Träume brauchen Räume

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Till E. Spiegel:

Träume brauchen Räume

Man muss kein großer Visionär sein, um zu erkennen, dass deutsche Schulhäuser - geplant und gebaut meist in den sechziger Jahren oder noch viel früher - zu den Erfordernissen einer zeitgemäßen Bildung und Erziehung passen wie eine Pferdekutsche zum modernen Reisetourismus.



Dabei geht es nicht nur um die Ausstattung mit Computern und anderen modernen Medien. Bei der Transformation vom Bulimie-Lernen hin zur Kompetenzorientierung für eigenständiges, lebenslanges Lernen ist die Vorstellung, dass unsere Schüler den ganzen Schultag über in Klassenzimmern mit den immer gleichen 30 Kameraden zusammen hocken und Wissen, das meist frontal von vorne kommt, nur in sich hineinstopfen müssen, so was von über überholt wie das Pferdegespann vom Düsenjet.

Das Schulhaus mit dem ganzen Schulgelände und insbesondere die Schulräume werden heute gerne von der Schulforschung als der "dritte Erzieher" bezeichnet, vorausgesetzt Eltern und Lehrer nehmen den ersten und zweiten Rang in dieser Hierarchie adäquat wahr. In der Tat muss ein Einklang zwischen den Lerninhalten und -methoden und den Sozialformen des Lernens mit einer dazu passenden Lernumgebung bestehen. Eigenverantwortliches, individualisiertes Lernen und Lernen in unterschiedlichen Sozialformen braucht Räumlichkeiten, die weit über das alte Klassenzimmerkonzept - ergänzt mit diversen Fachräumen - hinausgehen. Räume müssen konzentriertes Lernen des einzelnen Individuums ermöglichen, es muss aber auch Partner- und Gruppenarbeit geben und Projektteams müssen entsprechende Kommunikations- und Arbeitsmöglichkeiten haben. Um echte Teamkompetenz zu erwerben, gehört regelmäßige Team- und Projektarbeit mit zum schulischen Alltag. Die Schüler brauchen dazu Raum und "Luft", auch außerhalb des Klassenzimmers Lernecken und Gruppentische sowie Lernmittel, aus denen sie selbstständig Informationen entnehmen können. In einer zeitgemäßen Schule verstauben die Lehr- und Lernmittel nicht in einem für die Schüler unzugänglichen "Lehrmittelraum", sondern sie stehen ihnen für ihre alltägliche Bildungsarbeit zur Verfügung. Es werden auch kleinere Räume für die individuelle Förderung benötigt, motivierende Lernwerkstätten für selbstständiges, materialgeleitetes Lernen, Stationentraining und Freiarbeit. Es muss Möglichkeiten zum Arbeiten sowohl in der Schülerbücherei und Schulbibliothek als auch zur individuellen Recherche im Internet geben für selbständiges Erstellen von Referaten, Vorträgen, Ausstellungen und Präsentationen.

Im August 2013 trat das "Gesetz zur eigenverantwortlichen Schule" als Neufassung des BayEUG in Kraft. Dabei wurde Schulen deutlich mehr Eigenverantwortung und Selbständigkeit zugesprochen und das individuelle Lernen wird ganz groß geschrieben. Für jahrgangsübergreifenden, stärker individualisierten Unterricht haben sich heute schon "Lernschienen" sehr bewährt und der Mittelschullehrplan sieht verbindlich für Deutsch, Mathematik und Englisch modularisierten Unterricht vor, bei dem in jedem Falle mindestens auf drei Niveaustufen gelernt und geübt werden soll. So bilden eine oder auch zwei Klassen zusammen drei Lerngruppen, die natürlich auch mindestens drei Räume brauchen.

Dieser Trend wird auch im Profil des neuen Grundschullehrplans Plus deutlich, der im September 2014 in Kraft tritt und radikal kompetenzorientiert ist. Was derzeit 80 Grundschulen in Bayern in der sog. „flexiblen Grundschule“ erproben, wird sukzessive auf immer mehr Grundschulen ausgeweitet. Die Grundschule wird zunehmend durch Auflösen des Jahrgangsstufenprinzips Kinder haben, die nur 3 Jahre an der Grundschule sind und andere, die aber 5 Jahre brauchen werden, um dort wirklich die grundlegenden Kompetenzen nachzuweisen. Die meisten werden freilich weiterhin vier Jahre an der GS sein. Für den Unterricht heißt das zunehmend: Raus aus dem Klassenverband und rein in Lerngruppen! Es wird mehr Lerngruppen als Klassen geben und jede Gruppe braucht einen Raum. Das ist keine ferne Zukunftsvision, sondern erklärtes Nahziel der jetzigen Staatsregierung.

Für individuelles Fördern und Stützmaßnahmen mit den Förderlehrkräften, dem mobilen sonderpädagogischen Dienst (MSD), Betreuung und Hausaufgabenhilfe durch Erzieher und Sozialpädagogen, für die Mittags- und die Ganztagsbetreuung, dem Beratungslehrer bzw. Schulpsychologen müssen geeignete Räume zur Verfügung stehen und ohne entsprechende mediale Arbeitsplätze mit Internetanschluss ist eine effektive, moderne und zeitgemäße Ausgestaltung dieser Komponenten nicht mehr vorstellbar.

Behinderte Kinder und Kinder mit größeren Lernproblemen werden zunehmend durch die "Inklusion" an die Regelschulen kommen. Oft haben sie eine erwachsene, betreuende Begleitperson dabei, damit sie im Bedarfsfall sich mit dieser zurückziehen können oder eine andere Beschäftigung haben wie die übrigen Kinder des gleichen Jahrgangs. Auch hierfür müssen Räumlichkeiten vorhanden sein. Inklusive Beschulung ist in Bayern ebenso wie in ganz Europa zum Rechtsanspruch geworden.

Zur Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf", sagt ein afrikanisches Sprichwort. Die Schule der Zukunft wird vielfältige personelle Ressourcen der Region in die Bildungs- und Erziehungsarbeit integrieren. Schon heute gibt es in vielen Schulen die segensreiche Tätigkeit von Lesepaten und andere Patenschaften, den Einsatz von Fachkräften wie Handwerksmeister, Musiker, Künstler und Übungsleiter aus Sportvereinen besonders im Rahmen der Ganztagsangebote. Für all dies und vieles mehr ist ein erheblich anderer, größerer Raumbedarf nötig als früher. Für das Mittagessen braucht es eine Kantine, evt. sogar mit Küche.

Jetzt gilt es aus der Not eine Tugend zu machen und den an den meisten Schulen deutlichen Schülerrückgang dafür zu nutzen, die alte Schule in ein modernes "Haus des Lernens" umzubauen. Statt Schulen zu schließen oder ganze Trakte stillzulegen, sollte man den vorhandenen umbauten Raum dazu nützen, das Lernen endlich schülergerecht und zukunftsorientiert zu gestalten. Was viele Gemeinden daran hindert, die eigentlich gerne für ihre Kinder etwas Gutes tun würden, sind Schulbaurichtlinien aus dem letzten Jahrhundert, im Kern aus den "Achtziger-Jahren", die zuletzt in Bayern 1994 modifiziert wurden, also über 20 Jahre alt sind. Das waren Zeiten, als Regierungsparteien noch Ganztagsschulen mit Gesamtschulen verwechselten, Pisa nur eine Stadt mit einem schiefen Turm in Italien war, Alleinerzieher die Ausnahme und Migrantenkinder eine kleine Minderheit waren.

