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Pfeif auf die Grundschüler!

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Till E. Spiegel:

Pfeif auf die Grundschüler!


Hat es jemand interessiert?

Nur ein leiser Hauch ging durch den bundesdeutschen Blätterwald. Streicht man sonst gern die Bedeutung der Bildung für die Zukunft der Wirtschaft und der Gesellschaft opulent heraus, hielten sich Kommentatoren beim neuesten Grundschul-Leistungstest vornehm zurück. Dabei hätten nach dem Ergebnis der Studie des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) zu den Bildungsstandards alle Alarmglocken läuten müssen, denn es fiel katastrophal aus.

Im Auftrag der Kultusministerkonferenz (KMK) wurden 30.000 Viertklässler in mehr als 1500 Schulen in allen 16 Bundesländern in den Bereichen Lesen, Zuhören, Orthographie und Mathematik getestet. Die Leistungen in Mathematik (Rückgang um 17 Punkte), in Orthographie (minus 24 Punkte) und im Zuhören (minus 16 Punkte) waren deutlich schlechter als in der Vorgängerstudie von 2011, auch die Lesekompetenz (minus 7 Prozentpunkte) ließ nach.

Das Ergebnis ist keine Überraschung!

Oder gab es in Bayern eine andere Wahrnehmung, weil die Ergebnisse bei uns noch mit am besten waren und wir sogar noch vor Sachsen lagen, die bei den Bildungsvergleichen zuletzt immer an der Spitze waren? Aber auch in Bayern sind die Ergebnisse gegenüber 2011 schlechter geworden, mit negativem Trend.

Für die Schulleiter an Grundschulen war das Ergebnis keine Überraschung, wir wussten es in unserer tagtäglichen Arbeit schon längst, weil wir ganz nahe am Lernen der Schüler in den Klassen dran sind, tagtäglich mit den Lehrern, Schüler und Eltern über das Lernen der Schüler und ihre Ergebnisse und Erfolge sprechen, haben wir in all den Jahren immer wieder auf notwendige Ressourcen insbesondere beim Lehrer-Personal hingewiesen und sie als Bayerischer Schulleitungsverband (BSV) ganz deutlich über viele Jahre hinweg immer wieder verlangt. Immer wieder haben wir moniert, dass der Fokus der Schulpolitiker hauptsächlich auf die G9-Diskussion gelegt und die Grundschule vernachlässigt wird. Das relativ kommode Abschneiden in Bayern ist der Tatsache geschuldet, dass hier meist ein gut strukturierter Unterricht in einem gefestigten Erziehungs- und Ordnungsrahmen mit engagiertem Lehrpersonal noch die Regel ist.

Bayern hält sich noch einigermaßen!

Immerhin schafften in Bayern in Mathematik 73,3 % den Regelstandard und sogar 17,4 % den Optimalstandard. Beim Zuhören erreichten Bayerns Viertklässler 76,9 % den Regelstandard und 12,5 % den Optimalwert, in Orthographie erfüllten 67,6 % den Regelstandard und 14,9 % das Optimum, was Bayern in Deutschland tatsächlich den Spitzenplatz einbringt. Wir sind froh darüber, aber längst nicht stolz darauf. Uns drängt sich das Sprachbild auf, dass der Einäugige unter Blinden der König ist.

Manche Bundesländer bedenklich weit weg von "Bildungsnation"

Absolutes Schlusslicht in allen Testbereichen war Bremen, das eigenartigerweise den höchsten Abiturientenanteil produziert, wo aber bei den Zehnjährigen im Lesen 25,5 % (Bayern-Vergleich 7,9 %) nicht einmal die Mindeststandards erreicht haben, in der Orthographie sind es sogar 40,2 % (Bayern 12,5 %) und in Mathematik 35,4 % (Bayern 8,3 %). Nach Bremen folgt wenig überraschend Berlin mit einem gleich hohen Migrantenanteil von über 40 % an den Grundschulen. Ein Schock war das schlechte Abschneiden für Baden-Württemberg. Von einem vorderen Platz fiel es im Länder-Ranking deutlich zurück, beim Bereich Lesen sogar auf den 13. Platz. Neben dem hohen Migrantenanteil von ca. 45 % vermutet man dort auch unausgegorene Schulreformen als Ursache, vielleicht war aber auch die Einführung des Elternwillens beim Übertritt nicht gerade leistungsfördernd.

Wen wunderts? Jungen mögen Mathematik, Mädchen die Sprache!

Gendersensiblen wird aufgefallen sein, dass deutschlandweit die Mädchen in Deutsch klar besser als die Jungen abgeschnitten haben, in Mathematik einmal mehr die Jungen besser waren. Das kann und darf unterschiedlich interpretiert werden, je nach Realitätssinn oder vorgefasster Einstellung und lieb gewordener Denkschablonen.

