Wichtiger Hinweis zu den PositionenManche Positionen werden vom Landesvorstand bayernweit vertreten und sind entsprechend gekennzeichnet. Andere Positionen sind Meinungsäußerungen einzelner Mitglieder des bsv mit deren Gedanken und Anregungen, die zur Diskussion einladen. Entsprechend sind diese mit dem Namen des jeweiligen Autors versehen.

Bessere Unterrichtversorgung an den Grundschulen

Bessere Unterrichtversorgung an den Grundschulen – ja, unbedingt! Aber nicht auf den Rücken der hochbelasteten Lehrkräfte!

Der BSV erkennt alle Bemühungen des Kultusministeriums an, die Unterrichtsversorgung an den Grund-, Mittel und Förderschulen zu sichern und zu verbessern. Schließlich ist das eine der wichtigsten Aufgaben des Schulministeriums und es ist ganz im Interesse der Schulleiter, dass genügend Unterrichtsstunden für einen hochwertigen Unterricht in allen Bereichen zur Verfügung stehen. 

Last auf dem Rücken
Bild von Bernhard Stärck auf Pixabay

 

Wir anerkennen auch das Bemühen, in allen Schreiben an die Lehrkräfte die eingeräumten Zumutungen so zu begründen, dass sie auf Verständnis und Zustimmung stoßen können. Und dennoch wendet sich der BSV gegen alle Maßnahmen, die nicht auf Freiwilligkeit und Einsicht sowie frühzeitige Information beruhen.

