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Führungskraft statt Lehrer

...als (halb-mündiger) Schulleiter im Nebenjob!

Sehr geehrte Damen und Herren,  Sie lesen hier eine Zusammenfassung, worum es seit nunmehr 45 Jahren im Bayerischen Schulleitungsverband BSV geht. Die Ausführungen sind in 10 Minuten zu lesen und haben das Ziel, dass Sie uns Volksschulleiter in unserer besonderen Lage verstehen und vielleicht nachvollziehen können, warum die Empörung im BSV-Landesvorstands zuletzt sehr groß war. Ich hoffe, es ist gelungen, darin einen roten Faden einzuweben, der sich Ihnen erschließt.


Die letzte große Schulreform im Bereich der Volksschulen war 1969, die Hauptschule wurde als eigene Schulart innerhalb der Volksschulen geschaffen. Der BSV wurde von Schulleitern gegründet, die sich damals nicht damit abfinden wollten, dass sie als Leiter von Hauptschulen diese quasi als "Lehrer im Nebenjob" führen sollten. Wie der frühere BSV-Vorsitzende Anton Stierstorfer sagte, sind die Schulleiter der Volksschulen "vergessen" worden und nicht in die Position des Dienstvorgesetzten mit dem Kerngeschäft der Personalführung eingesetzt worden wie zum Beispiel an den Realschulen, die zehn Jahre vorher aus den Volksschulen hervorgegangen waren und die mittlerweile die Direktoren-Bezeichnung erhalten haben.


Welche Hypothek dieses Versäumnis über all die Jahre bis heute bedeutet hat, macht die Geschichte des langen Kampfes des BSV um volle Anerkennung als Dienstvorgesetzte deutlich. Es ging vordergründig um sogenannte Anrechnungsstunden, Verwaltungsstunden, auch um Besoldung und um Führungsmittel in der Schulleitung. Aber vor allem ging es um die grundsätzliche Frage, ob und wie auch die Schulen im Volksschulbereich subsidiär mit einer eigenen Schulführungskraft ausgestattet werden. Die Lösung, den Fachlichen Leiter der Schule wie in früheren Zeiten am fernen Schulamt zu haben, war und blieb von Anfang an widersprüchlich. Vor ca. 20 Jahren wurde für die Förderschulen diese Aufgabe weitgehend gelöst, indem sie direkt den Regierungen unterstellt wurden. Vor ca. 3 Monaten wurden die Leiter von Förderschulen nun auch bei der Neufassung der Führungskräftestandards in die Liste der Führungskräfte (KWMBl 15/2014) aufgenommen.


Seit 2005 sind die Schulleitungen im Volksschulbereich auch mit den komplexen Aufgaben der dienstlichen Beurteilung befasst und seit 2006 erstellen wir diese. Nichts hat uns mehr empört, als die öffentliche Aussage in der KM-Pressemitteilung Nr. 5/2013 von Dr. Unger (Zitat)


"Die Arbeitssituation und die Aufgaben für Schulleitungen sind je nach Schulart höchst unterschiedlich. So fungieren z.B. die Leiterinnen und Leiter von Realschulen und Gymnasien als Fach- und Dienstvorgesetzte mit hoher Personalverantwortung- auch für die Personalentwicklung. An den Grund- und Mittelschulen (über)nehmen diese Aufgaben weitgehend die Schulräte und Schulamtsdirektoren wahr. Entsprechend gibt es auch Unterschiede in der Zuweisung von sog. Anrechnungsstunden, also in der Zuweisung von Zeit für Leitungsaufgaben, durch die die Unterrichtspflichtzeit reduziert wird."  

    
Vielleicht können Sie sich vorstellen, wie heftig die Reaktionen der Schulleiter waren, als sie - entgegen der erlebten und gefühlten Wirklichkeit - dies lesen mussten. Wir haben das längst nicht verschmerzt, denn es hat sich trotz einzelner kleiner Verbesserungen bei gleichzeitig stark gestiegenen Belastungen nichts zum Besseren gewendet.


