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Hauptschule am Ende? Hauptschulen starten durch!

Sonntag, 03 Februar 2008

Wenn der Nordrheinwestfale Ernst Rösner bundesweit die „Hauptschule am Ende“ sieht, dann trifft dies zumindest für Bayern noch lange nicht zu. Auch wenn das bayerische Kultusministerium die Hauptschulinitiative startet ohne die nötige flankierende Unterstützung durch mehr Lehrerstunden pro Schulen, so zeigen sich doch an vielen der knapp 1000 Hauptschulen in Bayern höchst vielfältige und vitalisierende Aktivitäten. Vier sollen hier beispielhaft beschrieben werden.
In der November-Sitzung der AG „Grund- und Hauptschule“ des CSU-Arbeits-kreises Schule, Bildung und Sport belegten drei Hauptschulen die beeindruckende Vielfalt individueller Reaktionen auf lokale Problemlagen, eine vierte wurde von mir noch  ergänzt.

 

Sozialkompetenz verbessern

Die Hauptschule Wasserburg mit ihrem Rektor Gerhard Ruß musste Ende der neunziger Jahre auf den hohen Anteil von Kindern aus sozial schwierigen Verhältnissen, mit Migrationshintergrund und mit erhöhter Gewaltbereitschaft reagieren. Die eigene Unzufriedenheit über die mangelnde Erziehungsfunktion der Schule führte zu Kontakten mit Dr. Hopf, Schulpsychologe der Schulberatungsstelle Oberbayern-Ost. Nach mehreren pädagogischen Konferenzen und Fortbildung entstand das Konzept der „Sozialwirksamen Schule“, die auf drei Ebenen für einen friedlichen Umgang miteinander, respektvolles Miteinander von Lehrern und Schülern sowie für die Steigerung der Sozialkompetenz sorgt:
1. Schulebene

  • Autoritativer Erziehungsstil: Warmherzigkeit und Setzen klarer Regeln
  • Grundwerte und Schulregeln: Einführung durch Projekttage oder Info-Veranstalt. für alle „Neuen“
  • „Schuleigenes Curriculum“: Hilfen für Lehrkräfte
  • Ritual: „Soziales Lernen immer Montags in der ersten Stunde!“
  • Schulvollversammlungen: in regelmäßigen Abständen
  • Kooperation mit außerschulischen Einrichtungen: Jugendamt, Polizei, AK Schule/Wirtschaft, donum vitae, Personalleiter, Handwerksmeister, Erziehungspakt
  • Elternarbeit: Informationsabend(e) zum Konzept
  • Erziehungskonferenz  u. a.

2. Klassenebene

  • Soziales Lernen: fester Zeitpunkt, Curriculum, gruppendynamische Übungen, z. B. „Erwachsen werden“ (LIONS-QUEST) oder z. B. „Kursbuch Schlüsselqualifikationen“ (Lambertus Verlag)
  • Kritische Medienerziehung: innerhalb des sozialen Lernens 6 – 8 Wochen, z. B. „Bilderfluten“ (CARE-LINE Verlag, Dr. Hopf, L. Perl u. a.)
  • Umsetzen der Grundwerte für die jeweilige Jahrgangsstufe
  • eigene Klassenregeln, z. B. Gesprächsregeln u. ä.

3. Individualebene

  • Schüler mit besonderen Problemen brauchen besondere Hilfen von ...      
    Klassleiter, Beratungslehrer, Schulpsychologe, Sozialpädagoge, Jugendhilfe, vernetzte Krisenintervention
  • „Unbelehrbare“ Jugendliche (max. 1%) spüren die Bandbreite der Ordnungsmaßnahmen und stehen sehr bald außerhalb der Schulgemeinschaft.

