. Mittelschule als "unerwünscht" betrachtet wird. Wird ein unreflektierter "Elternwille" zum Maß aller Dinge, kann bei einer - nach Umfragen festgestellten - Präferenz der Haupt- und Mittelschule von nur 6 Prozent der Eltern diese Schulart keine Zukunft haben.

 

Natürlich kann und soll ein Schulsystem mit mehreren Schularten durchlässig sein, aber das darf nicht dazu führen, dass große Schülerströme nach mehr oder weniger gescheiterten Schuljahren wie durch ein riesiges Schüttelsieb "nach unten" - also vom Gymnasium zur Realschule und von der Realschule zur Mittelschule - durchsickern.

 

Explizit die fortgesetzte Aufweichung der Übertrittsbestimmungen hat nun auch in Bayern zu stark steigenden Übertrittsquoten an Gymnasien und Realschulen geführt, die sowohl für die Lernqualität dort als auch für die Lernsituation der verbliebenen Haupt- bzw. Mittelschüler ernste und weitreichende Konsequenzen befürchten lässt. Im letzten Jahr fiel die Quote jener, die an die Mittelschulen als "Ex-Hauptschulen" gingen, von 35 auf 30 Prozent. Nach Eindrücken vieler Schulleiter in der Schulpraxis wird sie heuer weiter fallen. So gibt es vierte Jahrgangsstufen, die zu 100 Prozent komplett ans Gymnasium plus Realschule wechseln und nicht ein einziger Schüler an die "Hauptschule (=Mittelschule)".

 

Natürlich sind weder die Kinder gescheiter noch der Unterricht an den Schulen um so viel besser geworden, dass es keine Basis mehr für die Hauptschulen gäbe, die gezielt für die eher praktischen Berufe des dualen Systems vorbereiten. Äußerungen über ein gleich gebliebenes Lernniveau an allen Schularten entbehren jeder realen Grundlage und dienen nur der Rechtfertigung einer Entwicklung, bei der sich die Gesellschaft über vorausgesetzte grundlegende Fähigkeiten bei der Lesekompetenz, der Rechtschreibung und in vielen anderen Bereichen nicht einmal mehr bei den Abiturienten sicher sein kann. Diese Wahrheiten gehören nicht länger nur hinter vorgehaltener Hand gesagt, sondern öffentlich diskutiert.

 

Steigende Abiturientenquoten führen nicht automatisch zu besserer Bildung und Ausbildung. Ganz im Gegenteil: Bremen hatte 2010 mit 41,1 Prozent Studienberechtigten-quote von allen Bundesländer den höchsten Wert, Bayern war mit 27 Prozent vorletzter. Und dennoch weiß jeder, dass bei dem länderübergreifenden Leistungstest PISA Bayern ganz vorne und Bremen ganz hinten war! Mehr junge Leute mit einem Schein, auf dem Abitur steht, führen eben nicht dazu, dass wir genügend der dringend benötigten Ingenieure und IT-Fachleute bekommen, Naturwissenschaften haben heute oft eine Studienabbrecherquote von über 40 Prozent, was ein bezeichnendes Bild auf die wirkliche Studierfähigkeit wirft!

 

Der Wirtschaft fehlen heute schon hunderttausende qualifizierte Facharbeiter. Auf die duale Berufsausbildung bereitet die Haupt- bzw. Mittelschule mit ihrer exzellenten Berufsorientierung optimal vor, aber es ist zu befürchten, dass bald keiner mehr hingeht! Auch eine Zusammenlegung von Real- und Mittelschule wäre nicht nur als sinnlos, sondern als gefährlich zu erachten, denn die völlig unterschiedlichen Konzepte mit dem Fachlehrer- und Klassenleiterprinzip sind nicht kompatibel. Ohne falsche Bescheidenheit: Niemand unterrichtet die Hauptschulklientel besser als die im jahrzehntelangen Überlebenskampf gestählten Haupt- und Mittelschulen in Bayern mit ihrem hohen Praxisanteil und ihren Pädagogen!

 

Grundlage für die Mehrgliedrigkeit ist die Einsicht, dass das Gymnasium nicht besser als die Realschule und die auch nicht besser als die Haupt und Mittelschule ist, sondern dass es für jeden Schüler entsprechend seinen Fähigkeiten eine Schulart gibt, an der er - gestützt auf die Expertise des Grundschullehrers - mit hoher Wahrscheinlichkeit seine Fähigkeiten entwickeln und möglichst gute Lernerfolge erzielen kann.

