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Lehrerbildung 2009

Samstag, 23 Mai 2009

Rücken Universitäten die Lehrerbildung in den Mittelpunkt?

Ist es nur ein spätes Abfallprodukt der millionenschweren Exzellenzinitiative an den Universitäten oder steht dahinter die allgemein gereifte Einsicht, dass die Lehrerbildung nicht länger als ungeliebtes Kind an den Hochschulen dahindümpeln darf, wenn die Qualität von Bildung in Schule und Gesellschaft wirklich die entscheidende Zukunftsfrage sein wird? Wie auch immer, erfreulich ist, dass mit der Um-setzung einer 1,5-seitigen Konzeption zur Verbesserung der Lehrerbildung an der Technischen Uni-versität München (TUM) nun auch in der Landeshauptstadt eine Universität dem Beispiel der Uni Pas-sau folgt, an der schon vor Jahren das erste offizielle Lehrerbildungszentrum in Bayern etabliert wor-den ist. Es kommt zunehmend Bewegung in jene Phase der Lehrerausbildung, die den Universitäten seit Jahrzehnten anvertraut ist, die dort aber oft nur wie ein ungeliebtes Kind am Rande steht, weil der Fokus lieber auf die prestigeträchtigere Forschung gelegt wird. Eine unvoreingenommenen Be-standsaufnahme der „Befindlichkeit“ der Lehrerbildung ergibt an dem meisten Universitäten ein sehr unbefriedigendes Bild, das wohl am meisten von jenen kritisiert wird, die sich später als nicht genü-gend vorbereitet in die 2. Phase der Lehrerbildung wiederfinden, in der sie sich oftmals wie Nicht-schwimmer ins tiefe kalte Wasser geworfen fühlen. Dabei kann oder muss man dafür nicht mal jemand konkret oder persönlich verantwortlich machen, denn das Kennzeichen der ersten Lehrerbildungspha-se war nur allzu oft, das sich eben niemand ganz und konkret für alles verantwortlich fühlen konnte, was eine gute Lehrerbildung in einer klaren Berufsfeldorientierung ausmachen würde. Besonders die Universität Passau, an der die Lehrerbildung als Profilelement in den Zielvereinbarungen verankert ist, spielt eine Vorreiterrolle. An dieser Universität hatte Passau Prof. Dr. Norbert Seibert (Lehrstuhl für Schulpädagogik) bereits das Exercitium Paedagogicum entwickelt, das vom Bildungspakt Bayern ge-fördert wurde und auch in Würzburg und Regensburg angeboten wird und das wesentlich dazu bei-trägt, dass die Lehrerausbildung stärker an der Unterrichtspraxis ausgerichtet wird.

Auch an der „School of Education“ soll vieles anders und besser werden. Dort sollen zunächst mal ab 01.10.2009 Studierende für das Lehramt an beruflichen Gymnasien (GTB-Bereich) und für Gymnasien mit dem Schwerpunkt auf den „Mint“-Fächern (mathematisch-naturwissenschaftlich) ausgebildet wer-den. Die Landtagsfraktion der Grünen hatten am 14. Mai 2009 den wohl renommiertesten PISA-Forscher Deutschlands, Prof. Dr. Prenzel, in das Maximilianeum eingeladen, damit er in einem Fach-gespräch interessierte Experten aus Schulen und Hochschulen sein geplantes Konzept für eine effek-tive, praxisnahe Lehrerbildung erläutern konnte. Dr. Prenzel war es, der vom TU-Präsidenten Dr. Herr-mann den Auftrag übernommen hatte, die Lehrerbildung auf höchster Qualitätsstufe („Wir brauchen die Besten“) neu einzurichten. Der BSV-Vorsitzende der Oberpfalz, Helmut Schuster, ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen, aus 1.Hand die Hintergründe und Visionen dieser Neuordnung der Lehrerbildung in der ersten Ausbildungsphase kennen zu lernen.

Dr. Prenzel holte in seinem Vortrag weit aus und legte die Basis seines Ansatzes in die Aufgaben und Qualifikationen der künftigen Lehrer, die diese für ihren höchst anspruchsvollen und für die Gesell-schaft äußerst bedeutsamen Beruf brauchen. Auch an der TUM hat man es wohl begriffen, dass es die Universitäten selbst sein müssen, die für ihren eigenen guten Nachwuchs sorgen müssen. Es hilft nichts darüber zu jammern, dass die Schüler mit längerer Schulzeit zunehmend die intrinsische Motivation gerade auch für Naturwissenschaften und Mathematik verlieren und die im Alter zwischen 14 und 15 Jahren oftmals (42 %!) so gut wie gar nichts dazu lernen. Wenn der Unterricht besser werden soll, sind die Lehrkräfte natürlich im Fokus. Die Universitäten bilden die Lehrer ja aus als jene, die für die Lernprozesse der künftigen Studenten große Mitverantwortung tragen. Diese leider noch seltene Sichtweise hat der TU München bei der erfolgreichen Bewerbung bei der Exzellenzinitiative offenbar nicht geschadet.

