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Silvester für Bayerns Schulleiter erst Ende Januar?

Am 6. Oktober suchte der Landesvorstand des BSV Bayerns Kultusminister Siegfried Schneider auf. Die wiederholte Bitte und Forderung nach mehr Leitungszeit konnte der BSV diesmal mit dem Gutachten von Prof. Dr. Heinz Rosenbusch untermauern.

 



Von links: Leit. MR Georg Hahn, Kultusminister Siegfried Schneider, Landesvors. Brigitte Hofmann-Koch, stv.Landesvors. Siegfried Wohlmann, stv. Landesvors. Werner Sprick (Bild: Dr. H. Vogel, KM)

Die Landesvorsitzende Brigitte Hofmann-Koch und ihre Stellvertreter Siegfried Wohlmann und Werner Sprick trugen erneut die Nöte und Probleme der bayerischen Schulleitungen im Grund-, Haupt- und Förderschulbereich vor. Im laufenden Jahr 2006 tritt derzeit neben die „normale Überlastung“ durch Verwaltungs- und Gestaltungsaufgaben, die etwa 15 Überstunden pro Woche verursacht, zudem noch der riesige Zeitaufwand für die Erstellung dienstlicher Beurteilungen und Leistungsberichte.
So werden z. B. an einer Schule mit 16 Lehrkräften, die eine dienstliche Beurteilung wünschen, 3x16=48 Unterrichtsbesuche fällig mit weiteren 48 Stunden Nachbesprechung und etwa 2x16=32 Stunden für die Formulierung der DB. Damit leistet der Schulleiter mindestens 128 Stunden Mehrarbeit im Jahr 2006, weshalb sein Arbeitsjahr 3-4 Wochen länger dauert als sonst: Silvester als Jahresabschluss also erst Ende Januar für Bayerns Schulleiter?
Die zusätzliche Benachteiligung der Schulleitungen an Grund- und Hauptschulen im Vergleich zu anderen Schularten wurde von Werner Sprick nochmals verdeutlicht, der auf die größere Heterogenität der Schüler, die Integrationsprobleme bei Migrantenkindern, die Organisation von Praxis- und M-Klassen, den Ausbau der Mittags- und Hausaufgabenbetreuung samt Organisation und Koordination mit Großküchen, Betreuern, Vereinen und Kommunen hinwies.
Kultusminister Siegfried Schneider erklärte zur dienstlichen Beurteilung die Mehrbelastung als einmalige Sondersituation, da 2006 alle drei Unterrichtsbesuche stattfinden mussten. In Zukunft würden sich aber drei Unterrichtsbesuche auf vier Jahre verteilen, ehe im Jahr 2010 die nächste DB ansteht. Eine Erhöhung der Leitungszeit um eine weitere Stunde sei im nächsten Doppelhaushalt voraussichtlich enthalten. Auf beharrliches Nachhaken des BSV, dass die schon über drei Jahrzehnte bestehende Überlastung der Schulleitungen - von der Vorsitzenden Hofmann-Koch als „historisches Defizit“ bezeichnet - dadurch aber weiterhin bestehe, verwies Leitender Ministerialrat Georg Hahn auf die hohen Kosten, da für eine weitere Stunde Leitungszeit mehr als 60 Lehrerplanstellen benötigt werden.
Brigitte Hofmann-Koch überreichte dem Kultusminister das Gutachten von Prof. Dr. Heinz Rosenbusch mit dem Titel: „Schulleitungstätigkeit an bayerischen Grund-, Haupt- und Realschulen – Bestandsaufnahme und Vorschläge für eine Neuorientierung“. Diese wissenschaftlich fundierte Gesamtschau basiert auf einer fast einjährigen Untersuchung, Befragungen, Beobachtungen und Hospitationen. In dem Projekt wurden von der Forschungsstelle für Schulentwicklung und Schulmanagement der Universität Bamberg die Schulleitungs-Tätigkeiten auch mit Einfluss auf den Unterricht, Lehrergesundheit und Frühpensionierungen unter die Lupe genommen. Bayern hinkt bei der Leitungszeit, Ausbildungszeit, Besoldung im Vergleich mit anderen Bundesländern oder anderen europäischen Ländern stark hinterher. KM Schneider wurde vom Landesvorstand deshalb gebeten, weiterhin als Anwalt auch der Schulleitung bei den Haushaltsverhandlungen auf-zutreten, um die Benachteiligungen abzubauen.
Auch die Ungleichbehandlung bei den Verwaltungsangestellten wurde von Siegfried Wohlmann wieder vorgetragen. Es stehen z.B. bei 450 Schülern in einem Gymnasium zwei volle Planstellen für Verwaltungsangestellte zur Verfügung, während es bei einer gleich großen Realschule nur eine Stelle und im Volksschulbereich nur eine halbe Planstelle gibt. Bei kleinen Schulen mit nur 4 Klassen muss die Schulleitung sogar ganz ohne Schulsekretärin auskommen. Ltd. MR Hahn verwies auf den Gesetzgeber, der die Anzahl der VA-Planstellen wegen des Schülerrückgangs immer sehr beschränkt hält. Weitere finanzielle Mittel stehen zur Ergänzung immer nur für wenige Monate zur Verfügung, sodass die Verwaltungsangestellten für die Aufstockung auf ihr eigentliches Soll zwar jeweils eine Zusage erhalten, aber keine dauerhafte Absicherung über eine Planstelle derzeit geleistet werden kann. Die Sorge von Werner Sprick um eine Abwanderung von Verwaltungsangestellten in sicherere Arbeitsstellen wurde vom Ministerium allerdings nicht geteilt. Zudem wurde wieder auf die knappe Finanzlage verwiesen, die der „schuldenfreie Haushalt in Bayern“ derzeit erzwingt.
Die Schaffung von Verwaltungsverbünden würde die Notlage sowohl für die Leitungszeit als auch bei den Verwaltungsangestellten deutlich verbessern, ergänzte KM Schneider mit Blick auf Südtirol. Dort wurden mehrere Schulen verwaltungsmäßig zu Schulverbünden zusammengefasst, die Schüler und Lehrer blieben aber an ihren Standorten. Professionelle Schulleitung ohne eigene Unterrichtsverpflichtung in weitgehend eigenständigen Schulen – das herausragende Ergebnis von Südtirol beim letzten PISA-Test, aber auch der nötige finanzielle Einsatz gab CSU-Bildungspolitikern sehr zu denken. Die BSV-Spitze blieb bei ihrer Argumentation, dass auch kleine Schulen mit eigener Schulleitung für hohe Schul-qualität sorgen und die „corporate identity“ sicherstellen, dass aber Außenstellen innerhalb von  Verwaltungsverbünden in gewissen Bereichen auch ihre Eigenständigkeit bewahren können.
Zur nötigen Neu-Gestaltung der Hauptschule in Bayern wurde u. a. der Vorschlag aus dem Fachausschuss der CSU diskutiert, der verschiedene Zweige für die Schullaufbahn und die Modularisierung der arbeitspraktischen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten vorsieht, mit denen die Berufseignung und die Spezialisierung der Hauptschüler individueller gestaltet und dargestellt werden kann.