 

Wiederholende Übertritte, bei denen Schüler nach der 5. Jahrgangsstufe der Mittelschule mit guten Noten an die Realschule wechseln, um dort das fünfte Schuljahr noch einmal zu machen, sind auszuschließen! Dies ist nicht nur pädagogisch abstrus, sondern auch finanziell eine Katastrophe. Wenn mittlerweile bis zu 20 % der Realschüler auf diese Weise über 5000 € für diese "Gratis-Ehrenrunde-Jahr" Zusatzkosten produzieren, bleibt für sinnvollere Bildungsmaßnahmen weniger Geld übrig. Die extrem teure R 6-Reform hat bislang ihr Hauptziel nicht erreicht, die Schülerströme ins richtige Fahrwasser zu bringen. Zur Erinnerung: Wir hatten das von Anfang an vorausgesagt und dringend abgeraten!

 

Trotz des Wiederholungsjahres bekommen nicht geeignete Schüler spätestens in der 8. oder 9. Jahrgangsstufe erhebliche Probleme, das an der Realschule gefordert Niveau zu erreichen. Selbstverständlich sollen alle Schulen in allen Jahrgangsstufen Durchlässigkeit nach oben gewähren, indem Schüler mit  guten Leistungen - wie bislang auch schon möglich - in die nächste Jahrgangsstufe der "benachbarten" Schulart übertreten können. Bayern hat in Deutschland aber mit 3,3 Prozent pro Jahr die mit Abstand höchsten Wiederholerzahlen (Stat. Bundesamt, Schulen auf eine Blick 2012). Klar, man will Qualität halten, aber genau das führt zum Scheitern der ungeeigneten Schüler.

 

Die M-Klassen beweisen seit vielen Jahren , dass man an der Haupt- bzw. Mittelschule einen niveauvollen mittleren Schulabschluss machen kann. Aber wer weiß schon, dass die Tendenz besteht, dass sich viele M-Klassen in den 10. Jahrgangsstufe zu mehr als der Hälfte aus Schülern zusammensetzen, die vorher an der Realschule oder am Gymnasium waren? Es stellt sich die Frage: Brauchen wir die Mittelschule als Auffangbecken für Schüler, die einen falschen Übertritt gewählt haben?

 

Und daneben werden, um die Not zu stillen und der Blamage aus dem Weg zu gehen, fantasievoll und durchaus teuer Wirtschaftsschulklassen angeboten, Übergangsklassen gebildet, Einführungsklassen, Gelenkklassen, "9+2"-Anschlussklassen und alles Mögliche getan, was das Herz begehrt, um nicht in einer "stinknormalen" Hauptschul-Regelklasse landen zu müssen. Das kostet und kostet - und höhlt letztlich die viel beschworene Dreigliedrigkeit aus! Auch Privatschulen mit Ganztagsbetreuung sind für viele eine Lösung, die sich alles leisten können, nur nicht, dass ihr Kind in eine "Restschule" geht, in der nur Schüler bleiben, die keinen Wunschübertritt geschafft haben.

 

Wenn im bayerischen Grenzgebiet zu anderen Bundesländern ein Großteil der Schüler mit Hauptschuleignung "über die Grenze macht", nicht weil dort bessere Schulen sind, sondern weil dort "Realschule" drauf steht und dort die Eltern freie Wahl haben, dann zeigt dies, wie es um den Bildungs- und Qualitätsbegriff bei vielen Eltern bzw. in unserer Gesellschaft wirklich steht. Allerdings ist leicht nachvollziehbar, dass der Grundgedanke der äußeren Differenzierung in drei Schularten durch die Freigabe des Elternwillens dem eigentlichen Zweck der Trennung des ganzen Jahrgangs diametral zuwider läuft.

 

Durchlässigkeit nach unten ist kein erstrebenswertes Ziel, aber hier ist der Spruch "Probieren geht über Studieren" oft ein verhängnisvoller Weg. Schüler, die an einer Schulart scheitern, für die sie von vorneherein kaum geeignet waren, sind in großer Gefahr, dafür einen hohen Preis mit psychischen Schäden und schweren Lernverlusten zu erleiden. Sie haben harte Jahre mit wenig Freude und Muße vor sich, der Familienfriede ist permanent gefährdet. Auch wenn uns andere Bundesländer immer wieder unsere angeblich hohen Hürden beim Übertritt vorwerfen, sollten wir uns davon keineswegs irritieren lassen!

 

Es ist eine Tatsache, dass wir in Bayern im Gesamtergebnis aller Schularten beim 15 -jährigen Nachwuchs bei den PISA-Tests innerhalb der Bundesländer gut vorne mit dabei liegen. Beim IGLU-Test in der Grundschule ist Bayern seit vielen Jahren sogar ganz an der Spitze unter den deutschen Bundesländern und sogar auch in Europa. Nicht zuletzt dank der Hauptschule hatten wir in Bayern 2011 mit insgesamt nur 5 % Schulabgängern ohne Schulabschluss die niedrigste "Schulversagerquote", manche Ost-Bundesländer ohne Hauptschulangebot haben mehr als 10 Prozent Entlassschüler, denen nach zehn Schuljahren die für eine Berufsausbildung nötigen Grundkompetenzen fehlen. Mit nur 2,5 % Jugendarbeitslosigkeit sind wir Bayern in Europa an der Spitze - wir haben also etwas zu verlieren!

