Till E. Spiegel: Deutschlands wahre Stärke?

Samstag, 04 August 2012

 

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Till E. Spiegel: Worin liegt Deutschlands wahre Stärke?
Die duale Berufsausbildung wird im Inland gnadenlos unterschätzt!

Mehr als 10 Prozent der Abiturienten sind in diesem Jahr offenbar durch die schriftlichen Prüfungen gefallen und mussten deshalb ins Mündliche. Seit die bayerischen Abiturienten wieder in Deutsch und Mathematik zentrale schriftliche Aufgaben bewältigen müssen, kommt für viele das böse Erwachen. (Mittelbayerische Zeitung 23.6.2012).

In der gleichen Ausgabe der MZ wird aus dem neuen Bildungsbericht mit Stolz berichtet, dass hierzulande mittlerweile 33,9 % eines Jahrgangs die allgemeine Hochschulreife erwerben und zusätzlich 15,2 % die Fachhochschulreife. Nebenher erfährt man, dass 20 Prozent der 15-Jährigen nicht richtig lesen und Texte verstehen können. Und fast tagtäglich berichtet die Zeitung vom bereits herrschenden Fachkräftemangel, der die Entwicklung der Wirtschaft und damit des gesellschaftlichen Wohlstands behindert und Firmen dazu zwingt, Ausbaupläne zurück zustellen, selbst ins Ausland zu gehen oder ausländische Fachkräfte ins Land zu werben.

Irgendetwas läuft völlig schief ins diesem Wirtschaftswunderland mit seinen fast 3 Millionen Arbeitslosen, weitere Millionen arbeitsfähiger Menschen ohne Leistungsbezug unter 67 Jahren nicht eingerechnet.

Wie die Präsidenten der IHK Niederbayern und der Handwerkskammer Ndby./Oberpfalz jüngst beim "Tag der Ausbildungschance" in Passau mit großer Verärgerung feststellten, sollte der in den Medien als "Fachkräftemangel" bezeichnete Zustand endlich den Tatsachen entsprechend wahrgenommen werden. Es fehlen keine Abiturienten und Studenten und in vielen Bereichen auch keine Hochschulabgänger. Der Fachkräftemangel ist vor allem ein Mangel an qualifizierten Facharbeitern, die eine duale Berufsausbildung in Betrieb und Berufsschule absolvieren und darauf ihre berufliche Weiterqualifizierung aufbauen. Und es ist ein Mangel an Ingenieuren, IT-Fachleuten und Absolventen der Naturwissenschaften.

Spitzenleistungen gibt es nicht nur in den großen Betrieben des deutschen Automobilbaus und des Maschinenbaus, sondern auch in Ostbayern. Wer weiß schon, dass allein im Landkreis Cham 34 mittelständische Betriebe mit Weltmarktführereigenschaften sitzen?  Wie kommt es , dass unsere Region im Wachstum sogar Oberbayern und München überholt hat und Regensburg unter 400 Wirtschaftsregionen in Deutschland die Boom-Region Nr. 1 mit 5,5 % Wachstum ist, Passau liegt an Platz 11 und München auf Rang 17?
Dazu gehört auch das "Hinterland" Oberpfalz und Niederbayern. Während in Deutschland 7,9 % Jugendarbeitslosigkeit herrscht, sind es in Bayern 2,5 % und bei uns in Ostbayern nur 1,4 %.

In anderen Ländern machen zwar 70 und 80 % "Highschool"-Abschlüsse und gelten damit in den OECD-Berichten als bestens ausgebildet. Aber es ist schon komisch, dass in Frankreich über 22 % Jugendarbeitslosigkeit herrscht, in Italien über 33 Prozent und in Spanien und Griechenland z.B. sogar über 53 %, was von einer "verlorenen Generation" sprechen lässt und eine echte Katstrophe ist.

Warum gehen denn die global tätigen Firmen nicht dorthin, wo Massen an bestausgebildeten Abiturienten preiswert auf Arbeitsplätze warten, warum herrscht bei uns, die wir noch zehntausende Hauptschüler und Schüler aus Förderschulen auf den Markt bringen, nicht nur ein Bewerbermangel, sondern es können tausende ausgezeichnete Ausbildungsplätze nicht besetzt werden?

Da gibt es sicher vielfältige Gründe, aber an den Stärken der dualen Ausbildung kommt niemand vorbei, der weiß, dass uns darum die ganze (Wirtschafts-)Welt beneidet und dass viele Länder - von Südamerika bis China - permanent versuchen, das zu kopieren, was sie aber meist nicht erreichen, weil ihnen dazu die Jahrhunderte gewachsene "Kammerkultur" fehlt.