  • Beim momentanen katastrophalen Lehrermangel insbesondere in den Grundschulen ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass sich einzelne geplante Maßnahmen kontraproduktiv auswirken und den Lehrermangel sogar noch verschlimmern. Es ist eine Tatsache, dass sich tagtäglich viele Lehrkräfte beim Bemühen um den Erhalt der Unterrichts- und Schulqualität aufreiben, weil sie ständig Vertretungen schieben müssen und durch sehr schwierige Erziehungssituationen im Umfeld von Inklusion und Integration aufs Äußerste gefordert sind. Oft schleppen sich Lehrkräfte trotz miesen Gesundheitszustandes noch in den Unterricht, weil sie ihre Klasse und die Schulleitung beim Einteilen der Vertretungsstunden nicht im Stich lassen wollen.
  • Das steht zur Disposition, wenn sie jetzt angesichts ihrer oft großen Doppelbelastung in Beruf und in der Familie zu einer höheren Unterrichtspflichtzeit genötigt sehen, der sie sich persönlich vielleicht nicht gewachsen fühlen. Viele Schulleiter fürchten nicht zu Unrecht, dass sich die Krankheitsmeldungen dadurch deutlich erhöhen können, denn natürlich führt Überlastung zu Krankheit.
  • Selbstverständlich gibt es auch einen Zusammenhang damit, dass 60 % der Grundschullehrkräfte in Teilzeit arbeiten, weil nämlich ca. 90 % der Lehrkräfte Frauen sind, die diesen Beruf u.a. wegen der Teilzeitmöglichkeiten und ihrer gewünschten Rolle als Mutter in der Familie überhaupt erst ergriffen haben.
  • Man darf sich fragen, auch wenn das Thema schon mehrere Jahrzehnte alt ist, warum nicht mehr Männer diesen wunderbaren Beruf ergreifen. Vielleicht liegt es einfach daran, dass man als Grundschullehrkraft in Vollzeit zwar deutlich mehr Unterrichtstunden halten muss, dafür aber auch viel weniger Geld verdient. Wie kann es sein, dass ausgerechnet in Berlin, Nordrhein-Westfalen und neuerdings auch Hamburg, die im Länderfinanzausgleich Länder sind, die aus Bayern Milliarden € bekommen, ihre Grundschulkräfte mit A 13 bezahlen bzw. bezahlen wollen, und wir hier in Bayern dies lediglich zweifach beförderten, besonders gut beurteilten Lehrkräften als Studienräte zugestehen?
  • Wir meinen, dass die Erhöhung des Pflichtstundenmaß auf 29 Stunden mit einer zusätzlichen Stunde für ein Arbeitszeitkonto überhaupt nicht geht. Will man so zusätzliche junge Lehrkräfte in ein Studium locken, wenn man in Vollzeit 29 Wochenstunden machen muss, während man an anderen Schularten nur 26 oder 24 Stunden zu leisten hat, dafür aber von vornherein in A 13 eingestuft wird mit der realistischen Chance, als tüchtige Lehrkraft bis nach auf A 15 zu kommen?
  • Eine Erhöhung der Pflichtstundenzahl auf 29 bringt uns keine einzige Lehrkraft mehr, im besten Fall einzelne Unterrichtsstunden. Sie gilt ja dann auch für die Funktionsstellen, also die Schulleiter und Konrektoren, und wir ahnen schon, dass das vielleicht mit einer zusätzlichen Leitungsstunde aufgefangen werden soll. Das wäre viel zu wenig und unredlich, denn die Aussicht, in fünf oder zehn Jahren die Stunde zurückzubekommen, kann heute niemand trösten. Und im Übrigen wird sich bei den allermeisten Grundschullehrkräften, die ja eine familienbezogene Teilzeit wählen, diese Erhöhung gar nicht auswirken, sie bekommen eben nur weniger Geld.
  • Ist der Lehrermangel im Grundschulbereich nicht auch darauf zurückzuführen, dass dieses Lehramtsstudium deutlich weniger begehrt war und ist als das für Realschulen und Gymnasien? Wir wiederholen gerne aus unserer BSV-Presseerklärung: Wenn Lehrkräfte an diesen Schularten fehlten, so deshalb, weil diese im Vergleich zu den Kolleginnen und Kollegen der anderen Schularten weniger verdienten und gleichzeitig die höchste Unterrichtsverpflichtung hatten. Außerdem seien an Grund- und Mittelschulen die pädagogischen Herausforderungen anerkanntermaßen die größten.
  • Trotz der damit verbundenen Bemühungen sind wir sehr froh und dankbar für die mittlerweile 1400 Lehrkräfte, die ursprünglich die Ausbildung zum Realschul- oder Gymnasiallehrer* gemacht haben und die für die Grund- und Mittelschulen umgeschult wurden. Das ist natürlich hundertmal besser als das, was in anderen Bundesländern stattfindet, in denen Personen ohne jegliche Lehrerausbildung auf Kinder und Klassen losgelassen werden und es nur ein Glücksfall sein kann, wenn das gut geht.
  • Insbesondere für verdiente Lehrkräfte mit oft um die 40 Dienstjahren, die sich auf eine Pensionierung nach dem 64. Lebensjahr auch mit Abzügen eingestellt hatten, ist die Aussicht, nun noch ein oder gar zwei Jahre länger arbeiten zu müssen, alles andere als gesundheitsförderlich. Es geht nicht um den Erhalt von Beamtenprivilegien, sondern um eine berechenbare, vorhersehbare Lebensplanung. Eine Wirksamkeit noch im gleichen Schuljahr, in dem so ein Antrag gestellt wird, lehnen wir ab. Das Mindeste wäre eine längere Vorlaufzeit solcher Ankündigungen gewesen.
