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Alle „Looser“ von der Hauptschule?

Dienstag, 01 April 2008 Über den Umgang mit statistischen Zahlen in der Presse/ Die Zahl ist das Wesen aller Dinge (Pythagoras)

Ein Beitrag von Helmut Schuster, BSV-Bezirksvorsitzender Oberpfalz

 

In den letzten Weihnachtsferien waren mir Pressemeldungen aufgefallen, mit denen die Hauptschule einmal mehr in einem schlechten Licht stand.

 

„Acht Prozent scheitern auf der Hauptschule“ hieß es in der Süddeutschen Zeitung vom 27.12.2008 und

„Acht Prozent ohne „Quali“ titelte am selben Tag die Mittelbayerische Zeitung.

Was war der Anlass für diese beiden sehr unterschiedlichen, aber gleichzeitig ebenso falschen Meldungen? Die Kultusministerkonferenz (KMK) hatte bei einem Pressetermin statistisches Datenmaterial über die Schulabgänger 2006 veröffentlicht.
Im Gegensatz zu den für die deutsche Presselandschaft durchaus exemplarischen Überschriften, die von den meisten Lesern wahrgenommen werden, schreiben beide Zeitungen dann im ersten Satz die Meldung, die dem entspricht, was die Statistik der KMK inhaltlich wirklich belegt. „Im vorigen Jahr haben 76.249 Jugendliche ihre Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen. Dies sind 7,9 % des Altersjahrgangs.“

Weil mich die abenteuerlichen Überschriften stutzig machten, habe ich in einer Anfrage an die Statistikabteilung des KMK um die Herausgabe des Datenmaterials gebeten. Die Statistik über die Schulabgänger 2006 wurde mir freundlicherweise zugesandt und meine schlimmsten Befürchtungen wurden noch übertroffen.
Offenbar dienen Hauptschulen für manche Medienvertreter als willkommener Sündenbock. Aus dieser detaillierten Statistik über 968.869 Schulabgänger kann man vieles herauslesen, nur nicht, dass 8 % der Hauptschüler keinen Schulabschluss und erst recht nicht, dass 8 % keinen „Quali“ machen würden. Der ist deutschlandweit ja weitgehend unbekannt.
Von den rund 76.000 Schülern ohne Hauptschulabschluss stammen nämlich lediglich 21.893 aus Hauptschulen. Der größte Teil kommt erwartungsgemäß aus Förderschulen (39.222), aber auch von den anderen Schularten „integrierte Gesamtschulen“ (4755), Realschulen (3389), Schularten mit mehreren Bildungsgängen (5500), Gymnasien (825), Freie Waldorfschulen (213) und anderen kommen recht „erkleckliche“ Mengen zusammen.

So differenziert die Schullandschaft auch sein mag und so unübersichtlich die Schulsysteme in den 16 Bundesländer auch ausgeprägt sein mögen, es geht nicht an, dass alle „erfolglosen“ Abgänger von Schulen ohne dem gewünschten Minimum „Hauptschulabschluss“ automatisch den Hauptschulen zugerechnet werden. Aus runden 8 Prozent eines Jahrgangs automatisch 8 Prozent der Hauptschüler zu machen, wenn es um erfolglose Schulkarrieren geht, ist schon ein starkes Stück, das der Berichtigung bedarf.
Übrigens: Rechnet man zu den 21.893 Hauptschülern ohne Abschluss noch die 159.596 mit HS-Abschluss dazu, so kommt man 2006 auf insgesamt 181.489 Hauptschüler in ganz Deutschland, wobei ja in vielen Bundesländern keine Hauptschule mehr existiert. Somit errechnet sich innerhalb der Hauptschulen ein Anteil von 12 %, die den HS-Abschluss nicht schaffen. Dies ist der wirkliche Anteil von Hauptschülern ohne Abschluss. Er ist damit höher als in den Überschriften, aber er versperrt nicht den Blick auf Schüler, die an anderen Schularten dasselbe niedrige Niveau erreichten. Da in der Hauptschule überwiegend jene Schüler verbleiben, die keine Übertritt in die „Wunschschulen“ erreichen, sind 12 % für Insider kein überraschend hoher Anteil, zumal in der Schülerschaft der Hauptschule ein deutlich höherer Anteil sprachlich benachteiligten Ausländerschüler verbleibt. An der Gesamtheit der 968.869 Schulabgänger haben jene, die die Hauptschule ohne Schulabschluss verlassen, gerade mal einen Anteil von 2,2 %, die Förderschulabgänger einen Anteil von 4 %. Übrigens erreichen immerhin 20,6 % der Förderschüler dort den Hauptschulabschluss und 2 % sogar den mittleren Schulabschluss.
Sind Fehlinterpretationen, wie sie in den zitierten Überschriften zum Ausdruck kommen, nur Zufall? Könnte sein, aber ihre Häufung in den letzten Jahren nährt auch den Verdacht, dass vielen die Abschaffung der Hauptschule als Lösung der bundesdeutschen Bildungsmisere erscheint, die man geradezu herbeischreiben müsse.
Die Statistik der Schulabgänger 2006 enthält eine gigantische Menge von 486 Daten zu allen Schulabschlüssen, aufgeschlüsselt nach Geschlechtern und dem Merkmal „Deutsch“ oder „Ausländer“. Wer sich hier die Mühe macht und sich ein bisschen umsieht, hätte weitaus interessantere und bedeutsamere Besonderheiten herauslesen können, als einfach den hohen Anteil erfolgloser Schulabgänger pauschal den Hauptschulen zuzuweisen. So sind zum Beispiel nur 6.291 der 21.893 Hauptschüler ohne Schulabschluss ausländischer Herkunft, mit 28,7 % viel weniger als man meinen möchte, wenn man an das in der Öffentlichkeit verbreitete Bild von der Hauptschule denkt. Und es sind auch nur 27.240 Ausländer unter den 159.596 Absolventen mit Hautschulabschluss, also 17 Prozent. Insgesamt sind damit nur 21 % der Schüler an Hauptschulen Ausländer und nicht über die Hälfte, wie oft glauben gemacht wird.

