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Der BSV zur Flüchtlingssituation

„Wir schaffen das“? – Wie bayerische Schulen das schaffen könnten…

Politiker sind uneins – der Zustrom bleibt

Selten ist ein Kanzlerwort wie das von Frau Angela Merkel in den letzten Worten so strapaziert worden wie dieser Aufruf an die Nation. Noch am 21.10.2015 bekräftigte die Bundeskanzlerin ihr Motto auf dem 23. Gewerkschaftstag der IG Metall. Deutschland müsse lernen mit dem Zustrom der Flüchtlinge umzugehen.

Mittlerweile sind nicht mehr alle zu dieser von außen gesetzten Lernaufgabe bereit. Der Grünen-Politiker Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen trat zum Entsetzen seiner Parteifreunde mit der Antwort „Wir sind überfordert!“ an die Presse.

 

Wie steht der BSV dazu?

Uns Schulleitern und Schulleiterinnen ist bewusst, dass wir mit unseren Lehrkräften vor großen gesellschaftlichen Herausforderungen stehen, die uns in Deutschland persönlich, gesellschaftlich und auch wirtschaftlich weiter beschäftigen werden. Das wird aber nur gelingen, wenn wir diese Aufgaben in einer positiv-zugewandten und offenen, menschlichen Art annehmen.

Der BSV unterstützt alle Bemühungen zur Integration von Flüchtlingen. Viele Schulleitungen der bayerischen Grund- und Mittelschulen mühen sich tagtäglich zusammen mit verschiedensten Sozialeinrichtungen, dass diese Kinder und Jugendlichen neben der unverzichtbaren und notwendigen Deutschförderung auch in ihrer Selbst- und Sozialkompetenz gestärkt und gefördert werden.

Zusammen mit den Kollegien werden hier von den Schulleitungen Konzepte vor Ort ausgearbeitet, die den Flüchtlingskindern die Integration vor Ort ermöglichen soll.

Im Verbund mit Netzwerkpartnern und Universitäten versucht der BSV Schulleitungen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, um für diese Kinder die Akzeptanz in der Gesellschaft zu verbessern und ihnen die Begegnung mit demokratischen und christlichen Werten zu erleichtern.

 

Wie sieht die Welle aus, die auf uns zukommt?

Nach neuesten Meldungen sind bis 9. Dezember 2015 schon über 1 Million Asylbewerber nach Deutschland gekommen. Damit werden unserem Land neben dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum, genügend Arbeitsplätzen, einer gesicherten Gesundheitsversorgung auch im Bildungsbereich Aufgaben erwachsen, die schwer zu meistern sind.

Selbstverständlich ist es ein Gebot der Menschlichkeit und im Grundgesetz Art. 16a verankert, politisch Verfolgten Asyl zu gewähren. Wer mit nur wenig Habseligkeiten, zu Fuß und auch mit kleinen Kindern aus der Heimat flieht, braucht unsere Hilfe und Solidarität.

Die Asylsuchenden werden nach dem „Königsteiner Schlüssel“ auf die Bundesländer verteilt, müssen dort in Erstaufnahmeeinrichtungen bis zu drei Monate wohnen, bis eine Entscheidung im Asylverfahren gefallen ist. Einer Aufenthaltserlaubnis bis zu drei Jahren folgt später eventuell eine unbefristete Niederlassungserlaubnis. In Bayern beginnt die Schulpflicht erst nach dem Verlassen der Erstaufnahmeeinrichtung, sobald also eine Aufenthaltserlaubnis vorliegt. Kinder aus den Flüchtlingsfamilien und unbegleitete Jugendliche haben dann nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, eine passende Schule zu besuchen. Je nach Geburtsdatum sind dies in Bayern also die Grund- oder die Mittelschule bis zum 16. Lebensjahr. Wenn Pässe fehlen oder gefälscht werden, wird es schwieriger: Da sitzen dann laut Ausweis 14jährige ohne Sprachkenntnisse in Mittelschulklassen, bei denen nur medizinische Gutachten beweisen könnten, dass sie eigentlich schon 20 Jahre alt oder älter sein müssten.

