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Parlamentarischer Abend am 22.02.2006

Sonntag, 03 Februar 2008

Parlamentarischer Abend am 22.02.2006 in München
BSV erntet Verständnis, kritisiert aber fehlende Taten

(swo) Die Anwesenheit vieler Mitglieder des bildungspolitischen Ausschusses der CSU-Landtagsfraktion am 22. Februar 2006 in München mit der stv. Fraktionsvorsitzenden Renate Dodell und dem Vorsitzenden des Bildungsausschusses im Landtag, Prof. Dr. Gerhard Waschler, demonstrierte nicht nur bloßes Interesse an der Position des Bayerischen Schulleitungsverbandes. Sie signalisierte vor allem die Bereitschaft zur ernsthaften Auseinandersetzung mit den brennendsten Themen bayerischer Schul- und Bildungspolitik im Gespräch mit 50 Schulleiterinnen und Schulleitern aus dem Grund-, Haupt- und Förderschulbereich.

 

„Seit über 30 Jahren bemüht sich der Bayerische Schulleitungsverband als einziger Lehrerverband in Bayern in dieser Intensität um die Verbesserung der Situation der bayerischen Schulleiter (Schulleiterinnen stets eingeschlossen) an Volks- und Förderschulen und um die Veränderung der schulpolitischen Rahmenbedingungen zu Gunsten des Kindes ...“ So begrüßte der stv. Landesvorsitzendes des BSV, Siegfried Wohlmann, die Gäste und Kollegen. Gewachsene Aufgaben und gewachsene Verantwortung bei gebliebenem Entscheidungsradius und völlig ungenügender Leitungszeit hätten die Schulleitungen an den Rand der Erträglichkeit und des Machbaren gebracht. „Die unabdingbare Konsequenz auf die Erfordernisse der Zeit hat nicht stattgefunden: Die Angleichung der Arbeitszeit der SL der VS und FöS an die Unterrichts- und Leitungszeit der Realschulrektoren und Gymnasialdirektoren.“ Der Appell heiße, die Politik hat Bedingungen zu schaffen, die es ermöglichen, auf eine künftige Gesellschaft hinzuarbeiten, die tragfähig ist, weil sie in Arbeit steht und den Art. 131 der Bayer. Verfassung kennt und lebt.
Psychische und physische Überbelastungen seien erste Ursache für viele vorzeitige Anträge auf Ruhestand bzw. Vorruhestand. Wohlmann erinnerte an die Fürsorgepflicht des Dienstherrn, der sie in frappierender Art nicht mehr wahrnehme.
In ihrem umfangreichen, detaillierten und begründeten leidenschaftlichen Vortrag umriss die Landesvorsitzende des BSV, Brigitte Hofmann-Koch, die Gesamtsituation.
Als oberstes Ziel formulierte sie: „Wir brauchen gute Schulen, deren Motor die Schulleitung ist. Innovation, Personalführung und Gesamtorganisation wie Qualitätssicherung und –steigerung hängen von einer gut „funktionierenden“ Schulleitung ab. Deshalb müssen die Rahmenbedingungen entscheidend verbessert werden – durch die Politik!“
