Till E. Spiegel: Der Schulleitungstorso

Es stimmt schon! Die Volksschulleitungen sind eine schwierige Klientel der Bildungspolitik, die ja bekanntlich Ländersache ist. Sie schleppen die Hypothek einer hierarchischen Schulaufsicht aus früheren Jahrhunderten mit sich in eine Zeit der eigenverantwortlichen Schule, die immer selbstständiger agieren und dabei souverän über eigene Ressourcen verfügen soll, die eine zukunftsträchtige Entwicklung ermöglichen. Da stört zunächst der Anachronismus, dass sich Schulleitungen in diesem Bereich noch immer als Personalräte der Lehrer wählen lassen, statt um angemessene Ausstattung in ihrer Führungsfunktion zu kämpfen und die Emanzipation ihres Zwitterdaseins im Vergleich mit den Leitern aller anderen Schularten durchzusetzen. Wer die Interessen der Lehrerschaft vertreten soll, kann nicht gleichzeitig ihr Chef sein! Das leuchtet jedem Demokraten ein, ist aber nach wie vor widersprüchliche Realität im Volksschulwesen und wird von manchen Standesverbänden eifrig verteidigt.

 


Es ist nachvollziehbar schwierig, den vollen Vorgesetztenstatus zu bekommen, wenn die geführte Einheit nur aus einer Hand voll bis hin zu einem Dutzend an Lehrkräften besteht. Wo soll da der Vergleichsmaßstab herkommen, der zum Beispiel bei der dienstlichen Beurteilung eine adäquate Einstufung mit Verwendungseignung für Funktionen ermöglicht? Auch die Budgetverantwortung für die Lehrerstunden kann nur dann wahrgenommen werden, wenn der Schulleiter über das Budget verfügt. Ein Vorgesetzter ist erst dann Führungskraft, wenn er auch disziplinarisch vorgesetzt ist, auch Personalentwicklungsgespräche und die Leistungsprämien gehören in seine Verfügungsgewalt und selbstverständlich alle wichtigen Entscheidungen, die die Entwicklung der eigenen Schule betreffen.


Lösungen gibt und braucht es trotzdem, um das Dilemma zu verlassen, einerseits eine starke Schulleitung zu wollen und andererseits dem Fachlichen Leiter der Schule am fernen Schulamt zu platzieren. Dies ist für alle Beteiligten eine unbefriedigende Situation, auch für die Schulräte, die statt eines Führungsanspruchs an der Schule lieber eine Beratungs-, Coaching- und Fortbildungsfunktion hätten.

 

Man kann nicht zwei Herren dienen! Die Nichtbeachtung dieser jahrhundertealten Erkenntnis führt im Volksschulbereich regelmäßig und zwangsläufig zu Ungereimtheiten und Konflikten, wie sie zum Beispiel bei der Befragung des BSV im Februar 2015 zur dienstlichen Beurteilung zutage kam.  
(siehe https://www.bsv-bayern.info/cms2/aktuelles/umfragen/312-umfrage-zur-dienstlichen-beurteilung)

 

Die ganze Problematik ist in einem weiteren Beitrag nachvollziehbar, der ebenfalls auf der Homepage des Schulleitungsverbandes nachzulesen ist, der seit 45 Jahren und die Gleichstellung der Volkschulleiter in Bayern kämpft.
(siehe  "Führungskraft statt Lehrer als (halbmündiger) Schulleiter im Nebenjob!")

 

Nach dem sehr tief gehenden Parlamentarischen Abend am 6. Mai 2015 mit Mitgliedern der CSU-Fraktion in München besteht die Hoffnung auf eine baldige grundlegende Reform der möglichen Führungsstrukturen im Volksschulbereich. Für uns ist selbstverständlich, dass Führungskräfte im Volksschulbereich über das komplette Spektrum der Führungskompetenzen und Führungsinstrumente verfügen müssen, wie es die Führungskräftestandards der bayerischen Staatsverwaltung (FKSBayStV, KWMBl Nr.15/2014) vorsehen. Dort sind neben den Direktoren von Gymnasien, Realschulen, Berufsschulen nun auch die Leiter der Förderzentren aufgeführt. Genau da wollen wir als Grund- und Mittelschulleiter auch hin, als vollwertige Führungskräfte mit Entscheidungsbefugnis in der Personalverantwortung.

 

Mit den Leitern aller anderen Schularten verbindet uns das Bestreben nach modernem Schulmanagement mit allen Möglichkeiten einer erweiterten Schulleitung und einem qualifizierten Schulbüro. Bislang hat die Initiative der bayerischen Staatsregierung aus der letzten Legislaturperiode mit dem großspurig angekündigten "Schulinnovationsgesetz" für die eigenverantwortliche Schule außer ein paar papierneren und kostenfreien Hausaufgaben (Schul-programm, Konzept zur Erziehungspartnerschaft) nur wenig Greifbares gebracht. Die Öffnung für eine erweiterte Schulleitung mit entsprechender Ausstattung wurde sehr sparsam eingeführt. Dreimal darf man raten, welche  Schulart dabei bislang als einzige noch "außen vor" geblieben ist!

 

Aber das kann und muss geändert werden. Das Gesetz zur eigenverantwortlichen Schule ist ein Torso, der erst dann wirksam ins Laufen kommt, wenn er mit Kopf, Armen und Beinen, also mit entsprechenden Steuerungsmittel und Hebel ausgestattet wird. Dazu gehört ein Stundenpool für die mittlere Führungsebene, ein eigenes Fortbildungsbudget, Coaching und Supervision für die Schulentwicklung, eine Professionalisierung der Schuldirektion, die Leitung niemals als Lehrer im Nebenjob begreift und eine ausreichende Ausstattung mit qualifizierten Verwaltungskräften. Nur so kann den Herausforderungen einer zeitgemäßen Schule begegnet werden, die in Erziehung und Bildung hin zum lebenslangen Lernen zunehmend Ganztagsangebote zur Verfügung stellen, gesellschaftlich-soziale Defizite ausgleichen und eine verbesserte Chancengleichheit anstreben soll.