Wirtschaftsschulen gefährden Regel-Mittelschulen

Beim 16. Tag der bayerischen Wirtschaftsschulen hat das Kultusministerium der Lobby der Wirtschaftsschulen eine weitere Stärkung der Wirtschaftsschulen und der beruflichen Bildung zugesagt. Dabei gehe es um Vermittlung von Alltagskompetenzen und Vorbereitung auf eine erfolgreiche Berufstätigkeit in Wirtschaft und Verwaltung mit ökonomischem Wissen. Schwerpunkt seien dabei die Vermittlung von unternehmerischem Denken und entsprechenden Kompetenzen. So sollen die Fächer Wirtschaftsgeographie, Übungsunternehmen, Geschichte und Sozialkunde stufenweise bilingual unterrichtet werden. Ziel soll nach wie vor sein, ab 2020/2021 eine dauerhafte eingeführte Wirtschaftsschule ab der 6. Klasse in ganz Bayern zu ermöglichen. Wir vom BSV haben erhebliche Einwände und Bedenken an dieser Zielsetzung!

Wir Mittelschulleiter erinnern uns noch gut, als die Wirtschaftsschulen als echte berufsbildende Schulen die Schüler erst nach dem Hauptschulabschluss aufgenommen haben und dabei insbesondere bei Bewerberüberangeboten oft sogar einen „Numerus clausus“ bis 2,0 geltend gemacht hatten. Wenn in den letzten Jahren angesichts des Bewerbermangels und fehlenden Bewerbern für viele Ausbildungsberufe die Wirtschaftsschulen schrittweise schon mit der 8. und zuletzt sogar mit der 7. Jahrgangsstufe begonnen haben, sehen wir einen klaren Zusammenhang damit, dass die Wirtschaftsschulen die für ihre Existenz notwendigen Schüler schon früher an sich binden wollen, weil sie mit ihrem Angebot nach dem allgemeinen Schulabschluss vielleicht keine Klassen mehr zusammenbringen könnten.

Ist unserem Kultusministerium bewusst, dass in den letzten zehn Jahren schon ca. 170 Mittelschul-Standorte geschlossen wurden? Warum wurden in der gleichen Zeit die Wirtschaftsschulen in die unteren Jahrgangsstufen sukzessive ausgebaut? Nach unserer Vorstellung sind Wirtschaftsschulen berufsbildende Schulen, die nach dem mittleren Schulabschluss die Schüler für kaufmännische und moderne Büroberufe ausbilden. Die nur im deutschen Sprachraum übliche, extrem frühe Aufteilung der Schülerjahrgänge nach der 4. Klasse in ein dreigliedriges Schulsystem hat viele Nachteile, die mit dem zusätzlichen Angebot bereits für die 6. Jahrgangsstufe für die Mittelschule als dem offensichtliche Verlierer dieser Aufteilung an vielen Standorten existenzgefährdend ist. Es war ein großer Vorteil Bayerns, dass sich bei uns die Hauptschule nicht als Restschule endgültig verabschiedet hat, warum will man das nun gefährden?

Objektiv treten die Wirtschaftsschulen mit so einem frühen Beginn in Konkurrenz zu den Mittelschulen. Wir hören schon Stimmen aus den Kreisen von Mittelschul-M-Standorten, dass dann bitte auch die M-Klassen ab der 6. Jahrgangsstufe beginnen sollen. Und wer denkt dabei daran, dass damit der Mittelschule als Regelschule mit dem von der Wirtschaft gewünschten Output für die meisten qualifizierten Ausbildungsberufen das Wasser abgegraben wird und ihr das Ausbluten droht, wie es in vielen Bundesländern geschehen ist, an denen es eine entsprechende Schulform für diese „Hauptschul“-Klientel nicht mehr gibt? Hat man ganz vergessen, dass der Name Hauptschule vor 40 Jahren so gewählt wurde, weil der größte Teil der Schüler dort hingehen sollte?

Wer auch nur ein bisschen Ahnung vom Wissen und Können von Fünftklässlern hat und ihr Leistungsvermögen und ihre Motivationslage kennt, wird sehr schnell einsehen, dass der Anspruch einer berufsbildenden Schule für dieses Alter völlig verfehlt ist. Hier braucht es eine gründliche Allgemeinbildung, gediegene Sozialerziehung und umfassende Kompetenzen wie es eine allgemeinbildende Schule wie die Mittelschule mit ihren bestausgebildeten sozialpädagogisch orientierten Lehrkräften für ca. ein Drittel der Schüler eines Jahrgangs anbietet. Warum man hier noch eine vierte Säule daneben setzen will, dafür mag es Gründe geben, aber keine sachlogischen unseres bewährten dreigliedrigen Schulsystems.

Wir plädieren energisch gegen den zusätzlichen Ausbau der deutlich teureren  Wirtschaftsschulen in kindliche Jahrgangsstufen. Wir bezweifeln auch, dass es eine Schülerklientel gibt, die im Alter von zwölf Jahren von bilingualem Fachunterricht mehr profitiert als von Unterricht, der die Lese-, Sprach-, mathematischen  und Denkkompetenzen grundlegend fördert. Erst recht glauben wir nicht, dass die Wirtschaftsschule Schüler anspricht, die ein Übertrittszeugnis mit der Eignung für das Gymnasium oder die Realschule erfüllen oder dort einen Probeunterricht bestanden haben.

Die Wirtschaftsschulen sollen als berufliche Fachschulen ausgebaut werden, nicht der Mittelschule Konkurrenz machen. Wir regen die Schulleiter an, bei bevorstehenden Schließungen von Mittelschulen jeweils auch das Kultusministerium und Landtagsabgeordnete einzuladen. Wir wissen, wie gerne diese zu große Feiern bei Schulöffnungen und Neueinrichtungen kommen, sie sollten nicht sich nicht zu schade sein, auch bei Schulschließungen aufzutauchen und wahrzunehmen, was aus den Schulen und insbesondere aus den Schülern wird, die diese Schulen gebraucht hätten.

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