Dr. Prenzel macht deutlich, dass die Lehrerausbildung eine zentrale Aufgabe der Hochschulen werden müsse, die nicht länger vernachlässigt werden dürfe. Für viele Universitäten seien Lehramtsstudenten „billige“ Studierende gewesen, für die wesentlich weniger Arbeitsaufwand betrieben wurde. Wenn aber der Lehrerberuf nicht zweite oder gar dritte Wahl bleiben sollen, müssen folgende Prämissen der „School of Education“ (man wird andernorts wohl auch eine deutsche Bezeichnung finden können!) in den Mittelpunkt ihrer wesentlich höheren Anstrengungen stellen:

  • Die Ressourcen für die Lehrerbildung müssen mit eigenen Stellen deutlich ausgebaut werden.
  • Die Verantwortlichkeit für die Lehrerbildung muss klar geregelt werden, die Ausrichtung muss klar auf das Berufsfeld erfolgen.
  • Der Austausch mit Schulen (v.a. Uni-Partnerschulen) muss systematisch erfolgen. Die „Schul-netze“ müssen viel stärker „schwingen“.
  • Die Universitäten müssen professionelle „Heimat“ für Lehramtsanwärter bleiben, die Verqui-ckung von 1. und 2.Phase böte große Chancen.

Die Hochschulen als „starker Ort“ der Lehrerbildung müssen zuverlässig und wirksam die entschei-dende Vorauswahl treffen, wer überhaupt Lehrer werden kann und soll. Ob und welche Assessment-verfahren hier eingesetzt werden soll, kann jetzt noch nicht endgültig festgelegt werden, wird derzeit aber schon vielerorts, u.a. auch an der Universität Passau, erprobt. Dr. Prenzel sprach zumindest von Bewerbungsgesprächen, bei denen die Kandidaten ihre Motivation und Konzeption für den Lehrerberuf darlegen müssten. Es sei nicht verkehrt, wenn dabei manchem/r klar würde, dass dieser Erzieherberuf für ihn/sie eigentlich gar nichts ist. Quer durch Schularten gibt es ca. 10 Prozent Lehrkräfte, die dort von vorneherein fehl am Platze waren, was sich angesichts der verbeamteten Situation und der beruf-lichen „Einbahnstraße“ als verheerend für die Schüler und Schule, aber auch für diese Leute selbst herausstellt. An erster Stelle sieht Dr. Prenzel grundlegende menschliche Eigenschaften und Kommu-nikationsfähigkeiten, die eine Persönlichkeitsstärke ausmachen. Erst an zweiter Stelle, aber keines-wegs unwichtig, sieht er die fachwissenschaftlichen Kompetenzen. Dabei sei aber wiederum die spür-bare Begeisterung für das Fach und solides Fachwissen wichtiger als „Detailverliebtheit“. Das Beherr-schen der Unterrichtstechniken, didaktische und curriculare Grundkompetenzen, die spezifische „Phi-losophie“ der Schulfächer gehören zu den zentralen Schwerpunkten ebenso wie Pädagogik, Psycho-logie und die Fachdidaktiken. Ganz grundlegend sei die Fähigkeit zur Teamarbeit, denn mit der künfti-gen Schulentwicklung geht die engste Zusammenarbeit mit den Lehrerkollegen einher. Unterricht und Projekte werden zunehmend ein Produkt der teamorientierten Schule, bei der die unterschiedlichsten Ressourcen der Lehrkräfte gezielt und effektiv für individuelle und fortgeschrittene Lernprozesse der Schüler nutzbar gemacht werden. Auch sozialpädagogische Ansätze gehören heutzutage zu Grund-ausbildung von Lehrkräften.

Im Fachgespräch wurden aktuelle Problem der Lehrerbildungsreform im Zusammenhang mit den Än-derungen durch den „Bologna-Prozess“ angesprochen, die noch gelöst werden müssen. Vielleicht kann sich der empirische Vorreiter hier auch mit Leuten zusammenschließen, die mit viel Erfahrung  „echte“ und lebendige Lehrerbildung reflektiert betreiben und die wie in Passau versuchen, Bachelor, Master und das Staatsexamen in ein passenden Rahmen für die Lehrerausbildung zusammen zu  schmieden.

Aus Schulleitersicht begrüßen wir die neue Entwicklung an Bayerns Hochschulen, wo jetzt überall „Zentren für die Lehrerausbildung“ eingerichtet werden und hoffen, dass dieser oft noch recht zaghafte Beginn bald gewaltige Auswirkungen haben wird, an deren Ende die Universitäten die Lehrerbildung als eine ihrer edelsten Aufgaben begreifen und sie Lehrer ähnlich wie in Finnland als die „Lichter“ der Volksbildung betrachten werden. Die alten Vorurteile gegenüber der profanen Lehrerausbildung haben dann allerdings keinen Platz mehr und müssen als das, was sie stets waren, nämlich elitärer Dünkel, der Vergangenheit angehören. Dabei würde es den Unis gut stehen, auch bei der eigenen Unterrichts-lehre auf die Höhe der Zeit zu kommen und gerade bei der Lehrerausbildung jene Methoden zu prakti-zieren, die wir draußen von den Lehrern beim zeitgemäßen individuellen Lernen sehen wollen. Wir Schulleiter werden gerne kooperieren und für eine exzellente Lehrerbildung unsere Schulen öffnen.