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Blick über den Tellerrand lohnt sich!

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Till E. Spiegel:

Blick über den Tellerrand lohnt sich!


So unterschiedlich die Entwicklung der Schulsysteme in den 16 Bundesländern in den letzten Jahrzehnten auch war, so hat sie doch einheitlich dazu geführt, dass heute oft die Mehrheit eines Schülerjahrgangs das Abitur macht und damit die allgemeine Studienberechtigung erlangt. Die Verantwortung dafür tragen die politischen Parteien in den einzelnen Bundesländern, die eine hohe Akademikerquote mit einer guten Bildung gleichgesetzt haben. Auf der Strecke geblieben ist in sehr vielen Bundesländern die Hauptschule, die es dort gar nicht mehr gibt. Schön wäre es, wenn mit den höheren Schulabschlüssen auch wirklich höhere Qualifikation und Fähigkeiten zum wissenschaftlichen Studium gegeben wären. Leider geht die Gleichung "massenhaft höhere Schulabschlüsse = bessere (Aus-) Bildung" nicht wirklich auf.

Das pfeifen mittlerweile die Spatzen von den Dächern, auch wenn medial nach wie vor der Eindruck erweckt wird, das Abitur sei der alleinseligmachende Schulabschluss. Nicht selten befällt bei der Note "befriedigend" die vom Übertrittsdruck geplagten Eltern der 9 bis 10-jährigen Schüler an den Grundschulen Panik, die ja nur das Beste für ihr Kind wollen. Der viel gescholtene Druck in der Grundschule ist aber gerade auf diese hochgesteckten Erwartungen zurückzuführen, verbunden mit der Abwertung anderer Schulabschlüsse, die eher auf eine berufsbildende Qualifizierung abzielen. Und so ist es kein Wunder, dass wir Rekordzahlen bei den teuren Universitäten haben und gleichzeitig von der Wirtschaft der Facharbeitermangel durch fehlende Bewerber für Ausbildungsberufe beklagt wird.

Viele Experten sprechen vom Akademisierungswahn. Doch längst ist das Abitur in Deutschland nicht mehr mit dem zu vergleichen, wie es die älteren Generationen aus ihrer Schulzeit kennen. Damals machten die 10 bis 20 % umfassend begabten Schüler bei harter Auslese den Weg ans Gymnasium zum Abitur. Heraus kamen fast immer Leute, die den hohen Anforderungen eines wissenschaftlichen Studiums gewachsen waren und die meist Karriere in einem Führungsberuf machten. Es lohnt sich ein Blick über den bundesdeutschen Tellerrand mit den aufgeweichten Übertrittshürden, bei dem der „Elternwille“ über den Besuch der Schulart entscheidet, auch wenn die Aufnahmeprüfung als "nicht bestanden" bewertet wird.

In der Schweiz ist es noch so, wie es bei uns früher war. Dort gehen nur die Besten aufs Gymnasium und dass die anderen dort nicht hingehören, ist ein normaler Satz, den alle gutheißen. Warum selbst im wohlhabenden Kanton Zürich nur 15 % eines Jahrgangs in der 5.Klasse aufs Gymnasium gehen, hat damit zu tun, dass in der Schweiz in allen 26 Kantonen die Bevölkerung in Abstimmungen über die Schulpolitik zu entscheiden hatte. So blieb es beim Gymnasium für die entsprechend gut Begabten. Ab der 7. Klasse gibt es ein Realgymnasium, bei dem noch etwa 5 % des Jahrgangs die Studienreife erlangen. Diese zusammen 20 % nehmen praktisch immer ein Studium auf und schließen es erfolgreich ab. Experten wie der OECD-Beauftragte Professor Wolter Bauer stellen fest, dass ein Schweizer Durchschnittsabiturient nun einmal besser sei wie ein deutscher Durchschnittsabiturient.

So gibt es in der Schweiz in den allermeisten Fächer keinen NC. Kein Wunder, dass die Qualität der Schweizer Universitäten international hoch angesehen ist und sie weit vor den deutschen Unis rangieren. In der Schweiz liegt der Fokus an Gymnasien überwiegend auf überdurchschnittlich intelligente, lernfähige Kinder und nicht auf Durchschnittsbegabte aus Elternhäusern mit Bildungshintergrund. Das Niveau dort ist so gehoben, dass sich Schüler häufig für die allgemeine Sekundarschule entscheiden, auch wenn sie die Eignung fürs Gymnasium hätten.  

Den Beweis, dass mehr Masse nicht auch mehr Klasse bedeutet, liefert das Ergebnis der PISA-Tests der 15-jährigen Schüler des ganzen Jahrgangs in Deutschland. Hier ist es eben so, das mit Abstand den letzten Platz genau das Bundesland Bremen einnimmt, das mit 60 % Gymnasiasten den höchsten Anteil hat. Bayern liegt dagegen mit dem deutlich niedrigeren Anteil von knapp 35 % in der nationalen Spitzengruppe. Wer weiß, wie Lernen im Klassenverband funktioniert, für den ist das logisch. Praktisch kann man sich das so vorstellen, dass Lehrer immer gezwungen sein werden, den Unterricht auf eine Schülermitte auszurichten, die tagtäglich um das Bestehen und das Lernen der geforderten Grundlagen kämpft.

Und so kann das Gymnasium seine eigentliche Aufgabe, die Höherbegabten für ein anspruchsvolles Studium zu befähigen, längst nicht mehr so gut erfüllen, wenn nicht die Leistung und das Lernpotential des Kindes entscheidend für den Übertritt sind sondern der Elternwille. Es ist wohl kein Zufall, dass das Bundesland Baden-Württemberg seit der Einführung der Elternentscheidung vor einigen Jahren bei den PISA-Tests von einem Spitzenplatz ins Mittelfeld abgesackt ist.

Dass gleichzeitig heute die KMK-Empfehlungen dahingehen, dass praktisch an jeder Schulart heterogen gelehrt und gelernt wird, setzt dem ganzen System das i-Tüpfelchen auf. Warum lassen wir die Schüler nicht einfach länger in Klassengemeinschaften zusammen, in denen das Lernen gut funktioniert? Die Grundschule kriegt das wirklich gut hin mit pädagogischem Habitus und sie ist zudem noch viel preiswerter als die weiterführenden Schulen nach der Aufteilung der Jahrgänge.

Warum hat man in Bayern zuletzt nicht einfach die Grundschule, an der seit Jahrzehnten erfolgreich heterogen unterrichtet wird, um ein Jahr verlängert und dadurch die umstrittene G8/G9 Reform überflüssig gemacht?

Till E. Spiegel (Name ist der Redaktion bekannt)