Umso schlimmer und bedauerlicher ist es, dass dies in unserem Land  und besonders von vielen Akademikern nicht ausreichend geschätzt wird. Vielleicht hilft es, das Selbstbewusstsein der Menschen mit einer guten und soliden Berufsausbildung zu stärken, wenn sie erfahren, dass heute ein Bachelor-Absolvent der Universität der Geisteswissenschaften im Durchschnitt nach seinem Berufsstart ein Brutto-Jahreseinkommen von 22.200 € hat. Darüber lächelt ein 19-jähriger Mechatroniker nicht nur bei BMW, der zu seiner guten Berufsausbildung auch noch die mittlere Reife bekommen hat. Dass heute die FHS-Absolventen des "zweiten Bildungswegs" im Schnitt im ersten Jahr nach Ihrem Bachelorabschluss zwischen 3000 und 5000 € mehr verdienen als die Universitäts-Absolventen der gleichen Fächer, überrascht alle, die aus früheren Zeiten dies umgekehrt im Gedächtnis haben. Ein Bachelor-FH-Absolvent der Ingenieurswissenschaften erhält im Schnitt sofort 37.300 € Jahresbrutto, nur noch die Informatiker bekommen mehr. Wenn die Firmen den wesentlich praxiserprobteren "FH-lern" so viel Geld mehr anbieten, werden sie schon wissen warum.

Elite ist eben nicht selbst ernannt, sondern zeichnet sich durch entsprechende Kompetenzen und Spitzenleistungen aus. Warum heute die begehrtesten Leute jene mit dem "dualen Studium" (derzeit 500 in Bayern) sind, die in den Semesterferien in den Betrieben arbeiten und die auch während des Semesters immer in engstem Kontakt mit ihrer Firma lernen und forschen, liegt auf der Hand - und zwar auch als "Bares". Nicht umsonst und erst recht nicht vergeblich bezahlen diese Firmen während der Studiensemster deren Gehälter weiter und bieten ihnen besten Zukunftschancen in ihren Firmen an. Diese Modelle verfolgen vor allem die innovativsten und angesehensten Firmen. Das wichtigste Kapital jeder Firma ist immer und überall ihr Personal.

Seit Jahrzehnten wird in den Medien gute Bildung mit einer hohen Abiturientenquote gleichgesetzt. Unterstützt wird dies von OECD-Ratgebern, die eine höhere Abiturientenquote fordern, aber von der dualen Ausbildung wenig Ahnung haben. Sie werten sie nicht als "höhere Bildung" und das ist fatal.  Die Spanier wären froh, wenn sie so etwas auf die Beine stellen könnten. Lokale Journalisten bedauern, dass in Ostbayern nur 30 % des Jahrgangs ans Gymnasium wechseln und malen das Gespenst einer Gefährdung der Elitebildung an die Wand, weil in Starnberg ja über 50 % ans Gymnasium gehen. Starnberg hat Ostbayern viel voraus, vor allem an Millionären, aber ganz bestimmt nicht an innovativen mittelständischen Firmen, die produktive Arbeitsplätze schaffen! Und dabei geht doch heute bei uns schon ein völlig durchschnittlich begabtes Kind in die "Eliteschule".

Nicht  jeder, der daran glaubt, etwas Besseres zu sein, ist es auch wirklich. Abgesehen davon, dass in Bayern die Aufteilung viel zu früh kommt, ist für viele Kinder die Haupt- bzw. die Mittelschule die beste, für andere die Realschule und für einen nicht allzu großen Teil sicher das Gymnasium. Dass hier das Maß und Ziel des Sinnvollen längst überschritten ist, sollte langsam auch jenen dämmern, die bisher geglaubt haben, dass jenes Bildungssystem am besten ist, bei dem alle das Abiturzeugnis bekommen. Je mehr Schüler das Gymnasium besuchen, umso unvermeidbarer ist der "Niveauverlust". Zwei oder drei Fremdsprachen sind nun mal nichts für solche, die in Deutsch schon mit Müh` und Not in der 4. Klasse ein "befriedigend" erreichen. Ansonsten scheitern Schüler mit 18 Jahren im Abitur an Fächern wie Deutsch und Mathematik, was man kaum glauben möchte! Ob diese als Akademiker - selbst wenn sie es dann im Mündlichen doch noch schaffen -jemals den Vorsprung jener jungen Leute einholen, die in diesem Alter schon einige Berufs-und Einkommensjahre hinter sich haben und demnächst Karriere zum Techniker, Meister oder Ingenieur machen, darf heute als sehr unwahrscheinlich erachtet werden.