Was hilft gegen Zergliederung und Zerfall im bayerischen Schulsystem?

Dienstag, 16.März 2013

 

https://www.bsv-bayern.info/glossen_egalite_quo_vadis_clip_image002.gif

Till E. Spiegel:

Was hilft gegen Zergliederung und Zerfall im bayerischen Schulsystem?

Ein durchschnittlich begabter dreizehnjähriger Schüler in Bayern hat folgende Möglichkeiten des Schulbesuchs: Ist er vernachlässigt und wenig lernmotiviert, besucht er vielleicht die Förderschule. Er kann auch die Regelklasse der Mittelschule besuchen und erhält dort Unterstützung vom mobilen sonderpädagogischen Dienst der Förderschule. Lernt er pflichtbewusst, aber mit wenig Ehrgeiz, sitzt er in der normalen Regelklasse. Ist er in den Kernfächern gut, absolviert er die M-Klasse. Oder er ist an der Wirtschaftsschule. Er kann auch, wenn er genug Fleiß hat, in vier verschiedenen Zweigen der Realschule sein. Oder er ist sogar , wenn er fleißig ist und genug Unterstützung hat, am Gymnasium in einem von mehreren Zweigen. Und dann gibt es auch nach diverse Möglichkeiten von Privatschulen. Ist diese Vielfalt nun positiv zu sehen oder sind damit nicht automatisch auch große Nachteile verbunden in Zeiten des Schülerrückgangs, in denen die EU zur Integration und Inklusion drängt?  

Auch wenn Schulstrukturdebatten deutschlandweit fast zum Tabu erklärt worden sind, kommt man nicht umhin, den gesunden Menschenverstand zu bemühen, wenn es immer wieder neue Probleme im Schulsystem gibt. Wir sind auch in Bayern in einer Sackgasse und aus der kommt man bekanntlich nicht heraus, wenn man die Scheuklappen aufsetzt und immer weiter hineinreitet. Vielleicht hätte man schon früher auf jene Bildungsexperten hören sollen, die den gesamten Schülerjahrgang im Blickfeld haben.

Der Zergliederung des schulischen Angebots im Flächenstaat Bayern ist durch eine sukzessive Ausdehnung der gemeinsamen Grundschulzeit zu begegnen. Die erfolgsreichste Schulart Bayerns (siehe internationale IGLU-Ergebnisse und der bundesweite Grundschulvergleich 2012) ist die Grundschule, in der Integration und Inklusion sinnvoll realisiert werden können. Hier kann nach geglücktem Übergang aus dem Kindergarten der ganze Kinderjahrgang nach den bewährten pädagogischen Grundsätzen des Klassenleiterprinzips nicht nur vier Jahre gemeinsam unterrichtet werden. Die gewachsene  Lerngemeinschaft mit allen Talenten und der gesamten Kindergemeinschaft, die alle sozialen Schichten adäquat abbildet, sollte so bald als möglich an der Grundschule ein fünftes Jahr absolvieren.

Ziel muss es dabei ein, durchaus differenziert und individualisiert Stärken zu fördern und Schwächen beim Erwerb der grundlegenden Kompetenzen so zu eliminieren, dass die Schule keine funktionalen Analphabeten mehr in weitere Bildungswege schickt und alle Kinder fähig werden, für sie passende Lernwege in hoher Eigenverantwortung zu beschreiten und zu meistern. Es müssen hohe Standards bei den Grundkompetenzen gesichert werden und entsprechende Rahmenbedingungen für individualisiertes Lernen und Fördern geschaffen werden, die nachweisbar und nachhaltig jedem einzelnen Kind eine optimale Entwicklung ermöglichen.

Weil dazu die staatlichen Mittel alleine nicht ausreichen werden, sind dazu auch regionale Ressourcen aus dem schulischen Umfeld der Gesellschaft, des Kulturlebens, des Ehrenamtes  und der Wirtschaft hinzuziehen.