 

Hoffnungen auf schnelle Integration gescheitert

Früher gab es noch Hoffnungen, dass „syrische Ärzte und Ingenieure“ nur schnell Deutsch lernen müssten, um als hoch qualifizierte Seiteneinsteiger schnell integriert zu werden.

Hier ist inzwischen Ernüchterung eingekehrt: 80 % der Flüchtlinge haben eine nur geringe Schulbildung, 20% kommen sogar als Analphabeten, ohne je eine Schule besucht zu haben.

 

Kultusministerium fühlt sich zwar gewappnet

Das Bayerische Kultusministerium wirbt auf seiner Internetseite, dass für 60 000 Kinder und Jugendliche an Bayerns Schulen ausreichend Vorkurse in Deutsch, Deutschförderklassen, Deutschförderkurse und Übergangsklassen eingerichtet worden seien um so den schnellen und gründlichen Erwerb der deutschen Sprache zu ermöglichen und damit eine reibungslose Integration in Schule, Ausbildung und Arbeitsmarkt gelingt.

 

Bildungs-Finanzierung durch Staat schon bereitgestellt

Ab Januar 2016 sollen etwa 50 zusätzliche Lehrer für die seit dem 1. September 225 000 Neuankömmlinge beschäftigt werden. Zusätzlich seien im Nachtragshaushalt 32 Millionen Euro für Sprachkurse und Unterricht an Berufsschulen sowie Gastschulbeiträge für Flüchtlinge eingeplant, die üblicherweise die Kommunen tragen würden. Im Doppelhaushalt 2015/16 wären 2,2 Milliarden Euro für die Herausforderungen beim Thema Asyl eingeplant.

 

Vor welchen Schwierigkeiten stehen die Schulen?

Es geht nicht nur um die ausschließliche Förderung der Sprache Deutsch, mit der selbst unsere deutschen Kinder ihre Not haben und von Jahr zu Jahr mehr Unterstützung benötigen.

Wir brauchen auch speziell ausgebildete Lehrer, die mit entsprechender Didaktik und Erfahrung auf vielfach traumatisierte Kinder und Jugendliche treffen, ihnen bei der Bewältigung zur Seite stehen und diesen das Lernen von normalem Schulstoff und die Konzentration darauf erst wieder zu ermöglichen.

Zudem müssen Themen, die früher in Fächern wie der Heimat- und Erziehungskunde etabliert waren, wieder aktualisiert werden. Der Gang durch die Stadt, das Kennenlernen von Sehenswürdigkeiten mit ihrem geschichtlichen Hintergrund, der meist in der abendländischen Kultur verhaftet ist, die Werte unserer Gesellschaft, die Stellung von Mann und Frau, Tugenden wie Pünktlichkeit, Höflichkeit und Zuverlässigkeit müssen in das Konzept, das jede Schule vor Ort selbst erarbeiten sollte.

Hinzu kommen Schwierigkeiten mit vielen Jugendlichen aus EU-Staaten, die unfreiwillig ihren Eltern aus den Balkanstaaten hierher gefolgt sind und oft wenig motiviert dem Deutschunterricht folgen. Sie alle für den Beruf vorzubereiten ist weit mehr als die deutsche Sprache zu vermitteln.

Auch für Berufsschulen ist es schwierig, diese jungen Leute zu beschulen, da ohne Sprachkenntnisse kein Erwerb von beruflichem Wissen möglich ist.

 

Auch Betriebe erwarten gute Vorbereitung aufs Berufsleben

Schon jetzt zeigen Gespräche mit Firmen, dass sie für die Ausbildung in ihren Betrieben auf Fachkräfte von morgen setzen. „Fachkräfte“, wurde stets betont und hier stoßen selbst diejenigen engagierten Flüchtlinge an ihre Grenzen, die der deutschen Sprache bereits mächtig sind. Fachbegriffe und Fachsprache sowie die Anforderungen der jeweiligen Berufe sind neue Hürden. Überraschend ist dies nicht, denn seit Jahren ist es die Aufgabe der Mittelschulen als berufsvorbereitende Schulen unsere Jugendlichen in den einzelnen Schuljahren auf den Lehrstellenmarkt vorzubereiten.

