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Schulleiter als Klassenleiter???

Sonntag, 03 Februar 2008

Sehr geehrte Frau Staatsministerin,

in Erinnerung an viele gemeinsame erfolgreiche Gespräche zwischen Ihnen, Ihrem Hause, der CSU-Landtagsfraktion und unserem Verband würdigen wir nochmals die - wenn auch noch nicht ausreichenden – Verbesserungen der Gesamtsituation bayerischer Grund-, Haupt- und Förderschulrektoren. Dafür danken wir Ihnen.

 

Wenn wir uns – so kurz nach unserem letzten Brief - heute erneut mit einem extrem drängenden Anliegen an Sie wenden, dann aus Betroffenheit, die bei manchen Schulleitern in Entsetzen mündet, da sie die Qualität von Schule und Schulleitung in Gefahr sehen.

Problem

Die aus finanziellen Gründen offenbar unumgängliche Arbeitszeiterhöhung schafft nunmehr unübersehbare negative Folgen und bestätigt unsere schlimmsten Befürchtungen, die vor kurzem auch Herr Ltd. Ministerialrat Hahn im Kreis der Schulaufsichtsbeamten hegte: Plötzlich kommen Schulleiter – ohne Rücksicht auf die Größe der Schule – in die missliche Lage, mangels „Köpfen“ Klassenleitung übernehmen zu müssen.

Bitte sorgen Sie rasch dafür, dass diese uns völlig unverständliche und nicht hinnehmbare Entwicklung verhindert wird.

 

Begründung unserer Bitte

  • Die Aufgaben eines Klassenleiters(KL) beinhalten im Einzelnen:
    • Der KL ist grundsätzlich erster Ansprechpartner für Eltern, bzw. Erziehungsberechtigte.
    • Die gesamte Führung aller Klassenakten gehört zu den Aufgaben des KL.
    • Der KL ist verpflichtet, intensivsten Kontakt zu allen in der Klasse unterrichtenden Kollegen zu halten.
    • Der KL erstellt 2 – 3  Zeugnisse pro Jahr, auch in Absprache mit Kollegen
    • Der KL erstellt Wortgutachten aus verschiedenen Anlässen.
    • Der KL erstellt alle zwei Jahre eine umfassende Beurteilung von Schülern.
    • Der KL initiiert, plant, organisiert und führt Aktionen und Projekte in eigener oder in Mitverantwortung durch.
    • Der KL unterrichtet besonders arbeitsintensive Kernfächer.
    • Der KL korrigiert neben Probearbeiten auch – je nach Jahrgang – Orientierungsarbeiten, Jahrgangsstufentests oder QA-Prüfungen, die besonders viel Zeit erfordern.
    • Schließlich erstellt der KL Mitteilungen, evtl. Verweise, hält Kontakte zum Jugendamt, Arbeitsamt und sonstigen externen Stellen usw. ......
  • Es besteht die große Gefahr, dass ein Schulleiter als Klassenlehrer nicht die vertrauensvolle Beziehung zum einzelnen Kind aufbauen kann, wie es unsere gesellschaftliche Situation heute erfordert. Die oberste und genuine Aufgabe eines Schulleiters ist es, seine Schule zu leiten, sein Personal zu fördern, zu motivieren, für die Eltern aller Schüler Ansprechpartner zu sein usw. .....
  • Der Schulleiter in Klassenleitungsfunktion widerspricht allen Bestrebungen auch von Ihrer Seite, der Schule mehr Eigenverantwortung zu geben, den SL in seiner Schlüsselrolle anzuerkennen, den SL als Motor zu sehen, der die Institution voranbringt. Innere Schulentwicklung wird in nicht verantwortbarer Weise gebremst und behindert. Unterstützung für externe Evaluation kann ein SL mit Klassenführung nicht mehr leisten.
  • Personalführung, Koordination der verschiedenen Arbeitsprozesse und Impulsgebung sind erheblich eingeschränkt.
  • Fortbildung zu organisieren oder gar auszubauen wird auf ein kaum vertretbares Minimum zurückgestutzt.
  • Das wertvolle gute Schulklima wird auf Grund fehlender Zeit Schaden nehmen.
  • Qualitätssicherung ist zumindest in Frage gestellt, Qualitätssteigerung nahezu ausgeschlossen. Das würde einen deutlichen Rückschritt zu Ungunsten des einzelnen Kindes und der Schule insgesamt bedeuten.
  • Gespräche mit Eltern, Schülern, Kollegen, externen Partnern werden seltener werden. Damit schafft man neue Probleme und vergrößert bereits bestehende Probleme.
  • Wir alle wissen, die heute zu erfüllenden Tätigkeiten verlangen vom SL seine ganze Kraft. Da ist keine Zeit und keine Lücke für Klassenleitung!
  • Eine aufgezwungene Klassenleitung, die ein SL voraussichtlich nicht in wünschenswerter Verantwortung leisten kann, bringt eine erhebliche Zusatzbelastung mit sich. Sie birgt die Gefahr, dass die Betroffenen über ihr Kräftepotential hinaus gefordert werden.
 