Ich bin sicher, Herr Dr. Unger hat dies nicht in diskriminierender Absicht geschrieben, er wusste es nicht besser. De facto nehmen ganz viele Schulleiter diese Personalverantwortung aber tagtäglich und vollumfänglich wahr. Wir sind es, die das Kollegium führen, die es in guten wie in schlechten Tagen zusammenhalten und motivieren, die die schulhausinterne Fortbildungen organisieren, mehrere Unterrichtsbesuche im Beurteilungszeitraum wahrnehmen, die Beratungsgespräche führen, auch Kritikgespräche, die regelmäßig Mitarbeitergespräche mit Zielvereinbarungen mit allen Lehrkräften führen, die die Beurteilungen schreiben, egal ob Zwischenbeurteilungen, Probezeitbeurteilungen oder die periodischen Beurteilungen. Wir führen die interne Evaluation durch, verantworten die externe Evaluation, stellen Leitbild, Schulentwicklungsprogramm und ein gemeinsames Bildungs- und Erziehungskonzept von Schule und Elternhaus sicher. Wir fördern die Beziehungen und die Kooperation zu unzähligen Partnern in der Region. Und wir sind es, die sich für alle Anliegen und Probleme, auch private, unserer Lehrkräfte interessieren und kümmern und damit Personalverantwortung genauso wahrnehmen wie die Schulleiter anderer Schularten.


Uns dies abzusprechen, was tagtäglich unser Herzblut kostet, empfinden wir als ungerechte Herabwürdigung. Dass wir bei der Beurteilung nicht das letzte Wort haben und die Schulräte die entscheidende Festsetzung treffen empfinden wir keineswegs als Entlastung, sondern belastet uns zusätzlich. Auch in wichtigen anderen Angelegenheiten haben wir nicht die letzte Entscheidung, aber nicht, weil wir das nicht könnten oder wollten, im Gegenteil. Wir fühlen uns dadurch teilweise entmündigt, dass wir das nicht dürfen, was alle anderen Schulleiter müssen!


Aber genau das kritisieren wir vom BSV seit 1969 und fordern den vollen Dienstvorgesetztenstatus mit allen Konsequenzen ein. Wissen Sie eigentlich, wie viel Prügel wir seit 2006 von Schulleitern, vor allem vom BLLV angetrieben, dafür bekommen haben, dass wir uns zur Beurteilungsaufgabe bekannt haben?  "Ihr vom BSV wart ja dafür, dass wir die ganze Arbeit mit der Beurteilung machen, aber wir haben dafür weder Zeit noch Mittel bekommen und daran seid Ihr schuld!" 


Wir vom BSV waren - im Gegensatz zum BLLV - stets für ganze Sachen, nicht für halbe und finden es grotesk, dass im Volksschulbereich in Zeiten der eigenverantwortlichen Schule die Schulleiter sich noch immer als Personalräte wählen lassen und als Interessensvertreter der Lehrer auftreten. Wir kennen die Gründe nur zu gut, warum Lehrerverbände daran festhalten, aber es dient ganz bestimmt nicht der Qualitätsentwicklung an den Schulen!


Entsprechend der verfassten Bestimmungen (siehe KWMBl Nr.15/2014) sind die Entscheidungsbefugnisse im Volksschulbereich noch immer so verteilt, dass dadurch die Grundsätze der Subsidiarität ignoriert werden, die eine effektive Entwicklung in hoher Eigenverantwortung ermöglichen könnten. Die nötigen Umstrukturierungen für eine zukunftsträchtige Volkschullandschaft und die Reform der Schulaufsicht, wie sie mehrere hochwertige Fachgutachten (Kienbaum/Berger/Rosenbusch) stets mit der Verschlankung um eine Verwaltungsebene empfohlen haben, werden aus unserer Sicht seit Jahrzehnten hinausgezögert.


Im Modus F Schulversuch waren auch viele BSV-Mitglieder höchst engagiert. Wir haben in unseren Führungsmodellen Schulleitungsteams geformt, die es uns ermöglichten, alle Lehrer für die Unterrichtsentwicklung in nachhaltig arbeitenden Teams voranzubringen. Wir haben die gleiche Personalverantwortung wahrgenommen und müssen unsere Ergebnisse keineswegs verstecken. Wir haben wie alle anderen mit Unterstützung des Bildungspakts alle Prozesse gesteuert und auf hohe Qualität gebracht.


Und wir konnten über sieben Jahre hinweg erfahren, dass es hier zwischen uns und den Schulleitern anderer Schularten keinen qualitativen Unterschied gibt, der rechtfertigen könnte, dass uns der volle Dienstvorgesetzten-Status versagt bleibt. Ohne diese überfällige Reform hat es wenig Sinn, über die Verteilung von Verantwortung in einer erweiterten Schulleitung zu reden. Wenn nicht einmal der Schulleiter Personalverantwortung und Entscheidungsbefugnis zugeschrieben bekommt, wie kann er sie an Mitarbeiter delegieren?