  • Selbst auf das Sabbatjahr hätte man zunächst nur auf freiwilliger Basis verzichten sollen, denn die Lehrkräfte, die sich darauf eingestellt haben und die genau wissen, warum sie auf ein ganzes Jahr Gehalt verzichten, fühlen sich im Gegensatz zu den Lehrkräften anderer Schularten hier zu Recht benachteiligt.
  • Statt solcher Zwangsmaßnahmen hätten wir uns gut vorstellen können, dass sich viele Kollegen auch zu solchen Modellen überreden lassen, wenn man ihnen frühzeitig konkrete Angebote z. B. mit Anrechnungsstunden und anderweitigen Entlastungen oder zusätzlichen finanziellen Anreizen gemacht hätte. Wir fragen uns, wie das andere Bundesländer machen, die solche Zwangsmaßnahmen für eine ganz bestimmte Lehrerklientel nicht durchführen, obwohl bei ihnen der Lehrermangel noch deutlich größer ist als in Bayern.
  • Auch gibt es bei uns Überlegungen, wie man Lehrkräfte dadurch einsparen könnte, dass nicht so viele tausend Klassen mit Schülerzahlen zwischen zwölf und 15 eingerichtet werden, aber gleichzeitig mindestens ebenso viele mit über 25 Schülern eingerichtet werden und das an der gleichen Schulart! Der BSV hat sich klar für Schulverbünde ausgesprochen, die einerseits wohnortnahen Unterricht gewährleisten, andererseits aber solche Ungerechtigkeiten verhindern, dass eine Lehrkraft mehr als doppelt so viel Schüler zu unterrichten hat wie eine andere, die das gleiche Geld dafür kriegt.
  • Wir anerkennen, dass die Staatsregierung bereits im letzten Schuljahr die Erhöhung der Ausbildungszahlen für das Lehramt an Grundschulen an den Universitäten um 700 Stellen beschlossen hat. Bis allerdings die Lehrkräfte voll ausgebildet zur Verfügung stehen, vergehen im Durchschnitt 5-6 Jahre und erst dann wird in den neuen Bedarfsprognosen eine Erleichterung in Aussicht gestellt.
  • Wenn allerdings die Bevölkerungszahlen sich weiterentwickeln, wie wir es in den letzten fünf Jahren hatten, wird es genau damit wieder nichts und wir dürfen den letzten Prognosen 2019 genauso trauen wie denen aus den Jahren 2010 und 2014, bei denen die Voraussage für die vergangenen 10 Jahre allein für die Grundschulen entsprechend den Diagrammen unten ein Mehrbedarf für ca. 80.000 Schüler vorliegt. Dafür benötigt man bei einer vernünftigen Lehrer-Schüler-Relation gut und gerne 6000 zusätzliche Lehrkräfte in Vollzeit! Und dabei scheiden zurzeit die stärksten Lehrerjahrgänge aus, die es je gab, und die die Anstellungszahlen der neu ausgebildeten Grundschullehrkräfte weit übertreffen.
  • Prognose 2010:
    Schülerzahlen Prognose 2010
  • Prognose 2019:
    Schülerzahlen Prognose 2019
  • Es kommt natürlich noch dazu, dass wir einen ungeheuren Mehrbedarf haben für den Ausbau der Ganztagsangebote an den Grund- Mittel- und Förderschulen, für die zusätzlichen Inklusionsaufgaben, und ganz besonders natürlich auch für die zusätzlichen Bedarfe durch zehntausende Schüler, die aus Elternhäusern kommen, in denen nicht Deutsch oder kaum Deutsch gesprochen wird und die in der Schule zusätzlichen Förderbedarf beim Erlernen der Unterrichtssprache haben.
  • An dieser Stelle soll und muss auch ganz klar gesagt werden, wer für diesen unvorhersehbaren Schülerzuwachs die Verantwortung trägt und warum bis jetzt nicht rechtzeitig gegengesteuert wird. Wenn Millionen Menschen als Migranten oder Asyl- und Schutzsuchende zusätzlich nach Deutschland kommen und mit ihnen dann hunderttausende Kinder zusätzlich ins Schulsystem, hat man hier analog zu der Problemlage mit den fehlenden Wohnungen und den steigenden Mieten rechtzeitig dafür zu sorgen, dass genügend Erzieherinnen und Erzieher in den Kindertagesstätten und auch Lehrkräfte in den Schulen zur Verfügung stehen. Wenn man das aber nicht schafft, wie sollen es dann die hart arbeitenden Lehrkräfte schaffen? Die Entwicklung ist ja keineswegs abgeschlossen, man rechnet immer noch Jahr für Jahr mit einem Bevölkerungszuwachs von über 400. 000 Menschen aus EU-Ländern und Nicht-EU-Ländern durch den „Wanderungssaldo“ wie z.B. im Jahr 2018 aus 1,59 Millionen Zuwanderern und 1,19 Millionen „Abwanderern“ (welt.de, 08.01.20). In den vier Jahren vorher war dieses „Zuwandererplus“ bei offenen Grenzen noch deutlich höher. Wer glaubt, dass im Jahre 2030 ein riesiger Lehrerüberschuss in Deutschland herrschen wird, der wird bestimmt auch an die alten Prognosen geglaubt haben, die nun fast im sechsstelligen Bereich so katastrophal daneben liegen.