Flüchtlingskinder außen vor, aber nur beim Test!

Flüchtlingskinder waren in die Untersuchung nicht einbezogen worden, sonst wäre das Ergebnis noch ganz anders ausgefallen. Ihre sprachlichen Fähigkeiten reichen zur Teilnahme an einem Test meist bei weitem nicht aus, dennoch sind sie tagtäglich in den Klassen und in den Übergangsklassen an den Schulen und benötigen an Zuwendung und Förderung enorme personelle Ressourcen.

Viele Gründe - aber dieselbe Ursache

Neben dem stark gestiegenen Anteil von Migrationskindern (insgesamt um ein Drittel gegenüber 2011 auf 34 % aller Viertklässler in Deutschland) gibt es viele Gründe, aber nur eine wirkliche Ursache, warum der zehn Jahre währende positive Trend in den Schulen plötzlich umgekehrt wurde: Das ist der Lehrermangel, die Unfähigkeit des Staates, bei stetig zunehmenden Aufgaben und steigender Schülerzahl rechtzeitig für ausreichendes und qualifiziertes Lehrpersonal in guter Schulführung zu sorgen.

Demografischer Wandel andersrum

Wer erinnert sich nicht noch an die Klagen über den Bevölkerungs- und Schülerrückgang? Heute leben viele Millionen Menschen mehr in Deutschland als prognostiziert. Hätte man da nicht früher reagieren müssen, auch bei der der Lehrer- und Erzieherausbildung?

Seit fünf Jahren steigt die Geburtenrate, der Migrantenanteil seit mehr als 15 Jahren. Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen bräuchten erst speziellen Sprachförderunterricht. Vielstimmig ertönt der Ruf nach der Ganztagsschule, aber nach einer aktuellen Studie fehlen allein 50.000 Stellen für die Ganztagsschule. Die Grund- und Mittelschulen tragen die Hauptlast bei der Migranten- und Ganztagsbeschulung. Bis heute aber werden trotz Milliarden € Steuermehreinnahmen in Bayern selbst 1. Klassen noch mit 28 Schülern eingerichtet!

Lehrertandems für große Klassen!

Da ist dann in Bayern eine Lehrkraft weitgehend auf sich allein gestellt, während zum Beispiel in Südtirols Grundschulen eine Klasse ab 17 Schüler mit zwei Lehrkräften bestückt wird. Dort gilt eine Lehrer-Schüler-Relation von 1 zu 7, in Bayern haben wir etwa das Doppelte. Eigentlich schade, dass aus der Vereinbarung zur engeren Zusammenarbeit zwischen Bayern und Südtirol bei der Bildungspolitik diesbezüglich (siehe Pressemitteilung 349/2014) keine positiven Anregungen angenommen wurden.

Was hätte wirklich helfen können? Insbesondere dem Personalmehrbedarf durch Schüler, die die deutsche Sprache nicht oder nur unzureichend beherrschen, hätte man mit deutlich mehr Personal und Förderstunden begegnen müssen. Es war richtig festzulegen, dass Klassen in Bayern mit einem Migrantenanteil über 50 Prozent nicht über 25 Schüler haben dürfen. Aber das ist dennoch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Deutsche Sprache - schwere Sprache!

Es macht keinen Sinn, wenn Kinder am Unterricht einer Klasse teilnehmen, aber die Unterrichtssprache nicht verstehen. Diesen Spagat schafft keine Lehrkraft! Entweder konzentriere ich mich auf die Kinder, die bestimmte Lernziele im Unterricht erreichen sollen. Auch hier hat man bei der ganz normalen Heterogenität in einer Grundschulklasse schon eine erhebliche Herausforderung. Oder ich bringe jemandem Deutsch bei, eine anerkannt sehr schwierig zu lernende Sprache, damit er überhaupt dem Unterricht folgen und mitmachen kann. Beides zusammen kann niemand und wer das behauptet, darf es gerne vormachen und zwar 30 Wochenstunden am Schulvormittag in der Grundschulklasse mit 27 Kindern, von denen gleichzeitig mehrere deutlichen Bedarf an Inklusion und Integration haben.