Die Umsetzung von wichtigen Grundwerten für diese Schule gelang durch die Formulierung von 15 Schulregeln, deren Verletzung eindeutige und vorher bekannte Konsequenzen zur Folge hat. Ein weiterer wichtiger Aspekt für das schuleinheitliche Vorgehen war die Verwendung eines Curriculums, das jeweils montags in der 1. Stunde altersspezifisch in allen Klassen der Hauptschule umgesetzt wird.   
Ergebnisse, Erfahrungen, Bewertung
Ergebnis der Evaluation durch Dr. Hopf: Signifikante Veränderungen bei Schul- und Klassenklima, bei sozialen Kompetenzen, bei Selbstwirksamkeitserwartungen, bei Schülergewalt, bei Mobbing und bei Gewalteinstellung.
Veränderungen bei den Schülern z. B.:
- Schüler gehen in der Klasse und auf dem Pausehof friedlicher und freundlicher miteinander um.
- Gewaltanwendung und Gewaltbereitschaft wurden geringer.
- Schüler „genießen“ die ruhigere Arbeitsatmosphäre.
- Ängstliche und gehemmte Schüler wurden selbstsicherer.
- Miteinander von Lehrern und Schülern wurde positiv beeinflusst
- Unbelehrbare Schüler finden keine Anerkennung.
Veränderungen bei Lehrkräften z. B.:
- Zunahme der pädagogischen Kompetenz und Professionalität.
- Mehr Mut zu konsequenter Erzieherhaltung.
- Die belastenden „Kleinigkeiten“ im Alltag wurden weniger.
- Unmutsbekundungen im Lehrerzimmer über Schüler/Klassen sind (fast) verschwunden.
- Wir gehen mit Problemen aller Art gelassener um.
Veränderungen bei Eltern z. B.:
- Der Mut zu konsequentem Erzieherverhalten wurde gestärkt.
- Erziehungsunwilligen Eltern wird ihre Verantwortung aufgezeigt (Erzieh.konferenzen).
- Eltern erkennen die Fachkompetenz der Schule an.
- Eltern äußern immer mehr, dass ihr Kind an der Schule gut aufgehoben ist.
Wirkungen in der Öffentlichkeit z. B.:
- Polizei: Trotz Zunahme der Zahl sozial benachteiligter Familien keine Zunahme bei der Zahl der Straftaten durch Hauptschüler.
- Große Aufmerksamkeit im Stadtrat, bei Behördenleitern, bei AK Schule/ Wirtschaft, bei „Erziehungspakt“, bei Realschule, bei Gymnasium...
Weitere Informationen unter www.Hauptschule-Wasserburg.de

 