Manches an dem Schreiben unseres Kultusministeriums finden wir auch im Internet unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Lehrermangel

Hier finden wir folgende Formulierung: Zu den möglichen Maßnahmen, einen akuten Mangel an Lehrkräften zu beheben oder zu überbrücken, gehören – in Absprache mit den betreffenden Lehrkräften – die Erhöhung der Stundenzahl teilzeitbeschäftigter Lehrer oder eine Weiterbeschäftigung ruhestandsfähiger Lehrer. Eine weitere Möglichkeit ist die Beschäftigung von Seiteneinsteigern,…“

Wie gesagt, wir sind froh, dass wir in Bayern den Problemen nicht mit tausenden „Seiteneinsteigern“ und „Wiederbelebung von Pensionisten“ begegnen, aber es auf den Rücken der höchstbelasteten Lehrkräfte zu tun, kann auch nicht die Lösung sein.

Wenn wir Schulleiter Lehrkräfte überzeugen können, im Interesse unserer Schüler, Eltern und Lehrerkollegen eine höhere Unterrichtszeit auf sich zu nehmen oder noch mehr Schuljahre zu machen, tun wir das gerne, aber nur im Bewusstsein, dass wir sie dadurch nicht überlasten und deswegen legen wir Wert darauf, dass das wie in der Wikipedia-Formulierung steht, in Absprache mit den Lehrkräften geschieht.

Was wir in dieser Notsituation überhaupt nicht verstehen, ist die Tatsache, dass die externe Evaluation nicht noch zwei oder drei weitere Jahre ausgesetzt wird, wenn denn der Lehrermangel so groß ist. Die externe Evaluation kostet neben viel Geld mit Sicherheit wieder sehr viele Lehrerstellen. Aber lieber quetscht man aus den belasteten Lehrkräften noch mehr heraus, als dass man einfach eine aufwandsarme interne Selbstevaluation für echte Qualitätssteigerung der selbstlernenden Schule favorisierte.

Aus Schulleiterkreisen und auch von vielen Eltern kommen Vorschläge, Unterrichtsstunden einzusparen und zwar jeweils die dritte Religionsstunde in der 2. , 3. und 4. Jahrgangsstufe. Das wäre bayernweit ein erhebliches Einsparpotential in Zeiten, in denen Lehrerstunden gespart werden müssen, ohne die Fachziele dieses Unterrichts zu gefährden, den jeweils ja nur ein Teil der Schulklasse besucht und der schulorganisatorisch und vertretungsmäßig insbesondere bei den Regelklassen am Schulvormittag häufig große Schwierigkeiten bereitet. Im Vergleich zu anderen Bundesländern wären auch nach Einsparung von drei Religionsstunden in den Jahrgangsstufen 2 bis 4 die Bayern diesbezüglich immer noch gut aufgestellt.

Wenn das Kultusministerium und die Staatsregierung mittel- und langfristig die Situation an den Pflichtschulen wirklich verbessern will, wird sie gegenüber anderen Bundesländer nachziehen und die Lehrkräfte nach A 13 (FL nach A 12, FöL nach A 11) bezahlen und bei den Funktionsstellen ganz klar den nötigen Abstand herstellen, der auch zu beförderten Studienräten mindestens eine Besoldungsstufe betragen muss, damit überhaupt noch ein finanzieller Anreiz besteht, die Herausforderung in der Schulleitung unter diesen schwierigen Bedingungen anzunehmen.

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Etwas zum Schmunzeln: