Fortbildung zur Inklusion

Montag, 14 März 2011

Bildung für alle – Herausforderungen für unsere Gesellschaft
oder
Auf dem Weg zu einem inklusiven Schulsystem
von Univ.-Prof. Dr. Reinhard Lelgemann

 

Mit Prof. Dr. Reinhard Lelgemann konnte für den Bayerischen Schulleitungsverband Landesgeschäftsführer Siegfried Wohlmann in einer zweiten bayernweiten Veranstaltung am 03. Februar in Nürnberg einen der besten Kenner des Schulsystems und der Thematik „Inklusion“ vor fast 50 Kolleginnen und Kollegen aus Kindertagesstätten, Kindergärten und Schulen und die Abgeordnete Margit Wild, MdL, aus Regensburg begrüßen.

Der Inhaber des Lehrstuhls Sonderpädagogik II an der Universität Würzburg nahm kurz Stellung zum politischen Auftrag und zu vermeintlichen Visionen, beleuchtete die gegenwärtige Situation im Bundesgebiet und international, gab seine Perspektiven aus persönlicher Sicht zur Kenntnis und zeigte integrative und inklusive Handlungsmöglichkeiten auf.

Auf der Basis des Art. 24 „… dass die Vertragsstaaten das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung anerkennen … und Menschen mit Behinderungen ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen und ihre Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen können …“ beleuchtete er die praktische Umsetzung.

Im Sinne der VN-Konvention (Konvention der Vereinten Nationen) wird nicht mehr differenziert in Menschen mit anerkanntem sonderpädagogischen Förderbedarf oder einer Schwerbehinderung und Menschen mit einer Störung des Sozialverhaltens. Es wird keine konkrete Aussage getroffen zur Gestaltung der länderspezifischen Schulsysteme. Es wird ein offener Auftrag zur Entwicklung eines inklusiven, allgemeinen Bildungssystems erteilt, dem die Bundesrepublik Deutschland und alle Bundesländer zugestimmt haben.

Prof. Lelgemann führte zahlreiche Beispiele auf, die zeigen, dass schulische Integration und Inklusion gelingen können. Zahlreiche Forschungsergebnisse im deutschen Sprachraum benennen Bedingungen, auch für Schüler mit herausforderndem Verhalten: Kleinere Klassengrößen, Zwei-Pädagogen-System, Sonderpädagogen im Schulteam, Möglichkeit zur Kooperation mit weiteren besonderen Fachdiensten, enge Kooperation mit den Eltern, klare schulinterne Regeln. Die meisten Schüler mit körperlichen Beeinträchtigungen würden bereits integriert unterrichtet.


Demgegenüber gäbe es auch Schwachstellen, Unsicherheiten und Unklarheiten. 

Z.B. bestünde eine wenig ausgeprägte Bereitschaft allgemeiner Schulen, Kinder mit Lernbeeinträchtigungen aufzunehmen. Daneben behinderten unklare Aufträge in den Schulordnungen, aus dem ISB, dem KM, aus der Schulaufsicht eine erfolgreiche Arbeit. Zudem stünden derzeit noch zu geringe finanzielle und personelle Ressourcen zur Verfügung. Informationen aus bereits „funktionierenden Inklusionsschulen“ wären hilfreich.

Ein Ergebnis daraus sei eine hohe Rücküberweisungsquote, obwohl Eltern sich sehr für die schulische Integration auch eigeninitiativ eingesetzt hätten.

Im internationalen Vergleich sei festzustellen, so Lelgemann, dass viele industrialisierte Staaten bereits in den 70-er Jahren integrative Schulangebote entwickelten und die Forschung diesen Prozess differenziert begleitete.