Musische Kompetenz steigern

Die Grund- und Musikhauptschule Ruhstorf, Rektor Josef  Bertl, hatte bereits 1974 Klassen mit erweitertem Musikunterricht eingerichtet. Die Profilierung der ländlichen Hauptschule wurde in den neunziger Jahren wurde intensiv weiter betrieben. Schulleitung und Schulamt stellten verstärkt Lehrer mit Musikausbildung ein, die gemeinsam schulinterne Musik-Projekte anboten. 1996 erfuhr Bertl aus der Zeitung vom Musikhauptschulsystem in Österreich. Er knüpfte Kontakt zur nahe gelegenen Musikhauptschule in Schärding. Eine grenzüberschreitende Partnerschaft der beiden Schulen war schnell beschlossen, eine zweite Partnerschaft mit der Musikmittelschule „Josef Wenter“ in Meran (Südtirol) folgte drei Jahre später. Doch die Umsetzung der Musikhauptschul-Idee in Deutschland erwies sich als schwierig. 1999 begann Bertl Anträge zu stellen. Gleichzeitig vereinbarte die Schule – bis dahin einmalig in Bayern – eine Kooperation mit der Kreismusikschule Passau. Ähnlich wie in Österreich kamen nun die Musikschul-Lehrer für den Instrumentalunterricht an die Volksschule – und zwar vormittags während der Regelunterrichtszeit. 2003 erfolgte die Ernennung zur ersten Musik-Hauptschule Bayerns durch das Kultusministerium. Mit diesem Titel wurde das Kontingent an zugeteilten Musikstunden auf zwölf erhöht, doch die angestrebte tägliche Musikstunde war damit noch nicht möglich. Auch reichen die Staatsmittel noch nicht aus, um den zusätzlichen Instrumental­unterricht vollständig zu finanzieren. Die Schule ist weiterhin auf eine Mischfinanzierung aus Spendengeldern, Elternbeiträgen und Zuschüssen der umliegenden Gemeinden angewiesen, deren Schüler die Musikhauptschule ebenfalls besuchen können.
In Ruhstorf beginnt der erweiterte Musikunterricht im zweizügigen Grundschulbereich mit einer zusätzlichen Stunde Blockflötenunterricht, der für alle Schüler verbindlich ist. Ab Klasse drei kommt noch eine Stunde Chorgesang oder „Kreativ“ (Tanz, szenische Darstellung, Instrumentenspiel) hinzu. Ab Klasse fünf wird für einen der beiden Züge eine Musikklasse eingerichtet. Die Aufnahme von Schülern, die aus anderen Schulsprengeln kommen wollen, wird durch eine Aufnahmeprüfung geregelt, in der solide Grundkenntnisse in Gesang und Instrumentalspiel nachgewiesen werden müssen.
Die Kinder dort können ein Instrument ihrer Wahl erlernen. Unterrichtet werden sie darin eine Stunde pro Woche vormittags durch Lehrer der Kreismusikschule. Der Regelunterricht wird dadurch in den Nachmittag hinein verlängert. Eine zweite zusätzliche Stunde ist für das Ensemblespiel vorgesehen, alternativ ist auch Chorgesang wählbar. Ab Klasse sieben müssen sich alle bayerischen Schüler zwischen den Fächern Kunst und Musik entscheiden. Landesweit wählen nur 18 Prozent der Schüler Musik, in Ruhstorf dagegen ist es rund die Hälfte.
Laut Bertl werden den Schülern mit dem Musikunterricht neue Berufszweige eröffnet. „Sie können Musiktherapeuten oder Dirigenten werden.“ Mit der Musik wird seiner Meinung nach den Kindern auch das Erlernen von Fremdsprachen erleichtert. „Ihr Gehör ist geschult, sie können sich sprachliche Nuancen besser merken“.
Als Erfolgsvoraussetzungen gelten in Ruhstorf die Unterstützung durch das gesamte Kollegium und die Schulaufsicht, die Zuweisung/Einstellung fachlich kompetenter Lehrkräfte, die Akzeptanz von freiwilligem Nachmittagsunterricht bei den Schülern und die bereitwillige Unterstützung durch Eltern.
Beeindruckend sind vor allem die Großprojekte wie die zweijährlich stattfindenden Musicals, die Aufführung von Konzerten, die Singwoche in Kroatien, Aufnahmen im schuleigenen Tonstudio, Auftritte der Bläser- und Chorgruppen, die vielfältigen Kultur-Preise bis hin zum Bundesverdienstkreuz für Rektor Bertl.  
Weitere Informationen unter www.VS-Ruhstorf.de

 