Die erneuten Klagen des Bayerischen Schulleitungs-Verbandes im Überblick:
Ungleichbehandlung von Schulleitungen bei gleicher Schülerzahl

Vergleich Schulleitung

Volksschule

Realschule

Gymnasium

Gleiche Schülerzahl

450

450

450

Unterrichts-Pflichtstunden

28 / 29

25

24

Leitungsstunden

18

21

24

Schülerzahl pro Leitungsstunde

60

30

30

Unterricht Rektor

15

9

7

Unterricht Konrektor

25

18

16

Poolstunden (u.a. f. koop. Führung)

2 (nur HS)

12

21

Gehaltsstufe Rektor

A 14

A 15

A 16

Gehaltsstufe Konrektor

A 13

A 14

A 15 + Z

Verwaltungsangestellte

0,5 Stelle
(20 h)

1 Stelle
(40 h)

2 Stellen
(80 h)

Benachteiligung trotz größerer Belastung:

  • größere Heterogenitätder Schüler
    • (Förderschüler bis Hochbegabte in GS)     
    • (Förderschüler bis M-Zug-Schüler in HS)
  • Integrationsprobleme mit Migranten-Kindern
  • Integrationsprobleme mit unterprivilegierten u. sprachlich retardierten Kindern
  • Mittags- und Hausaufgabenbetreuung bis in den Spätnachmittag hinein samt Koordination mit Vereinen, Kirchen, Sozialpädagogen, Gemeinden
  • Mittagessen-Organisation und -Koordination mit Großküchen und Betreuern
  • Organisation von Praxisklassen und M-Klassen
  • Kontaktausbau zu Berufsschulen und Wirtschaft wegen größerer Berufsfindungsprobleme

Auch wenn bei dem Gespräch großteils Verständnis und Einvernehmen über die Nöte und Schwierigkeiten erzielt werden konnten, so blieb allen Teilnehmern die Einsicht, dass nur über eine Neu-Definition der Arbeitsbedingungen an Grund-, Haupt- und Förderschulen und die entsprechende Finanzierung eine Entlastung der Schulleitungen geschaffen werden kann. Nur der enge Kontakt zu den örtlichen MdLs und deren gute Kenntnis der Situation können bei künftigen Haushaltsentscheidungen hilfreich werden.
Der BSV appelliert nach diesem Gespräch deshalb nochmals an alle Schulleitungen, ihren jeweiligen MdLs die aktuellen Arbeitsbedingungen vorzuführen und auf baldige Abhilfe zu drängen.

Werner Sprick