Durch die Nutzung unserer Website erklären Sie sich einverstanden mit den Datenschutzbedingungen.

Till E. Spiegel - Selektion und Inklusion sind Gegensätze!

Montag, 11 März 2013

 

https://www.bsv-bayern.info/glossen_egalite_quo_vadis_clip_image002.gif

Till E. Spiegel:

Das Kind beim Namen nennen – Selektion und Inklusion sind Gegensätze!

 

Jeder Pädagoge weiß, wie wichtig es ist, ein Kind beim Namen zu nennen. Es fühlt sich sofort und direkt angesprochen und reagiert mit höchster Aufmerksamkeit. Das Thema "Inklusion" berührt uns alle zunehmend und ist dennoch von einer Aura der Ungewissheit und Unsicherheit gekennzeichnet, insbesondere was seine Auswirkungen auf den Bereich der schulischen Bildung anbetrifft. Es zu beleuchten und es schärfer in unserer Schulrealität in den Blick zu nehmen, ist unvermeidlich für alle, die nicht gerne ihre Augen vor unliebsamen Wahrheiten verschließen.

Inklusion ist mehr als ein pädagogisches Zauberwort, der Traum von der gemeinsamen Beschulung von Behinderten und nichtbehinderten Kindern, einer gemeinsamen Lebenswelt vom Kleinkindalter an über die Schulzeit und Jugend hinaus bis ins hohe Erwachsenenalter. So gesehen ist Inklusion Wesensmerkmal einer entwickelten demokratischen Gesellschaft ohne Diskriminierung und für optimale Lebensverhältnisse für alle Menschen. Sie stellt einen noch weit höheren Anspruch dar als die Forderung nach Integration, die unsere Gesellschaft über Jahrzehnte hinweg insbesondere bei der Bildung gegenüber den Migrantenkindern sträflich vernachlässigt hat.

Je hehrer und wunderbarer das Ziel ist, umso weniger können sich Politiker leisten, nicht dafür zu sein. So haben die Politiker praktisch aller bayerischen Parteien im Landtag für die Umsetzung der Richtlinien zur Inklusion gestimmt, die von der EU vorgegeben werden. Bei anderen EU- und OECD-Empfehlungen zum Beispiel für eine längere gemeinsame Lernzeit aller Kinder besteht deutlich weniger Einigkeit. Für die einen sind die geplanten Maßnahmen zur Inklusion im bayerischen Schulsystem notwendige Konsequenzen aus diesen Beschlüssen, für die anderen schweben sie wie ein Damoklesschwert über unserer Schulrealität in einer Situation, die bisher oft schon pädagogisch kaum mehr zu bewältigen ist.

Je weiter weg die Menschen von der tagtäglichen Praxis in den Schulen sind, umso leichter lässt es sich zustimmen, allein Eltern die Entscheidung darüber zu belassen, wo ihr Kind beschult werden soll. Dabei mehrt sich tagtäglich die Anzahl der Kinder, die in normalen Klassen der Grundschule mit oft noch über 25 Schülern große Probleme haben und machen. Zehntausende Kinder leiden unter schweren psychischen Störungen und es häufen sich aktuell Verhaltensstörungen bis hin zur Totalverweigerung in einem früher unvorstellbaren Ausmaß.

Viele Kinder wachsen in Verhältnissen auf, die nur noch wenig mit "Erziehung" zu tun haben, die Schulen sollen alles richten! Auch erfahrene und pädagogisch äußerst engagierte Lehrkräfte stoßen ständig an ihre Grenzen, werden permanent überfordert. Ohne den Status dafür zu haben, empfinden sich viele Grundschullehrkräfte heute angesichts einer Vielzahl von ADHS-Kindern und Kindern mit sonderpädagogischen Förderbedarf in ihrer Klasse als Inklusivlehrer. Ein geistig behindertes Kind inklusiv in einer Regelklasse mit 25 Kindern zu beschulen, das klingt nur für diejenigen gut, die von der Schulpraxis keine Ahnung haben.

Um es ganz deutlich zu sagen: Die Grundschule bereitet spätestens ab der zweiten Klasse die Kinder auf einen Übertritt zum Ende der vierten Klasse vor, bei dem nur noch 6 % der Eltern wünschen, dass ihr Kind die Mittelschule besucht. Es hat sich herumgesprochen, dass für unsere ganz normalen Kinder in der Grundschule ein großer Druck entsteht, den Anforderungen so gerecht zu werden, dass sie eine befriedigende Leistung als ungenügend empfinden müssen, weil sie eben mit dieser Durchschnittsnote "befriedigend" nicht ans Gymnasium oder an die Realschule wechseln dürfen. Der Weg vieler anderer Bundesländer, hier den Elternwillen einfach freizugeben und mehr oder weniger alle jene gehen zu lassen, die auf die wohl gemeinte Beratung nicht hören wollen, ist fatal und hat mit dazu beigetragen, dass diese Länder bei den realen Ergebnissen der Pisa-Tests deutlich hinter Bayern zurückbleiben. Natürlich muss hier auch auf das unsägliche Leid verwiesen werden, das Schüler mitzumachen haben, die in einer Schulform gelandet sind, an der sie eigentlich keine Chance auf einen Abschluss haben.

Ihr Weg ist vorgezeichnet und führt oftmals dazu, dass sie nach mehr oder weniger erfolglosen Wiederholungen diese Schule verlassen müssen. Was ist inklusiv an einer Schule, an der Schüler mit zwei mangelhaften Leistungen in vorgeschriebenen Pflichtfächern mit starrem Lehrplan für alle nicht mehr integriert werden können, sondern ausgeschlossen werden? Ausschluss ist die Realität der selektiven Schule und bei uns politisch so gewollt. Inklusion ist das, was man zum Beispiel in Südtirol miterleben kann. Hier kommen alle Kinder an einem Ort nach der gemeinsamen Kindergartenzeit in die gleiche Schule, zuerst in die fünfjährige Grundschule und darauf folgt für alle die dreijährige Mittelschule in der Region. Nach acht gemeinsamen Jahren, in denen Noten keine Rolle spielen, entscheiden allein die Jugendlichen, wo und wie sie weitermachen.

Und natürlich schaffen das die Lehrkräfte in Südtirol nicht mit Klassen mit über 25 Schülern. An den Grundschulen gibt es eine Lehrer-Schüler- Relation von 1:7,9, an den Mittelschulen und späteren Gymnasien und Oberschulen sind es zwischen 1:8 und 1:9. Ab 17 Kinder sind zwei Lehrkräfte in der Klasse. So sind immer genügend Lehrkräfte und auch besonders ausgebildete Fachkräfte in der Lage, allen zusammen aufwachsenden Kindern in einem einzigen "Haus des Lernens" gerecht zu werden und sie ihren Begabungen und Fähigkeiten gemäß zu fördern. Natürlich verfolgen die Schüler dort nicht alle die gleichen Ziele zur gleichen Zeit, nicht jeder Schüler lernt täglich das Gleiche wie die anderen in seinem Alter, was übrigens bei uns auch nicht viel anders ist.

Bei uns aber ist es derzeit modern, immer weitere neue Schulformen und Klassenangebote zu erfinden, um die Schwächen eines mittlerweile völlig zergliederten Schulsystems zu überdecken. Verschiedene Zweige an Realschulen und Gymnasien, Übergangsklassen, Flexibilisierungsjahr, Einführungsklassen, Wirtschaftsschulen, Regel- und M-Klassen und "9+2-Klassen" an Mittelschulen, Vorklassen für die Fachoberschulen, FOS 12 und FOS 13, Gelenkklassen und vieles mehr finden sich im mittlerweile unübersichtlich großen Angebot für die bayerischen Schulkinder. Die Durchlässigkeit nach oben ist gewährleistet, die nach unten muss leider in Kauf genommen werden. Vielfalt kann auch einfältig und sehr teuer sein und trotz aller Bemühungen kann nicht für jedes Kind eine passende Schublade gefunden werden. Schon gar nicht sinnvoll ist das bei der demografisch bedingten, stark sinkenden Schülerzahl. Immer mehr Schubladen für immer weniger Kinder - das ist so unsinnig wie teuer! R 6 und G 8 - alles nichts gebracht! Ziel einer zeitgemäßen Schule sollte die individuelle Förderung und Entwicklung jedes einzelnen Kindes sein und da können Schubladen mehr schaden wie nützen.

