Durch die Nutzung unserer Website erklären Sie sich einverstanden mit den Datenschutzbedingungen.

G8 oder G9 - hü oder hott?

https://www.bsv-bayern.info/glossen_egalite_quo_vadis_clip_image002.gif

Till E. Spiegel:

G8 oder G9 - hü oder hott?
Die Scheuklappen ablegen und das Ganze sehen!

Wieder einmal scheint die bildungspolitische Schuldiskussion festgefahren und trotz der Ministerpräsidenten-Vorgabe "Keine Strukturveränderungen und Ruhe an der Bildungsfront" an äußeren Merkmalen zu kleben. Verwunderlich dabei ist, wie eng die Scheuklappen sind, mit denen viele leidgeprüften Bildungspolitiker in die Debatte eines Dialogforums gehen. Zehn Jahre lang war das G8 nun das Hauptthema und auch jetzt kreist die Diskussion wieder um die Frage "Acht oder neun Jahre Gymnasium", als ob es nichts anderes gäbe.

Die Endlosdebatte um das G8/G9 ist aber eine glatte Themaverfehlung. In den Jahren zwischen 2003 und 2012 stieg der Anteil der Gymnasiasten an einem gesamten Schülerjahrgang in Bayern von 32 auf 40 %. In der gleichen Zeit fiel der Anteil der Hauptschüler, die heute Mittelschüler sind, von 45,1 auf 30 %. Die Realschule erhöhte ihren Anteil von 20 auf 28 %. Auch die Förderschule gibt es noch. Just in der Zeit, als das Gymnasium von 9 auf 8 Jahre verkürzt wurde, wird dasselbe also von einem Viertel mehr Schülern eines Jahrgangs besucht als früher. Man muss nicht intelligent sein, um zu verstehen, dass dies Probleme bringt, wenn gleichzeitig ein Niveauverlust hätte vermieden werden sollen.

Dabei hat das Kultusministerium das Problem mit dem "Flexibilisierungsjahr" schon längst gelöst. Wer es braucht, macht neun Jahre, Wiederholungen hat es früher auch schon gegeben und auch unter den Führungskräften unserer Gesellschaft gibt es sehr viele, die sich dazu offen bekennen. Deswegen brauchen wir keine zwei gymnasialen Systeme nebeneinander.

Doch der entscheidende Anstoß zur Debatte kommt einmal mehr von außen. Die sonst sehr selbstbewussten Bayern lassen sich durch eine weitere Fehlentwicklung in anderen Bundesländer wie Niedersachen und Hamburg wieder aus den Takt bringen, so wie es auch bei der Einführung des G8 der Fall war, als der Anstoß dazu von außen kam.

Es ist unnütz darüber zu reden, ob das G8 ein Fehler war, weitsichtige Experten der Schulforschung und aus der Schulpraxis hatten damals vor diesem Schritt gewarnt und wurden geflissentlich nicht beachtet. Paradox ist dabei, dass im gleichen Zeitraum der letzten 10 Jahre die durchschnittliche Verweildauer des Nachwuchses im Schulsystem bis zum Berufseintritt insgesamt um 1,5 Jahre angestiegen ist und das offizielle Staatsziel des früheren Berufseintritts konterkariert wurde.

Es müsste die Bürger eigentlich verwundern, warum der Rat der meisten Experten damals wie heute überhört wird. Pisa-Forscher Manfred Prenzel hält die Rückkehr zu neun Jahren Gymnasium für einen Riesenfehler (SZ, 4./5.4.2014). Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung hält den Übertritt von zehnjährigen Kindern für viel zu früh und empfiehlt, die Kinder wie in vielen anderen Ländern länger unter einem Dach lernen zu lassen. (SZ, 02.05.2014) Die renommierten Intelligenzforscher Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer schreiben in ihrem neuen Buch "Intelligenz und ihre Folgen": "Das Gymnasium ab 10 Jahren ist heute aus Sicht der Intelligenz- und Begabungsforschung nicht mehr zu rechtfertigen."

Wenn in Deutschland heute mehr als 50 % eines Schülerjahrgangs das Abitur am Gymnasium anstreben und es so zur "Hauptschule" machen, ist das Maß des Sinnvollem weit überschritten und das mehrgliedrige Schulsystem infrage gestellt. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Bremen mit dem höchsten Anteil an Abiturienten in Deutschland beim PISA-Vergleich der Bundesländer ganz hinten gelandet ist, während Bayern mit dem geringsten Anteil weit vorne platziert ist. Die Länder, die mit dem G 8 am wenigsten Probleme haben, haben Bayern mittlerweile überholt. Die Gleichung "mehr Abiturienten = bessere Bildung" geht also ganz gewiss nicht auf, im Gegenteil!

Dabei war das G8 in Bayern relativ erfolgreich. Zwei Drittel der Schüler kommen ganz gut damit zurecht, das obere Drittel schneidet sogar besser als unter dem G9 ab. Das untere Drittel wäre wohl besser in der Realschule und der Mittelschule aufgehoben. Und nicht selten verschwinden viele schon vor "ihrem" Abitur nach harten Jahren eines Ausleseprozesses an Realschulen, wiewohl auch von dort nicht wenige nach Kämpfen um die Versetzung an die Mittelschule durchgereicht werden. Und da zaubert man in Bayern dann als 4. Säule ab der 6.Klasse noch teure Wirtschaftsschulen herbei, die eine solchen Abstieg erträglicher machen. Genau diese ungewollten Schülerströme - man kann es lässig auch als "Durchlässigkeit" bezeichnen - hätten eigentlich mit den Reformen zum "G8" und zur "R6" vermieden werden sollen. Sie haben den Staatshaushalt Milliarden € gekostet. Das Schulsystem wurde dadurch teurer, aber nicht besser. Vom 1. Platz bei den 15-Jährigen bei PISA ist Bayern seitdem auf den 4. Platz in Deutschland zurückgefallen.

Würde nun das G8 und G9 gleichzeitig angeboten, kämen erneut enorme Mehrkosten auf uns zu. Ein gleichzeitiges Nebenher wäre eine gigantische Geldverschwendung und organisatorisch für viele Gymnasien äußerst schwierig zu bewerkstelligen. Es steht zu befürchten, dass die zusätzlichen Kosten zulasten anderer Bereiche der schulischen Bildung gehen würden. Sorgen macht sich dabei der sowieso schon finanziell benachteilige Volksschulbereich.

Ziel des Gymnasiums war ursprünglich, begabte Schüler auf ein wissenschaftliches Hochschulstudium vorzubereiten. Nun ist Intelligenz bekanntermaßen großteils Begabungssache, braucht gezielte Förderung und ist nicht beliebig mehrbar. Kein Wunder, dass allen Ortes an den Gymnasien Lehrer und wirklich gut begabte Schüler einen Niveauverlust beklagen und die eigentliche Aufgabe, intelligente Kinder besonders zu fördern, in den Hintergrund gerät, weil durchschnittlich Begabte ja auch zum Abitur geführt werden sollen und sehr viel Kraft und Aufmerksamkeit kosten.

Die meisten Eltern in Bayern folgen wohl den angemessenen Übertrittsempfehlungen der Grundschulpädagogen. Natürlich meinen es auch jene Eltern gut, die ihre 10-jährigen Kinder mit Nachhilfe beim "Grundschulabitur" zum Übertritt peitschen und glauben, ihrem Kind damit die besten Startchancen zu ermöglichen. Leider bleiben aber nach wie vor viele vorher auf der Strecke und auch jene, die das Abitur erreichen, schaffen oft später das gewünschte Studium nicht. Die steigenden Studien-abbrecherzahlen an den Universitäten (bei Bachelor-Studiengängen um die 40 %) sind nicht nur persönlich eine Tragödie, sondern kosten uns Steuerzahlern sehr viel Geld.

Dabei fehlen zunehmend in anspruchsvollen Berufen die Fachkräfte, die auf eine qualifizierte duale Berufsausbildung aufbauen und die ihren erfolgreichen Bildungsweg über Mittel- und Realschule genommen haben. Diese starten schon mit 18 ihre aussichtsreiche Berufskarriere in der realen Arbeitswelt. Die Schweiz hat z.B. kein Problem damit, dass dort nur die 20 % Höherbegabten eines Jahrgangs ein Studium anstreben, alle anderen lernen praktisch Berufe. Es ist ein permanenter Fehler in der medial hochgeputschten deutschen Bildungsdiskussion, von besserer Ausbildung durch formal höhere Schulabschlüsse zu träumen. Die Stärke des deutschen Bildungssystems ist sowieso nicht das Studium, sondern die duale Ausbildung. Dies weiß die ganze globalisierte Welt und beneidet uns darum, nur die Deutschen scheinen dies tunlichst vergessen zu haben.

Ziel der Schulbildung sollte nicht eine Akademisierung der Gesellschaft sein, sondern maximale individuelle Förderung und Entwicklung durch eine umfassende Individualisierung des Lernens. Die kriegen wir nicht dadurch, dass wir den Schülerjahrgang weltweit als einzige mit zehn Jahren trennen und eine Schublade nach der anderen bauen. Jedes Kind ist einzigartig, lernt anders und differenziertes, individualisiertes Lernen ist unter einem Dach möglich, wie die erfolgreichste Schulart, die Grundschule, bei uns als Gemeinschaftsschule tagtäglich beweist.

Es ist jammerschade, diese wunderbaren Lerngemeinschaften der 4. Klassen nicht noch weitere Schuljahre gemeinsam lernen lassen und stattdessen die soziale Selektion knallhart durchzuführen, die gleich begabten Kindern aus unteren Schichten eine 6-fach geringere Chance einräumt, ans Gymnasium zu kommen wie Kindern aus dem Bildungsbürgertum. Die Grundschule fünfjährig anzubieten, sie mit mehr qualifizierten Lehrern auszustatten und das möglichst bundesweit, wäre dazu ein echter Fortschritt in die richtige Richtung einer inklusiven Schule.

Lässt man alle Schüler vorher fünf Jahre gemeinsam in die Grundschule gehen, wäre das Thema G8/G9 auf einen Schlag erledigt. Mit fünf gemeinsamen Jahren wären wir in Europa zusammen mit Österreich immer noch das Land mit den kürzesten gemeinsamen Schulzeiten und der am frühesten einsetzenden Selektion nach Schularten. Der Druck in der Grundschule könnte spürbar gemildert werden und die oft sehr fraglichen Schullaufbahnentscheidungen hinausgezögert werden. Und viele gestresste Schüler bräuchten dann nach dem Abitur kein "Erholungsjahr", um endlich ein Studium oder eine Berufsausbildung zu beginnen.

In der GS 5 könnten die ersten zwei Jahrgangsstufen vom Notendruck freigehalten und noch intensiver für die individuelle und persönliche Förderung genützt werden, die familiären und sozialen Benachteiligungen entgegenwirkt. Allen Schülern würde ein weiteres Jahr mit dem pädagogischen Klassenleiterprinzip und förderlichen Beziehungen in der Klassengemeinschaft gut tun. Das meist hervorragende Lern- und Erziehungsklima in den 4.Klassen der Grundschulen müsste nicht so früh zerstört werden und könnte noch ein weiteres Jahr genützt werden.

Mehr Pädagogik für Elfjährige, und zugleich mehr individuelle Förderung und differenziertes Lernen in Lernschienen sowohl der schwächer Lernenden als auch der Begabteren könnten sinnvoll eingerichtet werden. Gymnasien und Realschulen wären zwar um ein Jahr kürzer, würden dadurch aber deutlich ihre Klassenstärken senken können. Über 1000 ausgezeichnete und teuer ausgebildete bayerische Grundschullehrkräfte stehen jetzt schon zur Verfügung und könnten zusätzlich angestellt werden.

Verdient hätte es die Grundschule allemal, denn sie ist die erfolgreichste deutsche Schulart. Die zehnjährigen deutschen Grundschüler sind beim internationalen Leistungsvergleichstests IGLU in der Spitzengruppe aller OECD-Länder. Drei erste Plätze für Bayern beim Lesen, Zuhören und in Mathematik unter den 16 Bundesländern bestätigen, dass in der einzigen Gemeinschaftsschule, die es gibt, die Kinder erfolgreich zusammen lernen.

Alle Bürger sollten sich fragen, warum fünf Jahre später bei den Pisa-Tests der 14-Jährigen die Leistungen der deutschen Schüler im Vergleich mit den anderen Ländern so weit zurückfallen, dass sie nur im Mittelfeld landen. Offensichtlich lohnt sich die teure Aufspaltung in verschiedene Schularten für den gesamten Schülerjahrgang nicht. Bedenken wir dabei, das nach Angaben des Bundesamts für Statistik ("Schulen auf einen Blick", 2012) ein Hauptschüler pro Jahr 6300 € kostet, ein Gymnasiast 5800 € und ein Grundschüler nur 4400 €, so muss allein aus dieser Tatsache die frühe Selektion auf den Prüfstand. Doch nicht nur als Steuerzahler sollten wir uns damit beschäftigen, noch viel mehr aus Gründen des Zusammenhalts und der Solidarität in unserer Gesellschaft.

Wir brauchen keine weiteren Pflästerchen und neuen Schuljahre in einem immer unübersichtlicheren Schulsystem, sondern eine klare Gliederung, die allen Schülern genug Zeit gibt. Und es bleibt den hochbegabten Kindern in einer flexiblen Grundschule unbenommen, das Wissen und Können der ersten zwei Schuljahre in einem Jahr zu erwerben und somit nach wie vor nur vier Jahre an der Grundschule zu verbleiben.

Wenn wir schon ab der zweiten Klasse in der Grundschule die Schüler mit Noten in eine bestimmte Richtung lenken, so werden die Verlierer in diesem völlig unnötigen Rennen immer aus den gleichen Verhältnissen kommen. Nicht nur die Pädagogen und Begabungsforscher wissen, dass durch unsere frühe Aufteilung des Schülerjahrgangs ein ganz erhebliches Begabungspotenzial nicht genutzt werden kann. Alle Schüler würden profitieren, wenn sie noch ein oder zwei Jahre länger beieinander bleiben könnten und dabei - durchaus differenziert und unter dem Klassenleiterprinzip - miteinander, voneinander und nebeneinander lernen könnten.

In der Grundschule herrscht bei den Schülern nachweisbar die größte Zufriedenheit und das kann jeder jeden Tag mit eigenen Augen und Ohren beobachten. Nicht im frühen Konkurrenzkampf und im Büffeln um eine möglichst hohen Übertritt liegen die Chancen, sondern in der individuellen Förderung und in echtem sozialen Lernen. Die Grundschule würde auch ein fünftes Jahr sehr gut gestalten, mehr als tausend hervorragend ausgebildete Lehrkräfte in Bayern warten auf ihre Anstellung. Die weiterführenden Schulen würden die Kindlein nicht wirklich vermissen und die endlose G8-Diskussion könnte endlich eingestellt werden!

Ziel muss es dabei ein, durchaus differenziert und individualisiert Stärken zu fördern und Schwächen beim Erwerb der grundlegenden Kompetenzen so zu eliminieren, dass die Schule keine funktionalen Analphabeten mehr in weitere Bildungswege schickt und alle Kinder fähig werden, für sie passende Lernwege in hoher Eigenverantwortung zu beschreiten und zu meistern. Lehrer sind dabei Pädagogen, die als Lernexperten die Schüler anleiten, begleiten und begeistern und dabei stets wissen, wo die Schüler individuell stehen und welche Schritte sie als nächstes erfolgreich ausprobieren können. Es müssen hohe Standards bei den Grundkompetenzen gesichert werden und entsprechende Rahmenbedingungen für individualisiertes Lernen und Fördern geschaffen werden, die nachweisbar und nachhaltig jedem einzelnen Kind eine optimale Entwicklung ermöglichen. Weil dazu die staatlichen Mittel alleine nicht ausreichen werden, sind auch regionale Ressourcen aus dem schulischen Umfeld der Gesellschaft, des Kulturlebens, des Ehrenamtes und der Wirtschaft hinzuziehen.

Speziell die Mittelschule als Nachfolgerin der Hauptschulen in Bayern kann die Schüler im fünften Schuljahr sehr leicht entbehren, denn für ihre erfolgreiche Strategie der Berufsorientierung muss sie noch nicht mit den Elfjährigen beginnen. Viel besser ist es, die Kinder mit zuverlässig erworbenen Schlüsselqualifikationen aus der Grundschule zu bekommen, die dort wirklich das sinnentnehmende Lesen, Schreiben sowie Rechnen und logisches Denken gelernt haben und die sich die Freude am Lernen erhalten haben.

Es ist auch kein Geheimnis, dass die Realschule „R 4“ aus früherer Zeit ihre Aufgaben mindestens genauso gut erfüllt hat wie die R 6 heute, die dem bayerischen Schulsystem mit einem Reformziel aufgetragen wurde, das nie erreicht wurde. Es sollten die Schülerströme anders und sinnvoll gelenkt werden, genau das wurde nicht erreicht, wie man an der fortschreitenden Zergliederung mit immer neuen Schulangeboten (Flexibilisierungsjahr, 9+2-Klassen, Wirtschaftsschule, M-Klassen, FOS 13, ...) erkennt, die wie Pflästerchen wirken, die die Wunden falscher Schullaufbahnen überdecken sollen.

Tatsache ist nun mal, dass nur ein verschwindend geringer Anteil der Eltern der Zehnjährigen aus welchen Motiven auch immer nach der 4. Klasse möchte, dass ihr Kind nicht einen „höheren“ Übertritt an Realschule und Gymnasium macht. Tatsache ist auch, dass in allen Bundesländern, in denen der Elternwille zum Übertritt freigegeben wurde und nicht mehr die wirkliche Eignung zählt, die dritte Säule „Hauptschule“ über kurz oder lang verschwunden ist. Auch in Bayern fordern das Parteien und Verbände. Es wäre der sichere Untergang der Mittelschule, die hervorragende Arbeit leistet und für die Schülerklientel, die dort hingeht, sehr erfolgreich den Übergang in die duale Ausbildung qualifizierter Berufe schafft. Aber vielleicht ist das ja auch politisch so gewollt, wobei gewiss nicht die Interessen dieser Schüler im Fokus sind.

Auch ein zweigliedriges Schulsystem ist keine gute Lösung. Aus pädagogischen, schulpädagogischen und gesellschaftlichen Gründen spricht alles dafür, alle Kinder länger in einem Haus beieinander zulassen, weil so der Jahrgang als Ganzes am meisten profitiert. Wir müssen aufhören mit dem Selektionsdenken, dem Sondieren und Filetieren, denn bei unseren Kindern gibt es nur Weizen und keine Spreu. Wer in den Grundschulen miterleben darf, wie in den 4.Klassen seit der Kindergartenzeit gewachsene Lerngemeinschaften entstanden sind, in denen die guten Schüler von den sehr guten Schülern lernen, das Mittelfeld von den guten Schülern tagtäglich Anregungen und Vorbild nimmt, wie die sehr guten Schüler auch schwache Lerner unterstützen, wie Helfersysteme statt Ellbogenmentalität und Rivalität gelehrt und gelernt werden, fragt sich verzweifelt: Warum um Himmels willen reißen wir in Deutschland die Kinder und ihre Freundschaften so früh auseinander?

Wir brauchen keine Soziologen um festzustellen, dass wir damit soziale Selektion betreiben und dafür sorgen, dass die Kinder aus bildungsfernen Schichten mit ihren Familien tendenziell abgehängt werden und zwar lange bevor sich dauerhafte "Peergroup"-Freundschaften bilden. Oft bleibt in der „dritten Säule“ nur ein trauriger Rest von weitgehend entmutigten Schülern. Sauerteig ohne Hefe geht nicht auf und das scheinen leider vielen einflussreiche Menschen in unserer Gesellschaft nicht zu wissen oder es ihnen schlichtweg egal. Hauptsache ihre Kinder sind nicht darunter! So droht der ehemals stolzen Hauptschule, die diesen Namen trug, weil dort die meisten Kinder ihren Schulabschluss machten, ein unrühmliches Ende.

Sprechen Sie doch mal mit Lehrern und Eltern in Südtirol, der Schweiz, Niederlande, Finnland oder Schweden! Tun Sie es und Sie werden erfahren: Die haben kein Problem damit, die Kinder mindestens bis zu 8., oftmals auch schon bis zur 10. Klasse eine große Gemeinschaft sein zu lassen, weder elitär abgehoben, noch beschädigt durch das Nichterfüllen der Elternwünsche oder durch das unfreiwillige Absteigen, weil es am Gymnasium oder Realschule dann doch nicht funktioniert, trotz Nachhilfen und Dauerbüffeln.

Mit Vorsicht sei auch noch auf Folgendes hinweisen: Die Grundschule ist die mit Abstand kostengünstigste und preiswerteste Schulform. Um ein ganzes Drittel preiswerter ist die Grundschule übrigens auch deshalb, weil ihre Lehrkräfte deutlich mehr Unterricht für ein geringeres Gehalt halten. Klar, dass diese Fakten bei bestimmten Lehrerverbänden Alarmsignale auslösen, aber sie sind wahr und wir sind für die Kinder da und nicht für den Erhalt von Standesinteressen.