In den vergangenen Jahren habe man der Schulleitung zahlreiche zusätzliche Aufgaben beschert: Neue Lehrpläne, neue Fächer, neue Zeugnisse, teils nicht nachvollziehbare Datenerfassung, dienstliche Beurteilung ... Aber die Zeit zur Erledigung, zum guten Vollzug zu geben, die Leitungszeit, die an RS und Gymnasien wie selbstverständlich seit Jahrzehnten gegeben ist, hat man vergessen.
Den Auftrag der Staatsregierung nach Einsparungen könne der BSV im Grundsatz verstehen; der Verband sage ja zur intensiven Suche nach Rückschritten beim Wildwuchs von Bürokratie und Verwaltung und bejaht die Kürzung von Fördermitteln für exotische Randbereiche. Aber an einer der wichtigsten Kernaufgaben, der Investition in Bildung, dürfe nicht gespart werden.
Der BSV sei auf gutem Weg, Schule und Bildung neu zu denken, modernes Management einzubringen und Qualität an Schule zu gestalten. „Doch wenn Aufbruchstimmungen keine Nahrung erhalten, ist Lethargie vorprogrammiert, weil die Kraft nachlässt und zu Ende geht,“ wurde die Landesvorsitzende überdeutlich. Das könne nicht im Sinne der Staatsregierung und erst recht nicht im Sinne der Bildungschancen für unsere Kinder sein. Könne das die Politik verantworten?, war nicht nur eine rhetorische Frage.
Aus dem KM töne es immer wieder, für Schulen seien neue Kapazitäten geschaffen worden und würden geschaffen. Was aber komme bei den Schulleitungen an? Wo bleibe die deutliche Erweiterung der Leitungszeit, ohne die der Anspruch der bayerischen Staatsregierung schlicht verpuffe?
Seit Jahren hätten die SL Vorleistungen bis zum Rand der Machbarkeit erbracht, nun sei es Zeit, Versprechen einzulösen. Kritisch fragte die Vorsitzende, wie viele Mandatsträger sich die Mühe gemacht hätten, die Vielzahl von Aufgaben der SL genauer zu betrachten!
Man könne nicht gleichzeitig Unterricht halten und Unterricht besuchen, nicht gleichzeitig Klassenleiter sein und Kontakte zu außerschulischen Partnern pflegen, nicht gleichzeitig Schüler und Eltern beraten und Kollegen begleiten, beraten, motivieren und beurteilen!
Es verwundere nicht, dass es immer schwieriger werde, Schulleiterstellen qualifiziert – wenn überhaupt – zu besetzen. Die Fakten widersprächen den verbalen Beteuerungen der Politik und hielten Bewerber ab. So könne man keine Qualitätsarbeit leisten. Und die braucht eben Zeit! Gute Ergebnisse kämen nur mit guter Leistung zustande!
Die Forderungen des BSV seien (seit drei Jahrzehnten, Anm.d.Red.):
Bayerns SL an Grund-, Haupt- und Förderschulen brauchen dringend die rechtliche Stellung, die ihrer Verantwortung entspricht. Das bedeutet die Übertragung des Dienstvorgesetzten ohne Wenn und Aber.

  • Die SL brauchen die Gleichstellung mit den Leitern von Realschulen und Gymnasien
  • Die Schulen brauchen gut ausgebildete Konrektoren mit eigenem Stundendeputat.
  • Grund-, Haupt- und Förderschulen wie deren Leiter brauchen als echte Hilfe Verwaltungsangestellte, die im Bereich der Arbeitszeit denen an anderen Schularten gleich gestellt sind.

Die nur von den SL mit viel Beifall bedachte engagierte Rede endete mit der Feststellung, die sogar manche Abgeordnete aufhorchen ließ: „Schulleiter werden tagtäglich zerrieben zwischen Unterrichtstätigkeit und Leitungstätigkeit. Seit vielen Jahren haben wir Zusatzaufgaben übernommen, deren Auflistung inzwischen Seiten füllt. Zeit fehlt immer, so manches bleibt auf der Strecke, manche Kollegen resignieren, viele werden durch Krankheit gehindert, ihren Dienst bis zur Pensionsgrenze zu erfüllen. Verhelfen Sie uns zu Arbeitsbedingungen, mit denen wir Bayerns Schulen gesund voranbringen können. Bayerns Schüler und Schülerinnen, die zukünftigen Wähler und Wählerinnen werden es Ihnen danken.“
In einer ersten direkten Antwort, in der die stv. Fraktionsvorsitzende der CSU-Landtagsfraktion, Renate Dodell, für die Einladung zum Gedankenaustausch dankte, berichtete sie über das Treffen der CSU in Wildbad Kreuth: Man beriet über strukturelle Voraussetzungen des Haushalts, das beinhaltete auch notwendige Sparmaßnahmen für einen ausgeglichenen Haushalt. Um Kernaufgaben wie Bildung zu erfüllen, müsse an anderer Stelle gespart werden. Selbstverständlich anerkenne man die Schlüsselrolle der Schulleitung, deren Anliegen sehr berechtigt seien.
Auch kleinere Maßnahmen im Bildungsbereich würden einen enormen Aufwand bedeuten. Die Arbeit der Verwaltungsangestellten aller Schularten müsse ebenso auf den Prüfstand wie die Arbeitszeit der bayerischen Schulleiter. Sie bat in diesem Zusammenhang um Einsicht in das vom BSV in Auftrag gegebene wissenschaftliche Gutachten nach Fertigstellung.
Zum Übertrittsverfahren finde im April eine Anhörung statt. Die Arbeitsgruppe innerhalb des AK Schule und Bildung, dem die BSV-Vorsitzende Brigitte Hofmann-Koch und die Stellvertreter Werner Sprick und Siegfried Wohlmann angehören, hat einen Änderungsvorschlag unter Leitung von Rektor Reinhold Carli erarbeitet. Gute Ideen sollten umgesetzt werden.
Bildungsausschussvorsitzender Prof. Dr. Gerhard Waschler sprach von Rahmenbedingungen, die manches ermöglichen, anderes nicht. Schulleiter stünden an einer der verantwortungsvollsten Stellen. Nach den Ergebnissen der PISA-Studien befänden sich unsere Schulen auf hohem Niveau. Das sei mit ein Verdienst der Schulleiter. Diese Tatsache müsse bleiben. Deshalb müsse auch die Auswahl bei Bewerbungen um eine SL-Stelle optimiert werden. Gute Fortbildungen seien ein weiterer Baustein für Qualität. Gefragt sei verstärkt die Kreativität der SL; weitere Aktivitäten auf die Leitungsebene zu verlagern, sei richtig, aber ebenso wichtig sei eine zeitliche Entlastung, die allerdings kurzfristig zu Gunsten der Förderung von Kindern nicht realisierbar sei (was den Unmut der anwesenden SL hervorrief! Anm.d.Red.). Eine Reduzierung der Bürokratie mahnte Waschler mit Blick auf seine Landtagskolleginnen und –kollegen an.
In Bezug auf die Lehrerausbildung solle nach dem Willen der Bildungspolitiker das Staatsexamen erhalten bleiben. Bachelor und Master seien als Zusatzqualifikation zu verstehen.
Die Zahl der Förderlehrkräfte und der Schulpsychologen werde wohl nicht erhöht, weil die Zahl der betreuenden Kinder den Ausschlag gibt (Anm.d.Red.: Das war für die SL angesichts der immer schwieriger werdenden Schüler nicht nachvollziehbar!). Gleichwohl werde eine zweite Ausbildungsstätte für FöL in Südbayern entstehen.
Gemäß den Zuteilungsrichtlinien seien Schwerpunkte zu setzen, Geld in Bildungsetat effektiver zu investieren und zu verteilen, im VS-Bereich seien derzeit alle Stellen besetzt, im RS- und Gymnasialbereich fehlende 245 noch zu besetzen.
Die Leitungszeit müsse unabhängig von der Schulart zur Verfügung stehen, beendete Prof. Waschler seine Ausführungen.
In der lebhaften und lang dauernden Diskussion nahmen sich die Schulleiter kein Blatt vor den Mund. Reinhold Carli stellte lapidar, gleichwohl mit Vehemenz und Verärgerung fest, dass in den letzten 20 Jahren seiner Zeit als Mitarbeiter im AK Schule und Bildung bei der Ausstattung der Schulen mit Leitungszeit und Verwaltungsangestellten fast nichts geschehen sei. Immer mehr Versager an HS und Steigerungen von Depression und Aggression ließen keine Zeit mehr zum Nachdenken und Diskutieren. Es müsse jetzt gehandelt werden!
Fehlende Poolstunden, die nicht sachgerechten Übertrittsbestimmungen, die massive Zuteilung von Intensivierungsstunden an Gymnasien waren ebenso Gesprächspunkte wie die ungenügende Zahl an Stunden des mobilen sonderpädagogischen Dienstes und die aus allen Nähten platzenden Realschulen mit eklatanten Nachteilen für das einzelne Kind.
Beide Seiten versicherten, im Gespräch bleiben zu wollen und zu müssen, Verständnis wurde geäußert, nur – Bayerns Schulleiter hätten nunmehr endgültig „die Nase voll“ von Äußerungen ohne Konsequenzen.