Dabei wird oft vergessen, dass es die Grundschule als real existierende Gemeinschaftsschule in der Regel gut schafft, völlig verschiedene Kinder mit völlig verschiedenen Begabungen und familiären Hintergründen einigermaßen gut gemeinsam zu fördern. Dafür hat sie mit Abstand die wenigsten Gelder zur Verfügung und die niedrigsten "Pro-Kopf-Kosten" und mittlerweile gibt es an großen Grundschulen oft einen höheren Klassendurchschnitt wie an Gymnasien, an denen doch eigentlich nur wirklich begabte und lernfähige Schüler landen.

Wenn Inklusion nicht gleichzeitig mit der Bereitstellung des nötigen Personalbedarfs (bis hin zu individueller Betreuung und Schulbegleitern) stattfindet, steht zu befürchten, dass vielen Grundschulklassen und Lehrern großer Schaden zugefügt wird. GrundschullehrerInnen sind alles andere als herzlose Egoisten, die gerne Kinder mit Förderbedarf ausschließen. Aber sie sind Experten des Lernens in Kindergemeinschaften, die wissen, was sie können und was sie nicht können. Jeder Pädagoge wird in seinen Lerngemeinschaften den Integrationsgedanken wertschätzen und mit der Verschiedenheit der Schüler gut umgehen und sieht die Vielfalt als Bereicherung. Aber es gibt Grenzen, bei denen diese Lerngemeinschaften nicht mehr funktionieren können. Hier sind alle gefordert, auch die Schulaufsicht, dass mit hehren Zielen nicht die ganz normalen Ziele der Grundschule in den Hintergrund geraten. Es kann und wird durch die Inklusion keine Hintertür geben, durch die der Übertrittsdruck bewältigt wird und der Weg zu längerem Lernen in einer Schule frei wird. Im Gegenteil: Das System wird überfordert und das geht auf Kosten der Gesundheit der Akteure!

Leider wird oft übersehen und verschwiegen, dass wir ein Förderschulsystem haben, um das uns die meisten Länder beneiden. An den Förderzentren ist eine spezialisierte Kompetenz und Ausstattung konzentriert, die den Schülern dort mit ihrem ganz besonderen Förderbedarf wirklich optimales Lernen ermöglicht. Wenn wir das Kind nicht mit dem Bade ausschütten wollen, erhalten wir diese Förderstätten und ermöglichen Inklusion dort, wo es sinnvoll für alle Beteiligten möglich ist.

Gerade wir Schulleiter der Volksschulen in den letzten Jahrzehnten die Erfahrung gemacht, dass uns immer mehr aufoktroyiert wurde, ohne dass wir die dazu nötigen Mittel zur Verfügung gestellt bekommen haben und das gibt Grund zum Misstrauen. Wir haben viel zu wenig Zeit für die Führungsarbeit an unseren Schulen, zu der nun auch die Personalentwicklung gehört. Einzelne äußerst schwierige Fälle bei Schülern und Eltern machen nicht nur uns das Leben schwer, sondern überlasten uns und verhindern, dass wir die Qualität der Arbeit unserer Schule und ihre Weiterentwicklung angemessen im Fokus behalten können. Wenn inklusive Schule nicht so aussieht wie in Südtirol als in einer Schule für alle, ist zu befürchten, dass sie als Zusatzbelastung im wesentlichen wieder jene trifft, die auch beim Migrantenproblem schon weitgehend auf sich gestellt waren, nämlich die Grund- und Haupt- bzw. jetzt Mittelschulen.

Ein selektives Schulsystem ist per se nicht inklusiv, daran ändern auch die schönsten Worte und Träume nichts, selbst wenn sich ausnahmsweise mal alle Parteien einig sind! Gemessen werden die Taten, nicht die Worte!