  • Zusammenfassung
    •  
      • Klassenführung ist eine umfassende pädagogische Aufgabe. Die Führung der Klassenakten, so wichtig sie ist, stellt dabei nicht das größte Problem dar: Ein KL hat die besondere Verantwortung für jedes einzelne Kind seiner Klasse.
      • Diese Verantwortung erfordert zahlreiche Koordinierungen, Rückfragen und Reaktionen, die vor Unterrichtsbeginn, in den Pausen und nach Unterrichtsschluss laufen. Oft genug sind häusliche Kontakte unmittelbar danach notwendig.
    • Dazu hat der Schulleiter keine Zeit!
      • Somit bedeutet Klassenleitung durch Schulleiter einen offenkundigen Nachteil für das einzelne Kind, die Schule und die Gesellschaft von morgen!
  • Erschwert wird diese Tatsache durch das neue Integrationsgesetz, das an Regelschulen einen steigenden sonderpädagogischen Einsatz von Klasslehrern erfordert.

     

    Lösungsansatz

    In diesem Zusammenhang möchten wir Ihnen einen Vorschlag unterbreiten, der in erster Linie die pädagogische Arbeit mit unseren Kindern professionalisiert:

    Der uns derzeit bekannte Zuweisungsschlüssel für Lehrerstunden beträgt für die GS 1,2180 und für die HS 1,6790 Unterrichtsstunden pro Schüler.

    Aller Erfahrung nach befinden sich in GS und HS ca. 5% Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Das bedeutet – rechnerisch – dass auch mind. 5% mehr Zeit investiert werden muss, um dieser Herausforderung gerecht zu werden. Bei z. B. 400 Schülern ergäbe dieser Bedarf 20 Lehrerstunden. Durch eine zusätzliche Zuweisung dieser Stundenanzahl könnte zum einen die Arbeit mit speziell bedürftigen Kindern verbessert werden, zum anderen wäre an größeren Schulen eine weitere Klasslehrerkraft gewonnen, die die Schulleitung von der Klassenleitung entlasten könnte.

    Sehr geehrte Frau Staatsministerin,

    es ist uns bewusst, dass unser Vorschlag nicht kostenneutral finanziert werden kann. Wir geben aber zu bedenken, dass uns sowohl das einzelne Kind als auch die professionelle Gesamtorganisation unserer Schulen ein großes Anliegen sind und bitten Sie erneut, unsere Arbeitsbedingungen unserer Verantwortung anzupassen:

    •  
      • 1. Unsere Leitungszeit muss weiterhin erhöht werden (eventuell durch die Zuweisung eines kleinen Teils der „gewonnenen Mehrarbeitsstunden“  in die Schulleitungen).
      • 2. Schulleiter größerer Schulen müssen von Klassenleitung freigestellt werden.
      • 3. Wir bitten Sie zudem, diese Problematik auch auf dem Hintergrund der Personalrekrutierung zukünftiger SL zu sehen:    
        Wer kann denn unter diesen Bedingungen noch motiviert werden, die Aufgabe eines SL zu übernehmen?

     

    In Sorge um die Zukunft bayerischer Volksschulen grüßen Sie

    21. Juni 2004

    Brigitte Hofmann-Koch  gez.  Siegfried Wohlmann  gez. Werner Sprick