Speziell die Mittelschule als Nachfolgerin der Hauptschulen in Bayern kann dieses Jahr sehr gut entbehren, denn für ihre erfolgreiche Strategie der Berufsorientierung muss sie noch nicht mit den Elfjährigen beginnen. Viel lieber ist es ihr, die Kinder mit zuverlässig erworbenen Schlüsselqualifikationen aus der Grundschule zu bekommen, die dort wirklich das sinnentnehmende Lesen, Schreiben sowie Rechnen und logisches Denken gelernt haben und die sich die Freude am Lernen erhalten haben.

Es ist auch kein Geheimnis, dass die  Realschule „R 4“ aus früherer Zeit ihre Aufgaben mindestens genauso gut erfüllt hat wie die R 6 heute, die dem bayerischen Schulsystem mit einem Reformziel aufgetragen wurde, das nie erreicht wurde. Es sollten die Schülerströme anders und sinnvoll gelenkt werden, genau das wurde nicht erreicht, wie man an der fortschreitenden Zergliederung mit immer neuen Schulangeboten (Flexibilisierungsjahr, 9+2-Klassen, Übergangsklassen, Wirtschaftsschule, M-Klassen, FOS 13, ...) erkennt, die wie Pflästerchen wirken, die die Wunden falscher Schullaufbahnen überdecken sollen.

Tatsache ist nun mal, dass nur ein verschwindend geringer Anteil der Eltern der Zehnjährigen nach der 4. Klasse möchte, dass ihr Kind nicht einen „höheren“ Übertritt an Realschule und Gymnasium macht. Tatsache ist auch, dass in allen Bundesländern, in denen der Elternwille zum Übertritt freigegeben wurde und nicht mehr die wirkliche Eignung zählt, die dritte Säule „Hauptschule“ über kurz oder lang verschwunden ist. Die SPD und die Grünen fordern das zur Zeit in Bayern, es wäre der Untergang der Mittelschule, die hervorragende Arbeit leistet und für die Schülerklientel, die dort hingeht, äußerst erfolgreich den Übergang in die duale Ausbildung qualifizierter Berufe schafft. Aber vielleicht ist das ja auch politisch so gewollt, aber unseren Schülerklientel ist damit nicht geholfen.

Ich plädiere nicht für ein zweigliedriges System. Ich bin aus pädagogischen, schulpädagogischen und gesellschaftlichen Gründen dafür, alle Kinder in einem Haus beieinander zulassen, weil so der Jahrgang als Ganzes am meisten profitiert. Wir müssen aufhören mit dem Selektionsdenken, dem Sondieren und Filetieren, denn bei unsere Kinder gibt es nur Weizen und keine Spreu. Wer wie wir in den Grundschulen mit erleben darf, wie in unsere 4.Klassen der Grundschule wunderbare Lerngemeinschaften entstanden sind, in denen die guten Schüler von den sehr guten Schülern lernen, das Mittelfeld von den guten Schülern tagtäglich Anregungen und Vorbild nimmt, wie die sehr guten Schüler auch schwache Lerner unterstützen, wie Helfersysteme statt Ellbogenmentalität und Rivalität gelehrt werden, fragt sich verzweifelt: Warum um Himmels willen müssen wir in Deutschland die Kinder und ihre Freundschaften so früh auseinander reißen?

Wir brauchen keine Soziologen um festzustellen, dass wir damit soziale Selektion betreiben und dafür sorgen, dass die Kinder aus bildungsfernen Schichten tendenziell abgehängt werden und zwar lange bevor sich dauerhafte "Peergroup"-Freundschaften bilden. Oft bleibt in der „dritten Säule“ nur ein trauriger Rest von weitgehend entmutigten Schülern. Sauerteig ohne Hefe geht nicht auf und das scheint leider vielen einflussreichen Menschen in unserer Gesellschaft egal zu sein. Hauptsache unsere Kinder sind nicht drunter! So droht der ehemals stolzen Hauptschule, die diesen Namen trug, weil dort die meisten Kinder ihren Schulabschluss machten, ein unrühmliches Ende.