Wussten Sie, dass viele Schulräte die Lehrkräfte, für deren Beurteilung sie letztendlich zuständig sind, nicht einmal mehr kennen? Auch für uns ist die Beurteilungsaufgabe, so subjektiv sie immer sein mag, grundsätzlich nicht teilbar, insbesondere wenn wir über Jahre hinweg verantwortliche Personalentwicklung betreiben. Wie können wir berufliche Zielvereinbarungen treffen, wenn wir über die Erreichung der Ziele keine Entscheidungskompetenz bekommen? Und warum können das die Leiter aller anderen Schularten schon? Wer die Leistungszulage bekommt und nicht, auch das entscheiden heute bei uns nicht die Schulleiter, die hier nur Vorschläge machen dürfen. Mitsprache bei der Zuteilung von Lehrkräften findet eher nicht statt, Direktbesetzungen gibt es kaum. Auch die Lehrerstundenzuweisungen im Bereich der Grundschulen erfolgen abseits der Schulbudgetierung oft alles andere als transparent. Ohne einem Schulamt hier Vorwürfe zu machen, ist es eben so, dass hier nicht auf Augenhöhe, sondern von oben herab agiert werden muss.


Der BSV hat die Misere der Volksschulleiter seit Jahrzehnten unermüdlich den politischen und ministeriellen Entscheidungsträgern gegenüber klargemacht, aber nie wirklich Gehör gefunden. Es besteht akuter Handlungsbedarf, ein Hinweis auf zwei Anrechnungsstunden, die wir vor mehr als 10 Jahren bekommen haben, ist nicht zielführend. Bei den Verwaltungsangestellten hat es zuletzt wohl eine Verbesserung gegeben, aber warum hat ein Gymnasium mit der gleichen Schülerzahl zwei Vollzeitsekretärinnen, während wir als Leiter von zwei Schulen -Grundschule und Mittelschule - mit Außenstelle dafür gerade mal eine Zweidrittel-Stelle haben? Enttäuschung herrscht auch darüber, dass im Juli 2013 bei der Besoldungsanpassungsrunde im Volksschulbereich einzig und allein alle Schulleiter von einer Erhöhung ausgenommen wurden und auch bei den derzeitigen Haushaltberatungen zwar 2000 A-12-Lehrerstellen auf A 12+Z angehoben werden sollen, aber bei den Schulleitern nichts dergleichen vorgesehen ist. Uns wundert nicht, dass sich immer weniger potentiell Befähigte für Schulleitungsaufgaben zur Verfügung stellen und sich erst gar nicht bewerben.


Wenn nichts geschieht, sprechen wir uns dafür aus, dass wir uns in Zukunft an das halten, was in der vorhin zitierten Pressemitteilung des KM steht. Wenn uns weiterhin die Kompetenz in der Personalzuständigkeit abgestritten wird, dann plädieren wir in Zukunft dafür, diese Arbeit auch nicht mehr tun. Wir machen dann - wie vor 2006 - keine Unterrichtsbesuche mehr, führen keine Mitarbeitergespräche mit Zielvereinbarungen, schreiben keine Beurteilungen mehr und geben die Personalzuständigkeit so an die Schulräte zurück, wie sie im 19. und 20. Jahrhundert durchgeführt wurde. Und wer will, kann sich weiterhin als Schulleiter von den Lehrern zum Personalrat wählen lassen und die Anrechnungsstunden dafür kassieren! Wir sitzen dann wieder auf der anderen Seite der Führungskraft. Beides zusammen geht nicht - Chef sein und Personalvertreter, darüber lachen alle anderen Schularten!


Das würde aber auch bedeuten, dass das Rad der Geschichte zurückgedreht werden würde und Sie hören wohl heraus, dass wir vom BSV das nicht wirklich wollen. Die Schulen voranzubringen heißt, uns endlich die Zeit und die Mittel zu geben, damit diese zentrale Position eine erfüllbare Aufgabe wird und sich junge und begabte Nachwuchskräfte darauf freuen können. Überlastet mit zu wenig Leitungszeit und mit einem Status als halb entmündigte Dienstvorgesetzte ist das auf Dauer nicht möglich, gefährdet unsere Gesundheit und widerspricht der staatlichen Fürsorgepflicht des Dienstherrn.

gez. Helmut Schuster, BSV-Bezirksvorsitzender Oberpfalz,  07.05.2015