Handlungskompetenz erhöhen

Die Christian-Sammet-Hauptschule Pegnitz berichtete von ihrer engen Kooperation mit der Wirtschaft. In vielen Arbeitskreisen SchuleWirtschaft werden solche Partnerschaften bereits forciert.  
Schüler der Christian-Sammet-Hauptschule Pegnitz erhielten in den letzten Jahren zunehmend Ablehnungen ihrer Lehrstellen-Bewerbungen. Angesichts einer Erfolgsquote von weniger als 20 Prozent sank die Lern- und Leistungsbereitschaft der letzten Hauptschuljahrgänge dramatisch. In einer gemeinsamen Aktion mit der Firma KSB, einem Hersteller von Pumpen, Armaturen und Systemen, wurden an der Schule Ist-Soll-Unterschiede herausgefunden, zielorientiert Schlüsselkompetenzen gefördert, in Betriebserkundungen und –praktika die Kenntnisse über Anforderungen in der Wirtschaft und an Auszubildende erweitert, die Handwerksmesse besucht und Sozialkompetenz im Erlebniscamp in der freien Wildnis erworben. Laufend durchgeführte Selbstbefragungen von Schülern und Lehrern sowie von schulinterner Evaluation, die durch die Firma KSB begleitet wurde, verbesserten die Bewerbungschancen bis hin zu einer 100 %-Erfolgsquote.
Bundesweit ist hier zudem die Initiative „Wissensfabrik. Unternehmen für Deutschland“ zu ergänzen, in der Unternehmen öffentliche Impulse durch beispielhafte Projekte und Ideen dafür geben wollen, dass mehr Wissen entsteht, indem man es fördert und weitergibt. Sie bündelt die vielfältigen, eigenständigen und dezentralen Aktivitäten in den Bereichen Bildung und Unternehmertum. Dabei legt sie Wert auf Bildungspartnerschaften und Unternehmensprojekte, die einen spürbaren Beitrag zur Wissensgesellschaft leisten.
1.000 Bildungspartnerschaften zwischen Unternehmen und Kindergärten oder Schulen sollen einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, Lernkultur und Erfindergeist in Deutschland zu fördern. Jungen Gründern stellen die Mitglieder in einem Mentorenprogramm ihr Know-how zur Verfügung. Praxisbezogen und projektnah erleichtern die Experten der Mitgliedsunternehmen auf diese Weise den Weg zur erfolgreichen Existenzgründung.
Acht von zehn Lehrern begrüßen laut einer aktuellen Forsa-Umfrage das Engagement deutscher Unternehmen in Schulen und wünschen sich eine Ausweitung. Die Meinungsforscher hatten in einer repräsentativen Umfrage deutschlandweit 500 Lehrer von Grund-, Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien (Sekundarstufe 1) befragt. 78% von ihnen sind der Meinung, dass das Engagement von Unternehmen in Schulen den Unterricht bereichert und die Bildungsqualität steigert. Etwa jeder zweite Lehrer wünscht sich Unterstützung in den Bereichen Mathematik, Naturwissenschaften (49%) und Technik (46%). Ebenso viele Pädagogen (49%) halten die Vermittlung wirtschaftlichen Verständnisses in Bildungskooperationen für eine Aufgabe, an der sich Unternehmen beteiligen sollten.
Näheres unter www.Wissensfabrik-Deutschland.de

 

Lernfähigkeit trainieren

In der Hauptschule Pocking bei Rektor Willi Götz stellten sich vor einigen Jahren als vordringlichste Aufgaben bei der inneren Schulentwicklung: Konflikte gewaltfrei regeln können, die Integration von Aussiedlern, mehr Freude am Lernen und eine höhere Attraktivität der Schule als Lernort. Die Entwicklung eines Streitschlichter-Modells, ein Maßnahmenkonzept zur Eindämmung von Disziplinproblemen einschließlich des neuen Konzepts des Klassengerichts führten bald zu einer deutlichen Verbesserung in den o. a. Problemfeldern. Der Einstieg in Dr. Klipperts Konzepte „Methoden-Training“ und „Eigenverantwortliches Lernen und Arbeiten“ weitete sich durch die Erfolge bald aus. In Konferenzen und Wochenendseminaren stieg das Kollegium zudem auch in Trainingsbausteinen in die „Teamentwicklung im Klassenzimmer“ ein. Nach zwei Jahren wurde die Hauptschule Pocking als Modellschule für „MODUS21“ ausgewählt und erhält zudem den Innovationspreis für innere Schulentwicklung i.s.i. 2003 für ihre deutlich gestiegenen Qualitäten bei: Verbesserung der Unterrichtsqualität, modernes Schulmanagement, Einbeziehung der Schüler, Qualitätssicherung und Kooperation mit Eltern, Schülern und externen Partnern. Auch die Teilnahme an einem Comenius-Projekt hatte als Projektziel: „Neues Lernen in Europa – was ermöglicht Schülern besser lernen zu können?“
Weitere Informationen unter www.HauptschulePocking.de   

Dipl.Päd. Werner Sprick