Migrantenkinder schneiden deutlich schlechter ab

In Münchens Grundschulen (vgl. SZ, 23.10.17) haben zum Beispiel knapp die Hälfte der 42.340 Kinder nichtdeutsche Wurzeln. In 30 % dieser Familien wird nicht deutsch gesprochen. Ans Gymnasium gehen dort fast zwei Drittel der Deutschen Viertklässler, ausländischen Kindern gelingt es nur zu 30 %. Sie scheitern am Gymnasium und an Realschulen mit einer um 50 % höheren Wahrscheinlichkeit und haben eine doppelt so hohe Wiederholerquote wie deutsche Schüler. An den Mittelschulen haben im Schnitt in München fast 80 % der Schüler einen Migrationshintergrund. Nicht nur die Medien sprechen von einer klaren Benachteiligung von Schülern mit Migrationshintergrund im Bildungssystem. Aber werden nur die Schüler benachteiligt, liegt es nicht an einer Vernachlässigung bestimmter Schularten, weil man diesen nicht das gibt, was sie brauchen?

Jahrelanger Abbau von Lehrerstellen!

Aus einer Landtagsanfrage (Bayerischer Landtag Drucksache 17/2968) vom 30.07.2014 wissen wir, dass von 2007 bis 2014 alle Schularten einen deutlichen Stellenzuwachs erfahren haben, mit Ausnahme der Grund- und Mittelschulen. Hier wurden die Stellen von 40.089 im Jahre 2007 abgebaut auf 38.099 im Jahre 2014, was rund 5 % weniger Stellen bedeutet. Die Stellen für Förderschulen stiegen im gleichen Zeitraum von 6273 auf 7314 an, was ein Plus von 15 % ausmacht. Die beruflichen Schulen steigerten ihre Stellenzahl von 8237 im Jahre 2007 auf 9995 im Jahre 2014. Das ist ein Anstieg von 17,6 %. Die staatlichen Realschulen konnten einen Stellenzuwachs von 7881 im Jahre 2007 auf 10.044 im Jahre 2014 verzeichnen. Das ist eine Steigerung um 21,5 %. Die staatlichen Gymnasien schließlich steigerten ihre Stellenzahl von 17.783 im Jahre 2007 auf 19.886, das sind um 10,5 % mehr, obwohl 2012 ein ganzer Abiturjahrgang weggefallen war.

Mehr qualifizierte Lehrer für mehr Kinder schaffen das!

All die Jahre über wurde hier gespart, während insgesamt die Bildungsausgaben erheblich gesteigert wurden. Aber auf die notwendigen Verbesserungen, insbesondere bei den qualitätsverantwortlichen Schulleitern im Volksschulbereich, wurde verzichtet und tausende Grundschullehrer wurden nicht angestellt und auf Wartelisten gesetzt. Die viel zitierte demografische Rendite kam nicht bei uns an, sie ging wo anders hin. Und so gingen auch viele hervorragend ausgebildete und mit bayerischem Steuergeld finanzierte Grundschullehrkräfte woanders hin oder orientierten sich in andere Berufe um. Erst in den letzten zwei Jahren wurden dem starken Schüleranstieg entsprechend in den Volksschulen wieder deutlich mehr Grundschul-, Mittelschul- und Fachlehrkräfte eingestellt. Jetzt ist es wirklich so, dass es keine verfügbaren Lehrkräfte gibt, der Markt an Grundschullehrern ist leergefegt. Und auf die Schnelle kriegt man keine Lehrer gebacken, eine gute Lehrerausbildung dauert 5 bis 6 Jahre!

Lehrer ist ein anspruchsvoller Beruf, der eine Spitzenausbildung braucht!

Uns schaudert vor der Vorstellung, dass - wie in anderen Bundesländern z.B. in Berlin -  inzwischen jede zweite neue Grundschullehrkraft gar keine Pädagogen-Ausbildung hat. Vielleicht hat man in Berlin auch deshalb deren Bezahlung an die der Gymnasiallehrer angeglichen, während die bayerischen GS-Lehrer noch A 12 bekommen? Ganz ehrlich: Wir sind in Bayern froh, dass mittlerweile hunderte abgelehnte Bewerber für Lehrerstellen an Gymnasien und Realschulen bei uns arbeiten und sich hier tüchtig mit Pädagogik Mühe geben, Kinder in den Grundschulen und Jugendliche in den Mittelschulen zu unterrichten. In jedem Falle besser als keine Lehrer und auch viel besser als "ungelernte" Personen. Welche Ignoranz, nicht ausgebildete Personen einfach als Lehrer vor die Klassen zu stellen! Wie ein Hohn klingen da Politikersprüche bei Sonntagsreden wie: Nur die Besten sollten Lehrer werden!

Es wird sicher nicht besser- leider!

Eines ist für alle Länder klar: Beim nächsten PISA-Test der 15-jährigen dürfen sich die Bildungsverantwortlichen in allen Ländern schon jetzt warm anziehen. Vom Wiegen wird die Sau nicht fett! Wenn weiterhin alle möglichen Reformen und Maßnahmen durchgeführt werden, aber nicht diejenigen, die wir Experten aus der Schulpraxis vorschlagen, wird der Bildungsoutput in Deutschland noch viel schlechter werden.