Es soll hier gar nicht bestritten werden, dass ausländische Schüler in unserem Schulsystem schlecht wegkommen, aber wenn man sieht, dass zu den 27.240 Ausländern mit HS-Abschluss immerhin 26.742 ausländische Schüler in Deutschland mit dem Realschulabschluss kommen und 8.105 das Abitur schaffen und 1.283 die Fachhochschulreife erlangen, so lesen sich die 14.566 Ausländer ohne Hauptschulabschluss (aus allen Schularten!) doch ganz anders. Nur eine Minderheit von knapp über 20 % der ausländischen Schüler geht ohne Schulabschluss von der Schule. Ich hielt mich bisher für gut informiert und war jedenfalls über diese Zahlen sehr erstaunt. Ich nehme an, der geneigte Leser ist es auch. Natürlich ist bei einem Gesamtanteil von 8,9 % an der Gesamtschülerschaft der Anteil der Ausländerkinder mit 6,7 % bei den Realschulabsolventen und mit 3,3 % an den Abiturienten viel zu gering, aber es ist eben doch nicht so, dass Ausländer grundsätzlich keine Chance hätten.
Was mir an der Statistik noch auffiel ist die Tatsache, dass die Fachoberschulabsolventen nicht enthalten sind. Auf erneute Anfrage erfuhr ich, dass sie in dieser bundesdeutschen Statistik den beruflichen Schulen, also der Berufsausbildung, zugerechnet wurden. Ob man ´damit den offenbar nur in Bayern üblichen Fachoberschulen gerecht wird, die Jahr für Jahr tausende Schüler auf diesem ausgezeichneten „zweiten Bildungsweg“ einem erfolgreichen Studium an der Fachhochschule zuführen, wage ich zu bezweifeln. Immerhin kommen gut 20 % der Fachoberschüler mittlerweile aus den M-Klassen der Hauptschule, eine Tatsache, über die oft geflissentlich hinweggesehen wird.

Wer wollte, konnte aber auch bezüglich des schulischen Abschneidens der Geschlechter Daten finden, die erhebliche nachrichtentechnische und gesellschaftliche Relevanz besitzen. Wenn 63 % der Schüler ohne Hauptschulabschluss männlich sind, wird deutlich, dass hier etwas grundsätzlich schief laufen muss. Wenn 24.696 von 39.322 Förderschulabgängern ohne HS-Abschluss männlich sind, sollte man danach fragen, wie man da ansetzen kann. Müsste hier nicht auch der Ruf nach Chancengleichheit ertönen, nach gezielten Maßnahmen, das so dringend benötigte Facharbeiterpotential nicht brach liegen zu lassen? Bei den 244.010 Abiturienten in Deutschland beträgt der Jungenanteil dagegen nur 43,9 %. In allen Schularten schneiden die Mädchen viel besser ab, Schulversagen scheint ein überwiegend männliches Phänomen geworden zu sein, bei deutschen gleichermaßen wie bei ausländischen Schülern.

Im Übrigen halte ich den Übergang in die Hauptschule in der 5. Jahrgangsstufe für viel zu früh. Die Hauptschule in Bayern könnte gut damit leben, die Schüler noch ein Jahr (oder auch zwei) länger an der Grundschule in jenen gut situierten Lerngemeinschaften zu belassen, in denen sie - IGLU-geprüft und verglichen mit allen anderen Schularten -  am erfolgreichsten (und preiswertesten!) lernen können. Ich denke, hier besteht Einigkeit mit den meisten Eltern, die den Druck der viel zu frühen Selektion als wirklich schädlich auf die Psyche und die Entwicklung ihrer Kinder erleben. Und wann steht schon mal in der Zeitung, dass 40 % der bayerischen Gymnasiasten ohne Abitur von ihrer „Angebotsschule“ abgehen?

Für die soziale und schulische Entwicklung der Kinder und für die Sozialentwicklung der Gesellschaft wäre eine 5-jährige Grundschule jetzt der richtige Schritt, der allen Schularten im Sekundarbereich „Luft“ verschafft und die nötige Profilierung selbständigerer Schulen erleichtert.

Das Kultusministerium hat eine Hauptschul-initiative ins Leben gerufen. Es muss ihr ein Anliegen sein, eine faire und sachlich richtige Berichterstattung in den Medien einzufordern. Überschriften als „Schlagzeilen“ sind dabei der sensibelste Bereich. Achten wir darauf, dass mit ihnen nicht eine Schulart „erschlagen“ wird, die für ihre Schülerklientel in Bayern hervorragende Arbeit leistet. Bayerns Hauptschüler übertreffen die Realschüler und Gesamtschüler mancher anderer Bundesländer bei den PISA-Ergebnissen. Sie gehören nicht abgeschafft, sondern mit allen Mitteln gefördert!