 

Nicht der Wille überehrgeiziger Eltern muss zählen, sondern eine realistische Einschätzung der Leistungsfähigkeit durch die Lehrerexpertise, wenn sich das dreigliedrige Schulsystem weiterhin bewähren soll. Eine Aufnahmeprüfung mit einem realistischeren Anforderungsniveau sollte den Ausschlag geben. Wenn das Ergebnis heißt "nicht bestanden", dann muss das auch so gelten, wie es der gesunde Menschenverstand auffasst. Da braucht es kein Beratungsgespräch, mit dem sich die Schule lächerlich macht, weil die Eltern sich dann trotz "nicht bestanden" für den Übertritt entscheiden können.

 

Viele Kinder erreichen heute den ersehnten Übertrittsschnitt durch Paukerei und Nachhilfe für angesagte Proben, viele Eltern horten umfangreiche Dossiers mit Aufgaben- und Fragesammlungen, um mit ihrem Kind beim "Grundschulabitur" erfolgreich abzuschließen. Dass sich dies später rächen wird, ist vielen trotz eindringlicher Beratung und Warnungen durch die Lehrkräfte nicht bewusst, weil sie es einfach nicht wahrhaben wollen und der Wunsch Vater aller Gedanken ist.

 

Es wird zunehmend ab der 2. Klasse auf "Teufel komm raus" um Punkte gefeilscht und den Lehrern und der Schule die Schuld zugeschoben, wenn das eigene Kind nicht die gewünschte "gut"-Zensur erhält. "Befriedigend", das ist für viele Eltern heute "ungenügend" geworden und das bei den acht- und neunjährigen Kindern, die uns nur leidtun können! Kein Wunder, wenn immer mehr Grundschullehrer/-innen diesem Druck nachgeben, der manchmal sogar über Rechtsanwälte ausgeübt wird, die Folgen aber haben die Kinder auszubaden und alle Schulen! Bei schätzungsweise 90 % der Gespräche in der Übertrittsstufe geht es vordergründig um Noten und nicht um die Dinge, die für die persönliche Entwicklung des Kindes wirklich wichtig wären. Pädagogik ist kaum mehr gefragt, dafür dann der Schulpsychologe und das Gezeter und Gezerre um "Teilleistungsstörungen", wenn das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird und Kinder mit Legasthenie oder Dyskalkulie doch noch ans Gymnasium gehievt werden, damit sie dort dann "ihr" Abitur machen können sollen.

 

Wenn die Dreigliedrigkeit erhalten werden soll, muss die Mittel- bzw. Hauptschule gestärkt werden und die Schüler, die dafür geeignet sind, sollen dort ihren Weg machen, und zwar in der Regel von Anfang an mit dem Ziel des qualifizierenden Hauptschulabschlusses oder den eines mittleren Abschlusses und nicht erst, nachdem sie an einer anderen Schulart gescheitert sind. Eine Schulart, bei der jeder Schüler, sobald er eine gute Note bekommt, versucht diese zu verlassen, hat keine Zukunft. Gemeinsam geht es besser, Südtirol macht dies acht Schuljahre mit Inklusion fast vorbildlich vor. Ein fünftes gemeinsames Schuljahr könnte ja für Jahre hinaus schon die bessere Lösung sein. Kantone in der Schweiz sind übrigens jetzt mit großem Stolz bei zehn gemeinsamen Schuljahren angelangt - all inklusiv! Man stelle sich Inklusion in einem vielgliedrigen Schulsystem vor - ein Irrwitz!

 

Fehlleitungen, Heft-Pflästerchen und Fleckerlteppiche sind heute dominante Merkmale der bundesdeutschen Schulsysteme, die immer mehr auf Selektion statt auf Qualifikation ausgerichtet werden. Die tagtäglichen Lernprozesse der von Natur aus heterogenen Schülerschaft bieten selbst für die erfahrensten Lehrer noch so viel Überraschungen, dass auf Dauer die starre Verteilung der Schüler in unterschiedlichste Bildungshäuser mit jeweils rigide festgelegten Angeboten als unangemessen und riskant, wenn nicht sogar kontraproduktiv erscheint. Nicht in -zig verschiedenen Schubladen lernen die Kinder am besten, sondern angstfrei und individuell gefördert in kleinen Klassen und Gruppen geführt von guten Pädagogen, die nicht in erster Linie bewerten sondern das Lernen jedes einzelnen Kindes unterstützen und dabei für jede Lernstufe passende Module vorrätig halten.