Diese Schulbaurichtlinien, ehedem vom Raumprogramm her wohl ganz auf der Höhe der Zeit, hatten auch damals bei der Umsetzung mit den Förderrichtlinien für den Schulhausbau bereits einen fatalen Zug in sich, den es leider immer noch gibt. Gefördert wurde und wird demnach nur bis zu einer sehr eng begrenzten Fläche, die auf die Schülerzahl bezogen ist. Das sind beispielsweise pro Klassenzimmer nur 58 m². Wer sich schon einmal die Mühe gemacht hat, diese Fläche mit einem Band auf ein Rechteck mit 8 m × 7,25 m abzugrenzen, erkennt sehr schnell, dass diese Unterbringung für 30 Kinder oder Jugendliche wohl nicht nur scherzhaft als "Käfighaltung" bezeichnet werden muss. Dass dort auch noch Waschbecken, Tafel, Projektor und andere Medien untergebracht werden müssen sowie Lernmaterial der Schüler und der Schule in Schränken und vielleicht auch Computer mit Internetanschluss, leuchtet zwar irgendwie ein, ist aber völlig illusionär. Allein das Wohnzimmer der Architekten, die solche Räume planen müssen, ist oft größer!

Zum Glück konnte in den letzten Jahren die Klassenstärken in allen Schularten deutlich gesenkt werden und langsam aber sicher weicht die drückende Enge durch zu große Nähe in den Klassenzimmern, auch wenn es meist noch an wirksamen Schallschutz z.B. an den Decken fehlt. Lärm ist ja bekanntlich der größte Stressfaktor überhaupt.

Schulbaumaßnahmen werden von Sachaufwandsträger gemeinsam mit dem Land finanziert, wobei der Staat dazu variable Zuschüsse nach einem aufwändigen Genehmigungsverfahren nach vorhandenen Mitteln zahlt. Wenn nun eine Gemeinde Räume baut oder grundlegend saniert, wird nur der Teil an Flächen durch einen staatlichen Zuschuss des Landes Bayerns gefördert, der dem Mindestmaß entsprechend der Schülerzahl entspricht. Stellt die Gemeinde größere und mehr Flächen zur Verfügung, muss sie diese Differenz zu 100 % alleine finanzieren. Das ist fatal. Nicht nur das in Bayern gültige Gesetz zum Konnexitätsprinzip ("Wer anschafft, zahlt auch!"), auch die Fairness und die Vernunft gebieten es, den staatlichen Anteil deutlich zu erhöhen und die förderfähigen Flächen entsprechend dem zeitgemäßen Bedarf zu erweitern. Damit Gemeinden hier bei den Kosten nicht alleine gelassen werden, schlagen wir vor, die bisher gültigen Flächen pauschal um 25 % zu erhöhen. Ansonsten besteht die große Gefahr, dass Gemeinden mit wenig Geld ihre Schulen nicht so gut ausbauen können und die Chancengerechtigkeit für die Kinder dieser Gemeinden nicht besteht.

Preisgekrönte Schulhausneubauten bieten heute rein flächenmäßig außerhalb der Klassenzimmer mehr "Lernraum" als innerhalb, z.B. die Schule Welsberg in Südtirol. Häufig gestalten sie die Räume zwischen den Klassenzimmern, die früher nur schmale Gänge allenfalls mit Garderobe waren, als vielfältig nutzbare Lernräume ausgestattet mit Lehr- und Lernmedien, Lernmaterial, Landkarten, Computerarbeitsplätzen usw. Sie sind hell und freundlich, nach kindgemäßer Ästhetik gestaltet mit Wohlfühlcharakter. Aber auch in Deutschland gibt es schon viele gelungene Beispiele, bei denen innovative und großzügige Städte und Gemeinden den schulpädagogischen Vorstellungen pädagogisch orientierter Schularchitekten aufgeschlossen gefolgt sind.

Sie haben nicht nur Schulen mit traumhaften Räumen geschaffen, sondern eine Voraussetzung dafür, dass diese Schulen als "Treibhäuser der Zukunft" anderen ein Vorbild sein können, wie die Dokumentationsfilme von Reinhard Kahl mit dem Untertitel "Wie in Deutschland Schulen gelingen" schon 2005 zeigten. Mit seiner Reihe "Individualisierung - Das Geheimnis guter Schulen" (2011) macht er den Zusammenhang einer wirklich guten Schule mit den Räumen als dem "dritten Pädagogen" noch deutlicher. Nicht umsonst und hoffentlich nicht vergeblich wird er dabei unterstützt von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und Bertelsmann.

Denn wir wissen:

Träume ohne Räume sind Schäume!


Till E. Spiegel (Name ist der Redaktion bekannt)