Tatsache ist: Ein Selektionssystem produziert eben zu viele Verlierer und das wirkt sich auf die Leistungen und die persönliche Entwicklung dieser Kinder negativ aus. Die Bezirke sprechen von 220.000 Kindern in Bayern, die an einer psychischen Störung leiden, von denen die Hälfte behandelt werden müsste. Es werden immer mehr Medikamente verschrieben, immer mehr Kinder werden an der Schule krank, die Schulverweigerung nimmt drastische Ausmaße an, ohne Schulsozialarbeit geht es oft nicht mehr. Zusammengefasst lässt sich für den ganzen Jahrgang feststellen: Die Schäden durch die Selektion werden durch die Vorteile nicht aufgewogen.

Es geht nicht um eine Billiglösung, die Kinder länger in der Grundschule zu belassen, aber alle sollten wissen, dass diese Lösung im Gegensatz zur „R 6“ und „G 8“-Reformen bestimmt keine Mehrkosten verursacht. Es könnten fürs gleiche Geld sogar die Klassenstärken deutlich gesenkt werden und die Inklusion, wo sie sinnvoll ist und funktioniert, weiter betrieben werden.

Es hat keinen Sinn, für immer weniger Schulkinder immer mehr Schubläden und Schulhäuser zu bauen und sie dort hineinzustecken, wo es dann garantiert wieder nicht ganz passt und weiter „gehobelt“ werden muss. Wir brauchen - auf ganz lange Sicht - nur eine Schule und in der kann für alle Kinder das passende Angebot bereit gehalten werden. Dass das geht, zeigt der Blick ohne Scheuklappen über den Tellerrand hinaus ins deutschsprachige Südtirol.

Dort sind die Schüler bis zur 8. Klasse zusammen (5 Jahre Grundschule, 3 Jahre Mittelschule), weitgehend vom Notendruck befreit und doch sehr erfolgreich mit PISA-Ergebnissen besser wie Finnland. Von Anfang an für ihr Lernen eigenverantwortlich entscheiden dort nur die Schüler mit 14 Jahren, an welches Gymnasium und andere Oberschulen und Berufsoberschulen sie wechseln. Lehrpersonal steht ausreichend zur Verfügung. Im Gegensatz zum deutschen Bildungssystem ist dort Inklusion weitgehend verwirklicht. Dort haben wir eine Lehrer-Schüler-Relation von 1 zu 8, davon dürfen Lehrer aller Schularten bei uns nur träumen. Aber so geht es eben besser und das wäre auch für uns eine Lösung mit Zukunft, der wir uns Schritt für Schritt nähern sollten. Warum soll es nicht auch in Deutschland möglich sein, die Schule zu pädagogisieren und das Lernen zu individualisieren? Die Bürger jedenfalls fordern seit vielen Jahren mehrheitlich höhere Bildungsausgaben. In Deutschland wurden zuletzt nur 5,1 % des Bruttoinlandsprodukts für die Bildung verwendet, während es in Schweden beispielsweise 7,3 % waren und damit um 43 % mehr!

Und warum sollte Bayern nicht einmal Vorreiter in der Schulpolitik sein, statt den anderen, meist SPD-geführten Ländern, hinterher zu laufen? Die frühe Selektion der Kinder ist eine Sackgasse und es wäre die edelste Aufgabe der KMK, die Schulbildung aus dieser Sackgasse herauszuführen und für ein einheitliche, den EU-Empfehlungen nach längerem gemeinsamen Lernen, nach Integration und Inklusion aller Kinder nachzukommen. Im Übrigen ist es der Wunsch von weit über 80 % der Bürger, das völlig unübersichtliche Schulsystem der 16 Bundesländer anzugleichen und das geht - wenn überhaupt -am besten über eine schrittweise Verlängerung der Grundschule und eine Sekundarschule unter einem Dach. Mit über 90 verschiedenen Sekundarschularten in Deutschland sind nicht nur die Bürger in ihrer Mobilität beeinträchtigt, hier blickt fast niemand mehr durch, nicht einmal die Experten! So viel Vielfalt ist schon wieder einfältig und das sollten wir uns auf Dauer nicht leisten!

Till E. Spiegel (Name ist der Redaktion bekannt)