Ob das in eine Zeit passt, in der immer mehr Kinder von der Grundschule in das Gymnasium wechseln und das "Abitur für alle" zur Richtschnur politischen Bildungshandelns geworden zu sein scheint, während gleichzeitig der Facharbeitermangel immer gravierender wird, kann jeder Leser selbst beurteilen. Natürlich kann man, will man es sich leichtmachen, grundsätzlich auch standardisierte Vergleichstests infrage stellen und Ergebnisse relativieren. Aber da wäre es dann schon besser, man würde sich das viele Geld sparen und es direkt für Maßnahmen einsetzen, die wirklich etwas bringen.

Einfach mal auf die Experten hören!

Wir Schulleiter neigen nicht zum Dramatisieren, aber die Ergebnisse der Grundschultests lassen wirklich Schlimmes befürchten. Diese Schüler werden in 5 bis 10 Jahren in Ausbildungsberufe oder Studium streben. Die Tendenz ist eindeutig negativ, überall in Deutschland. Dies zu ignorieren, wäre mehr als grob fahrlässig. Wir sprechen von notwendiger Zuwanderung, vom Fachkräftemangel und hohen Bildungsstandards, einmal mehr wird die beste Bildungsnation proklamiert! Fern der bundesdeutschen Schulrealität produziert politisches Wunschdenken abgehobene Bildungsträume.

Wer heute noch immer meint, diese seien erreicht mit einer möglichst hohen Abiturientenquote, statt auf eine grundsolide Elementarbildung in der Grundschule Wert zu legen, schaue sich das Ergebnis von Bayern und Bremen noch einmal im Vergleich an. Als Experten aus der Schulpraxis fordern wir Schulleiter jetzt und schnell für die Grundschulen die Mittel und Personalressourcen ein, wie wir es all die Jahre über schon getan haben, leider unerhört.

Die Grundschulen müssen neuer Investitionsschwerpunkt werden

Mit 19,6 Milliarden € fließt ein Drittel des bayerischen Staatshaushalts in die Bildung, davon 12,5 Milliarden für die Schulen des Kultusministeriums. Nach wie vor ungeschmälert, jenseits der versprochenen Entlastung durch den Bund in 2019, soll Bayern heuer allein 6,3 Milliarden € (MZ, 18.10.17), in den Solidartopf des Länderfinanzausgleichs stecken. Warum wir in Bayern für die Grundschulen im Vergleich zu "ärmeren" Ländern, die viel Geld aus Bayern bekommen, deutlich weniger ausgeben, bleibt uns ein Rätsel.

Nicht länger Stiefkind!

Die Grund- und Mittelschulen möchten nicht länger das Stiefkind der bayerischen Bildungspolitik sein. Wir spielen aber nicht beleidigtes Stiefkind, sondern fordern unsere Bedarfe und Rechte ein, weil wir davon überzeugt sind, dass es der Gesellschaft und der gesamten Bildung gut würde.

Prioritäten setzen, das Richtige tun

1 Milliarde € mehr für den Länderfinanzausgleich als noch vor zwei Jahren! Ein Tausend Millionen Euro wären umgerechnet in Lehrerstellen so viel, dass es die Leser kaum glauben möchten: Das entspricht 20.000 Grundschullehrerstellen. Nur ein Viertel davon würde wirksam helfen, sowohl für den Unterricht als speziell auch für die oft beklagte benachteiligte Situation der Leiter an Grund- und Mittelschulen. 2018 kommt für diese in Bayern wohl erneut ein Tropfen auf den heißen Stein, das wird nicht reichen!

Erziehung braucht vorbildliche Menschen

Es ist offenbar Programm in Deutschland, Erziehung und Bildung immer mehr von den Familien weg in staatliche Einrichtungen zu verlegen, von der Kindertagesstätte für Zweijährige bis hin zur Rundum-Ganztagsbetreuung inklusive Ferienbetreuung der Schulkinder. Das kostet nicht nur viel Geld, das wir vielleicht sogar haben. Das benötigt vor allem kompetentes Personal, das wir nicht haben und so schnell nicht kriegen. Der Bedarf an Erziehern in Deutschland wird mittelfristig auf über 300.000 geschätzt, bei den Lehrern sind es wohl nicht weniger, wenn man bedenkt, dass die geburtenstarken Lehrerjahrgänge jetzt in Pension gehen.

Werden für diese Bedarfe wirklich genug ausgebildet? Eher nicht!