 

 

Was Bayerns Schulen also brauchen

Deshalb wird immer deutlicher, was Grund- und Mittelschulen, aber auch Berufsschulen an denjenigen Schulorten brauchen, wo sich künftig Flüchtlinge vermehrt niederlassen:

  • Flexible Einrichtung von Auffang-, Sprachlern- und Übergangsklassen, in denen erst einmal deutsche Sprachkenntnisse auf- und ausgebaut werden
  • Mehr Lehrkräfte mit einer Ausbildung in „Deutsch als Zweitsprache
  • Lehrkräfte, die im Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen erfahren sind und von Fachpersonal flexibel unterstützt werden, auch von Sonderschulpädagogen
  • Massiv und zügig ausgebaute Lehrer-Ausbildung im Studium für die nächsten Jahre, aber vor allem jetzt schon gute Fortbildungsangebote für Lehrkräfte in den Bereichen Diagnostik und Förderung
  • Massiver Ausbau der Jugendsozialarbeit an Brennpunkt-Grund- und Mittelschulen zur Begleitung und Integration der Schüler ins Berufsleben
  • Deutlich mehr Förderlehrkräfte zur individuellen Förderung, auch in Kleingruppen, von Flüchtlingskindern
  • Flexibel erhöhte Leitungszeit für Schulleitungen, wenn während des Schuljahres Dutzende neuer Schüler die Klassen fluten und mehr Klassen gebildet, besetzt und verwaltet werden müssen
  • Flexibel erhöhte Zeit für die Verwaltungsangestellten, wenn die Klassenzahlen während des Schuljahrs steigen
  • Mehr Lehrkräfte als Spezialisten für das Sprachlernen zur Unterstützung von Betrieben, die Jugendliche mit wenigen oder keinen Sprachkenntnissen zur Ausbildung aufnehmen

 

Wer organisiert die Integration von Flüchtlingskindern vor Ort?

Hier ist auch die Schulaufsicht auf allen Ebenen gefordert, die Schulen während des Schuljahrs flexibel mit geeigneten Lehrkräften und mit mehr Leitungs- und Organisationszeit zu versorgen. Angesichts der Wellen der Schüler, die in absehbarer Zeit die bayerischen Schulen fluten, braucht es kurzfristige Hilfen, wenn die Klassenstärken plötzlich deutlich über 30 steigen. Hier hilft kein Vertrösten auf das nächste Schuljahr, während die Lehrkräfte der Reihe nach wegen Überlastung ausfallen.

Vor allem die Schulleitungen müssen flexibel reagieren können: Nicht alle 800.000 Flüchtlinge von 2015 dürfen in Deutschland bleiben. Die Zahl von geschätzten 270.000 Kinder und Jugendliche wird deshalb auch deutlich geringer werden. Bayern muss aktuell 15,5 % der Flüchtlinge aufnehmen – das sind dementsprechend aber auch nicht 40.500, sondern deutlich weniger. Bei etwa 3.300 Grund- und Mittelschulen sind das rechnerisch also nur 10 Kinder und Jugendliche pro Schule – zu Aufregung kein Anlass? Die Welle an Flüchtlingen und deren Verteilung wird aber sicherlich nicht gleichmäßig erfolgen, sondern je nach Arbeitsplatz- und Wohnungsmarkt sehr unterschiedlich. Wir brauchen also vor allem flexible Lösungen durch flexible Schulleitungen vor Ort, die von Kommunen, Jugend- und Sozialämtern und der Schulaufsicht je nach Bedarf unterstützt werden.

Dann könnten die bayerischen Schulen das schaffen….

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