Das Dilemma der Volksschulen

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Till E. Spiegel:

Das Dilemma der Volksschulen


Die Grundschule genießt bei Eltern und Experten der Schulforschung einen guten Ruf und auch die Mittelschule als Weiterentwicklung der früheren Hauptschulen haben sich im Bayern entgegen allen Unkenrufen durch ihr klares Konzept der Berufsorientierung vorerst behauptet.

Dennoch leiden die Schulleitungen beider Schularten des Volksschulsektors unter einem Führungsproblem und es wird immer schwieriger, geeigneten Nachwuchs zu finden. Während alle anderen Schularten mit einer Direktion und weitgehenden Befugnissen zur selbstständigen Gestaltung ausgestattet sind, ist bei den rund 3400 Grund- und Mittelschulen Bayerns die fachliche Leitung nach wie vor bei den Schulämtern. Die Zuteilung der Lehrerstunden, des Lehrerpersonals, die dienstliche Beurteilung der Lehrkräfte und letztendlich alle wesentlichen Entscheidungen trifft dort der Schulrat als Führungskraft, die für viele Schulen im Landkreis zuständig ist und insbesondere beim Lehrerstundenbudget die oft undankbare Umverteilung des Gesamtbudgets vornehmen muss.

Dabei machen die Schulleiter an der Volksschule seit 2006 hinsichtlich der Personalführung die Hauptarbeit und verpflichtend die Unterrichtsbesuche, Mitarbeitergespräche und die dienstliche Führung samt schulinterner Fortbildung an ihren Schulen. Allerdings verfügen sie nicht über die letztendlich Entscheidungskompetenz. Nach einer Umfrage des Bayerischen Schulleitungsverbands BSV vom Februar 2016 empfinden 66 % der Volksschulleiter sich nicht als die dienstvorgesetzte Führungskraft der Schule. Bei einer Umfrage im Januar 2015 haben sich aber 83,5 % der Volksschulleiter dafür ausgesprochen, es sein zu wollen. In Zeiten, in denen die Schulforschung und alle Kultusminister zumindest verbal auf Eigenständigkeit der Schulen setzen, ist und bleibt es ein Anachronismus, den meisten Schulleitern nicht die Entscheidungskompetenzen zuzugestehen, die sie für ihre Leitungsarbeit vor Ort brauchen.

Und jetzt wird es kritisch. Bei der gleichen BSV-Umfrage haben sich nämlich 90,7 % der Schulleiter dafür ausgesprochen, dass sie all diese Arbeit in der Personalführung nicht mehr machen möchten, wenn sie nicht auch den vollen Dienstvorgesetztenstatus bekommen und die nötigen Führungsinstrumente vor allem in Form ausreichender Leitungszeit. Sollen wir also das Rad der Geschichte zurückdrehen und soll der Schulrat an die Volksschulen wieder als derjenige zurückkehren, der alle Lehrer im Unterricht besucht und nach dem Rechten schaut? 

Wer das nicht will, muss sich dafür einsetzen, dass sich die Schulleiter im Volksschulbereich nicht weiterhin gegenüber den Leitern allen anderen Schularten entmündigt und ausgenutzt fühlen müssen. Ein Prüfstein für das Kultusministerium ist jetzt die Aufgabe, wie es zu schaffen ist, dass auch im Bereich der Grund- und Mittelschulen für große Schuleinheiten die Möglichkeit einer erweiterten Schulleitung genutzt werden kann. Seit zehn Jahren haben dabei ein gutes Dutzend Grund- und Mittelschulen nachweislich nur beste Erfahrungen damit gemacht. Realschulen, Gymnasien und schon längst berufliche Schulen führen sukzessive seit mehreren Jahren diesen fortschrittlichen Ansatz in der Schulentwicklung ein und erhalten dafür zusätzliche Ressourcen. Es gilt darauf zu verweisen, dass die Leitungen bei Grund- und Mittelschulen bei Anrechnungsstunden, Verwaltungsstunden, bei Poolstunden und nicht zuletzt bei der Besoldung bislang schon sehr benachteiligt waren.

Bei einem Vergleich der Anrechnungsstunden (Landtagsanfrage 17/10637 vom 29.04.2016) an verschiedenen Schularten stellte sich folgendes heraus: Der prozentuale Anteil der Anrechnungen umgerechnet auf Vollzeitlehrereinheiten beträgt an den staatlichen Grund- und Mittelschulen 6,3 %. Bei den Realschulen ist dieser Anteil mit 8,4 % deutlich höher und auch an den Gymnasien sind es 8,2 %. Die Grund- und Mittelschulen liegen also gegenüber anderen vergleichbaren Schularten um gut 25 % bei den Anrechnungsstunden zurück. Für die erweiterte Schulleitung gab es bei den Grund-  und Mittelschulen 2014/2015  für ganz Bayern 43 Anrechnungsstunden, bei den Realschulen waren es 411 bei den Gymnasien 482. Die Zahlen bei den im Vergleich weit wenigeren Realschulen und Gymnasien haben sich seitdem weiter erhöht, während sie für die Grund- und Mittelschulen ab 2017 auf Null zurückgeführt werden sollen.