Sprechen Sie doch mal mit Lehrern und Eltern in Südtirol, der Schweiz, Niederlande oder Finnland oder Schweden. Die haben kein Problem damit, die Kinder mindestens bis zu 8., oftmals auch schon bis zur 10. Klasse eine große Gemeinschaft sein zu lassen, weder elitär abgehoben, noch beschädigt durch das Nichterfüllen der Elternwünsche oder durch das unfreiwillige Absteigen, weil es am Gymnasium oder Realschule dann doch nicht funktioniert, trotz Nachhilfen und Dauerbüffeln.

Mit großen Bedenken und Vorsicht möchte ich auch noch auf Folgendes hinweisen. Die Grundschule ist die mit Abstand kostengünstigste und preiswerteste Schulform. Hier stehen vergleichsweise niedriger bezahlte Volksschullehrkräfte für weniger Geld länger vor der Klasse, pro Kind und Schuljahr macht das 4000 € gegenüber 6300 € beim Gymnasium. Klar, dass diese Zahlen bei bestimmten Lehrerverbänden Alarmsignale auslösen, aber sie sind wahr und wir sind für die Kinder da und  nicht für den Erhalt von Standesinteressen.

Das Aufteilen der Kinder ist nicht nur teuer, sondern vor allem uneffektiv. Das beweisen die intentionalen Schultests der OECD. Vom europäischen Spitzenplatz bei IGLU geht für die Gesamtheit unserer Kinder eines Jahrgangs fünf Jahre später die Platzierung weit nach hinten, wenn sie an den PISA-Tests teilnehmen. Auch wenn das Ranking bei den letzten Test etwas besser wurde, Tatsache ist: Ein Selektionssystem produziert eben zu viele Verlierer und das wirkt sich auf die Leistungen und die persönliche Entwicklung der Kinder negativ aus. Die psychischen Schäden bei Kindern nehmen rasant zu, es werden immer mehr Medikamente verschrieben, immer mehr Kinder werden an der Schule krank. Zusammengefasst lässt sich für den ganzen Jahrgang feststellen: Die Schäden durch die Selektion werden durch die Vorteile nicht aufgewogen.

Es geht nicht um eine Billiglösung, die Kinder länger in der Grundschule zu belassen, aber alle sollten wissen, dass diese Lösung im Gegensatz zur „R 6“ und „G 8“-Reformen bestimmt keine Mehrkosten verursacht. Es könnten fürs gleiche Geld sogar die Klassenstärken deutlich gesenkt werden und die Inklusion, wo sie sinnvoll ist, weiter betrieben werden. Die G 8 - Diskussion könnten wir endgültig beenden, wenn die Grundschule 5 –jährig geworden sein wird. Und für hochbegabte Grundschüler ist in einer künftig flexiblen Grundschule sowieso ein Jahr abzukürzen.

Es hat keinen Sinn, für immer weniger Schulkinder immer mehr Schubläden und Schulhäuser zu bauen und sie dort hineinzustecken, wo es dann garantiert wieder nicht ganz passt und weiter „gehobelt“ werden muss. Wir brauchen ganz lange und langfristig gesehen nur eine Schule und in der muss für alle Kinder das passende Angebot bereit gehalten werden und dass das geht, das kann sich jeder z.B. in deutschsprachigem Südtirol anschauen. Dort haben wir eine Lehrer-Schüler-Relation von 1 zu 8, davon dürfen Lehrer aller Schularten bei uns nur träumen. Aber so geht es eben besser und so geht auch Inklusion und das wäre auch für uns eine Lösung mit Zukunft. Dass man sich dieser Lösung nur Schritt für Schritt nähern kann, ist selbstverständlich.


Till E. Spiegel (Name ist der Redaktion bekannt)