Perspektiven aus persönlicher Sicht von Prof. Lelgemann stellten sich so dar:

  1. Der Wunsch, in der sozialen Gemeinschaft zu leben, ist nicht hinterfragbar.
  2. Unser Schulsystem hat diesem Gedanken zu entsprechen. Aber es ist das Schulsystem, nicht unbedingt die einzelne Schule.
  3. Wie schulische Integration oder Inklusion organisiert werden, sollte auch auf der Grundlage der spezifischen historischen Strukturen geschehen.
  4. Unser Schulsystem ist hoch selektiv und widerspricht damit dem Grundgedanken der VN-Konvention.  Deshalb besteht ein Bedarf, unser Schulsystem weiter zu entwickeln.
  5. Diese Weiterentwicklung muss vorhandene Erfahrungen gelingender schulischer Integration ebenso berücksichtigen wie die Lehren aus gescheiterten Integrationsbemühungen.
  6. Der durch die VN-Konvention ausgelöste Anstoß muss zur Weiterentwicklung und Realisierung gelingender Integrations- letztlich inklusiver Lernsituationen führen.
  7. Es muss gelten, dass qualifizierte Bildungsangebote für alle Schülerinnen und Schüler erhalten bleiben.
 

Prof. Dr. Lelgemann stellte erläuternd einige didaktisch-methodische Vorschläge im Rahmen integrativer und inklusiver Handlungsmöglichkeiten vor.

Von primärer Bedeutung sei das Lernen mit allen Sinnen aus den Bausteinen der Optik, der Akustik, der Motorik, der Akustomotorik und der Logik. Durch Lernen in Form der manuellen Tätigkeit würde die Feinmotorik wesentlich zur nutzbaren Eigenerfahrung beitragen.
Durch Anpassung der Aufgaben an die individuelle Leistungsfähigkeit bei steter Steigerung des Schwierigkeitsgrades in allen Lernbereichen werde man dem möglichen Entwicklungsprozess des Einzelnen sehr viel gerechter.
Die Teilhabe am Lernen durch Partizipation, etwa durch Wahlmöglichkeiten bei Inhalten, Medieneinsatz oder Präsentationstechniken, gewährleiste den jeweils individuell möglichen Fortschritt.
Unabdingbar für das persönliche Weiterkommen sei ein häufiger Wechsel in Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit. Somit werde das Ziel eines guten Teamarbeiters auf der Ebene des Individuums eher erreicht.
Gemeinsame Regeln für alle Schüler und Schülerinnen der Klasse oder Gruppe sorgten für Problemlösungen und eine  Basis des miteinander Auskommens.
Gemeinsam -  von allen an Inklusion Beteiligten - reflektierte Förderpläne stellten das Fundament dar für eine Überprüfung der Planungsziele nach vollzogener Förderung des Schülers, der Schülerin.
Mit einem Austausch über Erfahrungen könne man regelmäßig Rechenschaft legen über Erfolg bzw. Misserfolg der Förderangebote.
Grundlage für ziel- und erfolgsorientierte Inklusionsarbeit seien eine Fort- und Weiterbildung für alle Lehrkräfte sowie eine professionelle Begleitung durch die Wissenschaft.
Klare Zuordnungen von Kompetenzen und Entscheidungsbefugnissen verhinderten Unklarheiten und Zuständigkeitsdiskussionen.
Eine Evaluation in bestimmten zeitlichen Abständen nach eindeutigen Kriterien und transparenten Standards trage letztlich zur Optimierung des großen Ziels der Inklusion im Sinne der VN-Konvention bei.


Inklusion könne nur unter Wahrung der benannten Bedingungen und Voraussetzungen gelingen und unter selbstverständlicher Bereitstellung notwendiger Ressourcen.
Benötigt wird nach Überzeugung von Prof. Lelgemann ein gesellschaftlicher Grundkonsens, der einerseits entsprechende Entwicklungen einfordert, unterfüttert und andererseits Schulen und vorschulische Einrichtungen ermutigt, sich aktiv auf den Weg eines möglichst inklusiven Lernens hin zu entwickeln.

Die sich anschließende breite und von viel Fachwissen geprägte Diskussion bewies die Notwendigkeit und Richtigkeit der Aufnahme der Thematik in das Spektrum des Bayerischen Schulleitungsverbandes, wie Wohlmann - mit herzlichem Dank an Prof. Dr. Reinhard Lelgemann, an Schulleiter Ulrich Reuter für die Bereitstellung der Räumlichkeiten und die Teilnehmer – formulierte.