Es ist klar: Nur größere Schulen brauchen eine erweiterte Schulleitung, aber die gibt es auch im Bereich der Grund- und Mittelschulen. Seit über zehn Jahren beweisen die am Schulversuch beteiligten Modus-F-Schulen dem Kultusministerium, dass auch an den Volksschulen die Modelle einer erweiterten Schulleitung ausgezeichnet funktionieren. Niemand kann einsehen und es sich vorstellen, warum diese nun wieder aufgelöst und zu einem bedauernswerten Zustand zurückgeführt werden sollen. Die in Wahl- und Regierungsprogramm so häufig gepriesene Weiterentwicklung der Schulen hin zu höherer Eigenverantwortung soll ausgerechnet für die bisher schon benachteiligten Volksschulen nicht gelten? Soll es jetzt eine erstklassige Beerdigung der sehr erfolgreichen Ansätze im Volksschulbereich geben? Werden die Verantwortlichen zu dieser Beerdigung kommen?

In den beteiligten Schulen und ihren Umfeldern kann niemand einsehen, dass das Ergebnis dieses sehr erfolgreichen Ansätze zerstört wird und im Volksschulbereich das Thema eigenverantwortliche Führung wieder zurück auf "Los" gesetzt wird. Was die Schulleiter im Volksschulbereich insgesamt anbetrifft, kann man ihnen nur wünschen, dass endlich Schluss gemacht wird mit den halben Sachen. Entweder sind sie Führungskräfte oder sie sind Personalvertretung und lassen sich von den Lehrkräften als Personalvertreter wählen. Ein Chef, der zugleich Personalrat ist, das ist ein unwürdiger Zustand, allerdings im Volksschulbereich in Bayern nach wie vor ein existierender Widerspruch.

Die Modus- F-Schulleiter im Volksschulbereich haben in einem dreijährigen zusätzlichen Arbeitskreis am Kultusministerium praktikable Lösungen erarbeitet, die von allen Beteiligten getragen werden. Das darf nicht daran scheitern, dass sich große Lehrerverbände wie der BLLV gegen die notwendige Weiterentwicklung sträuben. Schulleiter in entwicklungsfähigen Systemen können nicht gleichzeitig die Chefs der Lehrer und ihre Interessenvertreter in den Personalräten sein. Hier geht es nicht um Standesprivilegien, und auch nicht um Verbandsinteressen, sondern um das kleine Einmaleins einer wirksamen Schulführung in einem Schulsystem, in dem die Konkurrenz zu Privatschulen und anderen weiterführenden Schulen uns das Leben schwer machen. Die Federführung für diesen Prozess auf Basis der erarbeiteten Vorschläge kann nur in staatlicher Hand beim Kultusministerium liegen. Die erweiterte Schulleitung für große Grundschulen, große Mittelschulen und Schulverbünde sollte auch im Volksschulbereich ab dem nächsten Schuljahr freiwillig und auf Antrag möglich werden, im gleichen Umfang, wie es den anderen Schularten längst gewährt wird.

Wer meint, dass die Volksschulen das nicht brauchen, täuscht sich gewaltig. Wer trägt denn die Hauptlast bei den schulpflichtigen Kindern der Migranten und Flüchtlinge? Welche Schulart trägt denn die Hauptlast bei der Einführung der gebundenen Ganztagsschule? Wenn Schule nicht nur den Vormittag über, sondern im Ganztag auch am Nachmittag organisiert wird, bedeutet das jede Menge Mehrarbeit. Wussten Sie, dass dafür die Schulleiter keine einzige zusätzliche Anrechnungs- und Leitungsstunde bekommen?

Niemand will die Schulämter von heute auf morgen abschaffen, wir brauchen sie weiterhin dringend. Und dennoch ist es jetzt an der Zeit, zumindest bei den Segnungen der erweiterten Schulleitung die Volksschulen nicht ein für alle Mal auszusperren. Und wenn Schuleinheiten im Volksschulbereich eine Direktion bilden können, gibt es keinen Grund, ihnen diese hervorragende Entwicklungsmöglichkeit zu versagen. Aber vielleicht ist es auch nur bequemer, alles beim Alten zu lassen und sich nicht mit mächtigen Verbandsinteressen anzulegen. Der Schulqualität und den Kindern ist damit sicher nicht gedient.

Till E. Spiegel (Name ist der Redaktion bekannt)